Die Kommunistische Internationale.
Zinovyev, Grigory Yevseyevich, ed. 1883-1936., Communist International. Executive Committee.

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Page  [unnumbered] -p-EX LIE J.W. A L B.A -- mommomm"t feB der Kommunistisch-4qn Kongresse Is der Kom'ntu.a -Judendverbande- und die 53 a.ý1 73 W1tk Sowj et-, 79, ýeutschland's. 91 Konimuniti *Zur'.Frage cler I ].- a a 4-100 revolutiona~ren 0- IF 0114* Ate.tmd seine..1,25.~145 10SEGU TUO G( 167 -

Page  [unnumbered] DIE KOM IJN ISTIEH ORGA.N IDES EXEKUTIVKOMAITEES DER KOMMUNLSTLSCHEN INTERNATIONALE ERSCHEINT GLEICHZE-ITIG IN DEUTSCHER, RUSSISCHER, FRANZOSISCHER UND ENGLISCHER SPRACHE Die Zeitschrift wird redigiert von G. Sinowjew und crscheint unter nii'chster Teilnahme von Bucharin, Kamenew, Lenin, Lunaischarski, Pokrowski, Rakowski, Rjasanow, Trotzki. (Ruf~land), Kuusinen, Manner, Sirola (Finniand), Grimlun'd, H1 00glund, Kilibom, Nerman, Str6m (Schweden), Friis, Grepp, Tranmael (Norwegen), IRavesteijn, Roland-Hoist, Rutgers., Wijnkoop (Holland), Steinhardt, Strasser, Tomann (Qesterreich), M. Albert, Pieck, Radek, Thalheimer, C. Zet~kin (Deutschland), M~ac Lamne, Quelch, Rotstein (England), Cachin, Delinie'res, Frossard, Guilbeaux, Loriot, Monatte, P~ricat, Sadoul, Souvarine (Frankreich), Balabanowa, Bombacci, Bordiga, Gramci, Terraccini (Italien), Herzog, Humbert-Droz, Md~nzenberg, Platten (Schweiz), Alpari, Bela Kun, Rudas, Rudnyanszky (Ungarn), Marchlewsky (Polen), Blagojew, Kabaktschiew, Kolarow (Bulgarien), Jim Larkin (Atnerika) u. a. VELA:PERORDSOLYZMMR62 TL111 REDKTIN: EITROGARADGMLY AB.G.SNWE

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Page  1 / 4 An unsere reser! Mit der vorliegenden Nummer beginnt die Zeitschrift,,Die Kommunistische Internationale" sich taut Verljigung des Exekutiukomitees der Kommunistisehen Internationale umzugestalten. Nach dem III. Kongrefi der Kommunistisehen Internationate erhoben sich vor unserer Zeitschrift neue Aulgaben. Die literarisehe Arbeit der Zentralor'gane der Kommunistisclen Internationale muD ebenfalls beginnen, sich zu differenzieren. Gemefl Beschlufl des III. Kongresses macid das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationate den ersten Versuch, in Westeuropa die,,Internationale Presse - Korrespondenz" herauszugeben. Diese,,Korrespondenz" solt hauptsdechtich Informationscharakter tragen. Alte Parteien sind verpllichtet, stdandige Korrespondenten fMr dieses Organ zu bestimmen und periodisch Berichte u-ber atte Vorgdonge im Lande an dassetbe zu senden. Das gleiche gilt auch Mir die in den Gewerkschaften taltigen Kommunisten. Aul diese Weise wird der informatorische Teit haup'tsdchlich an diese,,Korrespondenz" uObergehen. Dadurch wird es ermoglicht werden, unsere Zeitschrilt,,Die Kommunistisehe Internationate" bis zu einem'gewissen Grade zu entlasten, da sie in der tetzten Zeit immer umlangreicher und umlangreicher zu werden begann. indem die Redaktion sich von diesem inlormatorischen Material befreit, wird sie in der Lage sein, der Theorie und Taktik mehr Platz einzurdumen. Die,,Kommunistische intern ationalte" soil ausschtiefltich das ld*hrende Organ der Kommunistischen Internationate in den Hauptlragen der Theorie, Taktik und Organisation werden, Zu gleicher Zeit trifft dieRed'aktion alie Matlnahmen, damit. das Erscheinen der,,Kommznistischen Internationate",regelt mdfig einmat im Monat stattlinde: in russischer Sprache am 1. jedes Monats, in deutscher Sprache am 15. jedes Monats und, wvie wvir hoffen, in lranzo'sischer und engtischer Sprache zu gteicher Zeit. Die Zeitschrift fiihrt neue, dulersl wvichtige Abteitungen ein, z. B. Ueberbtick iuber die Arbeiterpresse atter Ldnder, bibliagraphische Abteitung, organisatorisch'e Abteitung usw. FU"r die Redaktion jeder lriiher bestehenden und der neueinmgel iihrten Abteitungen sind s'pe'zielle Genossen aus den Reihen der besten Schriltsteller der kommunistisehen.Bewegung bestimmt. Die Redaktion der Kommunistisehen Internationale 'wendet, sich an czte kommunistischen Parteien, an atte einzetnen kommunistischen Schriltstelter mit der Bitte, eine m6glichst regetrechte Mitarbeiterschalt an der in Reorganisation belindlichen Zeitschrilt zu teisten. Die Redaktion bittet, nicht nur Artikel und Notizen, sondern auch Rezensionen der erseheinenden Nummern der,,Kommunistischen Internationate", Wiinrsche, Kritikeni 'usw. ei-n zusentten. Die Redaktion ersucht besonders eindringtich atte Parteiorganisationen, fur eine sorgldtatigdere Betielerung unserer Zeitschrilt mit allen erseheinenden Broechiiren, Zeitungen, Ftugblittern usw. Sorge zu tragen. omm. Inter.

Page  2 G. SINOWJEW - --' -i----- I --- -- ----- --- Die Takfik der Kommunisfiscfjen Inlernalionale. Die Beschliisse des III. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale werden bald in dieser, bald in jener Weise ausgelegt. Nicht nur unsere Gegner, sondern auch einige Freunde haben die Bedeutung des III. Kongresses nicht begriffen. Jnterdessen muI3 jeder Kommunist, ur an dem heutigen Kampfe bewuft teilzunehmen, die Rolle und die Bedeutung des III, Kongresses ganz kiar verstehen und wissen', weichen Platz er in dem Befreiungskampfe des Proletariats der ganzen Welt einnimmt, EsI ist begreiflich,,daB manchen Vertretern der Bourgeoisie der vom III. Kongrei eingenommeneStandpunkt unerwartet erechienen ist. Nicht weniger verstiindlich ist es auch, daB einige der grofen biirgerlichen Organe des Weltkapitals tiber unseren angeblichen Verzicht auf den,,reinen" Kommunismus ein Geschrei anhoben. Diese Herrschaften wiirden es gar zu gerne sehen, daB wir,,reine" Kommunisten in jenern Sinne waren, den s i e in dieses Wort hineinlegen. Der,,reine" Kommunist ist in der Vorstellung dieser Herrschaften eine Art von Don Quichote. Emn,reiner" Kommunist ist ein Mensch, der nicht mit den realen Verhjiitnissen, mit den Zeit- und Raumverhltnissen rechnet. Em,,reiner" Kommunist ist ein soicher, der leicht auf jeden von der Bourgeoisie ausgeworfenen Angeihaken anbeil3t und mit Leichtigkeit in jede Falle gerat, die. von den Feinden unserer Kiasse gesteilt jener, der den Kampf aufnimmt,.wann es der Bourgeoisie paBt, der auf jede Provokation, auf jede Falle hereinf2llt. Kurz, soiche in der Vorstellung der Bourgeoisie,,reinen" Kommunisten sind niclt weit von den reinen Dummkb-pfen entfernt. Der III, Kongrel3 der Kommunistischen Internationale hat in dieser Hinsicht die Bourgeoisie der ganzen Welt hart enttiiuscht. Er hat ihr gezeigt, daB die in der Kommunistischen Internationale organisierten Kommunisten durchaus nicht jenen Narren iihnlich sehen, die sie gerne als ihre Gegner sehen wiirde und dle sie mit dew Spitznamen der,,reinen" Kommunisten beehrt. Das ist der Grund, warum die Vertreter der Bourgeoisie mit schlecht verheimlichtem VerdruB ausposaunen, daf die Kommunisten angeblich nach rechts geriickt wiiren und daB ihr III. Kongref angeblich vom Kommwnismus abgeriickt sei. Die Helden und Fiihrer der Zweiten und der Zweieinhalb-Internationale betrachten es selbstverstaindlich auch in dieser Beziehung als ihre Pflicht, nicht hinter der Bourgeoisie zuriickzubleibetj. Herr Martow schreit von der,,Daimmerung" der Korrimunistischen Internationale, inde m' er nachtraiglich bestiitigt, daB die Kommunistiscbe Internationale in den Jahren 1919 bis 1920 tatsiichlich ungeheure Arbeitermassen hinter sich stehen hatte, was ja den gleichen Martow in den Jahren 1919 bis 1920 nicht daran hinderte, das Geschrei zu erheben, daB die Kommunistische Internationale nur ein kleines Haufchen sei, Herr Grimm verkuindet in der 'Zeitung,,Berner Tagwacht" vom 23. Juli triumphierend, dal3 der III, KongreB,,den starken Wein des Kommunismus verwassert hat", daB er,,auf die hartniickigen r" Kommunist ist jener, der dnden Kampi nicht.dann ivenn es die bewul3te Berecht und Hoffnung auf Sieg vorei,.reiner" Kommunist ist

Page  3 - TAICTIK DE fuNISTISC DIE TAKTIK DER ~UJYI~FL~U 21 Punkte verzichtet hat" und verkiindet zum SchluI in kleinmiitigem Zweifel:,,das ist nicht mehr und niclt weniger ala einc Anniiherung an die Taktik der Wiener Internationale". In dem gleichen Geiste wurden die Arbeiten des Kongresses sowohi von der,,Freiheit" als auch vom,,Vorwiirts", dem,,Populaire", dem Brantingschen,,Sozialdemokraten" und dem belgischen,,Peuple" ausgelegt. DaB die Feinde die Arbeiten des IIL Kongresses in dieser Weise auslegten, daran ist nichts Verwunderliches. Es wiire ein ganz unniitzes Unterfangen, ihnen den wirklichen Sinn und die Bedeutung des IHL Kongresses zu erkairen. Doch ist es notwendig, bei dem Unverstindnis haltzumachen, das von einigen F r e u n d e n der Kommunistischen Internationale an den Tag gelegt wurde. Unser schwedischer Genosse Stroem schrieb in einem Bericht iiber den III, Kongref:,,Der rechte Fliigel war auf dem Kongre3 durch die russische und die franzosische Partei vertreten," Und der Genosse Stroem stelit ebenso wie der Genosse Hoeglund mit Freuden den Sieg dieses,,rechten" Flilgels auf dem Kongref fest. Schon allein diese Zusammenstellung der beiden Parteien zeigt deutlich, daB die Genossen Stroem und Hoeglund sich nicht vollstaindig kiare Rechenschaft dariiber abgeben, was auf dem III. Kongrel vorging. Ein Sieg der Linie der franzbsischen Partei auf dem III. KongreBI Die Vertreter der franzosischen Partei haben ja doch selbst auf dem III. Kongrel Dutzende von Malen zugegeben, daB sich ihre Partei eben erst zu einer kommunistischen Partei entwickelt, Hieran ist niclts Schlechtes und nichts Verwunderliches, Der III. Kongref hat mit grof~er Freude jenen grof3en Fortschritt vermerkt, den die franzasische Partei in ihrer ]Entwicklung im Laufe des letzten Jahres durchgemacht hat. Zugeich aber hat der Kongrel3 in voller Solidaritdt mit dem beaten Teil der franziasischen Delegierten kronstatiert, daB die franzbsische jl ~lla, Partei noch sehr vieles zu verbessernat, um zu einer wirklich kommunistischen Partei zu werden. Andererseits zeigen die aus Deutschland eintreffenden Nachrichten, daBl auch dor bei weitem nicht alle Genossen die Bedeutung des III. Kongresses richtig be. griffen haben. In dem Briefe eines der neuen Mitglieder des Zentralkomite'es der Kommunistischen Partei Deutschlaids, der wa-hrend des Parteitags in Jena (24.August 1921) geschrieben ist, teilt der Genosse uns mit:,,Der III, Kongrel hat bier den Eiadruck hervorgerufen, daB er nicht nur die Offensivtheorie, sondern auch den Kampf jener Arbeiter verurteilt hat, die sich an den MAn. kiimpfen beteiligt haben. Das ist iweifello ein unrichttiger Eindruck, doch muI man mit diesem psychologischen Faktor rechnen, mu den inneren Kampi in den Reiben der KoIm munistischen Partei Deutschiands richtig en verstehen." Es ist selbstverstaindlich, dal 'jene,,linken' deutschen Genossen, die der Meinung sind, daI3 der III. Kongref3 nicht wr die Offensivtheorie, sondern auchden' Mdirzkampf der Arbeiter verurteilt habe, sich ebenso sehr irren, wie auch jene hellsichtigen schwedischen Genossen, die an! dem III. KongreB einen Sieg der Linie der franzb-sischen Partei zu sehen glaubten. Was war es denn eigentlich, was auf dem III. WeltkongreB der Kommunistischen Internationale vor sich gegangen ist? Was ist der eigentliche Sinn seiner Jeschliisse? Worin besteht der Inhalt der heutigen Taktik der Kommunistischen Internationale? Das Riitsel ldf3t sich sehr-leicht losen, Der Inhalt der Arbeiten des III. Kengresses kommt darin zum Ausdruck, daO die Kommunistische International.efihr Taktik den neuen Verhiiltnissen angta~ bat. Die Kommunistiache Interntonl strebt das alte Ziel an und zwar ian gzud legenden auf den alten Wegen Inodei i -aber mit den nenen Hindernissen-:~ r::ehe rn~ii~igt sie, wo es natig ist ib~:renSbdt umgeht Schluchten, weicht hetzu~&

Page  4 I; -: i I ii G. SINOWJEW I - - morgen den Angriff besser zu organiren, dampft die iibermal3Bige Hitzigkeit SAvantgarde, wenn die Arrieregarden sehr zuriickgeblieben sind. Das Element der Organisiertheit hat im Laufe der zwei Jahre des Bestehens der Kommunistischen Internationale in der Arbeiterbewegung zweifellos auch bedeutend zugenommen. Die kommunistischen Parteien stellen im Jahre 1921 zweifellos ejne grBolere organisierte Macht dar als im Jahre 1919. Aber das Element der Spontanitit im Kampfe der Massen, das Element der Elementargewalt des Aufstiegs im Laufe dieser zwei Jahre ist schwicher geworden; der Gegner ist im Laufe dieser zwei Jahre stark geworden, die Bourgeoisie hat sich konsolidiert, sich organisiert, sich von der ersten Hilflosigkeit nach dem Kriege erholt, hat ihre Reihen umgruppiert und steht uns wieder als ein ernsthafter und stellenweise gefhrlicher Gegner gegeniiber. Die Sozialdemokraten, die Anhanger der Zweiten und Zweieinhalb-Internationale, haben im Laufe der zwei Jahre von 1919 bis 1920 alles in ihren Kraiften Liegende getan, um der Bourgeoisie zu h e Ife n, sich zu konsolidieren. In jenen Zeiten, da die Bourgeoisie hilflos war, in jenen Monaten, da die Fiihrer der Kapitalisten wie im Fieber zitterten, da die bourgeoisen Parteien wie Grashalme schwankten, in dieser Zeit hing vieles, ja fast alles von einem subjektiven Faktor ab: namlich von dem Grade der Bereitschaft der Arbeiter, von dem revolutionaren Willen und der Entschlossenheit ihrer Partei und der Gewerkschaften. Ini dieser entscheidenden Zeit haben die Sozialdemokraten der Zweiten und der Zweieinhalb - Internationale alles, was sie hatten, in die Wagschale der Bourgeoisie geworfen. Das ist der Grund, warum das, was 1919 mit einem. Schlag hitte erreicht wfrden kannen, f4ir uns jetzt nur mit groier Miihe erreichbar ist. Das ist auch der Grund, warum der III. Kongref der Kommunistischen Internationale seine Taktik in Anpassung an die neuen Verhiltnisse festsetzen muBte. Nirgends ist dieser Prozel so anschaulich verlaufen wie in Italien. 1919 und teilweise 1920 waren in Italien alle Voraussetzungen fiir eine siegreiche Revolution vorhanden, mit Ausnahme von einer: naimlich der Organisiertheit und revolutionaren Gesinnung der sozialistischen Partei und der Gewerkschaften. Die Bourgeoisie lief hilflos bald hierhin, bald dorthin, und es stand ihr keinerlei ernsthafte bewaffnete Macht gegen die Arbeiter zur Verfiigung. Die elementare revolutioniire Erhebung des italienischen Proletariats war eine gigantische. Ein groler Teil der Bauernschaft und die Mehrzahl der demobilisierten Armee standen zweifellos auf seiten der Arbeiter. Es war ein kritischer Augenblick. Mit einem Schlage hitten die italienischen Arbeiter entscheidende Siege erringen konnen. Es fehilte nur eins: die Partei der Arbeiterklasse Italiens, die im Laufe von Jahrzehnten entstanden war, war im entscheidenden Augenblick nicht auf der Hahe ihrer revolutioniren Aufgabe. Die italienische Partei versagte in bezug auf die Forderungen der Zeit; schon lange durch den Wurm des Reformismus zerfressen, war sie im entscheidenden Augenblick innerlich zermiirbt. Das Verhalten der Partei und der Gewerkschaften im September 1920, als die Arbeiter zur Besitzergreifung der Fabriken und Werke schritten, mu3te selbst einem Blinden deutlich zeigen, daB die Sozialistische Partei Italiens eine ebenso gegenrevolutionure Rolle in Italien zu spielen beginnt wie die deutsche Sozialdemokratie in Deutschland. Selbstverstandlich lIi3t sich dies alles nicht durch einen Zufall oder allein durch den bbsen Willen dieser oder jener Gruppe von Fiihrern erklairen; selbstverstaindlich ist der heutige Zustand der Sozialistischen Partei Italiens selbst das Resultat einer historischen Entwicklung.

Page  5 :: I -:.:; - i-'";~:::- -:;-::-"::~;~ DIE TAKTJK DER KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE - -- -- ~--"II--~-~ Doch wird die Lage der Arbeiterkiasse hierdurch nicht erleichtert. Sind doch sowohi die Leibeigensehaft in Rulland als auch die zarische Autokratie Wilhelm, Noske und. Briand alles Resultate einer bestimmten historischen Entwicklung, Der entscheidende Augenblick wurde niclt ausgenutzt. Heute ist Italien gleichsam zeitlich zuriickgeworfen worden. Es ist gewissermafen vom Sieg der proletarischen Revolution weiter entfernt als im Jahre 1919. Die italienischen Kommunisten diirfen diese Tatsache natiirlich nicht fibersehen. Die italienischen Kommunisten muii s s e n dies kardinale Moment in ihre Berechnung einbeziehen, indem sic ihre Taktik statt im Jahre 1919 im Jahre 1921 ausarbeiten. Das bedeutet durchaus niclt, daB die italienischen Kommunisten etwa aufhoren sollen, Komrnunisten zu sein, dal3 sie etwa auf die Idee der proletarisehen Revolution verzichten, daB sie sich an die Zweieinhalb-Internationale annaihern sollen. Nein, durchaus nicht! Dies bedeutet vielmehr, daB die neuen VerhaiItnisse sie zwingen sollen, vorsichtiger zu manovrieren, mit der Notwendigkeit einer Uainger dauernden Vorbereitung zu rechnen, die Unvermeidlichkeit einer bedeutenden Uebergangsperiode einzusehen und unermiidlich daran zu arbeiten, in dieser Uebergangsperiode die erdriickende Mehrzahl der italienischen Arbeiter auf ihre Seite zu bringen. Und ungefahr das gleiche muf3ten mutatis mutandis auf dem III. KongreB die Kommunisten aller anderen LiiOnder, d. ih. die ganze Kommunistisehe Internationale sich selbst sagen, In einem im Mailainder,,Avanti" vom 9. Juli untergebrachten Artikel hat dies Livio Agostini sehr deutlich ausgesprochen. Er schreibt folgendes:,,WVir wiirden uns aber selbst t~uschen, wenn wir zu behaupten fortfahren wiirden, daB die Partei im gegenwiirtigen Moment die erinnerungsvollen Tage des Jahres 1919 neuerI:dings -erlebt. Damals veranla~te uns der Kom munismus, der in RuBland und Ungarn bereits gesiegt hatte, in Deutschland tobte und gan~z Europa in den Wehen seiner neuen Zukunft crzittern lieB, veranlafte uns, die wir auch rund ur uns das aufriihrerische Geschrei der Masse hiirten, die gegen die Anhinger und Anstifter des Krieges wiitete, und die wir den Ausdruck auBerster Ergebenheit von seiten der unflihigen und hilfiosen Bourgeoisie beobachten muBten, veranlafte uns, nach einem s ofortigen Sieg auch in unserem Lande zu trachten. Und war damals die Ueberwindung jenes geringen Widerstandes, den uns damals die Bourgeoisie noch entgegensetzen konnte, etwa unser einziges Bestreben? Gegenwiirtig aber ist unsere Lage eine ganz andere.- Wir wiirden die Massen belilgen, wenn wir sagen woilten, daB wir die Revolution bei uns ffir nahe halten... Und wir kiinnen den.Fascisten nicht das Recht zuerkennen, die VerInderung der Sachiage dem Triumph ihrer Gewaltherrschaft zuzuschreiben. Diese ist nicht einmal eine der Faktoren der Veranderung. Die Fascisten begannen gegen unsere Bewegung Gewalt anzuwenden, als diese bereits unter dem Einflufl-tiefer, durch unsere Schwankungen und Fehier 1ervorgerufener Enttaiuschungen schwach zu werden begann und als die Bourgeoisie, nacldem sie ein neues Mittel geschaffen und das alte vervollkommnet hatte, ihre Verteidigung in gentigendem MaBe f fr die Unterdriickung jeglichen Versuches zu einem Aufstand unsererseits zu organisieren Zeit gehabt latte.". (,,Avanti" Nr. 164.) Hier sind ganz wahrheitsgetreu die trsachen der Krisis in der italienischen Arbeiterbewegung beschrieben. Der in dem Organ Serratis schreibende Verfasser weist ganz offen darauf hin, daB gerade,,unsere Schwankungen" (dK h. die Schwankungen der Sozialistischen Partei Italiens) die Enttaiuschung unter den Massen hervorgerufen haben, und daB die Bourgeoisie, indem sic den Moment ausgezeichnet ausgenutzt hat, in der Lage war, d~e italie-. nisehe Arbeiterkiasse ý'zuriiuCkzuschlagen. Der Verfasser hat nur in semen Schuf-.fcdIgerungen Unrecht. Er sieht den groflen Schaden, den die,,Schwankungen" der Jahre 1919 bis 1920 verursacht haben, und sucht die Rettung - in neuen Schwankungen.

Page  6 ~": 1. '~.. I "Mons" G. SINOWJEW I--i --~~-: i ~i~r 3 ~L - Verfasser schreibt jnIseiner letzten Moskauer Rede befiirwortete Genosse Sinowjew eine Verstfirkung des Kampies zu dem Zwecke, daB in jener Krise, die die Bourgeoisie durchmacht und aus der sie keinen Ausweg zu finden weif3, das Proletariat Krifte ffur die Verwirklichung seiner Diktatur sammein konne. Wenn dieses Programm fu"r unsere ganze Parteitaitigkeit die Rlchtuag angeben soil, so sind wir mit dem Genossen Siaowjew volistijadig einverstanden, denanes stimmt vollst~ndig mit unseren Anslchten fiberein. Wenn es aber der Ausdruck davon sein soll, was fu'r den gegenwiirtigen Augenblick notwendig ist, so genuigt es, unsere Kr~fte und die Krifte der Gegner in der Sphlre ihres Kamples miteinander zu vergleichen, urn die Unmiglichkeit eines Erfolges eines derartigen VWrsuches einzusehen. Es genfigt auch, die 8-konomische Lage unseres Landes zu betrachten, ur zuzugeben, daf sie im gegenwurtigen Moment eine sehr ungUinstige ist. Wir wollen aber noch mehr sagen. Wir geben alcht aur die Maglichkeit einer Verstfirkung des Kiassenkampfes nicht zu, sonelarn sehen nlcht einmal den Sian und die Mbglichkeit einer soichen eia... In dem Mafe, als wir auf elne Verstiarkung des Kanpfes bestehen werden, werden wir auch die Quellen des fteichtums der Bourgeoisie, zugleich aber aucd die Existenzquellen der Arbeiter vernicbten... Das Stilistehen der Fabriken und Werke und das Pehlen jeglicher Nachfrage nach Arbeitskriiften in ihnen zeitigt grausame Riickwirkungen in den Hiusern der Arbeiter. Jedes Streben nach einer besseren Zukuaft nacht cinen alltiiglichen Beduirfnis Platz: nimlich der Erhaltung und nur der Erhaltung des ailtliglichen Brotes fulr sich selbst uad'die Familie; es ist dies ein zu hoffnungsloser Kampf, als daB in ibm nicht die Arbeiterorganisationen zerfallen und die auf neue Eroberungen gerichteten Bemihungen nicht zerschellen wfirden.. Wenn. aber die historische Wirklichkeit aicht gestattet, im gegenwirtigen Moment den Rufersten Versuch zur Errichtuag unserer Diktatur zu machen, und wean sic ferner unserer Meinung nach eine Verschirfung des Kiasseakampfes ganzlich unm8gllch macht, so erhebt sich in diesem Falle oruere r Pateie I'e klare und bestimm.te Aufgabei ele ausschlile~lich mit eigenen Krie and bis, zuni ilul~ersten durchgefiihrte Vetldgn d~:er roeren Stellungen, unseres ~Iei:. Eleaus und. des Geistes unserer Diese Erorterungen ge'ben uns nicht nur den Schliissel zum Verstehen der Psychologie der besten Anhainger der heutigen Mehrheit der Sozialistischen Partei Italiens, sondern sie gestatten uns auch, den wirklichen Sinn unserer Taktik, wie sie vom III. Weltkongrel geplant ist, in anschaulichster Weise zu erliiutern. Agostini hat Recht, wenn er darauf hinweist, daB die italienische Arbeiterkiasse zuriickgeworfen worden ist. Das gleiche kann man auch von der Arbeiterkiasse einer Reihe anderer Liinder sagen. Die deutsche Arbeiterkiasse ist ebenfalls zuriickgeworfen worden, und zwar aus denselben Grimnden; wenn nicht jene maichtige deutsche Sozialdemokratie existierte, die das ganze von dem deutschen Proletariat im Laufe von iiber einem Viertel-Jahrhundert gesparte Kapital fU"r die Unterstiitzung der Bourgeoisie verwendet haitte, wenn nicht jene Sozialdemokratie existierte, die mit eigenen Hinden die Arbeiterriite gesprengt und unter Noskes Fiihrung Zehntausende der besten deutschen Arbeiter gemordet hat, so hiitte die deutsche Revolution im Jahre 1919 siegen konnen. Das gleiche kann man mit gewissen Modifikationen auch von Landern wie Ungarn, Oesterreich, ja sogar wie Holland und Schweden sagen. Agostini hat ferner Recht, wenn er davon spricht, daBl ein sofortiger siegreicher Aufstand in Italien sich nicht durch die Kommunisten allein durchfiihren laolt. Gerade dies wollte der III, Kongre3 der Kommunistischen Internationale nicht nur hinsichtlich Italiens, sondern. auch in bezug auf andere Lander sagen, als er die Konzentration aller Bemiihungen auf die Eroberung der Mehrheit fimr die kommunistischen Parteien verlangte. Durch alle seine Arbeiten wolite der III. Kongrel3 gerade dies sagen: die Spontanitait der Massenexplosionen und die Elementargewalt der Bewegungen hat sich verringert, die Konsolidierung der Kraifte der Bourgeoisie hat zugenommen, und obwohl die Organi

Page  7 -1 E-1 'I f ZNTERA Di 2- I -- INTERNA: - siertheit des kommunistischen Proletariats im Laufe dieser Zeit auch zugenommen hat, so ist es doch nicht in dem Mafle der Fall, als daB dieses Waclstum den ungiinstigen EinfluB3 der zwei vorerwiihnten Faktoren ausgleichen konnte; darum: Vorsicht, urn das Zehnfache, ur das Hundertfache verbesserte Vorbereitung jeder einzelnen Aktion, im besonderen jedes bewaffneten Vorstofes; gro6Bere Anniiherung a n d i e M a s s e n; Gewinnung der Mehrheit fiir' die Kommunisten und zu diesem Zwecke eine langwiihrende und hartnaickige, ja vielleicht sehr langdauerde allta"gliche Arbeit. Aber Agostini hat tausendmal Unrecht, wenn er aus der Konstatierung der obenerw hnten Tatsache der Verstirkung der Bourgeoisie und des Schwaicherwerdens der elementaren Massenbewegungen des Proletariats den Schluf zieht, daB uiberhaupt keine Verschairfung des Kiassenkampfes erfolgen wird, daB der Sieg der proletarischen Revolution fast auf Jahrzehnte, wenn niclt fu"r immer, hinausgeschoben ist, daf die Schwache der proletarischen Bewegung angeblich verschwinden wiirde, wenn die Revolutionaire weiterhin mit den Reformisten zusammenarbeiten wiirden. Agostini hat tausendmal Unrecht, wenn er aus der ricltig konstatierten Tatsache der 6jkonomischen Krisis und des Wachstums der Arbeitslosigkeit den unrichtigen Schlufi zieht, dal in einer soichen Zeit keinerlei revolutionirer Kampf mioglich sei. Der III, Kongrel der Kommunistischen Internationale hat in seinen Thesen gezeigt, daB, so unrichtig es ware, eine revolutionare Massenbewegung ausschlie1lich mit einer Epoche 6ikonomischer Depressionen in Zusammenhang zu bringen, eine entgegengesetzte Auslegung ebenso unrichtig w~re. Und diese Hinweise des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale gelten nicht nur fuir Italien, sondern auch fuir die Arbeiterbewegung~ der ganzen Welt. Ja, in Italien und einer Reih anderr.r Lander ist durch vereinte Bemlihungen der Bourgeoisie und der Sozialdemokraten der Zweiten und der Zweieinhalb-lnternationale die revolutionijie Massenbewegung des Proletariats zuriickgeworfen worden. Sowohi in Italien als auch in einer Reihe anderer Lander befinden wir uns inciner Periode der V o r b e r e.i t u n g entscheidender Kampfe und nicht unmittelbar im Prozefi dieser Kaimpfe selbst. Hieraus folgt jedoch nicht nur nicht die Notwendigkeit, mit den Reformisten in einer Partei zu verbleiben, sondern es folgt daraus das direkte Gegenteil. Ja, die bourgeoise Reaktion hat ihren Kopf in fast ganz Europa erhoben. Ja, der Aufmarsch des Kapitals vollzieht sich an der ganzen Front. Hieraus folgt aber wiederum nicht nur nicht die Notwendigkeit eines friedlichen Zusammenlebens in den Reihen der Einheitspartei zusammen mit dem' internationalen Menschewismus, sondernes folgt daraus das direkte Gegenteil. In der Epoche der Reaktion, in der Epoche des geistigen Verfalles ist der Reformismus ein weit gefaii hlicherer Feind als in der Epoche des Aufstiegs. Der Opportunist ist *a gerade deshalb Opportunist, weil er stets danach trachtet, mit der Mehrheit zusammenzugehen. In dem Augenblick, da die Welle der proletarischen Revolution sich besonders hoch erhebt, reil3t sie auch einen Teil der Reformisten mit sich fort. Es unterliegt z. B. keinem Zweifel, daB auch die italienischen Reformisten nicht iinmer hinterlistig gehandelt haben, als sie sich im Jahre 1919 fiir die Ko ustische Internationale und fur die proletarische Revolution aussprachen. Wenn aber dafuir die Welle sich legt, wenn -die Bour* geoisie die Arbeiter an der Kbehie ackt dann werden sogar die -besten tintr de Reformisten zu den ge~fahiliclisten Feide der Arbeiterklasse. Denn sie ~~fliser dm schwashwerdenden Arbeiter tet und fibterall ins Ohi:,,Ergib d~'ich.D sie beenden stets und lieral dIchhu.r

Page  8 - 0. SINOWJEW 111-- -- Zersetzung jene Arbeit, die das Kapital vornimmt, indemf es den Arbeiter' direkt an der Kehle packt, Es ist moglich, da13 der heutige a"uBerst nbes~tindige Zustand eines halben Gleichgewichtes viel friiher aufhbiren wird, als wir meinen. Es ist iiberall mehr als genug Ziindstoff vorhandeno - Aber die Kommunistische Internationale muf3,,an beiden Fiifen mit Hufeisen beschlagen sein". Sie muf ihre Taktik derart aufbauen, daB sie auch fur den Fall einer lu;nger dauernden Krise pakt. Wir werden immer noch Zeit haben, ztt einem schnelleren Tempo jiberzugehen, wenn dies der Gang der Ereignisse erfordern wird. Keinen, Schritt - weiter, der jetzt dem Gegner helfen kann, seinen Einfluf auf die Arbeitermassen weiter auszudehnen! Der Kapitalismus regiert jetzt m it HiiIffe der gelben Gewerkschaften, mit Hilfe Amsterdams und der Zweiten und der Zweieinhalbib-Internationale. Schon allein aus diesem Grunde ist es notwendig, die Gewerkschaften f ur uns zu gewinnen, sie dem EinHfuB! der,,Gelben" zu entreif3en. Wenn aber die Verschuirfung der aligemeinen revolutionairen Krisis schneller vor sich gehen wird, so wird es uns umso leichter werden, ztw unmittelbar entscheidenden Kaimpfen iiberzugehen. Die neue Taktik der Kommunistisehen Internationale lai8t sich also vor allen Dingen durch folgendes charakterisieren: Heran an die Massen, hinein mitten ins dichteste Gedriinge der proletarischen und halbprioletarischen MassenI Beteiligung an dem ganzen allt ai0glichen Kleinkampf des Proletariats, sei es auch nur umg e~ri~ngBer V er be ss e r un gen s ei ne s 1:eibens willen. Beteiligung ani a;:lien Organisationen der Ar~be'iter, (beginne nd von den Ri.. 'ten~ der Arbeiterdeputierten bi~s zsu den Sportvereinen und -~~E!inuikalisc h en' Zirkeln. Uner miidliche Propaganda der Ideen der proletarisehen Diktaturinjederdieser Organisationen, Gewinnung der Mehrzahl der Arbeiterklasse f iir die Sache des Kommunismus. Systematische, hartnaickige und bestaindige Vorbereitung der A rbeitermassen auf die bevo rstehenden Kuimpfe. Sorgf"aItige Arbeit auf dem Gebiete der Schaffung illegaler Organisationen. Geduldige und energische Arbeit auf dem Gebiete der Bewaffnung der Arbeiter. Schaffung starker selbstaindiger kommunistischer Part eien, die von Opp ortunisten, Zentristen und Halbzentristen frei sind, Vor allen Dingen Gewinnung der Arbeitergewerkschafte n. Dies und nichts anderes wollte der III. Kongrel3 in Weiterentwicklung der Beschliisse des II. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale sagen. Der III. Kongrefi hat es verstanden, die no"tigen praktischen Schliisse aus den veriinderten Verh"i'tnissen zu ziehen, er hat es verstanden, die Taktik der Kommunisten den neuen Verhaltnissen anzupassen, er hat es verstanden, die Parteien zur sachgemaif3en Arbeit auf der Basis dieser neuen Verhudtnisse heranzuziehen und vorzu-. bereiten. Darin besteht seine groBe historische Bedeutung. Oben zitierten wir eine Stelle aus einem Brief eines deutschen Genossen, der behauptet, daw der III. KongreB die,,Offensivtheorie" abgelehnt hat und daB dies in Deutschland hier und da als eine Verurteilung nicht nur dieser Theorie, sondern auch des praktischen Kampfes der Arbeiter~ im Miirz 1921 betrachtet worden ist. Auf dem III. Kongref3 ist tatsiichlich

Page  9 DIE TAKTIK DER KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE ~- -- ~--- viel 'iiber die Offensivtheorie gestritten worden. Es muf3 genau kiargesteilt werden, was eigentlich in Wirklichkeit vor Kongrel abgelehnt wurde. Diese Frage miissen wir ausfiihrlicher behandein, umsomehr da dieser Streit nicht nur deutschen, sondern zweifellos internationalen Charakter trug. Zuniichst wollen wir die Begriffe feststellen, die Gegenstand des Streites waren. Vom Standpunkt des Marxismus gibt es keinen grundlegenden prinzipiellen Unterschied zwischen den Begriffen,,Offensivkampf gegen den Kapitalismus" und,,Defensivkampf gegen den Kapitalismus", und kann einen soichen Unterschied auch nicht geben. Selbst dieser Unterschied der Begriffe ist ein sehr relativer. Erinnern wir uns doch nur an die Behandlung der Frage des Offensiv- und Defensivkrieges zwischen den Staaten durch die revolutionjiren Marxisten in den Jahren 1914-1917. Die Sozialpatrioten un~d die Kautskyaner propagierten bekanntlich den Gedanken, daI3 die Sozialisten in jedem Defensivkrieg auf seiten,,ihres" Vaterlandes stehen miiften, und bewiesen bei dieser Gelegenheit mit alien Mittein, dal in diesem Kriege,,ihr" Vaterland zweifellos einen Defensivkampf fiihrt. Beweis: die feindliche Grof3macht hat,,utnserer" Regierung die und die provokatorische Note iibersandt, die feindliche Groflmacht hat die Mobilmachung ur anderthaib Stunden friiher begonnen, der erste Schu3 fiel auf seiten des Heeres der feindlichen GroBmacht usw. Die revolutibnairen Marxisten lehnten eine derartige Behandlung der Frage radikal ab. Sie sagten: jeder beliebige Krieg kann ijuBerlich, vom Standpunkt der Strategie usw. betrachtet, em Offensivkrieg sein und zu gleicher Zeit - im tieferen historischen Sinne des Wortes - emn gerechter Krieg, emn Defensivkrieg sein. Dies war z. B. bei einigen Nationalkriegen des 19. Jahrhunderts der Fall, als es sich tatsaichlich urn den Klampf gegen fremdliindische Unterdriickung und fuir die Schaffung nationaler Staaten handelte, (Siehe unser Buch,,Der Krieg und die Krisis des Sozialismus', Band I.) Andererseits kann man sich sehr gut einen Krieg vorstellen, der rein iiul3erlich, vom Standpunkt der Strategie usw., Defensivcharakter tragen kann und der zu gleicher Zeit - im tieferen historischen Sinne des Wortes, d. h. seinem Inhalte nach - in der Tat ein ungerechter Krieg9, ein riiuberischer Krieg, ein Offensivkrieg sein kann. So verhlt es sich hiermit hinsichtlich der Kriege zwischen ganzen Laindern und Staaten. So wenig die vulgaire Kiassifizierung auf diesem Gebiete taugt, in der Sphaire des Klassenkampfes taugt sie noch weniger. Vom Standpunkte der Sozialpatrioten ist ein Au!stand, wie z.,B, der der finnischen Arbeiter -im Jahre 1918 gegen die konstitutionelle finnische Bourgeoisie, zweifellos ein Offensivkampf. Die Arbeiterkiasse unternimmt ohne jeden Ana13 einen,,Angriff" auf die armen hourgeoisen Konstitutionalisten, foiglich ist die Sympathie der Sozialpatrioten der ganzen Welt f Ur die armen Herren Bourgeois -von vornherein gesichert. Das bedeutet natfirlich nicht, daB es f Ur uns fiberhaupt keine Klassifizierung irn Offensiv- und Defensivkampfe zwischen Arbeit und Kapital gebe. Aber selbst auf wirtschaftlichem Gebiet geht das eine oft in das andere iiber. Nehmen wir das Beispiel des kuiirzlichen Streiks der Grubenarbeiter in England. Er begann aus dem Grunde, daf die Grubenbesitzer den Arbeitslohn herabzusetzen beschlossen, er begann also. - als ein typischer Defensivkampf. Nachdem er aber einmal begonnen hatte, bekam er im Laufe einiger Zeit dietTendenz, sichIin einen Offensivs~treik zu verwandein, und endete darauf kraft~ einer ganzen Reih von Faktoren wiederum als em ~typische Defensivstreik. Hier ist eine Klassaifizi rung notwendig. Wir wissen, dal3 auf wirtschaftlichem Gebiet im rofe und:_

Page  10 G. -SINOWJEW. __._,- -~1,. -.. -- -~- -. i - -- __.__ zen Epochen wirtschaftlicher Depression chen der Aussperrungen und DefensivLpfe sind; Epochen industr'iellen Aufles sind Epochen von Offensivstreiks Offensivkimpfen. Das ist alleserichtig.;e Unterschiede machen wir und wersle machen. Zugleich aber sagen wir:,,grundsaitzlich" auf einen Angrif I gedas Kapital verzichtet, ist kein Soziasondern ein Lakai des Kapitals. Dies auch der III. Kongrel3 der Komistischen Internationale bestaitigt und te es auch bestaitigen. In diesem ie hat der III, Kongrefl den Offensivpf nicht abgelehnt und konnte ihn auch t ablehnen, Was aber hat dann der III. KongreB 0entlich abgelehnt? Die Streitigkeiten fiber die Taktik haben Iweise bereits vor dem II Weltkongref r Kommunistischen Internationale im hre 1920 begonnen, doch trugen diese reitigkeiten damals anderen Charakter kurz vor dem III. Kongref; wir meinen %r den russisch-polnischen Krieg. Er begann als ein Krieg,' der in stratecher Hinsicht fiur Sowjetrul3land ein Detsivkrieg war und verwandelte sich dann einen vom strategischen Gesichtspunkt i offensiven Krieg, wahrend er die ganze it uber im tieferen historischen Sinne s Wortes ein Defensivkrieg des sischen Proletariats gegen die polnische urgeoisie und die Bourgeoisie der rizen, Welt blieb. Der Krieg Sowjet3lands gegen das bourgeolse Polen im ire 1920 machte die Frage akut, ob es issig sei, daB die siegreiche Arbeitertsse eines Landes den Sozialismus,,auf a Spitzen ihrer Bajonette' in ein ande-,nochh von der Bourgeoisie untericktes Land trage. Im Sommer 1920 r dies durchaus keine mfil3ige und eine rcbaus nicht nur theoretlsche Frage. Als Sowjetarneen sich Warschau niherten, x diese Frage von h8chster Aktualitiit. tReiben der Kommunistischen Inter1oiale und vor allem, die russischeu Bolschewikihaben auch die in dieser Weise gestelite Frage volistaindig bejahend beantwortet: es ist nicht nur zulaissig, sondern. auch notwendig, jedoch nur wenn das Kriifteverhltnis es zuliif3t. Ein soicher Krieg, der iiul3erlich manchmal sogar ein Offensivkrieg sein wird, wird im tieferen historischen Sinne ein gerechter, ein Defensivkrieg der unterdriickten Kiasse gegen die internationalen riuberischen Kapitalisten sein, Dies war unsere Argumentation. Kurz vor dem II. Kongrel erschien in der Berliner,,Roten Fahne" ein gegen diesen Standpunkt gerichteter Artikel eines polnischen Kommunisten, der damals bei Paul Levi, und anscheinend nicht nur bei diesem, Sympathie fand. Im Grunde genommen sprach durch den Mund des polnischen Verfassers ein beschriinkter, wenn auch verfeinerter Nationalismus. Seine ganze Motivierung war ein anschaulicher Beweis dafiir. Der II. Kongref3 hat keine offizielle Resolution hieriiber gefal3t, aber aus alien seinen Debatten und Beschliissen geht kiar hervor, daB die - Kommunistische Internationale voll und ganz auf dem Standpunkte der Zulassigkeit einer solchen Offensivtaktik sieht.. Der Verlauf der Kriegsereignisse und die allgemeine Situation in Europa hat leider dieses Problem nur gar zu schnell von der Tagesordnung abgesetzt, wenigstens als eine rein praktische Frage. Die Entwicklung Europas hat einen anderen Weg eingeschlagen, als man im Sommer 1920 hatte meinen kbnnen und als die Besten aus den Parteien der Kommunistischen Internationale gewollt und erwartet*hiitten. Vor dem III. Kongrefi erhob sich die Frage der Offensivtaktik bereits unter eiftem ganz anderen Aspekt4 Kurz vor dem III, Kongrefl und im besonderen im Zusammenhang mit den Marzereignissen in Deutschland begann eine Richtung zu entstehen und sich herauszuarbeiten, die eine ganze,,Offensivtheorie" aufzustellen bemiiht war. Hier handelte

Page  11 DIE TAKTJK DER KOMMUNISTISCHEN L --~ r I -~: c es sich bereits niclt mehr ur die Zulassigkeit eines Offensivkampfes der Arbeiter-klasse gegen die Kapitalisten iiberhaupt, nicht ur die Zulassigkeit, auf den Spitzen der Bajonette der Arbeiterkiasse des siegreichen Landes den Sozialismus in das bourgeoise Land zu tragen, - hier handelte es sich urn etwas ganz anderes, Seit der zweiten Hiilfte des Jahres 1920 beginnt die e 1 e m e n t a r e revolutioniire Massenbewegung ihr Tempo ganz deutlich zu verlangsamen, wenigstens in einigen Liindern Europas. Selbstverstagndlich wird dies nicht lange dauern. Heute, da diese Zeilen geschrieben werden, etwa anderthaib Monate nach dem III. Kongrel, beginnt die Massenbewegung neuerdings zu erwachen, Wir beobachten eine ungeheure Streikwelle, die sich uiber Frankreich, Polen, die Tschechoslowakei, Italien, Deutschland und einige andere Lainder erstreckt. Auf jeden Fall muI3 aber mit der erwiihnten Verlangsamung gerechnet werden, Gerade hier entstand unter den ungeduldigsten, der Revolution in hohem Grade ergebenen, aber doch nicht geniigend weitsichtigen Elementen der Kommunistischen Internationale folgende Geistesrichtung. Die Mauer der Passivitait muf3 von einer aktiven Minderheit von Mutigen durchbrochen werden. Gerade jetzt muD die in der Komministischen Partei organisierte Minderheit zum Angriff iibergehen. Dann wird das Eis in Gang kommen, und die mutige Minderheit wird die ganze Masse mit sich fortreil3en. Statt einer konkreten Analyse der Tatsachen, statt einer niichteren Beruck. sichtigung aller Verha"ltnisse haben diese Genossen in erster Linie den subjektiven Faktor betont. Da diese Genossen nicht in alle Schwierigkeiten der Verhtiltnisse ~einzudringen wiinschen und vermijgen, die Produkte tie! liegender historischer Faktoren sind, so begannen diese ungestiimnen Genossen zuerst schiichtern und dann auch lauter den Gedanken zu propagieren, dal3 gerade jetzt eine Offensivepoch excellence begonnen habe, daI3ma: Zwecke der,,Aktivisierung" der'Bev nur schneller,,beginnen" miisse und dann schon weiter gehen wirde,I Im Friihling dieses Jahres begann die Tendenz, wie man es jetzt bei eine Riickblick bereits deutlich sieht, in em ganzen Reihe von aindern zutage treten. Sie war sogar ganz natiirlich der Uebergangszeit von den stiirmisch( Jahren 1919/20 zum Jahre 1921, als d Verhiiltnisse sich f ur kurze Zeit in ander Weise zu entwickeln begannen. Sie w4 vielleicht unvermeidlich, diese Tendei nach links. Aber nichtsdestoweniger wk, sie sehr gefa"hrlich geworden, wenn d Kommunistische Internationale nicht rec zeitig entsprechende Mal3nahmen gegen' getroffen haitte. In Deutschland trat diese Tendenz aus einer ganzen Reihe von Griinden, fiber die wir noch weiter unten reden werden, besonders plastisch zutage. Daselbst entfaltete sich auch die sogenannte,,Offensiv. theorie", wie wir sie oben charakterisierten. Gerade diese falsche,,Theorie", u1d nur diese, hat der III. Kongref3 der Kommunistischen Internationale abgelehnt. Er hat jene falsche Theorie abgelehnt, die behauptet, daB wir gerade jetzt in, diese Epoche des permanenten Angrilffes eingetreten seien. Er lehnte jenen Ge-: danken ab, da3 eine offensichtliche Minderheit zu beliebiger Zeit und im besonderen in einer solchen Zeit, wie wir sie jetzt durchmachen, durch mutigen Versuch eines Aufstandes die Passivitat der Massen beseitigen, alle iibrigen Schwierigkeiteu ilberwinden und im bewaffneten Handgemenge siegen konne, Er lehnte die Theorie der,,Aktivisierung der Arbeiterbewegung durch Anwendung,,stark wirkender" Mittel unter Verhiltnisseu ab, unter denen die Voraussetzungenfulr,iiii Aufstand - fehien.

Page  12 i""~ i '- r ---- i ~'" r- * r:- ~-I I - I ~ G. SINOWJEW j --~~ ~ Hierin bestand der Kampf des III, Kongresses gegen die sogenannte,,Linke",.Das bedeutet aber keineswegs, daB der III Kongref3 sich mit jenen Kommunisten einverstandeft erkla~rt haitte, die die Aufgabe unserer Parteien gegenwairtig nur in der reinen Propaganda sehen. Nein, der KongreB gab sich voile Rechensehaft dariber, daB unsere gr6Bten Parteien sich zu direkten Kamirpfen vorbereiten mu s s e n, daI diese Kiimpfe in der allernaichsten Zeit unvermeidlich und' notwendig sind und daf3 letzten Endes keinerlei partielle Niederlagen in diesen Teilkaimpfen unseren Sieg aufhalten werden. Der Kongrefi hat in seiner Resolution iiber die Taktik darauf bingewiesen, daB bei dem heutigen labilen,,Gleichgewicht" Europas e i n b e Ii e - b~iger grofler-Streik oder sogar ein beliebigerParlam entsko nflikt den Anlaf zur Revolutions-Ouverture, zum unmittelbaren Kampf ur die Macht abg eben k6nne. Die Ereignisse bestaitigen durch ihre Entwicklung nach dem Kongre3 diese Prognose vollstandig. Es geniigt ein toller Schul eines deutschen Weilgardisten auf den Abgeordneten Erzbergrurnum das ganze Gleichgewicht Deutschlands ins Schwanken zu bringen. Und es wird sich niemand wundern, wenn die beginnende Krisis in mehr oder weniger kurzer Zeit in Deutschland zu fast entscheidenden Kiimpfen fiihren wird. Es ist auch durchaus nicht unmtglich, dal3 die ungeheure Streikwelle, die in Polen begonnen hat, auch hier zu einer soichen Krisis fiihren wiirde, die die Frage des Uebergangs der Macht an die Arbeiterklasse akut machen wiirde. Der Beginn der proletarischen Revolution in Polen der Deutschland verschrft selbstverst~ndlich sofort die ganze Lage urn das Hundertfache und stelit alle Fragen der proletarischen Weltrevolution auf die Tagesrdnung. Da~~s. alles hat der III. Kongrel3 der Kommunitisen Internationale vorausgesehen, vorausgesagt und in seinen Berechnungen beriicksichtigt. Aber gerade deshalb, weil es in Europa kein festes Gleichgewicht gibt, gerade deshalb, weil die,,Mauer der Passivitiit der Massen" nur eine eingebildete Mauer ist, gerade deshalb sind uniiberlegte bewaffnete Aktionen und Abenteuer besonders gefa-hrlich, die 'bei der heutigen Lage der Dinge den Kommunisten bei den Arbeitermassen nur schaden und folglich der Bourgeoisie helfen konnen. Der Kampf gegen die sogenannten Linkstendenzen ist f ur die Kommunistisehe Internationale durchaus keine Neuheit. Bereits auf dem IL, Kongref der Kom munistischen Internationale fiihrten wir einen entscheidenden Kampf gegen diese Tendenzen, wie sie in der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands, bei den Industriearbeitern der Welt, in den Fabrik- und Werkkomitees Englands und bei den Syndikalisten Frankreichs und Spaniens zutage traten. Dieser Kampf ist auf dem IL KongreB richtig durchgefuihrt worden und hat darum einen Erfoig gezeitigt, der die besten Elemente der obengenannten Organisationen in unsere Reihen gefiihrt hat, Auf dem IIIL KongreB1 muflten wir den Kampf gegen die Linkstendenzen innerhaib der kommunistischen Parteien selbst durchfiihren, und wir sind Uiberzeugt, daB3 der Erfoig kein geringerer sein wird. Aber, sagte man uns auf dem III. KongreB, lohnt es sich denn, so leidenschaftlich gegen die Linkstendenzen vorzugehen, wenn diese,,Linke" uiberhaupt nicht grofi ist und wenn die,,Rechte" im Gegenteil sehr stark ist? Man sagte uns, daB die Kommunistisehe Internationale rechts von sich sowohi die deutsche Sozialdemokratie, als auch Amsterdam, die ganze Zweite Internationale, die ZweieinhalbInternationale, die italienisehe Mehrheit usw. stehen habe. Und links -da stehen nur kleine Gruppen, die zudem von der heil~esten Sehnsucht und ungewbihnlichsten Treue zur Kommunistischen Internationale durchgliiht sind. Diese Betrachtungsweise

Page  13 j DIE TAKTIK -DER KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE - -- -i --1 --;II - i~ ist eine zu sehr vereinfachte, Schon in unserer Rede Uiber die taktische Frage muften wir auf dem Kongref3 selbst darauf hinweisen. Es handelt sich nicht darum, wieviel Organisationen rechts von uns stehen und wieviele von der Linkstendenz infiziert sind, es handelt sich vielmehr darum, weiche i n n e r e n Gefahren in dieser oder jener Tendenz liegen. Der Hauptfeind steht natiirlich rechts von uns, die Kommunistische Internationale fiihrt stets 'mit ihrer ganzen Front den Kampf nach rechts gegen die Bourgeoisie, gegen Amsterdam, gegen die Zweite und die Zweieinhalb - Internationale, gegen die Gompers, Scheidemainner und Co. Aber gerade ur in diesem Hauptkampf zu siegen, muf3 die Kommunistische Internationale eine von Linkstendenzen freie Taktik haben. Die Rechte ist selbstverstiindlich der Hauptfeind. Sie ist, wie sich die Deutschen ausdriicken, der Feind. Der Kampf gegen die Bourgeoisie ist zu gleicher Zeit ein Kampf gegen ihre Agenten aus der Zweiten und der Zweieinhalb-Internationale und aus der Amsterdamer Internationale. Das ist alles richtig. Aber das ist es ja eben, daf3 die Linkstendenz, ohne es selbst zu wollen und zu ahnen, die Rechtstendenz unterstiitzt und uns daran hindert, fiber sie zu siegen. Es handelt sich nicht ur die Zahi der Anhai'nger der sogenannten iiut3ersten Linken, es handelt sich ur die Tendenz. Ein kleines Beispiel wird die Sache am besten erla"utern. Auf dem II. Weltkongrel3 der Kommunistischen Internationale definierten wir unser Verhijitnis zu den Gewerkschaften. Jeder verniinftige Kommunist versteht jetzt, daB, wenn wir die Gewerkschaf ten nicht von innenher fuir uns gewonnen haben, wir auch nicht die Bourgeoisie und foiglich auch die Sozialpatrioten werden besiegen kijnnen. Aber bereits auf dem IL. KongreB war eine Gruppe entstanden, die unsere Beteiligung an den Gewerkschaften bekaimpfte und.mehr oder weniger deutlich die Losung des Austrittes der Kommunisten, und Revolutioniire aus den Gewerkschaften' vertrat, FU"r diese angebliche,,linke" Losung traten auf dem IL Kongref der Kommunistischen Internationale einige Deutsche, Engliinder und Amerikaner ein. Es waren ihrer nicht viele und sie bildeten eine kleine Gruppe auf dem IL Kongre3. Quantitativ war diese extreme Linke durcha'us ungefa-hrlich. Stellen wir uns aber einmal vor, der II Kongrefi haitte die Gefahr dieser angeblich linken Tendenz in der Gewerkschaftsfrage nicht beriicksichtigt, hatte sie nicht bemerkt, wdre an ihr vorilbergegangen oder hiitte sie bis zu einem gewissen Grade geduldet. Was. ware dann geschehen? Die verderblichen Folgen fMr die Kommunistische Internationale wiiren zahilos gewesen. Statt eine richtige Gewinnung der Gewerkschaften fulr uns zu erzielen, wie wir sie begannen und im Laufe eines Jahres stark forderten, haitten wir die Gewerkschaften den Gompers, Jouhaux, D'Aragona, Fimmen und Co. uiberlassen. Quantitativ war diese angebliche Linke auf dem IL Kongrel ganz gering, aber die von ihr vertretene Tendenz war fU"r die kiinftigen Schicksale der Kommunistischen Internationale im hochsten Grade gefa"hrlich. Das Gleiche gilt in noch h6herem Maf3e von der sogenannten Linkstendenz in der Form, wie sie vor dem III. Kongresse entstand. Wir haben eine sehr komplizierte undschwierige Situation.innerhaib der Arbeiterbewegung der ganzen Welt vor uns.' Die Kommunisten werden sich kiar und genau Rechenschaft iiber die Kompliziertheit der Lage abgeben und neue Wege finden miissen, urn an die Massen heran~ zutreten. Statt dessen ging die ungestilme-,,Linke'~ in einer. WXeise vor, daB sie das ganze aufgesparte organisatorische Parte kapital hiitte zum Schornstein hinausflieer lassen kiinnen, ohne dabei nicht nur di Massen nicht herangezogen.zu- haben

Page  14 III1~ r~--rr-~-~~*r an ~ ~ 1--: G. SINOWJEW -I~I-- I -, - - 1;_ dem sie im Gegenteil die Massen Zeit gerade in das Lager der loten und Zentristen getrieben Der III, Kongrel3 der Kommunistischen Internationale hiitte zweifellos dies wieder gutmachen miiusen und, soweit dies unvermeidlich war, der Linkstendenz den entschiedenen Kampf erkliiren sollen. Eine Reihe von Genossen, darunter auch die Ffihrer der'Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands, haben sich zweifellos eines zu schulden kommen lassen: sie haben den Moment nicht richtig gewiihlt. Und soweit sie nicht auf ihrem Fehier bestehen und die falsche,,Offensivtheorie" oflen aufgeben (und wir haben alien Grund. zu behaupten, daB einr bedeutender Teil der deutschen Genossen von diesem Irrtur tatsaichlich abgeriickt ist), kann die Frage als erschbpft betrachtet werden, und die Kommunistische Internationale braucht nur noch aus den begangenen Fehiern ihre Lehren zu ziehen und diese sich zu Nutzen zu machen. Soweit aber in Deutschland (die Gruppe des Genossen Maslow) und vielleicht auch in anderen Landern*) sich Genossen oder Gruppen von Genossen finden werden, die den begangenen Fehler zu einer Theorie erheben, sie zu einer Perle der Schopfung machen, auf diesem Radikalismus hartnickig bestehen bleiben wollen, so wird die Kommunistisehe Internationale gegen diese,,Richtung", die dem russischen Revokationismus sehr aiihnlich ist, den hartniickigsten Kampf fiihren miissen. Was hat es mit dem Revokationismus in der russischen Arbeiterbewegung fuir eine Bewandtnis?.Die auslindischen Genossen, die jetzt sehr gut mit der durch das, Wort,,Menschewismus" charakterisierten Richtung vertraut sind, werden jetzt auch noch die andere Richtung naiher kennen lernen miissen, die durch das Wort,,Revokationismus" (Otsowism) charakterisiert ist. Au! dem Hbihepunkt der Gegenrevolution in Rul3land im Jahre 1903 spaltete sich von den Bolschewiki eine Gruppe extrem linker Genossen ab, die uns Bolschewisten des Opportunismus beschuldigten und eine Revokation (Zuriickberufung - Otsyw) der Mitglieder der sozialdemokratischen Dumafraktion aus der Staatsduma forderten (daher der Name,,Otsowisten" - Revokationisten). Bereits vorher hat diese Gruppe der linken Bolschewisten den Boykott der Wahlen fur die dritte Staatsduma propagiert, da sie der Meinung war, daf3 die Beteiligung an den Wahien fur eine soiche Duma dem Verrat an der Arbeiterkiasse gleichkomme. Die ausliindischen linken Genossen meinen zuweilen, dal3 der Revokationismus sich auf den Boykottismus beschraenke. Und da diese ausliindischen Genossen heute keinen Boykott der parlamentarischen Einrichtung vorschlagen, so sind diese heutigen,,Linken" der Meinung, daB3 sie mit dem Revokationismus nichts gemein haben und dalI wir sie unniitz beschuldigen, wenn wir sie mit den Revokationisten vergleichen. In Wirklichkeit verhiilt es sich hiermit nicht so einfach. Der Boykottismus war in Wirklichkeit ) Ein Beispiel dafufr, wie die kommunistische opaganda nicbt betrieben werden soll, gibt die itung,,Der Kampf", das Organ der Kommunistiien Partei in Luxemburg. In der Nummer vom 20. i 1921 endet der mit dem Titel,,Der Weg der volution" Iiberschriebene Leitartikel mit foigena Worten, die plakatartig in grofler Schrift geickt sind:,Darum, Genossen Luxemburgs, sammelt vor aliem Biindnis mit Euren Briidern in den Nachbaraten Euren Willen zum Kampf, sammeit Waffen r Art: - Gewehrel - Handgranatenl - Maschinenovehref - Geschfitzel Schafft illegale Kampforganisationen: - Auf alien Stralenf - In alien Fabrikeni - alen Bezirkeni - Im ganzen Landef Industrie- und Landarbeiter, bereitet Euch zum rgerkrieg vorl" (Der Kampi Nr. 35.) Es 1st klan, da3 die Arbeiter durch derantige mvolle,,Agitatioe' ur kein Geschiitz und nicit ma! urn eine Handgranate mehr bekommen werr4 end man wind fiber soiche,,Linleskommunisten"

Page  15 DIETAKTIK DER DIE~~~~~~ TAKTI DERn V AA AVL ~l~U.~, ~ einer der charakteristischsten Zuge.der revokationistischen Richtung, doch erschbpfte sich diese Ricltung nicht im Boykottismus. Der Revokationismus entstand und entfaltete sich in Rul3land gerade in jenen Jahren, die zwischen den zwei Revolutionswellen lagen. In den Jahren 1906-07 hatte sich die revolution ire Welle endgiiltig gelegt, die im Jahre 1905 so hoch gestiegen war. In den Jahren -1911/12 beginnt bereits ein neues Auffluten, das sich nach dem Streikt in den Betrieben am Lena-FluB heftig zu verstairken beginnt. Zwischen den Jahren 1907 und 1911 liegt eine ganze Periode krassester Reaktion, des Verfalles auch unter-den Arbeitern, des Wachstums der menschewistischen Gesinnung (der liquidatorischen, wie man sich damals ausdriickte), von Verraten, partiellen Niederlagen usw. Im Laufe dieser vier Jahre versuchten der Zarismus und die Bourgeoisie, den Bolschewismnus ein fur allemal zu vernichten. Sie gaben den Menschewisten ein gewisses Legalitatsmonopol und verfolgten' uns Bolschewisten auf jede Weise. Sie provozierten uns zu einem vorzeitigen Kampf, urn die bolschewistische Bewegung im Arbeiterbiut zu ertrainken und uns jeglicher. Wurzeln iii der Arbeiterkiasse zu berauben. Es stellte sich zwischen Stolypin, der russischen liberalen Bourgeoisie (den Kadetten), den Menschewisten und. den rechten Sozialrevolution"iren eine ziemlich komplizierte und fein durchdachte Kooperation ein, die gerade darauf gerichtet war, die Bolschewisten jeglicher Basis in der Arbeiterbewegung zu berauben, sie in eine verknocherte Sekte zu verwandein, sie zu zwingen, zu ohnmiichtigen und unfruchtbaren Schreiern zu entarten. In 'dieser Zeit:war es unsere Aufgabe, urn jeden Preis den engen Zusammenhang mit den Arbeitermassen aufrecht zu erhalten und zu gleicher Zeit der Revolutionsfahne treu zu bleiben. Wir muf3ten lernen, ohne zumurren und zu prahien, uns an allen, sogar den gew8hnlichsten legalen und halb1W legalen Organisationen der Arbeiter zu teiligen; wir muften auf Schritt und Trltt die Verriiterei der Menschewisten entlarven. Zu gleicher Zeit duriten wir uns aber unter keinen Unstiinden auf Phrasen beschriinken, sondern muf3ten bei der milhseligen Kleinarbeit des Alitags und in der parlamentarischen Dumafraktion, in den legalen und halbiegalen Gewerkschaftei, in den Kooperativen, den.Arbeiterkiubs, den Turn- und Musikvereinehi, in der zensierten Arbeiterpresse usw. usw. in den ersten Reihen stehen. In den Reihen der Revokationisten standen damals nicht wenige vortreffliche, der Revolution treu ergebene Arbeiter. Auch unter den Fiibrem der Revokationisten waren nicht wenige. alte Parteiarbeiter, intellektuelle Bolsehewisten, die spiiter in unsere Reihen zuriickkehrten. Aber in'diesen, wenn auch schweren diisteren Uebergangsjahren,, in denen das kiinftige Schicksal -der bolschewistischen Partei wahrhaft entschieden wurde, vernichteten die extremen linken Revokationisten in Wirklichkeit den Bolschewismus und unterstiitzten die 'Men schewisten. Durch ihre revolutioniire Ungeduld, durch ihr voreiliges Handeln, durch ihren Versuch, die Partei den Schl&gen in einer Zeit blof3zustellen, da die Massen noch nicht kampfbereit waren, durch ihren dummen Boykottisnius, ihre revolution"are Phrase, ihre unsinnige Theorie, die Bewegung dadurch,,aktivisiereno zu kionnen, daB die kleine Parteildie grooBen Arbeitermassen zu e r s e t z e n versucht - durch all dies war der Revo' kationismus in der erwahnten Epoche fur die Revolution aul3erordentlich gefiihrlich. Und wir Bolschewisten waren gen, einen langen und erbitterte gegen die revokationistische Link durchzufiihren. Es kar zu einer Spaltung. Offiziell von uns abg gelangten, die Revokationisten-dc Logik der Dinge u-nddurch die La inneren falschen-Standpunktes s

Page  16 ; ~ ~ ~~ ill G. SINOWJEW - I--~-; I- -- i- * c ~~ I __ dahin,- da sie- mit den Menschewisten gegen uns einen Block bildeten. Je ndher der Auftakt der Revolution kaim, desto mehrr lieI der Revokationismus nach, desto entschlossener begannen die besten Arbeiter, die friiher die Revokationisten unterstiitzt hatten, in unsere Reihen, in die Reihen der Bolschewisten zuriickzukehren, Sie sahen ein, wie recht wir gegen die linken Schreihlse hatten. Sie iiberzeugten.-sich davon, daBl nur dank unserer Taktik die Verbindung mit den Massen aufrechterhalten geblieben und unsere Partei erhalten geblieben war niclt als eine Sekte linker Phrasenhelden, sondern als eine Fuihrerin der Mass en, Die zweite russische Revolution begann tatsaichlich schon.vor dem Kriege des Jahres 1914. Der Krieg hat sie nur beschleunigt. Die Maclt der bolschewistischen Kerntruppe bestand darin, daB die Partei in der schwersten Zeit die Verbindung mit den Massen aufrecht erhalten hatte und dann einige Jahre spaiter die ganze Arbeiterklasse in den Entscheidungskampf gegen die Bourgeoisie gefiihrt und im Oktober 1917 den Sieg davongetragen hat. Wir sehen vollstaindig ein, daB die Epoche, die die internationale Arbeiterklasse gegenwartig durchmacht, sich in sehr vielem von jener Epoche unterscheidet, die die russische Revolution in den Jahren 1907 bis 1910 durchmachte. 'Wir,- vergessen keinen Augenblick, daI3 der imperialistische Krieg und die auf den Krieg folgenden Revolutionsereignisse selr vieles verandert haben. Wir wollen durchaus keine Parallele ziehen, wir wollen keine Gleichung aufstellen, wir opeieren nicht mit verallgemeinerndenVergleichen, aber wir sagen: bei allen Unterschieden sind aud I--hnliche Zuge zwischen jener Epoche der russischen Revolution, voni der wir reden, und der heutigen interationalen Lage vorhanden. liii~ grofen und ganzen maclit die interatolnale Arbeiterklasse; gegenwir~tig auch ~twifelo eine -Epoche zwischen zwei revolutionairen Auftakten durch. Die elementare Massenerhebung, die gegen Ende des imperialistischen Krieges begann und ganz Europa im Laufe von ein bis zwei Jahren erschuitterte, hat sich jetzt hier und da gelegt und auf jeden Fall ruhigere Formen angenommen. In einer ganzen Reihe von Liindern ist die Bourgeoisie zum Angriff auf die Arbeiter iibergegangen. Die bourgeoise Reaktion wiltet in vollem Maf3e. Der Fascismus, die Orgesch und andere weilgatdistsiche bourgeoise Organisationen werden den Kapitalismus natiirlich nicht vor dem Untergang retten, aber diese Organisationen und iltr Aufbliihen sind erst jetzt moglich geworden, nachdem die Bourgeoisie wieder zu Kraiften gekommen ist und uns stellenweise in die Defensive zuriickgeworfen hat. Das bedeutet aber durchaus nicht, daB die Revolution beendet ist, wie Hilferding und Co. meinen, das bedeutet durchaus nicht, daB die Jahre 1919/20 der Kulminationspunkt der revolutioni'ren Erhebung waren und da13 weiter der revolutioniire Alltag kommt, bei dem die Arbeiter sich nur noch an eine niichterne trade-unionistische oder, was das gleiche ist, an die sozialdemokratische Taktik halten miissen. Keineswegsf In den Jahren 1908/09 war die Stolypinsche Reaktion in Rufland auf der HbOhe ihrer Erfolge, Die Mensciewiki predigten, daB die Revolution beendet sei, daBl wir den Kampf fir die konstitutionelle Monarchie beginnen mii"Bten, zu einer gemiia8igten und akuraten, geleckten, zuverliissigen,,,europaischen" sozialdemokratischen Partei werden miifften, Wir Bolschewisten dagegen lieflen waihrendIdes Kampfes gegen die Linkstendenz keinen Augenblick den Umstand aus dem Auge, daB die von der Revolution des Jahres 1905 gestellten objektiven Aufgaben nicht gelast sind, daB sich neuer Ziindstoff ansammelt und daB der Verlauf der sozialen Entwicklung unvermeidlich zu einer neuen, viel miichtigeren Revolution als der des jJahres 1905 fiihren wird.

Page  17 ---i - ~'':---i:-~~--;i ` i--l ~--i:_ C DIE TAKTIK DER KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE: --- - -- 1 ~ - - Das gleiche ist jetzt der Fall - jedoch in internationalem MaBstabe. Die deutsche Sozialdemokratie druckt das Projekt eines neuen Programms, aus dem selbst ein Blinder ersehen mul3, da,8 die deutsche Sozialdemokratie sich vor aller Augen ganz offenkundig aus einer sozialistischen Partei in eine b o u r ge o i s-d e m o k r a t i s c h e Partei mit friedlicheren Ref o r m e n verwandelt. Die blindgeborenen,,Fiihrer" der deutschen Sozialdemokratie vermeiden in ihrem Projekt des neuen Programms sogar die Anwendung des Wortes,,Klassenkampf" sorgfltig, sie fiirchten sich vor dem Kiassenkampi wie der Teufel vor dem Weihrauch. Sie sind im tiefsten Herzen davon iiberzeugt, daB8 die Bourgeoisie alle auf den Krieg folgenden Schwierigkeiten bereits ganz fiberwunden hat und daB die biirgerliche Gesellschaftsordnung noch hundert Jahre bestehen werde, indem sie sich stiindig,,erneuert" und,,demokratisiert", Von der gleichen Perspektive gehen im Grunde genommen die Unabhiingigen Sozialdemokraten Deutschlands und die ganze von ihnen inspirierte Zweieinhalb-Internationale aus. Als Crispien bereits in Halle die heutige Lage mit der Lage Europas im Jahre 1849 verglich, woilte er damit sagen, daf3, wie damals die Welle der Revolution durch das Jahr 1848 zum Abschlul kam, auch heute die Welle der revolution"aren Bewegung mit dem Jalre 1919 ihren endgfiltigen Abschluf gefunden habe. Genau so denken auch die italienischen Reformisten und mit ilnen Serrati. Es ist wiederum eine Behandlung der Frage, die in sehr vielen Beziehungen an jene Behandlung der Frage erinnert, die ihr die russischen Menschewisten in den genannten Reaktionsjahren zuteil werden lie~jen. Martow und Dan steilten schon damals. folgende Frage: was erleben wir jctzt, das Jahr 1847 oder das Jahr 1849? Und ohne zu zaudern antworteten sie: selbstverstaindlich das Jahr 1849, denn das Jahr 1847 bedeutete den Vorabend der Revolution, das Jahr 1849 das Ende der Revolution. Die Bolschewisten irrten sich damals im Tempo, als sie annahmen, daB13 die neue Revolution viel achneller beginnen werde, als sie in Wirklichkeit be. gcnnen hat. Niemand konnte ahnen, daBl die Gegenrevolution in Rul3land nach dem Jahre 1905 ein ganzes Jahrzehnt dauern wiirde. Die Bolschewisten konnten damals nicht voraussagen, ob das damals eat-:M standene labile Gleichgewicht zwei, vier oder zehn Jahre dauern werde. Aber als Marxisten konnten sie sehr gut voraussehen und taten es auch, daB eine zweite Revolution unvermeidlich ist, und in diesem Sinne hatten sie recht, als sie die Hy-o pothese vom,,Jahre 1849" ablehnten. Das gleiche ist heute der Fall. Da wir keine Propheten sind, so kana niemand unter uns genau sagen, wieviel Monate oder Jahre bis zum ersten neuen Sieg der proletarischen Revolution im ersten jener drei Liinder verstreichen werden, die tatsaichlich fu"r die Schicksale der Weltrevolution entscheidend sind, Eins aber wissen wir sicher, und eine neuerliche Revision der wirtschaftlichen Lage Europas hat uns auf dem III, KongreB nochmals hierin bekraiiftigt: die Revolution ist noch nicht beendet; die Zeit ist nicht mehr weit entfernt, da neue Ka" mpfebeginnenw erde an, die Europa und die ganze Welt viel sh i rker ersch iittern werden als all e vorausgegangenena Kaimpfe zusammengenommen. Der III. Kongref der Kommunistischea Internationale ist auf Grund niichternster Revision aller wichtigsten Entwicklungsfaktoren zu der unerschiitterlichen Ueberzeugung gelangt, daB sie nicht mehr weit hinter den Bergen ist. In der Kulminationsperiode der Revo-:: lution in RuI~land: in den Jahren 190 bis-l~ 1911 sagten die Bolschewisten:: Objekrtiv-- fdhrt die Lage fort, revolution5.r zu b~lelben. Die Aufgaben der Revolution sind;: nicht gelgst. Unsere Haup'tperspektive,~ /' 2Kooutorn.

Page  18 N. LENIN ~...1..~~i-.lc c.....;--.~..i.. I ~..I~ --.-.i.~..~_ ----.. er Leitstern, der unser ganzes Promm und unsere ganze Taktik bedingt, die Unvermeidlichke~it einer uen Revolution. Gegenw'a"rtig vorfibergehend ein a uIeres labiles ichgewicht eingetreten. Aber gerade haib, weil die neue Revolution unverdlich ist, werfen wir auch weiterhin als 'tei, als Avantgarde der Arbeiterkiasse, er Gewicht in die Wagschale der Reition und friiher oder spaiter wird ere Wagschale das Uebergewicht be icommen. Die Behandlung dieser Frage, die vom III, KongreB der Kommunistisehen Internationale jetzt im internationalen MaOlstabe angenommen wurde, ist im grundlegenden die gleiche. Jeder, der auch nur entfernt auf die Perspektive einer neuen Revolution verzichtet hat, hat aufgehbirt, Kommunist zu sein, ist in das Lager der Zweiten oder der Zweieinhalb-Internationale iibergelaufen, ist nicht mehr unser Genosse. In diesem Sinne bleibt der Kampf gegen die Rechte iiber alles (ibrige dominierend. Aber gerade zu dem Zwecke, damit unsere Vorbereitung einer s ieegr e i c h e n proletarischen Revolution sich nicht'in eine Phrase verwandle, muiissen wir einen ebensolchen geistigen Kampf gegen die Linkstendenz durchfiihren, wie ihn seinerzeit die Bolschewisten gegen die Revokationisten durchgefiihrt haben. Das ist ein Vergleich, der durchaus nicht an den Haaren herbeigezogen ist. Der Bazillus des Revokationismaus fliegt in der Luft herum. Der Neorevokationismus nu t e in einer so qualvollen Epoche entstehen, wie sie gegenwiirtig die internationale Arbeiterbewegung durchmacht, Und nur in dem Falle, wenn der vorgeschrittenste Teil der Kommunisten rechtzeitig die Lehren der Vergangenheit zu beriicksichtigen verstehen wird, werden wir sozusagen die Produktionsunkosten verringem und der Kommunistisehen Internationale den inneren Kampf ersparen kbjnnen. Dies und nichts anderes meinte der III, Kongref der Kommunistisehen Internationale mit seinem Kampfe gegen die sogenannte,,Linke". Wenn Genosse Hoeglund in der Zeitung,,Politiken" (Nr. 149) schreibt, das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Ruflands haitte auf dem III. Kongre3 eine,,gema""3igtere" Richtung reprisentiert, wenn er sagt,,,die Hauptidee dieser Richtung besteht kurzgesagt darin, daf die Weltrevolution eine laingere Periode revolution'arer Khiompfe erfordern wiirde und daB darum unsere Taktik auf ein entfernteres Ziel eingestellt sein miisse und nicht von der Perspektive eines unmittelbar bevorstehenden Umsturzes ausgehen darf", wenn Genosse Hoeglund dies sagt, so verwechselt er Richtiges mit Unrichtigem. DaB die Weltrevolution eine ganze lange Epoche revolutionirer Kaimpfe einnehmen wird, das wuf3ten die Kommunisten bereits vor dem Sieg der russischen Revolution, davon sprach die Zimmerwalden Linke bereits im Jahre 1915. In diesem Sinne braucht sich unsere Taktik kein,,entfernteres Ziel" zu wihlen.,,Das Ziel kann das alte bleiben G. Sinowvlew. / Die Takflk er Kommurisfiscfjen Parfei uf3l1ands. ouf dem III. lVeltkongret der KommunistiscOeen Infernafionale) ktik un'serer Pantei zu begriinden, lit den internationalen Lage beissen. Sie haben schon die 8ikoLie des Kapitalisnus in inter nationalen MatBstabe eingehend diskutient, und es gibt auch beneits eine Resolution des Kongresses dariiber. Ich behandle diese Frage in neinen Thesen ganz kurz, nur von politischen

Page  19 DIE TAKTIK DER KOMMUNI P woomd"Ww omPAR _.....-~ -- Standpunkte aus. Die 6konomische Grundlage berfihre ich niclt. Ich glaube aber, dai3 in der internationalen Lage unserer Republik politisch damit zu rechnen ist, daI3 heute ein gewisses Gleichgewiclt der Kriifte eingetreten ist. Allerdings nur in ganz beschri"nktem Sinn, ein Gleichgewiclt der Krafte, die gegeneinander offen und militiirisch den Kampf fiihrten um die Herrschaft der einen oder der anderen Hauptklasse, ein Karpf der Mitglieder der biirgerlichen Gesellschaft, der gesamten internationalen Bourgeoisie gegen Sowjetrul3land. Nur in bezug auf diesen miIitdrischen Kampf behaupte ich, daB ein gewisses Gleiclgewicht in der internationalen Lage eingetreten ist. Es muI natiirlich betont werden, dal3 her nur von einem relativen Gleichgewicht, von einem hbichst unsicheren Gleiclgewiclt die Rede ist. Es ist soviel Ziindstoff in den kapitalistischen Landern, die friiher nur als Objekte der Geschichte und niclt als Subjekte betrachtet worden sind, in alien Kolonialliaondern und Halbkoloniallandern vorhanden, daI es absolut mbdglich ist, dal3 in diesen Liindern frilier oder spdter ganz unerwartet revolutiondre Ausbriiche, grof3e Kdmpfe und Revolutionen entstehen werden. In den letzten Jahren haben wir die direkten Kiimpfe der internationalen Bourgeoisie gesehen, die darauf hinzielten, die erste proletarische Republik zu erwiirgen. Darauf konzentrierte sich die ganze weltpolitische Situation, und eben in dieser weltpolitischen Situation ist jetzt eine Aenderung eingetreten. Insofern der Versuch der internationalen Bourgeoisie, unsere Republik zu erwiirgen, mil3 -lungen ist, insofern ist auch ein Gleiclgewiclt, natfirlich ein sehr unsicheres Gleiclgewicht, eingetreten. Natfirlich verstehen wir ganz gut, da13 die internationale Bourgeoisie jetzt viel stdrker ist als unsere Republik, und dali nur eine ganz eigenartige Summe von Erscheinungen diese internationale Bourgeoisie daran hindert, den Krieg gegen uns fortzusetzen. Scion in den letzten Wochen, in den leLzten Tagen konnten wir wieder einen neuen Versuch im Fernen Osten sehen, eine Invasion zu erneuern, und es unterliegt keinem Zweifel, daf3 derartige Versuche audi weiter fortgesetzt werden. Darfiber herrscht in unserer Partei kein Zweifel. Wiclitig ist aber fuir uns, offen festz~ustellen, daB wir dieses unsichere Gleichge~wiclit sehen, und dali wir diese Atempause ausniitzen miissen, indem wir die charakteristischen Merkmale der momentanen Lage in Erwilgung ziehen und unsere Taktik den. Eigen2I--ri Kaomm. Lew~ artigkeiten der gegenwirtigen Situation anpassen, ohne nur einen Augenblick zu vergessen, dafl die Notwendigkeit militiirischer Kampfe fiber Nacht wieder fiber uns hereinbrechen kann. Die Organisierung der Roten Armee, ihre Kriiftigung bleibt nach wie vor unsere Aufgabe. Und beziiglich der Ernihrungsfrage mflssen wir ebenfalls noch auf dem Standpunkte verharren, dali wir in erster Reihe an unscre Rote Armee denken ihjasen. In der gegebenen internationalen Lage, jetzt, wo wir noch immer neue Angriffsversuche, neue Invasionsversuche der internationalen Bourgeoisie erwarten miissen, kbnnen wir keinen anderen Weg einschlagen. In bezug auf unsere praktische Politik aber 'hat die Tatsache und die Anerkennung der Tatsache, dafl in der internationalen Lage ein gewisses Gleiclgewiclt eingetreten ist, die Bedeutung, dali wir bekennen mulssen, dal- die revolulionare Bewegung wohi vorwiirts geschritten 1st, dalI aber die Entwicklung der internatio-, nalen Revolution in diesem Jahre nicht so geradlinig verlaufen ist, wie wir erwartet haben. Als wir seinerzeit die 'internationale Revolution begannen, taten wir es niclt in dem Glauben, in der Entwicklung der, Re volution voranzuschreiten, sondern deshalb, weil eine Menge von Umstdnden uns veranlaften, die Revolution beginnen zu lassdn. Wir daclten uns, entweder kommt uns die internationale Revolution zu Hilfe, dann ist unser Sieg ganz sicher, oder wir leisten unsere bescheidene revolutionavre Arbeit und leisten sie in dem Bewulitsein, dali wir selbst im Falle, unserer Niederlage der Sache der Revolution. nitzen,weil, gewitzigt durch unsereErfalrungen, die anderenKevolutionendieMilglichkeit haben, es besser zu machen. Es war uns kiar, dali ohne die Unterstiitzung der internationalen Weltrevolution der Sieg der proletarischen Revo-' lution unmbglich ist. Wir dachten scion vor der Revolution und auch spater daran: eatweder kommt gleici oder zum mindesten in scir rascier Aufeinanderfolge die Revolution in den ulbrigen Laindern, in den kapitalistisci mehr entwickelten Ldndern, oder aber wir miissen unterliegen. Trotz dieses Bewulitseins taten wir alles, um das Sowjetsystem unter allen Umstainden aufrecht zu.erialten, dean wir wuliten, dali wir nicit Ifir uns, sondern auch ffir die internationale Revo-. lution arbeiten. Wir haben das gewult.,Wir haben dieser unserer Auffassuag wiederholt Ausdruck gegeben, vor der Oktoberrevolution ebenso wie -unmittelbar nach der OktoberA

Page  20 --I"- ' I I-L ~ I 'C- i-LI*~i C_ N. LENIN lution un d wghrend des Brest-Litowsker dens. Das war natilrlich richtig. Es war ig im allgemeinen. Indessen war die Bewegung in Wirklichkeit nicht so geradlinig, wie wir erwartet haben. In den anderen grof3en, kapitalistisch am meisten,entwickelten LUndern ist die Revolution bisher nicht eingetreten. Die Revolution entwickelt,sich wohi - wir koinnen das mit Beiriedigung feststellen - in der ganzen Welt. Und nur diesem Umstande haben wir es zu Cerdanken, daB die internationale Bourgeoisie, obwohl sie 5konomisch und militairisch Ihundertmal stirker ist als wir, nicht imstande Ist, uns zu erwiirgen. Wie diese.Lage zustande gekommen ist, und welche Folgerungen wir daraus ziehen miissen, behandle ich im zweiten Paragraph der Thesen und will noch hinzuffigen, daB die Schluflfolgerung, die ich daraus ziehe, die folge-nde ist: die Entwicklung der internationalen Revolution, die wir prophezeit haben, maclt Fortschritte. Aber dieser Fortschritt ist nicht so geradlinig, wie wir erwartet haben. Es ist auf den ersten Blick klar, daBl in den anderen kapitalistischen Laindern nach dem Frieden, wie schlecht dieser Friede auch sein mag, es nicht gelungen ist, die Revolution zu entfachen, obwohl die Ansiatze dafiir - wie wir wissen sehr grofi und sehr zahlreich waren, viel grofler und viel zahlreicher, als wir glaubten. Jetzt beginnen Broschfiren zu erscheinen, die uns zu erzihlen wissen, dafl in den letzten Jalren und in den letzten Monaten in Deutschland und in Holland diese revolutionaren Ansitze viel groller waren als wir aahnten. Was sollen wir jetzt tun? Jetzt ist die griindliche Vorbereitung der Revolution und das grundsiitzliche Studium der konkreten Entwicklung in den entwickelteren kapitalistischen Liandern notwendig. Das ist die erste Lehre, die wir aus der internationalen Lage ziehen mfissen. Fu"r unsere russische Republik aber muissen wir diese auch noch so kurze At~~empause dazu beniitzen, unsere Taktik Aieser Zickzacklinie der Geschichte anzupassen. Politisch ist dieses Gleiclgewicht bedeutungsvoll, weil wir kiar sehen, daO eben in den westeuroplischen LIndern, wo die grofle Masse der Arbeiterklassen,.-in melreren Linde'rn h6chstwahrscheinlich auch die grolle Meirheit der Bevo-lkerung, organisiert ist, die Hauptstditze der Bourgeoisie gerade die feindlichen Organisationen der Arbeiterkiasse in der.Zweiten und der Zweieinhalb - Interiationale bilden. Hierfiber spreche ich im Paragraph 2 der Thesen und glaube hier nur zwei, Punkte beruiren zu miissen, die in unserer Diskussion ilber die Frage: der Taktik schon erbrtert wurden. Erstens, die Eroberung der Mehrheit des Proletariats. Je organisierter das Proletariat in cinem entwickelten kapitalistischen Lande ist, um so mehr Grriindlichkeit in der Vorbereitung der Revolution erfordert die Geschichte von uns, und mit um so mehr Griindlichkeit miissen wir die Mehrheit der organisierten Arbeiterschaft erobern. Andererseitsist die Hauptstiitze des Kapitalismus in den industriell entwickelten kapitalistischen Liindern gerade der Tell der Arbeiterschaft, der in der Zweiten und Zweieinhalb-Internationale organisiert ist. Ohne sich auf diesen Teil der Arbeiter stuitzen zu koinnen, ohne innerhaib der Arbeiterschaft diese Elemente der Gegenrevolution zu haben, wiirde die internationale Bourgeoisie absolut auserstande sein, sich weiter zu halten. Ich mOichte noch hier die Bedeutung der Bewegung in den Kolonien betonen. In bezug auf diese Frage sehen wir in alien alien Parteien, in allen biirgerlichen und kleinbiirgerlichen Arbeiterparteien der Zweiten und Zweieinhalb-Internationale noch immer die Reste der sentimentalen Auffassung; sie sind voller Sympathie fuer die unterdriickten Kolonial- und Halbkolonialv6lker. Man betrachtet die Bewegung in den Koloniallindern noch immer als kleine nationale friedliche Bewegung. Dem ist aber nicit so. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts 1st in dieser Beziehung eine grofle Wandlung eingetreten, nimlich Millionen und Abermillionen, die Iaktische grofe Meirheit der Bevblkerung der Erde, treten jetzt als selbstaindige aktive revolutiondre Fakioren auf. Und es ist klar, daB in den kommenden entscheidenden Schlachten der Weltrevolution, die urspriinglich auf die nationale Befreiung gerichtete Bewegung der Mehrheit der BevBlkerung der Erde gegen den Kapitalismus und Imperialismus vielleicht eine viel gr6'lere revolutionaire Rolle spielen wird, als wir alle erwartet haben. Es ist wicitig, zu betonen, dafl wir zum erstenmal in unserer Internationale die Vorbereitungen f Ur diesen Kampf in Angriff genommen haben. Natiirlich sind auf diesem groflen Gebiete die Sciwierigkeiten viel grol3er, aber jedenfalls geht die Bewegung vorwiirts, und die Massen der Arbeitenden, die Bauern der Kolonialliinder werden, obwohl sie jetzt noch seir zurfickgeblieben sind, in den folgenden Phasen der Weltrevolution elne sehr grofle revolutionir~e Rolle spielen. WS~as die innere politiscie LIage unserer Republik betrifft, so mull ich

Page  21 ~-- ~ ~ - i'. ----- ~ ill ---~-- DIE TAKTIK DER KOMMUNISTISCHEN PARTERS RUSSL;ANDS --- --- --- ----: ---------- -- ----- ----~L--~-------- -I----~-- --:---~~;__i damit beginnen, ganz genau die Verha1tnisse der Kiassen zu schuldern, Es ist in den letzten Monaten insofern eine Aenderung eingetreten, als wir uns einer neuen Organisation der Ausbeuterkiasse gegeniiber sehen. Die Aufgabe des Sozialismus bestelt darin, die Kiassen abzuschaffen. In den vordersten Reihen der Ausbeuterkiasse stehen der Groflgrundbesitz und die Kapitalisten - die Industriellen. Hier 1st die Arbeit der Zerstorung ziemlich leicht und kann in einigen Monaten, bisweilen in einigen Wochen oder auch in einigen Tagen zu Ende gefiihrt werden. Wir in Rufland haben unsere Ausbeuterkiasse expropriiert, sowohi die GroBgrundbesitzer als auch die Kapitalisten. Wa-hrend des Krieges hatten sie keine eigenen Organisationen und handelten nur als Anhaingsel der milita-rischen Krafte, der internationalen Bourgeoisie. Jetzt, nacldem wir diesen Angriffskrieg der internationalen Konterrevolution zuriickgeschlagen haben, bildete sich eine auslandische Organisation der russischen Bourgeoisie und aller russischen konterrevolutionaren Parteien. Man kann die Zahl der russischen Emigranten, die in allen Lindern des Auslandes zerstreut leben, auf anderthaib oder zwei Millionen schatzen. Fast in jedem Land geben sie Tageszeitungen heraus, und alle Parteien, Grof3grundbesitzer und kleinbuirgerliche Partei, Sozialrevolutionare und Menschewisten nicht ausgeschlossen, verfilgen fiber zahireiche Verbindungen mit fremden biirgerlichen Elementen, das heif3t, sie bekommen Geld genug, ur sich eine Presse zu halten, und wir sehen jetzt alle ehemaligen politischen Parteien im Auslande an gemeinsamer Arbeit, wir sehen, wie die,,freie" russische Presse im Auslande, angefangen von der sozialrevolutioniiren und menschewistischen bis zu der reaktiona-rsten monarchistischen, den GroBgrundbesitz verteidigt. Bis zu einem gewissen Grad erleichtert uns das unsere Aufgabe, weil wir die Kriifte des Feindes, seine Organisierung, die politischen Stramungen im Lager des Feindes leichter fibersehen ko nnen. In anderer Hinsicht erschwert uns das natfirlich unsere Arbeit, weil diese russischen konterrevolutionairen Emigranten alle Mittel ausniitzen, urn den Kampf gegen uns vorzubereiten. Und dieser K~ampf beweist von neuem, daB3 im gianzen genommen der Klasseninstinkt und das Bewuf~tsein der herrschenden Kiassen noch immer grif~er ist als das Bewu~tsein der unlterdriickten Kiassen, obwohl. die russische Revolution in dieser Hinsicht mehir getan hat als:al~le friiheren Revolutionen. Es ist.kein einziges Dorf in RuIland geblieben, wo das Volk und die Unterdriickten nicht aufgeriittelt sind. Trotzdem sehen wir, wenn wir kaltbliltig die Organisierung und den politisch klaren Blick der im Ausland lebenden russischen konterrevolutioniren Emigranten betrachten, daB das Klassenbewulltsein der Bourgeoisie auch jetzt noch grifler 1st als das Klassenbewultsein der Ausgebeuteten u'nd Unterdriickten. Natfirlich machen diese Leute, alle Anstrengungen, sie niitzen jedeGelegeniieit sehr geschickt aus, urn, wenn nicht in dieser, so doch in anderer Form, SowjetruBland anzugreifen und zu zertrflmmern. Es walre hichst lehrreich - und ich glaube, die auslindischen Genossen werden das tun -, systeratisch die wichtigsten Bestrebungen, die wichtigsten taktischen Maniver, die wichtigsten Strifmungen dieser russischen Konterrevolution zu beobachten. Sie arbeitet zumeist im Ausland, und es kann den auslIndischen Genossen nicht besonders schwer fallen, diese Bewegungen zu beobachten. In gewisser Hinsicht miissen wir von diesem Feinde lernen. Diese konterrevolutionfiren Emigranten sind sehr gescheit, sehr gut organisiert, sie sind sehr gute Strategen, und ich glaube, die systematisehe Beobachtung dessen, wie sie sich organisieren, wie sie diese oder jene Gelegenheit ausniitzen, miil*te eine groBe propagandistische Wirkung auch auf die Arbeiterklasse ausfiben. Das ist keine allgemeine Theorie, das ist praktische Politik, und man sieht hier, was der Feind gelernt hat. Die russische Bourgeoisie hat In den letzten Jahren furchtbare Niederlagen erlitten. Ein altes gefliigeltes Wort sagt: Eine geschlagene Armee kann gut lernen. Die geschlagene reaktionare Armee hat gut gelert, ausgezeichnet gelernt. Sie lernt so gierig wie nur miglich, und sie'hat wirklich grofle Erfolge erzielt. Damals, als wir die Macht mit einem einzigen Angriff genommen hatten, war die russische Bourgeoisie unorganisiert, politisch unentwickelt. Jetzt, glaube ich, steht sie auf der Hbihe der modernen westeuropa-lischen Entwicklung; darum miissen wir auch unsere Organisationen und Methoden verbessern, was wir auch mit allen Kraiften tun wollen. Es war also ziemlich leicht ffur uns, und ich glaube, es wird auch fuir die anderen Revolutionen leicht sein, mit diesen zwei grofen Ausbeuterkiassen fertig zu werden. Auflerhalb dieser Ausbeuterklasse gibt es.aber eine Kiasse der Warenproduzenten und der kleinen Ackerbautreibenden fast in allen kapitalistischen Lfndern, vielleichi -England oe yp' ' I

Page  22 N. LENIN -- ---- ~ ---- -~-- r --- c -- I~-wul~-rrrrr--~l~ll--~rrrr..1- I- _-~-- ausgenommen. Die,grole Frage der Revolution ist eben nun der Kampf gegen diese zwei letztenKassen. Urn diese Kiassen los zu werdlen, mi ssen wir andere Methoden anwenden ails gegen die Grolgrundbesitzer und Iapitalisten. Diese beiden Kiassen konnten wir einfach expropriieren, fortjagen. Das haben wir auch getan. Aber mit den letzten kapitalistischen Kiassen, mit den kleinen Produzenten, mit den Kleinbiirgern, die in alien Liindern existieren, konnten wir es nicht so machen. In den meisten kapitalistischen Lagndern stelien diese Klassen eine sehr grofe Minderheit, etwa 30 bis 45 Prozent der Bevbilkerung dar. Wenn wir die kieinbiirgerlichen Elemente der Arbeiterschaft hinzu nehmen sogar mehr als 50 Prozent. Hier kann man nicht expropriieren, niclitfortjagen, hier muI3 der Kampf anders gefilhrt werden. Die Bedeutung der Periode, mit der wir jetzt in Rui3land beginnen, bestelt vom internationalen Standpunkte aus, wenn wir die internationale Revolution als einheitlichen Prozei betraclten, wesetlich darin, dafB wir praktisch die Frage des Verhujltnisses des Proletariats zur letzten kapitalistischen KMasse in RuBland zu l*sen haben. Theoretisch haben alie Marxisten diese Frage gut und leiclt gel0"st. Aber Theorie und Praxis sind zweierlei, und diese Frage praktisch oder theoretisch zu l6sen, ist nicht dasselbe. Wir wissen ganz sicher, dafl wir grol3e Fehier gemacht haben, es ist aber auch ein sehr schwierigesProbiem. Vom internationalen Standpunkt aus ist es aber ein enormer Fortschritt, daB wir das Verhujitnis des Proletariats, das die Staatsmacht in den H*nden hat, zu der letzten kapitalistischen MKasse, zur tiefsten Grundlage des Kapitalismus, zurn kiinen Eigentum, zu den Kleinproduzenten zu losen bestrebt sind. Diese Frage ist uns jetzt praktisch gestellt. Ich glaube, dal3 wit diese Aufgabe lbsen konnen. Jedenfalls werden aber die Erfahrungen, die wir machen, f fr die kommenden proletarischen Revolutionen von Nutzen sein, und sie werden hessere technische Vorbereitungen zur LUsung dieser Frage treffen konnen. Ich versuchte in meinen Thesen, die Frage des Verhijtnisses des Proletariats zur Bauerntun zu analysieren. Zum erstenmal in der Geschche gibt es in einem Staate nur diese zwei Klasen: nur Proletariat und Bauerntum. Das Baertum bildet die grol3e Mehrheit der Bevllkrug. Es ist natiirlich sehr zuriickgel~lebe. Wi gstaltet sich nrun in der Entwicklu de -Revolution praktisch das Verhujit~~-lIs de Poltarlats, das die Macht in dein )%i.s~d.~ h ~tzu fernrschatft? Di~e. erste Fcorm ist die eines BUindnisses, eines kraftigen Bu*ndnisses. Es ist das eine sehr schwierige Atifgabe, aber jedenfalls 8konomisch und politisch m8glich. Wie gingen wir nun praktisch vor? Wir schiossen ein Biindnis mit der Bauernschaft. Wir verstehen dieses Biindnis so: das Proletariat befreit die Bauernschaft von der Ausbeutung der Bourgeoisie, befreit sie von der Fiihrung und Beeinflussung durch die Bourgeoisie, es zieht sie an sich, ur die Ausbeuter gereinsar zu besiegen. Die Menschewiki sprechen foigendermal3en: die Bauernschaft hat die Mehrheit, wir sind reine Derokraten, die Mehrheit soil beschlieflen. Da aber die Bauernschaft nicht seIbstandig sein kann, so bedeutet das praktisch nichts anderes ais die Restauration des Kapitalismus. Die Losung ist dieselbe: Biindnis mit den Bauern. Wenn wir davon sprechen, so verstehen wir darunter die Stairkung und Krliftigung des Proletariats. Wir haben dieses Biindnis zwischen dem Proletariat und Bauerntur versucht, und die erste Etappe war ein Kriegsbiindnis. Der dreijuihrige Biirgerkrieg schuf enorme Schwierigkeiten, aber er erleichterte in gewisser Hinsicht unsere Aufgabe. Es rag dies seitsan kiingen, aber es ist so. Der Krieg ist nichts Neues fuir die Bauernschaft. Der Krieg gegen die Ausbeuter, gegen die Grol3grundbesitzer war ihnen leicht verstaindlich, Die Bauern waren in riesigen Massen fiur uns. Trotz der groflen Distanzen, obwohl die meisten unserer Bauern nicht lesen und schreiben konnten, ging unsere Propaganda ieicht von statten. Es ist ein Beweis dafiir, daSI die grol3en Massen auch in den vorgeschrittenen Liindern viel eher aus ihren eigenen praktischen Erfahrungen lernen als aus Biichern, Und bei uns wurde die praktische Erfahrung fiur die Bauernschaft dadurch erleichtert, da13 Ruflland enorr gro13 ist und verschiedene Teile RuBiands nebeneinander verschiedene Stadien der Entwickiung durchrachen konnten. In Sibirien und in der Ukraine konnte die Konterrevolution zeitweilig siegen, weil die Bourgeoisie in Sibirien und in der Ukraina. die Bauernschaft hinter sich hatte, weil die Bauern gegen uns, gegen die Bolschewiki, waren. Die Bauern erkliirten s~ehr oft ganz einfach: Wir sind Bolschewriki und nicht Komm~unisten. Wrir sind Bolschewiki, weil sie die Grollgrundbesitzer fortgejagt haben, wir sind, aber keine Kommunisten, weil die Kommunisten gegen die pers8nliche Wirtschaft sind. Fiir eine ge-~ wisse kurze Zeit konnte die ]Konterr~evolution

Page  23 DIE TAKTIK DER KOMMUNISTISCHEN PARTE! RUSSLAM in Sibirien und in der Ukraine siegen, weil die Bourgeoisie im Kampfe ur den EinfluI3 bei der Bauernschaft gegen uns erfoigreich war. Allein eine kurze Zeit geniigte, ur den Bauern die Augen zu biffnen. Scion nach einer kurzen Zeit konnten sie- praktische Erfahrungen machen. Und bald sagten sie: Ja, die Bolschew-iki sind recht unangenelme Leute, wir haben sie nicht gern, allein sie sind jedenfalls besser als die Weif~gardisten und die Konstituante. Konstituante ist bei uns ein Schimpfwort, nicht nur bei den gebildeten Kommunisten, sondern auch bei den Bauern. Sie wissen aus dem praktischen Leben, dafB Konstituante und WeiBe Garde das Gleiche bedeuten, daf der Konstituante die Weife Garde auf dem Fuf3e folgt. Auch die Menschewiki nfitzen die Tatsadie des Kriegsbiindnisses mit dem Bauerntur aus, ohne aber daran zu denken, daB dieses Biindnis nicht genfige. Ein Kriegsblindnis ohne ein m konomisches Biindnis kann nicht existieren. Wir leben ja nicht von der Luft. Unser Biindnis mit den Bauern hiitte sich keineswegs dauernd halten konnen ohne cine wirtschaftliche Grundlage, und ohne diese wirtschaftliche Grundlage huitten wir auch den Krieg gegen unsere Bourgeoisie nicht gewinnen k8nnen. Unsern Bourgeoisie vereinigte sich ja mit der ganzen internationdilen Bourgeoisie. Die Grundlage dieses bkonorischen Bfindnisses zwischen uns und der Bauerntum war natiirlich sehr einfach, sehr roh, Der Bauer bekar von uns das ganze Land und die Unterstiitzung gegen den Grolgrundbesitz. Wir multen dafiir Lebensmittel -erhalten. Dieses Biindnis war ganz neuer Art und beruhte nicht auf der gew*hnlichen Verhiiltnis zwischen Warenproduzenten und Warenkonsurenten. Unsere Bauern verstanden das viel besser als die Helden der Zweiten und Zweieinhalb-Internationale. Sie sagten sich: Diese Bolschewiki sind rauhe Fiihrer, aber sie sind doch unsere Leute. Wir schufen jedenfalls auf diese Weise die Grundlage eines neuen wirtschaftlichen Biindnisses. Die Bauern gaben der Roten Arree ihre Produkte und bekaren von ihr UnterstiUitzung bei der Verteidigung ihres Besitzes. Und das vergessen immer wieder die Helden dieser Zweiten Internationale, die, wie Otto Bauer, die ganze Situation~ verkennen. Wir gestehen, daB die erste Form des Biindnisses sehr prirnitiv war und dal3 wir viele Fehler gemacht haben. Allein, wir rnul3ten so schnell wie m~glich handein, wir rnuljten die Ernihrung organisieren. Wiihrend des Buirgerkrieges waren wir von alien Teilen Rul~lands, die viezl Brot batten, abgeschnitten. Unsere Lage war furchtbar, und es ist schier em Wunder, daBf das russische Volk und die Arbeiterkiasse so viele Leiden, Not und Entbehrungen erduldet hat und erdulden konnte, stets nur von der Bewul3tsein getragen, den Sieg erringen zu muissen. Nach dem BUi*igerkrieg war unsere Aufgabe jedenfalls eine andere. Waire das Land nicht in der Weise ruiniert gewesen, wie es nach dem sieben Jahre dauernden Krieg der Fall war, so ware vielleicht der UJebergang zu einer neuen Form des Biindnisses zwischen dem Proletariat und dem Bauerntur leichter gewesen. Allein zt den ohnehin schwierigen VerhaIltnissen im Lande karen noch die Mil3ernte, der Mangel an Puttermitteln usw. Die Entbehrungen der Bauernschaft wurden dadurch unertraiglich. Wir muBten sofort etwtas unternehmen, um der groBen Masse der Bauernschaft klar zu zeigen, daS wir bereit sind, auf revolutionagrem Wege unsere Politik unbedingt so zu findern, daB sie sich sagen: Diese Bolschewiki sind Leute, die unsere unertraigliche Lage unverziiglich verbessern wollen, koste as, was es kosten mag. Und so kar dann die Aenderung unserer 6konomisch-n Politik -an Stelle der Requisition die Naturaisteuer. Das war nicht sofort ausgedacht. In der bolsche'wistischen Presse koinnen Sie natiirlich Monate hindurch Vorschla"ge finden, allein em wirklich erfolgversprechendes Projekt wurde nicht ersonnen. Das ist aber nicht wichtig. Wichtig ist die Tatsache, daB wir diese Aenderung unserer Obkonorischen Politik durchgeI iihrt haben, nur der praktischen Lage, der Notwendigkeit der Lage gehorchend. Die MiDernte, Mangel an Futtermittein, dazu noch der Mangel an Brennmaterial, dies alles hat natiirlich EinfluB auf die ganze Wirtschaft. Auch auf die Bauernwirtschaft. Streikt die Bauemnschaft, bekommen wir auch kein Holz., Und bekommen wir kein Holz, dann niissen auch die Fabriken stilistehen. Die 8konomische Krise war daher infolge der grolen Milernte und des Mangels an Futtermitteln irn Frihjahr 1921 riesig groB. Sie waren alle Folgen des dreijahrigen Buirgerkrieges. Es gait nun, der Bauernschaft zu zeigen, daB wir unsere Politik schnell umsteilen kbnnen und wolien, ur die Not der Bauernschaft unverzilgiich zu iinder.' Wir sagen immer - auch auf dern II. KngreB wurde es gesagt - die Revolution kostet Opfer. Es gibt Genossen,'die in ihrer Propaganda so argurentierenm Wir tind bereit, die Revolution zu machen, doch soil sit Iral

Page  24 4 r*r: ~ r-' r I r~ ~ ~ ~ N. LENIN ailcht sehr schwierig sein. Wenn ich nicht irre, hat Genosse Smeral diesen Satz in seiner Rede auf dem tschecho-slowakischen Parteitag gebraucht. Ich habe das im Berichte des Reichenberger,Vorwirts" gelesen. Dort gibt es wohi einen ein klein wenig linken Flfigel. Also ganz unparteiisch ist diese Quelle nicht. Jedenfalls mu8 ich aber erklaren, daB Smeral, Wean er dieses gesagt hat, unreclt hat. Einige Redner, die auf jenem Parteitag nach Smeral sprachen, sagten: Ja, wir gehen mit Smeral, weil wir dana urn den Biirgerkrieg herumkommen. Ist das alles wahr, so muI3 Ich erkllren, daB eine soiche Agitation nicht kommunistisch ist, nicht revolutioair ist. Natiirlich bedeutet jene Revolution grofe Opfer ffur die Kiasse, die die Revolution macht. Die Revolution unterscheidet sich von den gew-hnlichen Kampfen dadurch, daB zehamal, hundertmal mehr Leute an der Bewegung teilnehmen, und in dieser 'Hinsicht bedeutet jede Revolution Opfer, nicht nur fuir die Person, sondern ffur die ganze KMasse. Die Diktatur des Proletariats in RuBlland bedeutet so viel Opfer, so viel Not und Entbehrungen fu-r die herrschende KMasse, fir das Proletariat, wie sie nirgends in der Geschichte zu verzeichnen sind, und hiochstwahrscheinlich wird es in keinem anderen Lande anders gehen. Die' Frage ist, wie verteilen wir diese Entbehrunoen? Wir sind die Staatsmacht. Wir sind bis zu einem gewissen Grade imstande, die Entbehrungen zu verteilen, auf mehrere Kiassen abzuwa-lzen und dadurch verliltnismai-Iig die Lage der einzelnen Kiassen zu erleichtcrn. Nach weichem Grundsatz miissen wir verfabren? Auf Grund der Gercchtigkeit oder der Mehrheit? Nein. Wir miissen praktisch handela, wir miissen die Verteilung so vornehmen, daB wir die Macht des Proletariats erhalten konnen. Das ist unser einziger Grundsatz. Am Anfang der Revolution muf3te die Arbeiterkiasse enorme Entbehrungen erdulden. Ich stelle jetzt fest, dalI unsere Ernaihrungspolitik von Jahr zu Jahr gr5flere Erfolge hat. Und die Lage hat sich im aligemeinen zweifellos verbessert. Alein, die Bauera Rulands haben von der Revolution unbedingt mehr gewoanen als die tArbiterklasse. Dariiber besteht kein Zweifel. Vorn: theoretischen Standpunkt aus beweist das ~natiirlich, daB bis zu einem gewissen Grade unser Revolution cine biirgerliche Revolution wa. Wean Kautsky dieses Argument gegen uns vorrachte dana lachten wir. Es ist na tuirlich, dal es ohne Expropriierung des GroBgrundbcsitzes, ohne Verjagung der GroBgrundbcsitzer und ohne Verteilung des Grund und Bodens nur eiae biirgerliche und keine soziale Revolution gibt. Allein, wir waren die einzioc Partei, die die biirgcrliche Revolution zu Ende fifhren und den Kampf fU"r die soziale Revolution erleichtern konate. Sowjetmacht und Sowjetsystem sind Institutionen des sozialen Staates. Wir haben diese Institutionen schon verwirklicht, allein das Problem des 5konomischcn Verhijitnisses der Bauernschaft zum Proletariat ist noch nicht gel6st. Vieles ist noch nicht gemacht, vieles ist scion durchbefiihrt, und das Resultat des Kamnfes wird davon abhiingen, ob wir diese Aufgabe l5sen k6nncn oder nicht. Also die praktische Verteilung der Entbehrungen ist cine der schwieriosten Aufgaben. Im allgemeinen ist eine Besserung der Lage in der Bauernscbaft cingetreten, und die schwierigsten Entbehrungen sind der Arbeiterklasse auferlegt, eben weil diese Arbeiterkiasse die Diktatur ausiibt. Ich sagte schon, der Mangel an Futtermittela und die Milernte brachte im Friihling 1921 der lauernschaft die furchtbarste Not. Die Bauernschaft bildet die Mehrheit. Ohne mit diesen Massen in einem guten Verhijitnis zu stehen, ko"nnen wir nicht existieren. Es war daher unsere Aufgabe, der Bauernschaft sofort zu helfen. FuOr die Arbeiterschaft ist die Lage sehr schwierig, sie leidet furchtbar. Allein, sic sind die politisch eatwickelteren Elemente, und auch von diesen verstanden es aur die besten Elemente, daB wir im 'Interesse der Diktatur der Arbeiterschaft die gr6iBten Anstrengungen macben mu*ssen, ur der Bauernschaft zu helfen, koste es, was es wolle. Die Avantgardc der Arbciterschaft verstand dies. Es waren aber Teile der Arbciterschaft, sogar Teile der Avantgarde, die das nicht verstanden, die zu mUide waren, ur das zu verstehen. Sic sahen darin einen Fehier, sic gebrauchten das Wont Opportunismus, sic erblickten darin eine gewisse Art des Opportunismus. Man sagte: Jetzt belfen die Bolschewiki den Bauern. Den Bauer, den unser Ausbeuter ist, bekommt alles, was er will, der Arbeiter hungert. Ist das Opportunismus? Wlir helfen den Baucra aus dem Grunde, weil ohac das Biladnis mit der Bau~ernschaft die politischc Macht des Proictariats unm2Sglich ist, sic nicht zu halten ist. Diese Zwcckmiil3igkcitsgruandc waren fuir uns entschcidead und nicht die alg~emein gerechte Verteiluag. W17ir helfen den Baucra, weil das unenll~lich ist dafuir, daB wir die po

Page  25 r~i. ~ ~~I Ir ~ -; -~~il-l--i: i DIE TAKTIK DER KOMMUNISTISCHEN PARTE! RUSSLANDS:.1, -i_ litische Maclt erhalten. Das ist der h8chste Grundsatz der Diktatur, das Biindnis des Proletariats mit der Bauernschaft zu bewalren, darit das Proletariat die fiihrende Rolle und die Staatsmacht behalten kann. Das einzige Mittel, das wir hierfiir gefunden haben, war der Uebergang zur Naturals t e u e r. Praktisch ist dies durch die Notwendigkeit des Kampfes entstanden. Wir werden die Naturalsteuer im naichsten Jahre zum erstenmal erproben. Praktisch ist die Frage noch nicht verwertet, noch nicht erprobt. Wir mfissen vom militiirischen Biindnis zum 8-konomischen iibergehen, und theoretisch ist die einzige Grundlage fU"r dieses 6konomische Biindnis die Einfiihrung der Naturalsteuer. Es ist die einzige theoretische Mbglichkeit, ur zur wirklich soliden 6jkonomischen Basis der sozialistischen Gesellschaft zu kommen. Die sozialisierte Fabrik gibt dem Bauern;hre Produkte und der Bauer gibt dafiir Getrcide. Das ist die einzig mojgliche Form fU"r die Existenz der sozialistischen Geseilsehaft, der cinzig mogliche Aufbau in einem Lande, wo der Kleinbauer die Mehrheit oder zumindast eine sehr grofe Minderheit bildet. Ein Teil als Steuer, der andere Teil als Austausch gegen die Produkte der sozialisierten Fabrik oder als Warenaustausch. Und hier kommen wir zu dem schwicrigsten Punkte. Die Naturalsteuer bedeutet, selbstverstaindlich, Freiheit des Handels. Ler Bauer kann den Rest seines Getreides, der ilm nach der Naturalsteuer bleibt, frei austauschen. Diese Freiheit des Austausches bedeutet Freiheit des Kapitalismus. Wir sagen das offen und wiederholen das. Wir verhehien das nicht. Es waire sehr schlimm ur uns besteilt, wenn wir das verheimlichen woliten. Freiheit des Handels bedeutet Freiheit des Kapitalismus, es bedeutet aber eine neue Form des Kapitalismus, es bedeutet, daB wir den Kapitalismus bis zu einem gewissen Grad neu schaffen. Wir machen das ganz offen. Es ist Staatskapitalismus. Allein Staatskapitalismus in einer Gesellschaft, in der der Kapitalismus die Maclt hat, und der Staats-kapitalismus in einem proletarischen Staat sind zwei verschiedene Begriffe. In einem kapitalistischen Staat bedeutet der Staatskapitalismus, dal3 der Kapitalismus vom Staate anerkannt, vom Staate kontrolliert wird zum Nutzen der Bourgeoisie gegen das Proletariat. In einem Proletarierstaate geschieht dies zum Nutzen der Arbeiterschaft, urn gegen die noch immer allzu starke Bourgeoisie ~bestehen und k5.rnpfen zu kiinnen. Wir miissen also der fremden Bourgeoisie, dem auslindischen IKapital Konzessionen gewlhren. Wir geben oline die geringste Entstaatlichung Bergwerke, W~Ider, Naplthagruben an auswartige Kapitalisten, ur von ilnen industrielle Artikel, Maschinen usw. zu erhalten, ur auf diese Weise unsere Industrie herzustellen. Ueber den Staatskapitalismuas waren wir selbstverstlndlich niclt gleich alle einig. Wir konnten aber bei diesem Anlasse mit grofler Freude feststellen, daS unsere Bauiernschaft in erfreulicher Weise sich entwickelt und daB sie die historische Bedeutung des Kamples, den wir jetzt fiiren, vollstandig begriffen hat. Ganz einfache Bauern aus den entletgensten Teilen kamen zu uns tind sagten:,,Wie? Unsere Kapitalisten, die russisch sprechen, hat man verjagt, und jetzt sollen, fremde Kapitalisten zu uns kommen?" Zeugt dies niclt f Ur die Entwicklung unserer Bauern? Dem iOkonomisch gebildeten Arbeiter brauchen wir niclt erklaren, warum das notwendig ist. Durch den siebeniaiirigen Krieg sind wir so ruiniert, dafl die Wiederherstellung unserer Industrie melrere Jalre erfordert. Wir miissen fuir unsere Zuriickgebliebenheit, fufr unsere Schwa-che, daffir, daB wir jetzt lernen und lernen miissen, zahlen. Wenn man lernen will, mufl man dafuir zahien. Wir miissen das alien in praktischer W eise vor Augen ffihren. Und wenn wir das praktisch beweisen, werden die enormen Massen der Bauern- und Arbeiterschaft mit uris einverstanden sein, weil dadurch ibre Lage sofort verbessert wird, weil dadurch ier Aufbau unserer Industrie ermoglicht wird. Was zwingt uns dazu? Wir sind niclt allein auf der Welt. \Xrir existieren in elnem System der k-cpitalistischen Staaten als Glied der Weitwirtschaft. Auf der einen Seite - Koloniallander, sie koinnen uns noch niclt helfen; auf der anderen Seite - kapitalistische LUnder, sie sind unsere Feinde. Es ist ein Gleiclgewiclt, wenn auch ein sehr schlechtes Gleiclgewicit, aber wir miissen doch mit dieser Tatsache rechnen. Wir diirfen uns dieser Tatsache nicht verschlieflen, wenn wir existieren wollen. Entweder sofortiger Sieg fiber die gesamte Bourgieoisie, oder Tribut zahlen. WJCir gestehen ganz offen, verheimlichen es niclit, K~Ionzessionen:: irn Sta2atskapitalismus, das heilit, Tribut an den Kapitalismus. Aber wir ~gewinnen Zeit, un~d Zeit gewinnen, heifit alles gewinnen, in- m besondere in der Epoche des Gleicligwiclits in der Epoche, in der die ausliindischen Ge-: nossen ilire Revolution grilndlich vorbereiten Je. griindlicher wir~ ale vorbereiten, desto

Page  26 N. LENIN li-;-i-~i-- --- C-.-l*ll I~II*L.L_*_L-_* _I:~--j - ---_ _I:--i_~~L-~_ ~~-~_1-_i~-~ ~*l\-l-I-L ~-i -.l-~i..-.-i_~i___L~ der Sieg. Bis dahin zahien wir.inige Worte iiber uns re Ernihrungspolitik. sere Ern"ihrungspolitik war zweifellos sehr mitiv und schlecht, doch haben wir auch olge. Bei diesem AnlaB muf3 ich abermals onen, daB wir nie vergessen diirfen, daf3 die zig m6gliche ikonomische Grundlage - e grofle Maschinenindustrie ist. Wer das gilt, 1st kein Kommunist. Wir miissen das kret ausarbeiten. Wir diirfen die Fragen it so stellen, wie die Theoretiker des alten jalismus es tun, sondern praktisch. Was 3t moderne Groflindustrie? Das heifit die e k t r if i z i e r u n g ganz Ruf~lands. Schwe4 Deutschland und Amerika sind schon da ran, das zu verwirklichen, obwohl sie noch uirgerliche Liinder sind. Ein Genosse aus Sci~weden erziihlte mir, daB dort ein grofler reil'der Industrie elektriflziert ist und auch 30 Prozent der Landwirtschaft. In Deutschand und Amerika, als in noch entwickelteren capitalistischen Ldndern, ist das in noch weit ibherem Mafie der Fall. Grole Maschinenndustrie ist gleichbedeutend mit der Elektriizierung des ganzen Landes. Wir haben schon:ine Spezialkommission ernannt, bestehend LUS den besten 6konomischen und technischen ýCriften. Diese bkonomischen und technischen Criifte sind fast alle gegen die Sowjetmacht. )iese Spezialisten werden zum Kommunismus commen, aber nicht so wie wir, durch zwanzigihrige unterirdische Arbeit, wihrend weicher eit wir das ABC des Kommunismus fortge0esetzt studiert, wiederholt und wiedergekaut maben. Fast alle Organe der Sowjetracht sind da(ir, dafl wir den Weg zu den Spezialisten;ehen miissen. Die Spezialisten, die Ingenieure; erden zu uns kommen, wenn wir ihnen prakisch beweisen, dalI auf diese Art die Produkivkra*"fte des Landes' gehoben werden. Es renigt nicht, ihnen das theoretisch zu zeigen. Wir miissen ihnen das praktisch beweisen. ad* wir gewinnen diese Leute fuir uns, wenn,ir die Frage anders stellen, nicht so, dafl wir ren Komnunismus theoretisch propagieren. Vir sagen: die Grolindustrie ist die einzige 48glichkeit, die Bauernschaft vor Not und lunger zu retten. Damit sind alle einverstanten, Aber wie ist das zu machen? Die alte ndustrie zu rekonstruieren erfordert alizuviel krbeit und Zeit. Wir niissen diese Industrie aoderner gestalten, und zwar dadurch, da13 vir zur Elektrifizierung ilbergehen. Die Elekrifizierung nilmmt viel weniger Zeit in Anruch.,Die Piline der Elektrifizieruug haben wir schon ausgearbeitet. Mehr als zweihundert Spezialisten haben daran mit Interesse gearbeitet, obwohl sie nicht Kommunisten sind, sondern sie taten das, weil sie vom Standpunkt der technischen Wissenschaft anerkennen mullten, daB das der einzige Weg 1st. Natiirlich ist vom Plan bis zur Verwirklichung ein sehr langer Weg. Die vorsichtigen Spezialisten sagen, die erste Reihe der Arbeit erfordere nicht weniger als zehn Jahre. Ffir Deutschland hat Professor Ballod berechnet, dai drei bis vier Jahreý geniigen, um Deutschland zu elek-trifizieren. Ffir uns sind zehn Jahre zu wenig. Ich gebe in meinen Thesen die faktischen Zahlen an, damit Sie sehen, wie wenig bisher bei uns auf diesem Gebiete gemacht werden konnte. Die Ziffern, die ich anfiihre, sind so bescheiden, daB man sofort sieht, sie haben mehr propagandistischen Wert als wirtschaftlichen. Wir miissen aber mit der Propaganda beginnen. Der russische Bauer, der an dem Weltkrieg teilgenommen und mehrere Jahre in Deutschland gelebt hat, hat in Deutschland gesehen, wie man modern wirtschaften mul, um den Hunger zu besiegen. Wir iuissen eine grolle Propaganda dafiir machen. Die Anlagen haben bisher an und fu"r sich eine winzige praktische Bedeutung, allein cine um so grollere propagandistische Wirkung. Der Bauer sieht, daBl etwas Neues gexnacht werden mul, der Bauer versteht, dal nicht jeder fu*r sich, sondern der ganze Staat daran 'arbeiten mul. Der Bauer hat in der Kriegsgefangenschaft in Deutschland gesehen und gelernt, was die wirkliche Grundlage des kulturellen Lebens ist. Zwitlftausend Kilowatt ist ein sehr bescheidener Anfang. Vielleicht wird der Auslander, der die amerikanische, deutsche oder schwedische Elektrifizierung kennt, dariiber lachen. Aber ich sage, wer zuletzt lacht, lacht am besten. Ein bescheidener Anfang. Die Massen der Bauernschaft beginnen zu verstehen, dafl neue Arbeiten in grollem Malstab zu machen sind und schon in Angriff genonimen werden. Es sind enorme Schwierigkeiten zu (iberwinden. Wir werden versuchen, mit den kapitalistischen Lfindern in Beziehung zu treten. Man soll es nicht bedauern, wenn wir den Kapitalisten einige H9undertmillionen Kilogram@ Naphtha zur Verfiigung stellen unter der Bedingung, daB3 sie uns helfen, unser L~and zu elektriflzieren. Und nun zum SchullB einige WVorte liber die,,reine Demokratie". Ich zitiere, was Engels in seinem ~Briefe an Bebel am 11. Dezember 1884 schrieb:,,.. Die reine Demokratie kaann mm Momente delr Revo~lution,... alar

Page  27 DIE TAKTIK DER KOMMUNJSTISCHEN PAJ 1 i. - ~ ~ --- -1 - ~:~-, I -- ~ letzter Rettungsanker der ganzen burgerlichen, selbst feudalen Wirtschaft momentan Bedeutung bekommen... So verstairkte die gesamte feudal-biirokratische Masse (1848 Mairz bis September) die Liberalen, ur die revolutionare Masse niederzuhalten.,. Jedenfalls ist unser einziger Gegner am Tage der Krise und am Tage naclher di ie u m d i e reine Demokratie sich gruppierende Gesamtreaktion, und das, glaube ich, darf niclt aus den Augen verloren werden." Wir kbnnen unsere Fragen nicht so stellen, wie die Theoretiker. Die gesamte Reaktion, nicht nur die biirgerliche, sondern auch die feudale, gruppiert sich um die,,reine Demokratie". Die Deutschen wissen am besten, was die,,reine Demokratie" bedeutet, weil Kautsky und die anderen Fiihrer der Zweiten und Zweieinhalb-Internationale diese,,reine Demokratie" gegen die,,bbsen" Bolschewiki verteidigen. Analysieren wir die russischen Sozialrevolutionfire und die Menschewiki nicht nach ihren Worten, sondern nach ihren Taten, sind sie dann nichts anderes als eine kleinbiirgerliche,,reine Demokratie". In unserer Revolution haben sie mit klassischer Reinheit gezeigt, was die,,reine Demokratie" bedeutet, ebenso auch wfihrend der letzten Krise, waihrend des Aufstandes in Kronstadt. Die Gairung unter der Bauernschaft war enorm, auch in der Arbeiterschaft herrschte Unzufriedenheit. Sie waren milde und erschb*pft. Es gibt ja auch menschliche Grenzen. Drei Jahre lang hat man gehungert. Man kann nicht vier oder fiinf Jahre lang hungern. Natiirlich hat der Hunger einen seir groflen Einflul auf die politische Aktivitat. Was taten die Sozialrevolutionare und die Menschewiki? Wiihrend der ganzen Zeit schwankten sie und stirkten dadurci die Bourgeoisie. Die Organisierung aller russischen Parteien im Auslande hat gezeigt, wie jetzt die Sache steht. Die kliigsten Fiihrer der russischen Groflbourgeoisie haben sich gesagt: Wir kannen in Ruiland nicht sofort siegen. Demnaci mui3 unsere Losung sein: Sowjets ohne Bolschewiki. Der Fiihrer der Kadetten Miljukow verteidigte die Sowietmacht gegen die Sozialrevo~lutioniire. D~as ist idchst seltsam., Das ist aber die praktische Dialektik, die wir in unserer Revolution auf eigenartige Weise aus der Praxis unseres Kampfes und des Kampfes unserer Gegner studieren. Die Kadetten verteidigen die Sowjets nur ohne Bolschewiki, weil sie die Lage gut verstehen und weil sie hoaffen, auf diese Wleise einen Teil.der Bevtl kerung k8dern zu k8nnen. Das sagen die klugen Kadetten. Nicht alle Kadetten sind kiug, allein ein Teil ist klug und hat gewisse Erfahrungen aus der franz8siscien Revolution gesch~pft. Die Parole ist jetzt: Kampf gegon die Bolsciewiki um jeden Preis, koste es, was es wolle. Die gesamte Bourgeoisie hft jetzt den Menschewisten und den Sozialrevolutionaren. Die Sozialrevolutionaire und die Mensciewiki bilden jetzt die Avantgarde der gesamten Reaktion. Wir haben in diesem Friihling Proben dieser konterrevolutionfiren, Verbriiderung gesehen. Daher miissen wir den riicksicitslosen Kampf gegen diese Elemente fortsetzen. Die Diktatur ist der Zustand des versciairften Krieges. Wir befinden uns in einem Zustand des verschirften Krieges. Eine militirische Invasion ist jetzt nicht vorhanden. Allein, wir stehen isoliert da. Insofern stehen wir aber nicht isoliert da, als die gesamte internationale Bourgeoisie der Welt niclt imstande ist, den Krieg sofort offen gegen uns zu fiihren. weil die gesamte Arbeiterkiasse, obwoil diMehrheit noch nicht kommunistisch ist, dovh soweit ist, daB sie die Intervention nicht zul1f3t, so dali die Bourgeoisie schon mit diesem Instrument der Massen recinen mul. Deshaib ist sie nicht imstande, sofort die Offensive gegen uns zu ergreifen, obwoil das nicit ausgescilossen ist. Bis das allgemeine definitive Resultat nicht da sein wird, bleibt der Zustand des furchtbaren Krieges bestehen, und wir sagen, im Kriege handein wir kriegsgem&13, wir versprechen keine Freiheiten und keine Demokratie, sondern wir erkliiren ganz offen den Bauern, daB sie waihlen miissen: entweder die Bolsciewistenmacht, dann werden wir ilnen Konzessionen machen bis zu den Grenzen, bis zu denen es m-glici ist, die Macht zu behalten. So fiihren wir sie zum Sozialismus. Es ist das ein schwieriger Weg. Oder aber: die biirgerliche Macht. Alles andere ist Humbug, reinste Demagogie. Den Kampf bis aufs Mlesser gegen diesen Humbug, gegen diese Demagogie. Unser Standpunkt ist: Einstweilen grofle Konzessionen, die gr8fte Vorsicit, eben weil ein gewisses Gleichgewlicit vorhanden ist, weil wir sciwicier1sindaVI unsere vereinigten Gegner, weil unsere 81wnomiscie Basis zu sciwaci ist, weil wircl stiirkere wirtsciaftlicie Basis haben missu Das ist, was ici den Genossent ilber uner Taktik, fiber die Taktiks der Kommunitse Partei Rulalands zu sagen habe. /

Page  28 ~~I L i I ~I I ~ I - ~ * ~ - ~ i I A. LOSOWSKY i -- --- ' Der ersfe internmaionale Kongrel3 revoluflonc'ren GeiverkscO afIs verbdn de. (3. bis 19. Juli 1921.) Der erste internationale Kongref der Srevolo4ioniren Arbeiterverbainde tritt elf Monate nach der Schaffung des Provisorischen Internationalen Gewerkschaftsrates als organisatorischer Kern fU"r die Zusammenfassung der revolution aren Kriifte zusammen. Im Laufe dieser kurzen,Zeit hat die internationale Gewerkschaftsbewegung eine tiefgehende Umgestaltung erfahren. Selbst dort, wo die Amsterdarner ungeteilt geherrscht haben, hat sich eine oppositionelle Bewegung gebildet, geformt und ausgewachsen, die die von der provisorischen internationalen Zentrale aufgestellten Prinzipien in der Praxis durchfiihrte. Die Verschuirfung des Kiassenkampfes, die durch die Verbriiderung zwischen dem Biirgertum und den Fiihrern der Gewerkschaftsbewegung im Laufe der Kriegszeit und der Nachkriegszeit nicht aufgehalten werden konnte, stelite die breiten Massen vor die Frage der neuen Methoden des Gewerkschaftskampfes. Der tiigliche anschauliche Unterricht der biirgerlichen Reaktion braclte die Arbeiter aller Liinder - hier schneller, dort langsamer nach links, zu den Moskauer Prinzipien, zu den Losungen der sozialen Revolution. Die-Aufgabe, des Kongresses bestand nicht nur darin, dieser Radikalisierung der Massen einen Ausdruck zu geben und die revolutiona-ren Kraifte zu za*hlen, sondern auch darin, die taktischen Grundsiitze fur die revolution~ren Gewerkschaften auszuarbeiten, die gesamte positive wie negative Erfahrung der Kiirpfe in allen LUndern zu summieren, ein einheitliches Aktionsprogramm auszuarbeiten und den linken FRigel der internationalen Gewerk schaftsbewegung organisatorisch zusammenzufassen. Diese Aufgaben wurden vom Kongresse, wie wir spaiter sehen werden, in glainzender Weise gel6st. Wenn wir die vom Kongre3 im Laufe der zwei Wochen geleistete Arbeit aufmerksam untersuchen, die Stenogramme und die Protokolle dieses Kongresses griindlich durchstudieren, werden wir in seinen langen, leidenschaftlichen Debatten die Widerspiegelung von all dem finden, was den Lebensinhalt, das Lebensinteresse der Weltarbeiterbewegung zur Zeit bildet, Unser Kongref3 hat etwa die Hailfte der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter der ganzen Welt vereinigt. Wir konnten fulr diesen ersten, konstituierenden Kongref3 naturgemiif3 kein einheitliches, normales Vertretungssystem festsetzen, Ein soiches System ware die Vertretung auf Grund der unmittelbaren Delegiertenwahl durch die Landeszentralen der Gewerkschaftsbewegung. Unter den obwaltenden Umstanden war dies nicht moiglich. Daher bestand unser Kongrel nur zum Teil aus den Delegierten der gewerkschaftlichen Landeszentralen: so war dies fu"r Rufland, Bulgarien, Jugoslawien und fu"r viele andere Lainder der Fall. Andererseits waren auf dem KongreB die Minderheiten der Gewerkschaftsbewegung vertreten, jene Minderheiten, die gegenwiirtig einen erbitterten Kampf urn ihre Befreiung, gegen die alte Ideologie, gegen alte Gewohnheiten, alte Methoden, alte Theorien und die alte Praxis der gewerkschaftlichen Biirokratie fiihren. Die Zusammensetzung des Kongresses war daher von zweierlei Art; einerseits offizielle Vertreter der Landeszentralen, andererseits Vertreter der ge

Page  29 I _ _ 1_:: DER ERSTE iNTERN. KONGRESS DER REEVOL. GEWERKSCHAFTSV - I; 'I werkschaftlichen Minderheiten. Diese bunte und ungleichmai"3ige Vertretung veranlal3te jene Organisationen, die sich gleich vom Beginn des Kongresses an in der Minderheit befanden, sogar die Frage der Vollmachten des Kongresses anzuscdneiden und freilich schuichtern anzudeuten, daB ein konstituierender KongreB der Internationale auf anderen Grundlagen einberufen werden muf3te. Auf dem KongreB wafen 380 Delegierte von 41 Landern, davon 336 mit entscheidender und 44 mit beratender Stimme anwesend. Fast alle Liinder der Welt waren vertreten; auf3er der russisehen Sowjetrepublik und den anderen Bruderrepubliken: England, Frankreich, Deutschland, Italien, Schweden, Norwegen, Danemark, die Vereinigten Staaten Amerikas, Argentinien, Mexiko, wie auch die Vertreter von Korea, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Oesterreich, die Tschechoslowakei, Polen uld selbst die der hollandischen Kolonien auf der Insel Java. Der Zahl der vertretenen Lainder nach war der KongreB vielleicht noch vollziihliger als alle friiheren Kongresse der alten Internationale. Aber aus sehr vielen Liindern waren nur revolution ire und oppositionelle Minderheiten und kommunistische Gruppen anwesend, die nicht gleichartig, sondern nach verschiedenen Typen und versehiedenen Grundsaitzen, je nach den lokalen Eigentiimlichkeiten jedes Landes, vertreten waren. Scion diese Zusammensetzung des Kongresses - die Anwesenheit der Delegierten von 41 versehiedenen LUndern - stellte uns von Anfang an vor all die Fragen, die die Gewerkschaftsbewegung aller LUnder in, Atem halten. Wenn wir in fruiheren Zeiten von dem,,linken Fliigel der Gewerkschaftsbewegung" sprachen, bezeichneten wir dadurch nur jene Grenze, wo zwei WJeltanschauungen, zwei Ansichten einander gegenfiberstanden. 3Es waren dies einerseits die alte ref ormistische Gewerkschaftsbewegung, die auf dem Stand punkt der Zusammenarbeit der Klassen standen, und andererseits die revolu. tionjire Gewerkschaftsbewegung, die auf dem Standpunkt der sozialen Revolution und des revolutionairen Klassenkampfes steht. Und nur in diesem Sinne sprach man von dem linken Fliigel der Arbeiterbewegung. Als wir aber diesen linken Fliigel niiher betraclteten, als wir bei seinen Vertretern den,,Puls zu tasten" begannen, fanden wir, daB er bei ihnen in ganz verschiedener Weise schlamgt, weil die Vertreter der verschiedenen linksstehenden Gruppen die Aufgaben der Arbeiter.' organisation verschieden auffassen, den gegenwartigen Zeitptinkt verschieden em-, schuitzen, sich von den Wegen der Bewegung verschiedene Begriffe machen und die LOsung der vor ihnen stehenden konkreten Aufgaben auf verschiedene Weise anfassen. Wir finden also innerhalb der Linken der Arbeiterbewegung, die durch ihre unbedingte, vorbehaltlose Ablehnung des Reformismus und der Zusammenarbeit, der Klassen vereinigt ist, alle Gedankenschattierungen, alle Regenbogenfarben. Wir finden hier reine und in ihrer Ideologie unerschuitterliche Anarchisten und Anarchisten mit Vorbehalten; unversihnliche revolutionire Syndikalisten von altem Schrot und Syndikalisten, die im, Laufe der letzten Zeit viele ihrer Vorurteile iiberwunden haben; weiter folgen die Kommunisten und schliefllich einfache Linksgewerkschaftler, die noch bei weitem niclt alle Ueberlieferungen der reformistischen Gewerkschaftsbewegung abgeschiittelt haben. So wies der Kongref, seine I geistigen Inhalt, seinen inneren Str~mun-- gen nach die Vertreter aller in der revolutiongTren inken vorhandenen Schattie-: rungen auf. Und eben in dieser Beziehung: sind seine D~ebatten von besonderem In-; teresse. Nach aufmerksamer Durchsicht der KongreBprotokolle sehen wir, wi.e verachie dene Weltanschauungen in jeder Frag aneinanderprallten und ihre Stimmunei.r. 01

Page  30 A. LOSOWSKY.;-.L~.. - --I j --~..i 1 ~, Arbeit des Kongresses r Die Tagesordnung unseres Kongresses war ziemlich unfangreich. Aufer dem Berichte, der naturgemIif3 vom Provisorischen Internationalen Gewerkschaftsrate abgestattet werden solite, hatten wir die fur die Syndikalisten brennendste Frage iber' die Beziehungen zwischen der Gewerkschaftlichen Internationale und der Kommunistisehen Internationale. Dann folgten: die Frage der Taktik und der Aufgaben der Gewerkschaften, die organisatorische Frage, das Statut, die Frage der Arbeitslosigkeit, die Frage der Arbeiterkontrolle, der Betriebskomitees, die Frage der Kriegsbeschuidigten und der Kriegsopfer1 der Frauen in der Industrie und in den" Gewerkschaften und eine ganze Reihe von anderen Fragen, die prinzipiell weniger wichtig, dennoch praktisch sehr wesentlich sind. Den Fragen der letzten Art mul3te der Kongref3 ebenso viel Aufmerksankeit schenken, woilte er nicht nur ein Kongrel der Aufrufe, Manifeste und Dekiarationen, sondern auch ein Kongrel3 der Aktion sein, der eine..bestimmte Taktik festlegt, der gesamten Gewerkschaftsbewegung der Welt bestimmte Richtlinien f dr weitere Kampfaktionen gibt. UnsIer KongreB trat, wie schon gesagt, elf. Monate nach der Schaffung des Provisorischen Internationalen Gewerkschaftsrates, der hier in Moskau am 15. Juli gebildet wurde, zusammen.- Der provisoriache Rat wurde zweifelsohne auf Grund der, gegenseitigen Zugestaindnisse und Kompromisse aufgebaut und konnte, kraft der objektiv'en Umstiinde im Laufe des ersten Jalres seiner Tiitigkeit, nur sehr wenig Aktivitlt, entfalten. Nichtsdestoweniger gewann er eine grofe Volkstiimlichkeit. So ist es immer, wenn eine Org tiondengereiften Bediirfnissen entspilt. nd wirklich: was stellte unser Pervirihe Internaitionaler Gewerk schaftsrat 1920 dar? Er war ein organisa'torisches Zentrum, un das sich die Strbmungen der internationalen Gewerkschaftsbewegung zu kristallisieren und zu gestalten begannen, die mit der alten Gewerkschaftsbewegung nicht zusammengehen konnten. Die internationale Gewerkschaftsbewegung ist im Laufe der Nachkriegszeit riesig gewachsen. Vor dem Krieg umfal3ten alle Gewerkschaften der Welt 9~/2 Millionen Mitglieder. Gegenwairtig haben wir in den Gewerkschaften 40 Millionen Mitglieder. Diese ungeheure Arbeitsarmee, die 40 Millionen Proletarier umfalt, ist in qualitativer Beziehunig nicht gleichartig. Die Gewerkschaftsmitglieder der einzelnen LUnder stellen ihre Tagesaufgaben nicht in gleicher Weise, sie fassen diese Aufgaben nicht in gleicher Weise an. In dieser Riesenarmee finden sich Menschen, die noch vollkommen in altem Geist leben. Die biirgerliche Welt beherrscht das Proletariat nicht nur durch die physische Unterdru"ckung und Gewalt, sie fesselt es auch geistig, sie iihmt es und driickt es herab durch ihre Weltanschauung. Wenn wir die Arbeitermasse als ganzes betrachten, -so bemerken wir leicht, wie viele biirgerliche Vorurteile, wie viele geistige Ueberbleibsel die Arbeiterklasse von der biirgerlichen Kultur, von der biirgerlichen Gedankenwelt geerbt hat. Dieser EinfluB der Bourgeoisie auf die Arbeiterbewegung kommt in verschiedenen Stroimungen der internationalen Gewerkschaftsbewegung zum Ausdruck. Von jenen 40 Millionen haben ungefiihr 17 Millionen im Laufe der letzten 11 Monate ihre,,Stellung geklirt; sie begannen, sich gegen die alte Taktik auszusprechen, gegen die Amsterdamer Internationale mit ihrer Ideologie und ihrer Philosophie der Zusammenarbeit der Klassen aufzutreten. Die Theorie irnd Praxis der Amsterdamer~ Internationale Iduft im wesentlichen darauf 3hinaus, daBl sich die Arbeiterklasse aus der Sackgasse, in die sie durch den Krieg hineingeraten ist,

Page  31 DER ERSTE INTERN. KONGRESS DER REVOL. --~ -- I I nur durch.,die friedliche Entwicklung, durch die.Verstaindigung mit der Bourgeoisie herausarbeiten kann. Dieser Standpunkt stief auf einen aligemeinen Widerstand in der Arbeiterkiasse, und es entstand auf diesem Boden eine revolution1`re Bewegung gegen Amsterdam. So dauert im Laufe dieser elf Monate in der ganzen internationalen Gewerkschaftsbewegung, in der ganzen gewerkschaftlichen Literatur der Kampf unter zwei Flaggen,,Amsterdam oder Moskau" an. Seibstredend sind hier Amsterdam und Moskau keine geographischen Begriffe, sondern Bezeichnungen fu"r jene beiden Gedankenkomplexe, die von den obengenannten beiden Gruppen vertreten wurden: einerseits die Zusammenarbeit der Ki~assen, die Verstiindigung mit der Bourgeoisie, andererseits der riicksichtslose revolution"are Klassenkampf, die soziale Revolution und die proletarische Diktatur. Es waren dies zwei Systeme, zwei Welten, die innerhaib der Gewerkschaftsbewegung kdmpften. Unser Kongref3 war gleichsam die logische Schluffolgerung, dieser Entwicklung der Arbeiterbewegung im Laufe der elf Monate. Wir haben nur ihre Endergebnisse formuliert.... Und da die Geschichte fu*r uns arbeitete, d. h, die internationale Arbeiterbewegung im Laufe der Nachkriegsperiode sich schon auf der Grundlage der grausamen Lebren des Krieges, der waclsenden Not, der Stilllegung der Betriebe entwickelte, so trieb die Weltgeschichte die Arbeiterkiasse nach links, und zwar selbst in dem Falle, wo der Arbeiter selbst sich dessen nicht bewuBt war, daB3 er nach links ging. Viele Arbeiter sprachen unsere Sprache, ohne es zu wissen, daB sie die Moskauer Sprache sprachen, l 0lich dem bekannten Molireschen Helden, der sein ganzes Leben lang in Prosa sprach, ohuie zu wissen, daB es eben Prosa war. Die Haupt- und Grundfrage, die den Kongrefi in Atem hielt, die alle seine Arbeiten durchdrang, die aus AnlaI3 der ver schiedensten Punkte der Tagesordnung immer wieder zum Durchbruch kam mid die inneren Beziehungen am meisten erschiirfte, war die der Wechselbeziehungen zwischen der gewerkschaftlichen und der Kommunistisehen Internationale, oder mit anderen Worten: zwischen dem Syndikalismus und dem Kommunismus. Die Frage kann dem ersten Anschein nach als abstrakt, rein theoretisch erscheinen, denn die Syndikalisten stecken sich als ihr Ziel den Sturz des Kapitalismus, die Schaffung der kommunistischen Gesellschaft. Man fragt daher unwillkiirlich: woher kommen die Gegensiitze? Warum ist der Streit so leidenschaftlich? Warum vertraten wir so scharf, so hitzig wihrend zweier Wochen, mit dem den Revolutionaren eigenen Temperament, unsere gegenseitigen Standpunkte, warum fanden wir erst nach einer zwei Wochen langen,' Debatte eine gemeinsame Sprache und konnten gemeinsame Resolutionen beschliel3en? Um was handelt es sich bier? Vor dem Kriege bestanden in der -internationalen Gewerkschaftsbewegung (jetzt haben sich diese Unterschiede einigermal3en verwischt) drei Grundtypen der Bewegung: der reine Trade-Unionismus, der revolutionaire Syndikalismus und diesozialdemokratisch - reformistische oder reichsdeutsch - osterreichische Gewerk-l schaftsbewegung. Auf unserem Kongref3 haben wir mit dem reinen Trade-Unionismus nichts zu tun gehabt: die reinen Trade-Unionisten befinden sich in Amsterdam. Auch mit dem reinen Reformismus hatten wir auf unserem Kongresse nichts zu tun; denn audi er ist vollstiindig mit Amsterdam verbunden. Daf fir war die dritte Stromung auf dem Kongresse yoU vertreten: wir batten vor uns den leben digen Syndikalismus mit allen semien Vorurteilen, mit allen Eigentiimlichke seiner Ideologie und seiner Taktik.r ~ Der Grundgedanke des revolutioniren Syndikalismus fand in der bekannten_ De klaration von Amiens, die vom Kongrss.

Page  32 r i ~-- -~ A. LOSOWSKY - -- " -- der allgereinen Arbeitskonfoderation 1906 beschlossen wurde, seinen priignantesten Ausdruck. Der revolution"aren Syndikalismus ist die Gewerkschaft die hauptsaichliche Kampfzelle der Arbeiterkiasse, die Gewerkschaft wird selbst die Revolution machen, sie wird selbst die sozialistisehe Gesellschaft erbauen, keine politischen Gruppierungen diirfen sich in die gewerkschaftliche Tditigkeit hineinrischen. Die Gewerkschaften sind autonom, sie sind unabhiingig, sie kiirmern sich ur keine politiachen Sekten und Gruppen, ur keine philosophischen Systeme, ur keine religibsen Weltanschauungen. Nach dem rnranzosischen Ausdruck geniigt der Syndikalismus sich selbst,,,le syndicalisme se suffit a lui-rn~re": es bedarf keiner anderen Organisationen, keiner anderen Parteigruppierungen, ur die Revolution zu vollziehen und den Sieg der Arbeiterklasse auszunuitzen. Das ist der Grundgedanke des revolutionairen Syndikalisrus. Diese Ideologie, diese Theorie und diese Praxis waren es, die uns auf unserer Kongrel in alien Fragen gegeniiberstanden. 1st dieser Grundgedanke der Syndikalisten ricltig, geniigt die Gewerkschaft sich selbst und darf sich keine andere Organisation in den Karpf hineinrischen, den das gewerkschaftlich organisierte Proletariat gegen die Bourgeoisie fiihrt; ist die Gewerkschaft fu"r sich allein, ohne Mitbilfe von irgendeiner Seite, flihig, die sozialen Forderungen der Arbeiterklasse durchzusetzen, so sind die Wechselbeziehungen zwischen den Gewerkschaften und den politischen Parteien, also auch der Kormunistischen Internationale, ganz klar. Macht die Gewerkschaft alles allein, so ist die Kommunistische Partei vollkommen iiberfliissig, und ihre Bedeutung ist glBeich Null. Urn diesen~ Punkt eben dreten sich die Debatten des Kong~resses. Un~!: d man rnuf es als eine der ErrungenSschaften des Kongresses bezeichnen, daB der revolutioniire Syndikalismus in diesen Deba~~tten 'bedeutende Zugestiindnisse ge maclt hat. Er hat die Einheitlichkeit und Reinheit seiner Ideologie preisgegeben. Und doch war diese Ideologie scion vorher von ihrer alten traditionellen Form nicht unwesentlich entfernt. Ir Laufe der letzten 10 Jahre sind grof3e Ereignisse eingetreten, die nicht urhin konnten, das theoretische und praktische System des Syndikalismus einigermaf3en zu erschiittern und zu modifizieren. Es waren vor aller der Weltkrieg und die russische Revolution, die die Frage der sozialistischen Weltrevolution, der unmittelbaren Verwirklichung des Sozialismus in den Vordergrund schoben. Und seitdem diese Frage praktisch auf der Tagesordnung erschien, konnte man sich nicht mehr mit der Phrase ausreden, daB der Syndikalismus,,sich selbst geniigt'; man muf3te auf die Fragen der proletarischen Diktatur, des proletarischen Staates, der kommunistischen Partei - die, den syndikalistischen Theorien zum Trotz, die Revolution in Rul3land gemacht hatte -, uiberhaupt auf eine ganze Reihe von Fragen, die durch die russische Revolution in den Vordergrund geschoben wurden, klare Antworten geben. Selbstredend ist unsere russisehe Erfahrung, die den syndikalistischen Theorien so entschieden widerspricht, keine angenelme Tatsache, aber sie ist doch eine Tatsache, und die Tatsachen sind, nach einem englischen Ausdruck, sehr hartnickige Dinge. Und das hat viele Syndikalisten veranlaf~t, sich ganz neue Gedanken zu machen. Sie sind zu dem Schlusse gekommen, daB, so sehr sie auch friiher gegen die proletarische Diktatur und gegen den Staat waren, doch die russische Revolution gezeigt hat, daB die Diktatur im Kampfe gegen die Bourgeoisie, gegen die der Arbeiterkiasse feindlichen Krdfte unentbehrlich ist. Erkennt man aber einmal die proletarische Diktatur an, so geht das ganze syndikalistische System in die Briiche, fiillt das ganze syndikalistische System in sich zusammen; sein inne

Page  33 L " I' ret RiB ist dann nicht mehr zu verkleistern. Dieser RiB in der friiher so einheitlichen syndikalistischen Weltanschauung hat sich auf dem eben abgeschlossenen Kongresse kiar offenbart. Und zahlreiche Syndikalisten haben es von der Kongr'eltribiine herab offen zugestanden: Wir gestehen, dal3 unsere Weltanschauung in dieser und jener Beziehung falsch war. Nur eine unbedeutende Gruppe blieb,,unentwegt. Um zu zeigen, wie sich diese,,Unentwegten" die soziale Revolution vorstellen, wollen wir einige Zitate aus den KongreBreden der Vertreter dieser Gruppen anfiihren.,,Unser System der Syndikate - fuihrte ein franzoSsischer Syndikalist auf dem Kongresse aus - ist nach seinen organisatorischen Formen, nach seinem administrativen 'Apparat, nach seinem territorialen Bau imstande, auch schon morgen mittels seiner Produktionsverbfinde und seiner Lokalgewerkschaften in unserem Lande ein proletarisches Regime aufzurichten, bei dem die gewerkschaftliche Organisation zum Herrn des Landes wird, es ist imstande, seinen Sieg dauerhaft zu machen und in seinem eigenen Innern alle p1~ysischen und geistigen Krafte zu finden, die die weitere Entwicklung gewlihrleisten werden." nachzuweisen, dal die gewerkschaftli Bewegung von der Politik voilkoni,,unabhingig" sei, daB sie vielseitig sef, Seiten des Arbeiterlebens uinfasse 1 sich von der Politik nicht giingeln zu las brauche. Die Gewerkschaft sei die ein wirklich proletarische Vereinigung,- do sie sei eine Vereinigung der Produzen waihrend die politische Partei ein Gemi der Vertreter' aller Kiassen sei. Hier ergaibe sich eine Prioritait der Qekonoi gegentiber der Politik, also die Uel legenheit der Gewerkschaften fiber politische Partei. Der theoretische und praktische Grundirrtum dieser Syndikalistengruppe bestehi eben darin, daB3 sie die Politik schar! vor der Oekonomik trenut. Und es ist be. zeichnend, daB jedes Mal, wenn die De. batten sich auf diese Frage,. auf die Frag der Weclselbeziehungen zwischen des Politik und der Oekonomik riclteten, und wir versuchten, sie zur kiaren Definitio des Begriffes der Qekonomik zv zwingen, sie uns sehr sclh'n ausgedriickte, schon gebaute, aber doch inhaltslose Forreln auftischtenI Es konnte auch nicht anders sein, den'n kein Mensch in der Welt kann die Politik von der Qekonomik abgrenzen, soweif wir unter Politik nicht die Politikmacherei urd den parlamentarischen Kuhhandel verstehen, wie dies die Syndikalisten eben tun. Nach der Auffassung dieser Gruppe also besteht in dem heutigen Frankreich eine fertige Organisation, die das proletarische Regime aufrichten kann. Sie sei ihrer ganzen Struktur nach der zukiinftigen Gesellschaftsordnung angepa~t. Es bediirfe noch elner Kleinigkeit - der Revolution -, darit sich nun alles glatt abwickele. Traut man der gewerkschaftlichen Organisation eine solche Macht zu, so wird die Frage der politischen Partei gegenstandslos, denn wenn wir eine fertige Organisation haben - wozu brauchen wir dann noch die Kommunisten und ihre politische Partei? Die Anhanger dieser Auffassung, die auf dem Kongresse, wie schon erwi.hnt, eine unbedeutende Gruppe bildeten, spannen diesen Gedanken wdhrend der ganzen Dauer des Kongresses aus. Sie suchten Die Parlamentswahlen, auf die sie bei ihrer,,Entlarvung" der Politik Vorliebe berufen, sind einer der Mom des politischen Kampfes, eine AeuBe dieses Kampfes, sie sind aber,keines die Politik schlechthin. Die Politik deutet die klare Gegeniiberstellung z Klassen, sie ist eine bestimmte Ka richtung, eine Massenorganisatiom d Zweck der Sturz einer Klasse durch andere Kiasse ist. Das'ist eben die Pc Alles andere ist nicht Politik, son der Kleinkram, die aufere Erschei 3xoU~~~~SiY:~ Int*M; 18)

Page  34 --: ~--i ---I I.~-li-. ~-. ~ - _. --- -- -- ---- - A. LOSOWSKY:.; ~ i ~~:,______ - -~ die voriibergehende Form des politisehen Kamnpfes, Und was heil3t Oekonomik? Wir fragten die Syndikalisten:,,Nun gut, Ihr stellt die Gewerkschaft der Partei voran, Ihr sbeid fu"r die Prioritit der Qekonomik. Aber was ist z. B. der Bergarbeiterstreik in England? Ist das Qekonomik oder Politik? Ist das ein rein 6jkonomischer Kampf, oder haben wir hier vor uns einen kolossalen politischen Kampf, wie ihn in diesen Dimensionen weder die Bourgeoisie, noch die-Arbeiterkiasse in England gesehen hat?" Darauf konnten sie keine iiberzeugende Antwort geben, weil, wie Marx,es schon lingst gesagt hat, jeder 6bkononiische Kampf zugleich ein politischer Kanpf ist. Wo die Arbeiter, selbst nur umr der Lolnforderungen willen, als organisierte Masse i n den Kampf treten und sich dem Staate und den organisierten Unternehmern entgegenstellen, da haben wir einen Klassenkampf, also einen politischen Kampf. Die gesamte Weltanschauung der Syndikalisten, ihre ganze Ideologie, ihre ganze Theorie stiitzen sich auf jene Scheidung der Politik von der Oekonomik, und so lange sie auf 1ieser Scheidung bestehen, so lange bleiben sie in einer unheilvollen Konfusion stecken. Will man die Oekonomik von der Politik trennen, so muf3 man auch die 6ikonomische Organisation des Proletariats von seiner politischen Organisation trennen. Dann hat die gewerkschaftliche Internationale' mit der Kommunistischen Internationale iiberhaupt nichts zu schaffen. Ueber die Wechselbeziehungen dieser beiden Internationalen debattierten wir beinahe drei Tage lang. Nicht wenliger als 341 Redner nahmnen das WJort. Alle Str6imu~ngen, alle Gedankenschattierungen, alfle, die auch nur etwas zu dieser ]Frage zu: ~sagen hatten, haben sich ausgesprochen. Wenan wir jetzt das Fazit dieser Ansichten ziehen, wenn wir die Debattenberichte noch einmal durchlesen, bemerken wir, daB sowohl die franz-sischen Syndikalisten, wie die Vertreter der amerikanischen,,Industrie - Arbeiter der Welt', die Vertreter der holkindischen Kommunisten und der linkskommunistischen Gruppen Deutschlands in verschiedenen Worten, durch verschiedene Gedankengiinge, zu einem und demselben Endergebnis kamen.,,Man mu13 die gewerkschaftliche Bewegung von der politisehen trennen, man mul3 sich ein eigenes Haus bauen, um jedes Zusammenleben mit der Kommunistischen Internationale zu vermeiden", das war der.Grundgedanke und das Leitmotiv aller syndikalistischen Re' den, die auf dem Kongresse gehalten wurden. Auf einer der Sitzungen hat der Schreiber dieser Zeilen einem Syndikalisten folgende Fragen gestellt:,,Behauptet Ihr,,dafl der Syndikalismus kommunistische Ziele hat, daB auch er zum Kommunismus strebt?" -,,Ja", antwortete er,,,wir sind unserem Ziele nach Kommunisten.",,Streben die Kommunistisehe Internationale und die Kommunistische Partei audi den Kommunismus an?" -,,Ja." -,,Wenn aber diese beiden Organisationen zum Kommunismus s'treben, sich dasselbe 'Ziel stecken, so kojnnen ihre Wege nicht parallel sein, sie miissen sich vielmehr kreuzen. Wenn Ihr revolution"aren Synhdikalisten andererseits anerkennt, daB die Kommunistische Internationale den Kapitalismus bekaimpft, so muf3 man zwischen diesen zwei Richtungen - selbst wenn sie paral' lel sind - eine Verbindung herstellen. Man muf zwischen ihnen eine Briicke bauen,",,Was fuir eine Briicke?" -,,Wollen wir iiber diese Briicke gehen, so muB das eine eiserne Briicke scml." -,, Nein", erwiderte der Syndikalist,,,ich bin nicht fuir die Briicke, sondern fuir einen diinnen Steg." -,,Aber wenn wir nur einen Steg legen, so wird es schwer scmn, fiber ihn zu gehen," Dieses Gespr~ich flber die Briicke ~und den Steg ist fuir die Weltanschauung der

Page  35 i ~ '---~~ -' i~ ~---- ~~,_.;' i DER ERSTE INTERN. KONGRESS DER REVOL. GEWERKSCHAFTSVEREANDE _ ~... _i. Syndikalisten, f ur ihre Inangriffnahme der vor uns stehenden Frage dufuerst charakteristisch.,,Unabhaingigkeit und Autonomiel" war die Losung, die sie auf dem Kongrel mit einer besonderen Ziihigkeit vertraten.,,Wir sind unabhiingig, wir dulden keine Anschlaige einer Organisation auf unsere Unabhiingigkeit, auf unsere Autonomie." Und wie sie diese Unabhiingigkeit auffassen, dartiber belehrten sie uns in ihren Reden folgendermal3en:,,Die Eigenart des revolutionalren Syndikalismus besteht darin, daB er die Arbeiterklasse befreien will, ohne sich irgendeine offene oder verhuiilte Vormundschaft seitens derer gefallen zu lassen, die das Prinzip der Hegemonie der Politik fiber die Qekonomik predigen. - Wir kbjnnen nicht dulden, dal die biirgerlichen Intellektuellen den Anspruch erheben, immer ffir die Arbeiterkiasse zu denken, immer ihrtgeistiger Hirt, ihr Fiihrer zu sein." Dieses Zitat wird wohi ausreichen, ur eine Vorstellung von der Ideologie des Syndikalismus zu geben. Ich will aber obendrein noch ein Zitat aus der Rede eines anderen Wortfu"hrers des revolutionaren Syndikalismus anfiihren. Er vertrat die franzbisische Organisation, die sich hochfahrend genug die,,Internationale Arbeiterkonfoderation" nennt, aber in ganz Frankreich nur etwa 800 oder 900 Menschen umfaf3t. Es hat sich iiberhaupt auf dem Kongrel gezeigt, dal3 eine Unmenge mikroskopischer Organisationen eine Vorliebe fu"r grof3artige Benennungen haben. Und dieser Vertreter einer sehr kleinen Organisation mit einem sehr grof3en Namen sagte folgendes:,,Der Staat bleibt auch nach der Revolution, und sei es auch ein sozialistischer Staat, eine zentralisierte Unterdriickungsmacht. Urn sich vor ihm zu schiitzen, rniissen die Arbeiter, die auf ihre Freiheit halten, die Autonomie ihrer Organisation bewaliren." So sprach der Delegierte Boisson. Wer unseren Hausstreit fiber die Unabhiingigkseit der Gewerkschaftsbewegung in Er innerung hat, wird hier klar gewisse menschewistische Noten heraushbren, die wir in Rulland oft zu hoiren bekamen. Was ist das Wesen der politischen Partei? fragt der Delegierte Boisson, und -antwortet: Dieses Wesen ist die Vermischung der Interessen. Die Partei vermischt in ihren Reihen systematisch Arbeiter und Unternehmer, Intellektuelle und Haindler, Produzenten und die, die ohne Arbeit Gewinne einheimsen. Sie ist daher unfiihig, uinen konsequenten Kampf. zu fiihren, und kann sich nur durch Liigen und -halbe Wahrheiten halten. Also ist die politische Partei der Inbegriff aller Laster. Dagegen sind die Syndikate, Gewerkschaften der Inbegriff aller Tugenden, ein kristallenes Gefal3, sie sind das einzige Werkzeug der sozialen Revolution und dann auch des Aufbaues der sozialistischen Gesellschaft. Nun sind diese, Reden nichts anderes als#ein Nachklang des friiheren revolutioni"ren Syndikalismus, der eingeschlafen ist und mit voller Seelenruhe 15 Jahre - darunter den Weltkrieg und die russische Revolution - verschlafen hat. Und da revolution"are Syndikalisten dieses Typus jene beiden keineswegs belanglosen Ereignisse verschlafen* haben, so ist es kein Wunder, daI3 sie die ergraute Theorie herbeischleppen und sie uns jetzt, nach vier Jahren Revolution, bei der Ero-rterung der Wechselbeziehungen zwischen der Kommunistischen Internationale- und den revolution"aren Gewerkschaften als etwas Funkelnagelneues, etwas fu*r die jetzige Welt der sozialen Kdmpfe Ausschlaggebendes auftischen. Ein anderer Teil der Syndikalisten - mit den spanischen Delegierten an-der Spitze = vertrat einen anderen Gesichtspunkt. Ihr Vertreter lieB3 sich folgenderma~en aus:,,Wir spanischen Syndikalisten sind Nachfolger Bakunins, reine: Anarchisten; wir verharrten auf diesem~ Standpunklte ~wihrend lang~er Jahrzehnte,i aber das Leben hat uns gele~ehrt, daB die proletarisehe Diktatur eine unbedingte l3 Komm. (n torn

Page  36 A. LOSOWSKY ~- I- ~ -- ------ *Ir*-~~----~-rCI~----~--~---il ndigkeit ist."Wer aber die proleke Diktatur guthei~t, der muf3 auch re logischen Folgen gutheilen, denn leta'rische Diktatur 1st ein bestimmiheitliches System, aus dem sich kein [lied herausreifen IafBt. Die proletarische Diktatur ist eine andere Bezeichnung f fr den proletarischen Staat, Ein Anarchist kann den proletarischn Staat unter keinen Umstiinden gutheiflen, denn bekanntlich ist jeder Staat nach der Meinung der Anarchisten, sei er bfirgerlich oder proletarisch, ein Apparat ffir die Unterdriickung der werktiitigen Kiassen. Sie aber - die heutigen Anarchosyndikalisten - heil3en die,,proletarische Diktatur" gut und sagen:,,insoweit wir auf dem Standpurfkte der proletarisehen Diktatur stehen, sind wir ffur eine enge Verbindung mit der Kommunistischen Internationale, aber nur unter Wahrung unserer Unabhaingigkeit und unserer Autonomie," Es finden sich also in ihrer Mitte die Anhdnger der,,Unabhangigkeit und Autonomie' oline Vorbehalte und der,,Unabhangigkeit und der Autonomie" mit Vorbehalten. Es gibt aui3erdem noch eine dritte Str6 -nung im syndikalistischen Lager. Es sind dies Syndikalisten, die noch mehr gelernt haben und es daher fi ir notwendig halten, auf Grund der Erfahrungen der russischen Revolution, die ganze syndikalistische Weltanschauung, die ganze syndikalistische Theorie -einer Revision zu unterziehen und ein neues Programm f Ur die neue geschichtliche Lage auszuarbeiten. D- Dassind die drei Richtungen, die sich im Lager des revolutioniiren Syndikalismus herausgebildet haben, und der Kampf, der skh zwischen ihnen abspielt, Land in den Kongrehver'handlungen und in den KongreBbeschliissen seine volle Widerspiegelung. 1ach hitzigen und heftigen Debatten prach sich der Kongrel3 dahin aus, da13 die gewerkschaftliche Internationale, als autonome, seibstaindige Organisation, ihre A.tA. 1 2ier Ttigk eit der Kommu nistischen Internationale koordiniert und mit der letzteren in allen Aktionen zusammenzuwirken sucht, damit die revolutionare Energie der Arbeiterkiasse 'in dem DeLensiv- wie in dem Offensivkampfe immer einer maichtigen, gebaliten Faust gleich konzentriert ist. Weiche Stellung nahm die Kongreflmehrheit in der Frage der Beziehungen zwischen der Roten Gewerkschaftsinternationale "und der Kommunistischen Internationale ein? Auch hier fehlte es nicht an Differenzen, sie lagen aber auf einem ganz.anderen Gebiete. Der Schreiber dieser Zeilen war der Meinung, dal3 es nur eine einzige Internationale geben kbjnne. Denn soweit wir unter der Internationale eine Weltvereinigung fur die defensiven und offensiven Kampfaktionen verstehen, ist die Internationale keine mechanische Summe der politischen Parteien und Cruppen. Die Internationale muf3 die gesamte revolutionire Energie der Massen in sich sammeln, gleichgiiltig, in welcher organisatorischen Form sie sich iiuflert - in der Form der Partei oder in der der Gewerkschaften oder der Genossenschaften. Dieser Standpunkt wurde auf dem 4. Gewerkschaftskongref3 RuBlands angenommen, wobei im Namen der ganzen russischen Gewerkschaftsbewegung verkiindet wurde, daB unser Ideal die SchafLung einer einzigen Internationale ist, die ip- sich alle Formen und Arten der revolutioniiren Arbeiterbewegung verkorpert, Andererseits Landen sich auf dem Internationalen Gewerkschaftskongrel3 auch soiche Kommunisten, die fur die kiare -und voile Scheidung der gewerkschaftlichen Bewegung von der kommunistischen eintraten. Besonders zah wurde dieser Standpunkt von den Lranziisischen Kommunisten wie von den Kommunisten mancher anderer Lander vertreten, in weichen die kommunistische Partei schwach, die Gewerkschaftsbewegung dagegen ziemlich stark ist. Ueberhaupt war die Losung dieser Frage

Page  37 DER ERSTE iNT.i auf dem Kongrell dadurch selr erselwert, dali sie beinahe ffur jedes Land anders gesteilt wurde, und zwar je nach den Beziehungen zwischen der Gewerkschaftsbewegung und der kommunistischen Partei des Landes, je nach dem Kriifteverha"ltnis dieser Organisationen. usw. So existiert fiur die norwegischen Arbeiter diese Frage iiberhaupt nicht, da bei ihnen fast alle Gewerkschaftsnitglieder Parteimitglieder sind und umgekehrt. Ebensowenig existiert diese Frage fu"r die Tschechoslowaken, wo die Partei und die Gewerkschaften eng miteinander verbunden sind. Wohlgemerkt, es bestelt derselbe Sachverhalt auch in vielen reformistisehen Gewerkschaften, die auf unserem Kongrel nicht vertreten waren, var allem in England, wo die Trade-Unions die Arbeiterpartei gebildet haben und deren kollektive Mitglieder sind. Wiirde man also dem englischen Trade-Unionismus eine Trennung der politischen Bewegung von der gewerkschaftlichen. vorschlagen, so wiirden die Englainder ihre Zustimmung dazu nicht geben kbnnen, weil ihre Gewerkschaften und ihre Partei miteinander unlosbar verbunden sind. Ganz anders gestalteten sich dagegen die Verhijitnisse in Frankreich und Spanien. In Spanien ist die Frage der Wechselbeziehungen zwischen der Kommunistischen Partei und den Gewerkschaften iiberhaupt noch nicht aufgetaucht. Die syndikalistische Bewegung war dort von jeher sehr stark gewesen. Ende 1919 und Anfang 1920 ziihlten die Syndikate ungefiihr eine Million Mitglieder. Dagegen entstand die kommunistische Partei erst vor einem halben Jahre und ziihlt nicht mehr als 10 000 Mitglieder. Die Wechselbeziehungen zwischen einer alten~ revolutioniiren Bewegung und einer kleinen, unlangst entstandenen kommunistischen Partei ki~nnen unmbglich in dieselben Formen gebracht werden wie in den Liindern, wo neben der jungen Gewerkschaftsb~ewegung eine alte kommunistische Partei besteht. Eben diese Buntheit der nationalen Verhailltnlss und der Wechselbeziehungen zwische*n den Partei- und den Gewerkschaftsorganisationen verschiedener Lander war es, die die Losung der Frage auf dem Kongref so schwierig machte. Wir alle waren uns daruiber klar, daO ini enges Zusammenwirken mit der KonUnnistischen Internationale notwendig'ist, und selbst die aiufersten Syndikalisten schlugen es nicht ab, von Zeit zu Zeit mit der Kommunistischen Internationale zu sprechen, sie faften aber diese Gespriche als zufiillige Schiiferstiindchen, nicht als stindige sachliche Beziehungen auf. Nadh'dreitagigen Verhandlungen, nach einem scharfen Kampfe, einer ganzen Reihfe von ultimativen Forderungen usw. usw., fand der Parteitag endlich eine Mittellinie. Er machte sich weder den Standpunkt, des letzten russischen Gewerkschaftsko6ngresses, noch den der extremen Sy'ndikalisten zu eigen. Er sprach sich fur die selbstandige Existenz 'der gewerkschaftlichen Internationale als Organisation, fr ein enges Zusammenwirken, fuir die gegenseitige Vertretung, unter Wahrung der vollen Selbstiindigkeit der beiden Internationalen in ilrem inneren Leben, aus. Die Entscheidung betreffend die Wechselbeziehungen der beiden Internationalen war bestimmend fu-r die Losung einer ganzen Reihe von anderen, komplizierteren, aber praktisch leichter zu losenden Fragen. Vor diesem Beschlufl hatten die Syndikalisten aid einer vollen UnablAngig-.keit der Gewerkschaften bestanden-und sie sogar zu einer ultimativen Forderung gemacht. Die franzb-sische Delegation hat selbst das gebundene Mandat erhalten, sich der Roten 'Gewerkschaftsintenatio-, nale nicht anzuschliel3en, solange die Frage nicht in dem fuir die franzfisischen Genossen gewfinschten Shine entschiedez wird. Nach Annahme des Beschlusses fiber die Beziehungen zu'der KomnIuniaW schen Internationale war unserW

Page  38 "1 --- II - - - -- A. LOSOWSKY grunds'atzlich geebnet, und wir konnten mit sicheren Schritten weitergehen. S t Die zweite Frage, die den KongreB besonders in Atem hielt, war die der italienischen Gewerkschaftsbewegung und der Roten Gewerkschaftsinternationale. Am 15. Juli 1920 haben wir, gemeinsam mit dem italienischen Gewerkschaftsbund, das Uebereinkommen (iber die Schaffung des provisorischen Gewerkschaftsrates unterzeichnet. Die Rote Gewerkschaftsinternationale wurde durch diesen Akt begriindet. Seither haben aber die Fiihrer des italienischen Gewerkschaftsbundes, anstatt vorwiirts zu schreiten, einen Schritt riickwairts getan. Nachdem sich die Sozialistische Partei Ita~liens auf dem Kongrel von Livorno gespalten hat, bestanden die Reformisten darauf, da3 man die Frage,,Moskau oder Amsterdam" durch die gleichzeitige Zugehiirigkeit zu beiden Internationalen losen soil. Im April 1920 wandte sich dann der italienische Gewerkschaftsbund an die Amsterdamer Internationale mit der Mitteilung iiber die Gewalt- und Mordtaten der Fascisten. Amsterdam beantwortete diese Mitteilung mit der Zusendung von 50000 Lire, der italienische Gewerkschaftsbund dankte in warmen Worten, so dal3 die Beziehungen wieder angekniipft wurden und der italienische Gewerkschaftsbund sich endgiiltig in den beiden Internationalen einrichtete. Der italienische Aligemeine Gewerkschaftsbund umfal3t iiber 2000000 organi. sierte Arbeiter. Aulerdem bestehen zwei unabhaingige Verbainde, die der Matrosen und der Eisenbahner, die etwa 600000 Arbeiter vereinigen, und der Bund der Syndikalisten mit etwa 400000 Mitgliedern. Am Vorabend des Kongresses haben wir vom italienischen Gewerkschaftsbunde ein Telegramm mit dem Vorschlag erhalten, unseren Kongrel3 nach;_Reval: oder nach Stockholm zu verlegen. Sic: bjegriindetenl ihren Vorschlag damit, daB es dort leichter sein wtirde, die Mandate nachzupriifen usw. Wir erhielten diesen Vorschlag 10 Tage vor der Eroiffnung des Kongresses. Wir antworteten, da3 der Ort der KongreBverhandlungen uns gleichgiiltig ist, unter selbstverstiindlicher Voraussetzung, daI3 der Allgemeine Gewerkschaftsbund allen Delegierten die freie Durchfahrt sichert, daB wir aber einen Aufschub des.Kongresses f ur unzuliissig halten. Daraufhin haben sie ihre Delegierten Arzimondi und Bianchi zu Informationszwecken geschickt, die den Standpunkt des italienischen Allgemeinen Gewerkschaftsbundes auf dem KongreB vortrugen. Genosse Bianchi verteidigte die gleichzeitige ZugehOjrigkeit zu beiden Internationalen und beteuerte, daB die Italiener nur deshalb in Amsterdam bleiben, um dort die revolutionaire Agitation zu treiben, einen linken Fliigel zu organisieren, alle mit der Taktik der Amsterdamer Internationale unzufriedenen Elemente um.. sich zu scharen usw. Insoweit man sie verstehen konnte, gedachten sie, bei dieser doppelten Zugeharigkeit zu bleiben, obwohl der Kongref in Livorno klar und deutlich den AnsehluB an die Rote Gewerkschaftsinternationale unter der Voraussetzung beschlofl, daB die heute bestehenden Vertragsbeziehungen zwischen dem Allgemeinen Gewerkschaftsbunde und der sozialistisehen Partei weiterbestehen bleiben. Es wiirde uns zu weit fiihren, wenn wir alle Debatten zu dieser Frage wiedergeben woliten. Im wesentlichen hat der KongreB folgendes erkliirt:,,Ihr habt elf Monate lang zwischen zwei Stiihlen gesessen, jetzt miil3t Ihr aber klipp und klar sagen, ob Ihr mit uns oder ohne uns gehen wo.lt, denn die Vermischung dieser beiden Internationalen ist unmbglich.,,Oder, wie der Schreiber dieser Zeilen auf dem Kongref3 erkliirte:,,Aus Euren Erkl~rungen geht es hervor, daB1 Ihr in gesetzlicher Ehe mit Amsterdamn und in wilder Ehe mit

Page  39 ~* I I r ~I r. i 1__ i-. r DER ERSTE INTERN. KONGRESS DER RE VOL. GEWERKSCHAFTSVERBANP 3 39 - - --- -- Moskau leben woilt. Wir lassen uns auf dieses Dreieck nicht ein." In dieser Frage war der Kongref3 volikommen einig, und er hat den BeschluB gefal3t, an die Arbeitermassen Italiens zu appellieren, die sich hoffentlich fU-r Moskau aussprechen werden. Selr bezeichnend war das Auftreten des Genossen Arzimondi in diesen Debatten, In seiner Rede betreffend die Schaffung der Arbeiteruniversitait in Italien sagte er:,,Wir werden eine Lehranstalt schaffen, nach deren Absolvierung die Arbeiter auf Traiumereien iiber Ausstd-nde und rote Fahnen verzichten und lernen werden, das Leben niichtern aufzufassen." Als einer der Italiener Arzimondi waihrend dieser Rede die Frage stelite:,,Bist Du ein Reformist?" - antwortete er:,,Ja, ich bin ein Reformist, aber in den Septembertagen, als ich Biirgermeister war und von der Partei die Anweisung erhielt, mich zum bewaffneten Aufstand bereit zu halten, bewaffnete ich die Arbeiter unverziiglich und wiirde losgeschlagen haben, wenn ein Signal erfolgt wiare, " Allerdings bestreiten seine Genossen die Wahrhaftigkeit dieser Behauptungen. Wie dem auch sei, hat der KongreB die italienischen Genossen aufgefordert, sich klar und deutlich f ur Moskau oder f Ur Amsterdam zu erkliiren, Eine der kompliziertesten Fragen war die der Aufgaben und der Taktik der Gewerkschaften. Es handelte sich hier seibstredend nicht um ailgemeine Losungen wie,,Nieder mit der Bourgeoisie!" u. dergi., sondern um die ausfiihrliche Bestimmung der Methoden und Wege, der Mittel und Formen des Kampfes, um die konkrete Mannigfaltigkeit der Kampfmittel entsprechend den sozialen Eigentiimlichkeiten einzelner Uinder im Rahmen der Weitlbewegung. Eben fuir die gesamte Weitbewegung mul3ten wir diese aligemeinen Richtlinien festsetzen. Kein Wunder, daB3 dies sehr viel Zeit in Anspruch nahm und dal3 alle Debatten sich auf einige Grundfragen konzentrierten. Die erste Frage, die vor uns auf diesem Gebiete auftauchte, war die, wie wir uns zu den,,alten" Massengewerkschaften zu stellen haben: sind sie zu zerstbren oder zu erobern? Auf der Kongresse haben sich zu dieser Frage zwei direkt entgegengesetzte Standpunkte herausgesteilt, Auf einer Seite standen die Vertreter der allgemeinen Arbeiterunion, der freien Union, Gelsenkirchen, der deutschen Syndikalisten und der amerikanischen IndustrieArbeiter der Welt. Sie standen auf dem Standpunkt, daB die alten Gewerkschaften konterrevolutionaire Organisationen sind, die zerstoirt werden miissen, und daI3 jeder Versuch, sie zu revolutionieren, nur eine unniitze Kraftverschwendung bedeuten und Energie in Anspruch nehmen wiirde, was nur der gewerkschaftlichen Biirokratie zugute kaime.,,Was versteht Ihr aber unter Gewerkschaft?" fragten wir diese Genossen.,,Bedeutet die Gewerkschaft nur die Oberschichten, Biirokratie, Haus, Kasse, Biicher, Mitgliedskarten? Oder verstehen wir unter der Gewerkschaft die Millionen von Arbeitern, die in ihr organisiert sind? Was woilt Ihr zerstiren: die blole Forin oder etwas anderes? Vergefit nicht, daB die Arbeiter, die diese Gewerkschaften schufen, sie als ihr Haus betrachten. Es ist wahr, daB in den Gewerkschaften viele Leute stecken, die die Arbeiter verraten haben; muB man aber deshalb das Haus selbst mit Petroleum begiel3en und verbrennen? Seid Ihr der Ansicht, daBf die Revolutionierung der Gewerkschaften ein aussichtsloses Beginnen ist, daB3 die Gewerkschaf ten aktionsunfii~hig sind, daB die Zehnmillionenarmee der gewerkschaftlich ~organrisierten Ma~issen, sagen wir, in Deutschland, ewig der Gewerkschafts buirokratie folgen wird, - danrn miissenwir einfach jede Hoffnung atuf eine Revo <1

Page  40 A. LOSQWSKY;.._- ~ -.i t _ ---: -------- --------_-_ ------::. --:- ----~ ------ --:------ ---- a, lassen. Wir miissen die. Gea ur jeden Preis erobern und icht einfach als Inbegriff aller erfen." Ueberhaupt fanden alle Ausfiihrungen, 40 die Gewerkschaften niclt zu erobern, Lcht auf unsere Seite zu ziehen sind, einen onsten Widerspruch von seiten der jiberroBen Melrheit des Kongresses. Selbst in grofer Teil der Syndikalisten lelnte Lesen Standpunkt ab. Diese Frage hat Lerhaupt, wie schon erwa*hnt, die hartackigsten Debatten ausgelbist, denn eben iese Frage gab den AnlaB zur Spaltung Deutschland, eben um'sie dreht sich Lclh jetzt- der Meinungskampf innerhalb es linken Fliigels der Arbeiterbewegung. Damit werden die taktischen Diffexnzen natuirlich nicht erschoipft. Man Aufte die Grundmethoden, die Hauptttel des Kampfes ausarbeiten. Es fanP:n sich Genossen auf dem Kongresse, die [len Ernstes glaubten, daB die Aufgabe Dr ýllen Dingen darin bestehe, zahl-!iche Streiks zu inszenieren. Der- Kon'e3.machte diese Verfiachung der arnpfmittel nicht mit und betonte im egenteil nachdrioicklich die Notwendigeit, jede Aktion sorgfiiltig zu erwaigen id die'objektive Lage, die ailgemeinen erhiltnisse, die Macht des Feindes usw. )n vornherein genau zu erforschen. Er ies darauf hin, dal3 man sich auch zuickzuziehen verstehen muBiund daB ein,ordneter Riickzug manchmal niclt weniýr verdienstvoll ist als ein erfoigreicher schieden, aber fuir die Mehrheit der europaischen Linder steht sie noch nicht auf der Tagesordnung, und der Umbau der Gewerkschaftsorganisationen nach den Produktionszweigen kann dort als eine wahre Revolution gelten. Dann stelite der Kongref3 die Losung der Arbeiterkontrolle auf und warf eine Reihe von Fragen auf, die als praktische Tagesaufgaben betracltet werden miissen. In den Hauptumrissen wurde diese gemeinsame Richtlinie und das gemeinsame Aktionsprogramm vom Kongre13 einstimmig beschlossen. Diese Einmiitigkeit verdient besonders hervorgehoben zu werden, denn sie wurde selbstverstiindlich durch gegenseitige Konzessionen erzielt. Man machte Konzessionen in dem Sinne, daB die auf dem Kongrel einander gegeniiberstehenden Gruppierungen sich bemiihten, die trennenden Punkte nicht zu verschiirfen, sie suchten im Gegenteil die Gegensaitze zu mildern, um eine gemeinsame Taktik zu finden. Diese innere Kompromif3lerei erkliirt sich dadurch, daB alle sich deutlich bewuf3t waren, wie notwendig die Schaffung einer einheitlichen revolutionairen Front ist. Kamen sie doch, urn diese Einheitsfront herzustellen, iiber Tausende von Kilometern nach Moskau. Man lese dieses Aktionsprogramm durch und man wird sehen, wie eingehend es alle Formen tnd Arten des Klassenkampfes umfaf3t und die Gewerkschaften auf alle praktischen Probleme hinweist, die einen Zusammenstof3 mit dem biirgerlichen Staate unvermeidlich machen. Die Frage der Arbeiterkontrolle, die den springenden Punkt dieses Aktionsprogramms bildet, fiihrte zu keinen grof3en Differenzen auf dem Kongrel, Hier war jene Tatsache ausschlaggebend, daB die russischen Gewerkschaf ten in der Lage waren, auf Grund der russischen Erfahrung eine Reihe von konkreten und praktischen Ma~nahmen vorzuschlagen. Jene Ansiitze der Arbeiterkontrolle, die gegenwiitig~ in iWesteuropa geschaffen werden, stiitzen as praktische Losungen und Aufgaben Lrifft, so wurden sie vom Kongref3 zu ndem Aktionsprogramm zusammenIt: 1. die Hauptregel der Gewerktsbewegung muI3 die sogenannte kte Aktion", d. h. die scharfe Gegentellung von Arbeiterkiasse und Eu"rin sein; 2. -man muf3 den- Umbau der Gewerkschaften auf Grund, der Pro[onsverbinde anstreben. Fur Sowjetad istdihese Frage schon Iingst ent

Page  41 DE' ERTEI VOL. GEWERKS PER-~-I-~-- ERT I1 - VOL.~ GEWER sich s '"mtlich auf die -Verstandigung mit dem Biirgertum und setzen die unbedingte Vorherrschaft der Unternehmerinteressen iiber die -Arbeiterinteressen voraus. Die Projekte der Arbeiterkontrolle, die von der italienischen Regierung nach der Epoche der Fabrikbesetzung in Italien eingebracht wurden, die englischen Projekte, die Projekte, die- von dem franzosischen Metallarbeiterverbande entworfen wurden, - sie sind alle, ihrem Wesen nach, keine Projekte der Arbeiterkontrolle. Es handelt sich hier nur ur etwas in der Art jener Staatskontrolle unter Beteiligung der Arbeiter, die die Menschewisten auf der I1. Konferenz der russischen Gewerkschaften (20.-28. Juni 1917) verteidigten, indem sie es empfahlen, 'zum Wiederaufbau der Volkswirtschaft,,alle produktiven Be.vblkerungsklassen" heranzuziehen. -Die auf dem Kongref3 angenommene ausfiihrliche Resolution ilber die Arbeiterkontrolle schildert nicht nur die bestehenden Formen der Arbeiterkontrolle, nicht nur die Herkunft-der Idee dieser Kontrolle selbst, sondern gibt auch konkrete Weisungen, wie die Arbeiter ur die Durchftihrung der wirklichen Arbeiterkontrolle iiber die Produktion zu kimpfen haben, wihrend die Reformisten die Arbeiterkontrolle durch eine Verstiindigung mit der Bourgeoisie zu erreichen hoffen. Die Resolution betont es mit Nachdruck, daB die Arbeiterkontrolle nur durch einen zihen, erbitterten Kampf, nur gegen den Willen der Unternehmer erreicht werden kann, und daB sie nur insoweit f Ur die Arbeiter von Wert sein wird, als sie gerade gegen den Willen der herrschenden Kiassen eingefiihrt werden wird. Das Aktionsprogramm des Kongresses der Roten Gewerkschaftsinterationale ist dasselbe, wie das auf dem IlL. Kongrel3 dert -Kommunistis~chen ~Internationale ~angenommene. Das beweist besser als -alle Resolutionen, die wirki'che Einigkeit, die zwrischen diesen zwei internationalen Ver-L einigungen besteht, F~ir jeden, der mit der internationalen Arbeiterbewegung und mit den Bedingungen ihres Kamples auch nur einigermalben vertraut ist, let es eine Selbstverstiindlichkeit, daB die revolutioniiren Gewerkschaften bei der Darchfiihrung ihres Aktionsprogramms auf keinen anderen Verbiindeten rechnen k6nnen ale nur auf die kommunistischen Parteien-und auf ihren internationalen Stab - auf die Kommunistische Internationale. Diese Identitiit des Aktionsprogramms der beiden Internationalen ist kein Zufall: sie zeugt davon, daf3 die revolutionaren Organisationen der Arbeiterkiasse, die politischen wie die gewerkschaftlichen, keine feindlichen und miteinander konkurrierenden Maichte sind, sondern ein zusammenhigendes Ganzes bilden. Jetzt nur noch einige Worte zur organi-f satorischen - Frage. Man soilte glauben, daB organisatorische Fragen sich logiech aus den taktischen Fragen ergeben; und soweit unsere taktische Richtlinie von den vorhergehenden Entschlielungen fest umrissen wurde, sollte die Losung deror-b ganisatorischen Fragen schon rasch und leicht vor sich gehen. Jedoch haben uns die Auseinandersetzungen uiber diese Fragen sehr viel Zeit gerauht. Denti "ale der Schreiber dieser Zeilen in semnen eitfs"tzen die organisatoriechen Fragen f or England, Deutschland, Italien, Amerika usw. zu behandeln anfing, ergab sich folgendes Bild: Der Vertreter Englands erkliirte: Ich bin mit den Leitsitzen im'allgemeinen einverstanden, ich muB aber dem widersprechen, was dort speziell von unserem Lande gesagt wird. Der Vertreter Amerikas sagte: Ich stimme den Leitsiitzen im atlgemeinen zu, ich muB aber bestreiten, was dort speziell in bezug auf unser Land ausgefiihrt wird. Daraus folgt, dal3 jedes Land eine Reihe von brennenden Fragen hat, die jedesmal ele besondere Lbsung erfordern. Nehmen wir z. B. Amerika. Wir haben dort die amerikanische Gewe'rkscbafts f8deration, wir-haben unabhingige'040

Page  42 42A OSWK 42 A. LOSOWSKY~ werkschaftliche Vereinigungen, wir haben die., kleine Organisation der IndustrieArbeiter der Welt, und gerade diese kleine Organisation erhebt den Anspruch, als die einzige Vertreterin der revolution"aren Gewerkschaftsbewegung Amerikas betrachtet zu werden. Als wir die Taitigkeit der IndustrieArbeiter der Welt mit den der Roten Gewerkschaftsinternationale angeschlos~senen Lokalorganisationen der amerikanischen Gewerkschaftsfiideration zu koordinieren versuchten, erhoben die Industrialisten einen Larm, denn sie hielten es fu"r unter ihrer Wiirde, ihre Taitigkeit mit der Taitigkeit derer zu koordinieren, die der amerikanisehen Gewerkschaftsfojderation angeho"nen, die bekanntlich auch Amsterdam f ur anlzu nadikal hIlt. Umsonst fiihrten wir aus, dal die betreffenden Onganisationen sich geistig von den amerikanischen FF6deration getrennt hatten, daB sie ihr nur noch formell angehonen. Die Industrialisten venharrten auf ihnem Standpunkt. Dieses Beispiel gibt uns einen Begriff von den Komplizientheit der vor uns stehenden organisatorischen Frage. Eim anderes Beispiel ist Spanien. Dort haben die Ananchosyndikalisten, als Gegner der Zentralisienung, alle Zentralleitungen f un Produktionszweige mit der Begniindung abgeschafft, dal3 die Zentralleitungen nur die Biiroknatie erzeugen und sie daher abgeschafft werden miissen. Als sie in Moskau erschienen, befragten wir. sie u'ben die Sachiage in Spanien und Oiber ihne organisatorischen Gnundsatze. Sie antworteten uns:,,Wir sind f Un die F0idenation, und wir waren daher gegen alle Zentralleitungen.",,Aber wie f inft Ihr Eunen Kampf?' Sie sagten uns, daf3 sie in den St~iidten Gewenkschaften haben, die sich zu lokalen Gewenkschaftsniiten zusam_I menschlie~en, die wieder der ailgemeinen GeI ~; werkschaftskonfbjderation angehijnen.,,Wie wird aber der Kampf gefiihrtl Dann ~.I: f~hit.es bei Euch an der Koordination zwischen den einzelnen Landesteilen.",,Ja, wir haben in der letzten Zeit bemenkt, daB dieser Zustand nicht sehr bequem ist, tnd wir haben Komitees fun' die Koordinierung des Kampfes in den verschiedenen Teilen Spaniens geschaffen," Wir haben deshaib in die Leitsaitze fun' Spanien die Wiederherstellung derý Zentralleitungen fu*r die Pnoduktionszweige eingetragen. Und wenn jetzt die spanische Gewenkschaftskonfi'denation zur Illegalitait gezwungen wurde, so verringerte die Abschaffung der gewenkschaftlichen Landeszentralen zweifellos die Widerstandskraft der onganisierten Arbeiter. Denn alle diese Landeszentralen haben eine sehr grof3e Bedeutung. Das dritte 'Beispiel, das eine Betnachtung verdient, sei wieden der spanischen Praxis entlehnt. In Spanien besteht die nationale GewerkschaftskonfiOderation, die uns angeschlossen ist, und der reformistische ailgemeine Arbeiterverband. Innenhalb den reformistischen Gewerkschaften existieren kommunistische Zellen, die revolutionair gesinnte Arbeiter vereinigen. Auferdem hat sich von dem reformistischen Verband eine Reihe von Gewerkschaften abgesplittent, die weder dem reformistisehen, noch dem syndikalistischen Gewenkschaftsbunde angehonen. An den Spitze diesen abgesplittenten Gewenkschaften stehen utbenall Kommunisten. Wir haben beschlossen, daB die Syndikalisten, die sich von den nefonmistischen Verbanden abgesplittent haben, sich den Nationalen Gewenkschaftskonfo6denation anschliefen muissen, die kommunistischen Zellen dagegen in den nefonmistischen Gewenkschaften zu bleiben und ihre Ta~tigkeit mit den TAitigkeit den Syndikalisten zu koondinienen haben. Vielleicht wenden diese Details geningfuigig enscheinen, aben diese Fragen bestimmten das Geschick den Gewerkschaftsbewegung jedes Landes; sie geben ibren T~tigkeit einen bestimmten Ton, eine~

Page  43 II i:: ~-:i;s DER ERSTE INTERN. KONGRESS DER REVOL. GEWERKSCHAFTSVERBANDE 43 - ----------II-~ -- -- -- to bestimmte Ricltung. Kein Wunder daher, wenn organisatorisehe Fragen uns viel Zeit raubten. Allein fuir die deutschen Angelegenheiten haben ýwir beinahe zwei Tage verwenden miissen. In Deutschland haben wir die freien Gewerkschaften, in deren Mitte kommunistische Zellen existieren und eine revolution re Opposition sich regt. Aul3erdem bestehen dort aber syndikalistische Organisationen, wie die Freie Arbeiterunion, die Unionen der Richtung Gelsenkirchen und eine ganze Reihe von unabh'ingigen Organisationen. Ueberdies, gibt es in Deutschland Gewerkschaften, die aus den freien Gewerkschaften ausgesto-Ben wurden. Wir warfen die Frage nach der Vereinigung der ausgeschlossenen Organisationen und der Bildung eines besonderen Verbandes der ausgeschlossenen Gewerkschaften auf. Da haben manche Deutsche protestiert:,,Wozu eine neue Organisation schaffen, wenn wir schon ohnehin deren fiinf haben," Nicht weniger kompliziert stand die Frage in Italien, wo wir drei Typen von Organisationen haben. Weniger verwickelt ist die Frage in Frankreich und England. Und doch zeigte sich in jedem Lande dieselbe Erscheinung. Jede von tins aufgeworfene Frage zeigte, wie mannigfaltig die Arbeiterbewegung ist, wie versehiedenartig ihre Formen sind, wie wunderlich sich die Grundsaitze verfiechten, die ja im grol3en und ganzen von alien anerkannt werden, und weiche Zickzacklinie die Arbeiterbewegung in der ganzen Welt beschreitet. Die iibrigen von dem Kongrel3 behandelten Fragen wollen wir nur fliichtig streif en. ]Es sei erwi~hnt, daB3 der Kongrel3 eine Entschlieflung zur Frage der Frauen in der Produk~tion und in den Gewerkschaften angenommen hat. Fuir uns Russen existiert diese Frage einfach nicht, aber fuir viele Gewerkschaften in zahireichen Laonder ist sie sogar sehr brennend. Es geniigt, zu sagen, daB in England es die,' Gewerkschaften waren, die, als die Klrise nach dem Kriege begann, die Initiative zur Entfernung der Frauen aus den Be-, trieben ergriff en. Hunderttausende von Frauen wurden aus englischen Betrieben unter der Mitwirkung von Gewerkschaften ausgestof3en. Die Mitglieder der,,alten" Gewerkschaften haben* also einen sehr eigentiimlichen Begriff von der,,normalen" Zusammensetzung der Mitgliedschaft der Gewerkschaf ten. Sie teilen die Arbeiterschaft nicht nach der Qualifizierung, nicht nach den Produktionszweigen, sondern nach dem Geschlecht ein, Bist du em Mann, so bleibst du in Arbeit, bist du aber ein weibliches Wesen, so wirst du hinausgeworfen. Diese altertiimliche, feudale Auffassung der Frauenarbeit konnte nicht umhin, auf einem Kongresse, wie der unsrige es war, eine entschiedene Verurteilung zu finden. Wir haben eine besondere Entschliel3ung eingebracht, die alle revolutioniaren Gewerkschaften auffordert, eine derartige fu"r die Arbeiter, Minne~ wie Frauen, herabwiirdigende Auffassung, eine derartige Einteilung nach dem Geschlecht, rioicksichtslos zu bekaimpfen. Desgleichen hat der Kongrefl eine Entschlielung beziiglich der Arbeitslosigkeit angenommen und die konkreten Formen des Kampfes gegen die Arbeitslosigkeit angegeben. Nachdem wir in dieser EntschlieBung auf manche PalliativmaBregeln hingewiesen haben, steilten wir. klipp und kiar fest, daB das einzig sichere, das einzig wirksame Mittel gegen die Arbeitslosigkeit der Sozialismus ist. Die Bourgeoisie wird dieses Heilmittel kaum freiwillig annehmen wollen; wir miissen sie aber dazu zwingen, denn aul3er dem Sozialismus gibt es kein Mittel gegen die Arbeitslosigkeit, und j eder Versuch, es zu finden, ist von vornherein zum Scheiter~n verurteilt. Die Arbeitslosigkeit ist eben emn unter der kapitalistischen Herrschaft normales, unausrottbares Uebel.

Page  44 VOL. GEWERKSCHAFTSVERBANDZ ____~ ~~__ Noch einer Frage wandte der Kongref seine Aufmerksamkeit zu - der Frage der Arbeiterbewegung im Orient und in den Kolonen. Es muf betont werden, daB die letzten Jahre einen' ungeheuren Aufschwung der Arbeiterbewegung in den zurickgebliebensten Liindern des fernen Ostens brachten. Vor allem in Japan sehen wir ein sprunghaftes, fieberhaftes Wachstum der Arbeiterbewegung. In Indien sehen wir die Riesenstreiks, an denen Hunderttausende von Arbeiter teilnehmen. Es gibt kein Land im Orient, in dem nicht die revolutionaire Bewegung und die Arbeiterbewegung erwacht wiire. Die interessanteste Seite dieser Erscheinung besteht darin, daB mit der revolutioniren Bewegung sich hier die Momente der nationalen Bewegung verflechten, die sich' auf die Befreiung des Landes von der Fremdherrschaft richtet. Diese Bewegung ist revolutioniir, weil sie sich gegen die tnterdriicker richtet. In vielen Laindern, wie in Indien, auf den Malaisehen Insein, auf Java usw. hat diese Bewegung einen Hintergrund des Rassengegensatzes und tritt als Kampf der gelben Rasse gegen die weife Rasse auf. Die Unterdriicker sind dort weife Kapitalisten, die sich weifle Instruktoren und weife Ingenieure mitbdngen; daher wird dort der Kiassengegensatz zu einem Gegensatz der Rassen. 1st dieser Rassenha3 im Grunde eine tief reaktionire Erscheinung, so wird doch die Auflehnung gegen die weil3en Ausbeuter zu einem. revolutioniren Faktor, der in sich schon einen Keim des KlassenbewuBtseins trigt Der Vertreter der javanischen Abeit~er, ein Malaie, betonte selbst in seiner Kongrefirede, d'af unsere Aufgabe darin besteht, diesen RassenhalB, der in d1'm B uft sein der gelben Volksmasse anwiichst in einen Klassenhal3 zu ver nationalenoder den Rassenunterschiedep gebildet werden. Die Gewerkschaften dieser Art haben sich noch in vielen Liindern erhalten. So sehen wir in der Tschechoslowakei besondere Gewerkschaften der tschechischen und der deutschen Arbeiter; in Polen sind die Polen und die Juden getrennt organisiert; in Amerika gibt es Gewerkschaften der weil3en und der schwarzen Arbeiter, weil die weifen Arbeiter Amerikas es mit ihrem aristokratischenGefiihl fu"r unvereinbar halten, schwarze Arbeiter in ihre Gewerkschaften aufzunehmen. Unser Kongref konnte diese Wirkung der biirgerlichen Ideologie nicht mit Sciweigen umgehen und hat zu dieser Frage einen scharf gehaltenen Beschlul gefal3t. Zum Schluf3 will ich noch folgendes hervorheben. Die Arbeiten unseres Kongresses waren'so mannigfaltig, daB sie alle Seiten, alle Gebiete der Arbeiterbewegung umfal3ten, alle Gedankenschattierungen zum Vorschein braciten. Lesen wir die Protokolle des Kongresses, so zieht eine ganze geschichtliche Epoche an unseren Augen voriiber. Wir sehen da die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft Revue passieren. Alte Vorurteile fanden in zahireichen Erkliarungen von einzelnen Gruppen der Kongrefteilneimer ihren Ausdruck. Alles, was wir auf diesem KongreB erlebten, alle seine Reden, Resolutionen, Aufrufe, Beschliisse haben eine grole geschichtliche Bedeutung. Es gab da Delegierte aus alien Laindern, selbst aus Australien. Die Vertreter von 41 Lindern traten zusammen, von einem Wunsche getragen: die soziale Revolution zu beschleunigen, die Wege richtig zu weisen, den Werdegang der Revolution an Hand der Erfahrung Ruf~lands und anderer Lander zu verfolgen. Und ~unsere Beschliisse selbst sind nichts als eine Schluf~folgerulng,, emn Extrakt, eine Synthese dieser Erfalirung~en, die die V~ertreter der verechieden sammenhang mit dieser Frage muB:hoben werden, daB der Kongrefi ntschlie~ung in bezug auf die schaften annahm,- die nach den

Page  45 W.'WOJOWITSCH,, DER 11. KONGRESS DER KOMMUNIST. JUGENDINTERNATZONALE 4 sten Lander uns brachten, Jeder flele- er-alle brenneniden Fragen dler Gegeuiwartý gierte hat nur. die begrenzte Erfahru'ng aufrolite,' und e6 glbt. keirie Frage, deren seines eigenen Landes mitgebracht, nehmt Erorterung der Kongrefl der, Roten Ge-' I1hr aber alles Positive, in dieser Erfahrung,, werkschaftsinternationale. ausgewichen werft Ilir alles Negative ab, so werdet Ihr ware, ebe hdese Synthese, eben diese Schluf3- Aber nicht nur beantwortet ý hat. der folgerung erhalten, die der Kongref3 ge- Kong'reB alle Tagesfragen, die die Arzogen hat, beitermassen in Atem'halten:I er hat: sie' iko m mu n ist is ch beantwortet, Er Die Hauptentschlief~ung zur Frage derveutiedeNurattdrGwrk Takik urd au de Kogre3 mt 37'schaf ten und deren Unabhangigkeit vom.Stimmen gegen 11 bei 5 Stimmenthal Kimnims e pac oihfurdek tungen angenommen. Auf diesem IKon- omuius rpacschfrdek - grse a e eieSigr n kie e munistisch - syndikalistische Linheitafront D sega skin d Minderhud eit le Ben aus, er gab den radikalen Gewerkschaften siegen. ie r 'einen festen Kampfboden, arbeitete, eine fifihlten sich nicht als besiegt, denn unsere fet0n ohrvouinrbesm gemeinsame Aufgabe bestand nicht darin, Rihone furir atkas n irgend eine Stromung mechanisch zu er-shielihcufromterdeRe sticken, sondern darin, die ho~chstmb-gliche Gwrshfsnentoae n a a Zahi der revolutionaren Elemente der Ar- mit, der internationalen Arbeiterkiasse emn beiterkiasse urn die bestimmten Forinein, neues, machtvolles Werkzeug zur Zerýurn~~~~~~~ diIetmtnpatshnAfae stb"rung des Kapitalismus. Darin liegt die zu vereinigen, Es gab dort ilibrigens eine~n grofle geschichtliche Bedeutung des ebenSieger. Dieser Sieger war der K o m m u-abecosnnKngses n i smu s.Ueber das Geschrei, das unsere KiasUnser Kongrel3 ist emn Ausgangspunk~t senfeinde gegen die Rote G~ewerkschafts-m fu"r den revolution a~ren Kampf in alien internationale erhoben, und. uber die OpLindern. Seine Beschliisse werden sich in position gegen die Kongrel~beschliisse, die imm er weiterem und weiterem Umkreis unter den. revolutionii~ren Syndlikalisten verbreiten und werden beginnen, breite auf dem gesegneten Boden Frankreichs Arbeitermassen in Ga'rung zu bringen. ii'ppig aufblii~hte, werden wir uns in einem Der Kongref3 hat diese Massen gezwungen, besonderen Aufsatz. verbreiten mflssen. sich die Frage vorzulegen: gehen wir mit Das gedenken wir in der nii~chsten Nummer Moskau oder mit Amsterdam? Das Ver- zu tun. dienst des Kongresses besteht darin, daB A. ~osowsky.

Page  46 ,46 _ _ _ W. WOJOWJTSCH Giefahr von seiten der Banciten Noskes, urter dem treuen Schutz der Bajonette der Roten Armee und des ganzen Proletariats Rufflands, konnte der II. Kongrel der Kommunistischen Jugendinternationale rulig an das Studium der revolutioniiren Erfalrung des ganzen internationalen - und im besonderen des russischen Proletariats herantreten und Beschliisse fassen, die der gegenwairtigen Lage der revolutionaren Weitbewegung und der immer wachsenden Entwicklung, der kommunistischen Jugendbewegung im' vergangenen Jalre entsprechen. Als im November 1919 in Berlin der I. Kongref3 der Kommunistischen Jugendinternationale im Kulminationsmoment der Reaktion stattfand, die von der deutschen Sozialdemokratie gegen die deutsche Arbeiterbewegung in Szene gesetzt wurde, hatten nur vierzehn La"nder ilre Vertreter entsandt. Das waren alles Organisationen einer Jugend, die es verstanden hatte, mutig und mit bewunderungswiirdiger Energie alien Versuchen der Sozialpatrioten Widerstand zu leisten, die darauf gerichtet waren, den Haf3 der Jugend gegen Krieg und 'kapitalistische Gesellschaftsordnung zu unterdriicken. Es hatten sich jene versammelt, die als erste, als der Krieg am heftigsten entbrannte, den,,heiligen Burgfrieden" zu verletzen und einen stiirmischen Protest gegen das Schlachten der ganzen Welt zu erheben gewagt hatten. Der Vertreter des, Rdten Rulland und seiner ruhmvollen kommunistischen Jugend war ebenfalls zu diesem Kongref3 eingetroffen, um dadurch die zuverlassigen Elemente der einheitlichen Revolutionsarmee noch fester zusanmenzuschmieden und die jungen westeuropiiischen Briider zur Verdoppelung ihrer Energie im Kamipfe gegen die Bourgeoisie und den Reformismus und fuir die Kommunistische Internationale aufzurufen. Auf diesem I. Kongrel3, aus dem die Kommzunistische Jugendinternationale entstand,d w~urde dem Verband der bisher zesplitttertn Krdifte 'der revolutionjiren Jugend in Eile ein Programm vorgelegt, das durch die damalige Situation bedingt war: Kampf gegen die Sozialpatrioten, gegen die Reformisten, f fir die Bildung kommunistischer Parteien, ffur die Moskauer Kommunistische Internationale. Mit dem ihr eigenen Enthusiasmus begann die Jugend diese Losung fiberall in den proletarischen Massen zu verbreiten, und die Jugendinternationale zog alsbald die Jugendvereinigungen in fast allen Landern an sich heran, indem sie ihre Entstehung dort beschleunigte, wo es solche noch nicht gab und indem sie die schnelle Organisation und den endgtltigen Triumph der kommunistischen Parteien in West- und Zentraleuropa in weitem Maf3e f6rderte. Die Hauptaufgabe, die vom Berliner Kongrel3 gestellt worden war, war also bereits vor einigen Monaten erfiillt. Ueberall entstanden machtige kommunistische Parteien, welche die politische Fuihrung der ganzen Arbeiterbewegung fibernahmen. Die Zentralisten und Reformisten wurden geschlagen. Neue Probleme erhoben sich vor dem revolutioniiren Proletariat und im besonderen vor der Jugend. Die Diskussionen, die in diesen letzten Monaten in der Jugendinternationale stattfanden, haben deutlich gezeigt, da13 es notwendig ist, neue Losungen zu finden und ein neues Programm aufzustellen, die - die Hauptaufgabe, die der Jugend auferlegt ist, beibehaltend - der neuen Lage mehr entsprechen sollten. Die Kommunistische Jugendinternationale suchte bereits lange vor dem II. Kongrefi nach neuen Wegen. Die Fragen des Wirtschaftskampfes und der Erweiterung des Arbeitsgebietes der Erziehung waren hauptsaichlich Gegenstand der Sorge der uiberwiegenden Mehrzahl des jugendlichen revolutio-naren Proletariats, das sich in der Internationale zusammengruppiert hatte. Der IL, Kongrefi der Kommunistischen Jugendinternationale wird emn bedeutsames Ereignis in der internationalen Jugendbewegung bleiben. Selten hat man einen so

Page  47 . I._ -.. ~ ~; _..... 'il -,-_: DER I. KONGRESS DER KOMMUNJST. JUGENDINTERNATIONALE _ - Apr grofen Kongref3 gesehen: 39 Lainder waren durch 135 Delegierte vertreten, unter anderen Amerika, Indien, Japan, England, Fiankreich, Deutschland usw. Zum erstenmal in derGescbichte der revoiutioniiren Jugendbewegung hahen Vertreter fast aller Lander des Orients an dem Internationalen Kongref3 neben ihren westlichen Brriidern aktiv teilgenommen und mit ihnen gemeinsam die Waffen des vereinten Kampfes gegen Imperialismus und Kapitalismus geschmiedet. Die grofle revolutionare Armee von 800 000 jugendlichen Proletariern der ganzen Welt war tauf diesem Kongref3 vertreten. Durch eine strenge Disziplin zusammengehalten, begann sie nach einer besseren Methode zu suchen, urn nach Mb-glichkeit den nahen und vollen Sieg ihres grol3en Fiihrers, der Kommunistischen Internationale, dieser Avantgarde des revolutionaoren Proletariats der ganzen Welt, zu fbrdern. Der Kongref3 ging fast ganz in dieser Sorge auf, die allein fahig war, es ihm zu ermbiglichen, Verirrungen zu vermeiden und Entschliisse zu fassen, die fu'r die spdtere Entwicklung der Kommunistischen Jugendorganisation fbjrdernd sein soilten. Da der Jugendkongrel3 vor alien Dingen die Bestimmunlgen des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale in jenem Teile ffiOr sich als bindend anerkannt hat, der sich auf die neue Taktik und die niichsten Aufgaben der kommunistisehen Parteien bezieht, so folgt hieraus iogisch, daf3 die politische Autonomie der Jugend nicht melr weiter bestehen kann und darf. Die starke Entwicklung der kommunistischen Parteien in alien Ldndern, ilir voiler Sieg u"ber die Zentristen fordert eine einheitiiche politische Leitung und voile Zentralisation, die ailein den Triumph des Proletariats sichern. Iann. Der Kongref3 kram einstirnmig zu' dem Schil3B, daB die Zeit fuir die Beendung der endlosen Diskussionen fiber das Verhaitnis der Parteien zu der Jugend gekommen sei, und dal3 man alie Energie jenen Fragen widmen miisse, die die breiten Massen der proietaris~chen Jugend besonders interessieren, ur sie fiur sich zu gewinnen. Mit voilem Vertrauen auf unsere kommunistischen Parteien und unter ihrer politisehen Leitung werden die Organisationen der Jugend das grof3e Werk der gruindlichen revolutioniiren Erziehung der Jugend auf sich nehmen, ein Werk, das bisher von der Jugendinternationale bis zu einem gewissen Grade venachlassigt war, da diese letztere zu schr vom Kampf gegen die Zentristen und von der Arbeit der Organisation kommunistischer Parteien in Anspruch genommen war. Die Hlauptaufgabe der kommunistischen Jugendinternationale, die vom IL Kongrel3 prokiamiert wurde, ist die Werbung der Massen und die Errichtung breiter und zahireicher Organisationen der proletarischen Jugend in alien Landern. Der Kongref setzte auch die Methoden und Formen der Propaganda fest, die zu der ins Auge gefai3ten Ziel fiihren sollen. Durch systematische Organisation vor alien Dingen des Kampfes auf w i r t'schaftlichem Gebiet, verbunden mit sorgfdltigem Studium der ailta"glichen Lebensbediirfnisse der jugendlichenArbeiter und einer umfassenden Propaganda in de'n Gewerkschaften zugunsten von Teilaktionen f iir die Verbesserung, der Lage der in Fabriken und Werkstaitten arbeitenden Jugend, werden die jugendlichen Kommunisten das Interesse eines grolen Teiles des jugendlichen Proletariats f fir sich zu gewinnen wissen. Der KongreB sprach sich gegen die Grfindung einzelner Jugendsektionen in den Gewerkschaften auf der,,geheiligten Grundlage" des revolutioniiren Syndikalismus, d. h. nach dem Grundsatze der politischen Neutralitat aus. Die kommunistischen Jugendorganisationen miissen mit Hilfe der von ihnen gebildeten,,Zelien" ihr volles Uebergewicht in den Ge~werkschaf ten zu erreichen streben, eine urnfassende Agitation fflr die besondern Forderungen der Jugend organisieren und eine geschlossene Aktion der Gewerk schaften zum Schutze dieser Forderungen~ /0 - 50

Page  48 ::~W.-: WOOITSC -i 'i reichen. Wenn die Sache gelingt, so issen die,,Zellen" 'alle Malnalmen fen, umr diese Bewegung zu fiihren. if diese'Weise wird die kommunistisehe gend das Vertrauen der breiten Massen r gewerkscbaftlich organisierten jungen oletarier gewinnen und sie in ihre Reihen keno Dort, wo in den Gewerkschaften Fene Jugendsektionen bestehen (wie in utschland, Oesterreich usw.) wird die Iicht der konmunistischen JugendorganiLionen darin bestehen, ihren jungen Mitedern die Apathie zu nehmen, sie durch iakonen zu wecken, kurz, sie in koministische Gruppen im vollen Sinne des ortes zu verwandeln. Ein, anderes grol3es Tatigkeitsfeld erbffnet sich fuir die kommunistische Jugend auf dem Lande; der Kongrefi hat auch diese Frage niclt unberiicksichtigt gelassen. Er nahm Thesen an, in denen genau iestgcsetzt ist, wie man sich zu den verschieden&n Schiciten der Bauerschaft zu verhalten hat, und er, rief die Jugendvereinigungen auf, der Propaganda unter der Bauernjugend mbglichst viel Aufmerksamkeit zuzuwenden Wenn man auch nicht mit Entchiedenheit behaupten kann, daf3 das Dorf bisher von der Jugendinternationale vollstandig vernachlassigt worden ist, so muf3 doch zugegeben werden, daB unsere Genossen in keinem, Lande an die methodische und streng zentralisierte Propaganda unter der Bauernjugend herangetreten sind. Auf dieser Gebiete stelt den Jugendvereinigungen eine ungeheure und schwere Arbeit bevor. In vielen Landern ist die Gewinnung der Mehrzahl der Bauernjugend, die gegenwirtig die Kerntruppe der biirgerlichen IArmeebildet, von gr"Blter Bedeutung fulr den Erfolg der Revolution. Die kiirzliche antimilitaristische Kampagne der franzosischen Fbderation ermoglichte es dem Kongrel3, die friiheren Thesen zu ergAnzen und die absolute Notwendigkeit einer Verstarkung der Propaganda gegen den Militarismus noch stiirker betonen. Diese Propaganda erleichtert uns ganz bedeutend das Vordringen aufs Land'und hilft uns mehr als jede andere, die Sympathie, der Bauern zu gewinnen. Auflerdem wird sie es uns ermb"'glichen, die Idee der Bewaffnung des Proletariats unter den jungen Stadtproletariern sehr zu popularisieren. Mit der grof3en. Losung der Russischen Revolution,,gegen die imperialistischen Kriege - futr die Bewaffnung des Proletariats" werden wir die letzte Schutzmauer der Bourgeoisie durchbrechen. Unter dem miichtigen EinfluB unserer Propaganda wird die Zersetzung der internationalen kapitalistischen Armee unvermeidlich werden, und unsere Jugendvereinigungen werden in ihren Reihen bald die gesundesten Elenente der Bauemmassen vereinigen. Die -Zentralisation unserer Propaganda im Orient, die Methoden ihrer Verstadrkung und Vervollkomm n ung, waren ebenfalls Gegenstand der Debatten auf dem II Kongrei der Kommunistischen Jugendinternationale. Auierdem wurde d e r A r b e it tinter den Studenten und fiberhaupt unter* der Intelligenz besondere Aufmerksamkeit zugewendet. Es wurden Thesen angenommen, deren Anwendung die Propaganda in diesem Milieu erleichtern wird, wobei diese Thesen, -indem sie diesen Kreisen einen engeren und bestandigeren Kontakt mi.t den proletarischen Massen erm0"glichen, ihnen das fur ihre kommunistische Erziehung notwendige Element verleihen werden. Die Erfabrung der Russischen Revolution hat die absolute Notwendigkeit einer grof3en Zahl von Technikern erwiesen, die aus den Reihen des Proletariats hervoregangen oder ihm vollstrindig ergeben sind. M8ge die Kommunistische Jugendinternationale und ihr neues Vollzugskomitee diese Arbeit nicht vernachilissigen, ebenso~ nicht das grol3e Werk der Propagranda un t er de n Ki nde rn i Alle Prole

Page  49 14. r 0 ) T. ý tarierkinder miissen sich von friihester Jugend an organisieren, ur den Geist des Internationalismus gemeinsam zu entwickein und in sich den Haf gegen jene Bourgeoisie zu erziehen, auf die die Schuld fU-r ihre Bettlerexistenz fijilt. Der bU"rgerlichen Erziehung muBl eine andere gegenuibergestellt werden: die kommunistische Erziehung, wenn wir vermeiden wollen, daB die bourgeoisen Vorurteile, die in den kapitaiistischen Schuien erworben wurden, nicht zu tief Wurzei fassen. Diese ganze Arbeit der verstairkten Propaganda und Agitation in alien Richtungen und im ganzen proletarischen Milieu, die es uns ermbiglichen wird, die breitesten Massen zusammenzufassen und in ihnen ein lebendiges Interesse fMr uns zu wecken, mul, sobald sie bereits aufunsererSeitestehen, durch die griindlichste kommunistische Erziehung erganzt werden, die sie erst endgiiltig zu den unseren machen wird. Darum hat der IL KongreB Thesen angenommen, deren Ziel eine griindlichere Organisation der Erziehungsarbeit nach neuen Grundsiitzen ist, die den Bediirfnissen j ener proletarischen Massen angepailt sind, auf die sich unsere Propag and a no c h n ic h t e r st reck t ha t. Andererseits mull auch innerhalb unserer Organisationen selbst die kommunistische Erziehung erganzt und verstarkt werden, uum es mlglich zu machen, in der allernichsten Zukunft jedes beliebige junge Mitglied in einen qualifizierten Propagandisten zu verwandeln. Da der IL- Kongrefl alien an die kommunistische Jugendinternationale angeschiossenen Vereinigungen und auch ihrern neuen Vollzugskomitee eine komplizierte und schwere Aufgabe auferlegt, so ergibt sich die Notwendigkeit einer Veruinderung der bisher bestehenden Organisationsform. Die demokratis~che Zentralisation mull in r"-~~I den notwendigen Grenzen ilberall verwirklicht werden, doch wird andererseits die Autoritlit des Vollzugskomitees, sowie auch die der anderen Zentralorgane nac'h dem 11 Kongrefl eine stairkere. Die Bildung von,,Zeilen" in Fabriken, in Wrkst~tten1 in Schulen und fiberhaupt jiberall, wo proletarische Massen konzentriert sind, mull zur ersten Pfiicht aller Vereinigungen we'rden, ebenso wie auch die Reorganisation kommunistischer Jugendsektionen uiberall dort, wo es mbglich ist, wobei ihnen die Werkstatt oder die Fabrik zugrunde gelegt werden mull. Nur auf diese 'Weise wird sich die wichtigste Arbeit, die Arbeit-der Organisation der Massen, verwirklichen lassen. Die Delegierten des II. Kongresses sind voll Energie und Glauben in ihre Lander zuriickgereist. Es ist ihnen gelungen, die kommunistische Jugendbewegung aiuf eine feste Basis zu stellen, sie mit der neuen Weltiage in Uebereinstimmung zu bringen-. Indem sie den Sitz des Voilzugskomitees nach Moskau u"bertragen haben, haben sie einerseits seine Autorittiit verstiirkt und es ihm andererseits ermbiglicht, in, engem und volistuindigem Kontakt mit dem Volizugskomitee der Konmunistischen Internationale im Interesse der ganzen Jugendbewegung zusammenzuarbeiten. Andererseits hat die Kommunistische Internationale in Person ihres Vorsitzenden, des Genorssen Sinowjew, der interationalen kommunistischen Jugend Anerkennung ausge'sprochen fuir die durch sie ausgefiihrte Arbeit und ihr die fu"r die Verwirklichung der neuen Aufgabe notwendige moralische und' materielie Unterstiitzung zugesagt. Wir sind also u"berzeugt, daB.-die Kommunistische Jugendinternationale- ihre- neut Pflichten mit Ehren ausfiihren wird,-die ihr; durch die aullerordentliche Lage an der~ ung~eheuren Front des revolutiongren Welt.. proletariats auferlegt sind, und daB sie ge-~ memnsam mit ihrem alteren Binder, tinte seiner politischen Fiihrung, zuni Endsie derr W eltrevolution ge Ilangen w~;ind.~ fr -,1

Page  50 1 i- -~----~-- -- ~-~-~- --I - --"-;--"- -~--- ---i"'~'" ~lrr~~"'~Y--'---- J. LEKA!: -II_:..-;...~r_.-. _...,__--~I..--.. ~...-.~.. Die 1esulfafe des IL. Kongresses der IKomm unisfiscO en Jugendinlernafion ale.,,Ein ernsthaftes Vermachtnis ffur die Jugendinternationale, Die Liige der Kompromisse hinwegfegend, die neue, grof3e und miichtige Internationale begeistert schaffen und aufzubauen." Diese Worte Karl Liebknechts, die zu Beginn des Krieges auf den Seiten der,,Jugendinternationale" abgedruckt waren, sind zur Wirklichkeit geworden. Sie wurden zum Programn der Jugendinternationale, Als diese Worte niedergeschrieben wurden, war es not-. wendig, als Gegengewicht zu den morschen, verrdterischen sozialdemokratischen Parteien die Forderung der vollen Autonomie f Ur die Jugendorganisationen nicht deshaib aufzustellen, weil die Befreiung der Menschheit und der Arbeiterkiasse Aufgabe der Jugend ist, sondern ur der neuentstehenden Internationale zu helfen, die ersten Knospen zu treiben. Das war die historisehe Aufgabe der Jugendinternationale. Mit der Griindung der Komrunistischen Internationale ging die Leitung der revolutionaren proletarischen Bewegung an diese (iber; damit sich aber die Theorie in Wirklichkeit verwandele, war es notwendig, zur Organisation kommunistischer Parteien in den verschiedenen Liindern iiberzugehen. Die Zeit zwischen dem ersten, dem Berliner, und dem zweiten Kongref der Kommunistischen Jugendinternationale war einer doppelten Aufgabe gewidmet: einerseits der Organisation und Kriiftigung der Kommunistischen Parteien und andererseits der Erneuerung der eigenen Reihen. Jene Tatsache, daB die Konmunistische Internationale gegenwiirtig fast in alien Laindern der Welt die Massenparteien organisatorisch: leitet und die proletarischen Massen fiiffrt, die zum Kampfe streben, fordert auch von der Jugendinternationale einen Schritt vorwijrts. Es haben sich 135 Delegierte, die Vertreter von 34 Jugendbiinden, in Moskau versammelt, urn ffr die Kommunistiscie Jugendinternationate die Linie ihres Verhaltens festzulegen. Die Resolutionen des IL Kongresses wurden in vollem Bewufltsein dessen angenommen, daB mit der friiheren GeschwAtz von der,,Rolle der Jugendavantgarde" und mit allen hiermit verkniipften jugendlichen, syndika listisch-verschwomnmenen Traiumereien ein fuir allemal SchluB gemacht werden muf3. Die Einmuitigkeit, mit der die Resolutionen angenommen wurden, zeigte, daBl jeder junge Genosse bereit ist, die neue Taktik anzunehren und nach ihr in seinem Lande zu arbeiten. Die wichtigste Aufgabe der Jugendorganisation ist gegenwabrtig die Annahierung an die breiten indifferenten Jugendmassen, die faktische Verwandlung der Jugendbiinde in Massenorganisationen. Die Jugendorganisationen miissen zu Kampfschulen fur die kommunistischen Parteien werden. Wenn dies der Fall sein wird, wird ein gesunder Erneuerungsproze1 eintreten. Die auf diese Weise freigewordenen jungen Kraifte werden in den Partejen niitzliche Arbeit leisten, indem sie neues, frisches Leben in sie hineintragen. Nach Anhoirung des Referats des Genossen Trotzki beschloB der JugendkongreO, seinerseits alles zu tun, ur die Resolutionen des IIIL Kongresses zu verwirklichen. Der wichtigste Punkt der Tagesordnung war die Festsetzung ganz bestimmter Beziehungen zwischen der Kommunistischen Partei und der Kommunistischen Jugendorganisation. Es muf3te prinzipiell festgestellt werden, daB unser Verhaltnis zu den kommunistischen Parteien ein wesentlich anderes ist als zu den sozialdemokratischen, Die Forderung der Selbstaindigkeit war friiher fu"r die revolutionare Arbeit absolut notwendig. Die revolution'are Jugend konnte die sozialdemokratische Partei nicht als ihre Fiihrerin im Kampfe anerkennen; darum war ihr Austritt aus der alten Partei eine revolutionaire Losung und ihre Selbstandigkeit waihrend des Krieges ein revolutionarer Faktor. Aber vom Augenblick der Gru"ndung kommunistischer Parteien an verhalt es sich hiermit anders. Die Jugend an und fur sich wird nienals als ein Fiihrer des Proletariats betrachtet werden. Durch iliren Mut und ihre Begeisterung kann sie zur Bildung kommunistischer Parteien beitragen, ihre Entwicklung beschleunigen, aber n i e m a 1 s wird sie imstande sein, die geistige Leitung der kommunistischen Bewegung auf sich zu nelmen. Die Leitung derselben befindet sich in den Hafnden der Parteien, und der revolutionare Geist der Kom

Page  51 -L-~~~"l-l--~Il.~l".. f-- -- _;---_ ~~ ~_II -~1 _~-.---i---~-_-_L)-~~--- _--~~~~---~i-li--~__--i~_11~L;----li_ 1(I1~I ~--~-1 I--*-ll-I-:~: -~-11III Ylf TCd-~j~YIY-~~ ~yl-~qlj)t--..- II~: DIE RESULTATE* DES II. KONGRESSES DER KOMMUN. JUGENDINTERNATIONALE 51 - - I -- ------II - I- I_ -.I I; munistischen Internationale garantiert dafiir, daB diese Fiihrung immer eine Bewegung nach vorwairts bedeuten wird. Jene Zeiten sind voriiber, da die Jugend vereinzelt kiimpfte. Die Kampferfahrung, die Vorsicht, die PositivitMt und Vernunft der erwachsenen Genossen mu3 Init der Begeisterung, dem Mut und dem Feuereifer der Jugend zu einem Ganzen verschmelzen. Die Unterordnung unter die kommunistische Partei in politischer Hinsicht ist das grundlegende Prinzip der gemeinsamen Kampffiihrung, aber sie schlieft die Wahrung der organisatorischen Selbstindigkeit f fr die Jugendorganisationen nach wie vor nicht aus. Die organisatorische Selbstiindigkei't ist niclit nur in erzieherischer Hinsicht gut und notwendig, sondern auch deshaib, weil kraft der neuen Aufgaben die Organisationsformen viel umfassender als die Formen der geschlossenen kommunistischen Partei sein werden. Die Jugendorganisationen werden die engste Zusammenarbeit mit den Parteien anstreben, was sich organisatorisch in der gegenseitigen Vertretung in den Zentralkomitees der kommunistischen Parteien und dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Jugendinternationale Ruflern wird. Die gemeinsame Arbeit muf3 waihrend des aktiven Auftretens noch mehr zentralisiert werden; von grol3er Bedeutung ist auch die gemeinsare Arbeit in den illegalen und den milita"rischen Organisationen. Die Jugendorganisationen werden ihre iilteren Mitglieder systematisch an die kommunistischen Parteien abgeben, urn auf diese Weise itingeren Genossen den Eintritt in die Jugendinternationale zu erm6glichen und andererseits die Parteien durch frische Kriifte zu ergainzen. Bei der Besprechung der Thesen fiber den i6konomischen Kampf fand eine lange und sehr fruchtbare Diskussion statt. Niemand zweifelte an der Notwendigkeit des Wirtschaftskampfes, und Meinungsverschiedenheiten entstanden erst fiber die Frage, wie dieser Kampf durchgef ihrt werden soil. Einige Verbiinde neigten dazu, daB die Jugendorganisationen als,,politische" Verbande den-Wirtschaftskampf den Gewerkschaften iiberlassen miifOten. Die Oesterreicher hielten eine Kom-, Ipromil3organisation fuir mijglich; durch Jugendkalrtelle solite die ganze Arbeiteriugend unter einer wirtschaftlichen Losung zu einer parteilosen Organisation zusammengeschlossen werden. Auf diese Weise wiire es einerseits gelungen, den Sozialdemokraten ihre Maske herunterzureif~en, und andererseits in unmittelbare Beriihrung~ mft den Massen zu krommen. Der KongreB sprach sich gegen diese Art von Organisation aus. Die Aufgbbe 4derkommuuistischen Jugendverbandeý besteht darin, in den Augen der Massen. lets Trager des Kampfes zu sein. Der Wirtschaltskampf der Jugend soil der Sache der Erziehung von Revolutioniiren und Kaimpfern dienen. Ebenso lelnte der Kcngrel aus prinzipiellen Erwiigungen die Schaffung besonderer Abteilungen in den Gewerkschaften a1. Es ist begreiflich, daLl die Kommunisten-.nicht 200 000 Jugendliche in den Handeni der Biirokratie der deutschen Gewerkschaftssektionen lassen wollen, sondern in diese Organisationen eintreten und versuchen werden,-sie zu Kommunisten zu machen. Die Arbeiterjugend mull wie ein Keil in die Reihen der revolutionairen Arbeiterkiasse, in die Reihen ihrer filteren Br ider eindringen. Jeder bewul3te jugendliche Proletarier ist zu dem kiaren Schiusse gelangt, dafl es fflr die Kommunistischen Jugendorganisationen elne Lebensfrage ist, den Wirtschaftskampf zu fiihren. Nur dieser Kampf-ermBglicht es, den staindigen, lebendigen Zusammenhang mit den Massen aufrechtzuerhalten. Dieser Kampf ist das beste Erziehungsmittel fuirdie Schaffung einer wirklich kampffiihigen Organisation. Teilaktionen werden, trotz ihrer scheinbaren Bedeutungslosigkeit, dennoch zeigen, daBl die Aktionen fortdauern mfissen, daB es unmb"glich ist, durch Reformen die biirgerliche Gesellschaftsordnung zu findern. Partielle Zusammenstofle wegen der Alltagsforderungen der Jugend miissen zu einem Bestandteil der umfassenden wirtschaftlichen Aktionen der ganzen Arbeiterklasse werden. Die Praxis des 6ikonomischen und politischen Kampfes mufl in den Jugendorganisationen durch Aufkli"rupgsarbeit ergainzt werden. Der Kongrel zog eine scharfe Grenze zwischen der Aufkliirungsarbeit in den sozialdemokratischen Jugendverbinden und der Arbeit in den kommunistischen Gruppen. In den ersteren ist sie lediglich eine -Briicke, die zum Zwecke der Aussojhnung offensichtlicher ýGegensatze zwischen der biirgerlichen und der proletarischen Welt ýerrichtet wird. Museumsbesuch, Verherrlichung der buirgerlichen Kunst, Theater, Wissenschaft, das alles hlat den Zweck, die Jugend die Lebensprosa vergessen zu lassen, sie zu zwingen, zu denkren, daB3 der Kiassenkamp! durch Kompromisse uiberfliissig gemacht werden kann. Der Kongrell sprach sich kiar und deutlich dahin aus, dali die Jugend nicht,,vozn WJissen -. zur Macht", sondern,,Vom Kampf - zur Bildung" `streben wird. Die Komnmunistische Jt~end hat hiermit Kom*#plrS IAIA~;.f%;

Page  52 rE DES II. KIONGRESSES DER KOMMUN. JUGEND1NTERN 'gezeigt, daB sie unter sozialistischer Bildung di. Aufklihrungs und Disziplinierung der Arbeiterfugend durch, aktiveý Teilnalme am revolutioniren' Kampf versteht Die in diesem 'Sinne.formulierte 'Bestimmung lautet:. alle Fragen der Geschichte, Gekonomik, Technik, Kunst, Religion, -Naturwissenschaft, PhiloSophie, uswo sollen nur in dem MaBe -behandelt werdenf. als ihre Kenntnis ffur die- aktive politisehe Aktion und fuor die politische Agitation notwendig ist. Die Beschaiftigung mit Sport, Gymnastik, Exkursionen, der Kampf gegen den -Alkoholismus, gegen die Schundliteratur, gegen die Prostitution - das alles muB dem Hauptziel, dem.politischen Kampf des Proletariats, streng~ untergeordnet werden. Die Erziehungsarbeit unter der Jugend ist durch den prak-tish-politischen Kampf..bedingt. Sie ist nur Mlittel zum Zweck. Die kommunistische Bildung ist -nur. eine Waffe im revolutionaren Kampf, Es:. wurden auch Mainahmen, f 0r die. Or'ganisierung.. einer intensiveren Betreibung der Aufkliirungsarbeit vorgeschlagen. Eine der, wichtigsten Fragen der Tagesordflung war die Besprechung des Problems der Arbeit unter der Jugend der Kolonialvoilker, sowie -auch der'. Arbeit auf dem Lande. Das lebendige In tresse, das durch die Behandlung des Problems der Arbeit 'in den Kolonialflindern 'hervorgerufen wurde, ist ein Beweis der Notwendigkeit einer geistigen und organisatoriscien Annalherung der Jugend des O0rients und des Okzidents. Hier wurde besonders die grolBe Bedeutung des staindigen Konnexes- mit den Massen betont. Die Aufgabe der Jugendbewegung in den Kolonien besteht in, der Organisation der breiten Massen 'der ý Arbeiterjugend in Stadt und Land, ihrer Hineinziehung in den tationalrevolutionairen Kampf und ihre Erziehung im Geiste der so'zialen Reviolution. - Es wurde bemherkt, dalI die Unterskhiede der -verschiedenen Lander die Ausairbeitu'ng-eines -gemeinsamen Arbeits'.schem'as -'hindern, und--es wurde darum beschlossen, stiiiidge Beziethungen zu jedem einMlnmen Lande- aufretht~zuerhalten. 'Die" Verbande: der 'sozialpatriotischen Ju-&efid 'widmen -der Organisation- der Jugend auf 'tem Lande" fiberhaupt keinierlei Aufmerksam'keit.Die. kommunistischen Verbande dagegen i-betraciten "die Verlbreitunig, der - Ideen des K-ommunismus und desý KXlassen'kampfes unter den grolen Masse- *'dr Dorfjugend als notwendig, um ieinen festn Zusammenhang zwischen'Stadt und 'and -herz ustellen.' Es fand eiM' Meinungsaus.ta-uschailich, der ErfaldungstatsAcheti statt. Einm;solcher ý Meinungs austausch kann auch auf diesem Gebiete die Verba""nde der einzelnen Lander organisatorisci kr-iftigen, Indem der KongreB die Wichtigkeit der Ileranziehung intellektueller Kriifte zu den Jugendorganisationen erkannte und damit Studenten prinzipiell zulieB, liel er die Gefahr nicht auler acht, die mit dem Umstand verbunden ist, daIB derartige Elemente mit einer kleinbiirgerlichen Ideologie in die Bewegung eindringen werden, -Gerade aus diesem Grunde lieB er den Gedanken an jeglichen Versuch der Schaffung einer speziellen kommunistischen Studentenorganisation fallen. Die Studenten sollen in die Reihen der kommunistischen Jugend eintreten und Schulter an Schulter mit dieser fuir die Befreiung der Arbeiterkiasse kaiimpfen, Ebenso genau und bestimmt wurden die Methoden der Arbeit in den Kindergruppen festgelegt, In Uebereinstimrung mit den neuen Grundsdtzen wurde die Linie des Verhaltens der kommunistischen Jugendorganisationen in den Fragen der antimilitaristischen Taktik verandert. Vor dem Krieg war das Predigen des Antimilitarismus die Hauptaufgabe der Jugend; wiihrend des Krieges war diese Propaganda jenes Unterscheidungsmerkmal, das die Jugendorganisationen von den sozialdemokratischen unterschied, Es -war dies nicht nur deshaib der Fall, weil dies ausschliefllich Sache der Jugend war. Die ailuBerste Linke war seinerzeit ebenfalls der geistige Fuiirer dieser Bewegung. Die Kriegsfrage geht nicht nur speziell die Jugend an, sondern sie ist iiberhaupt eine der ernstesten Fragen fuor die proletarische Revolution. Hier wird die Bewaffnung des Proletariats den frliheren Losungen der Entwaffnung desselben gegeniibergesteilt. In den alten sozialdemokratischen Parteien verwandelte sich die.Frage des Antimilitarismus in ein endloses Lied. In der konimunistischen Partei kann dies nicht passiere.n. Darum besciloB derKongrell, daB man sich in dieser Frage ganz der Fiihrung der Partei unterordnen muisse, da parallele Aktionen in einer so groflen und teilweise illegaken Bewegung giinzlich unmBglich sind. Die Besprechung der Entwaffnungsfrage hat gezeigt, was fuir einen:Riesenschiritt vorwiirts die Organisationen ~im L~aufe eines Jahres gemacht h~aben! In den breiten Massen ~der kommunistisehen Jugend sind die letzten Ueberbleibsel der bourgeois - sozialdemokratischen 'pazifistiscien Illusionen zerstiirt; jetzt nquB nur noch emn entschiedener Kampf gegen die,1putschiistischen' Elemnente, gegen jegliche Art

Page  53 LAZAR SCHATZK!N: DII -- von Tendenzen A la Herv6 gefiihrt werden, der den Krieg durch den Aufruf,,Ne partez pas" zu verhindern hoift. Die -kommunistische Jugend hat einstimmig erkl'irt, daB.sie mit derartigen anarchistischen Elementen nichts gjemein hat und auch in Zukunft niclts gemein zu hahen wiinscht. Es wurden also alle Fragen der Tagesordnung mit-iiu lerster Sorgfalt besprochen. Da nach Aufhebung der politischen Seibstiindigkeit der Jugendorganisationen sich die Maglichkeit hot, melr Zeit als friiher jenen Fragen zu widmen, die die Jugend selbst angehen, so erhob sich vor uns die Aufgabe der Werbung der breiten Schiclten der Arbeiterjugend. Es miissen foiglich die Organisationsformen derart angepaBt werden, daI3 man mit diesen breiten Schichten in unmittelbare Beriihrung kommt, Die Hauptaufgabe des gegenwirtigen Moments ist die planmaiilige Organisation von,,Zellen" in- den Fabriken,- den Werkstfitten, Schulen usw. Sie sind es eigentlich, die in Zukunft die Stiitze des Verbandes werden sollen. Der KongreB beschlof3, sich innerhaib der Grenzen einer strengen Organisation der Verbiinde zu halten, durch die jedoch die Selbstaindigkeit der Jugend nicht aufgehoben ist. Diese mul im Gegenteil im hbchlsten Grade entwickelt werden, um auf diese Weise neue, frische Kraifte zu entfalten, Die Zentralisation ist am notwendigsten-fuir die illegalen Vereinigungen, ihrem demokratischen Sozialismus mull oftmals notgedrungen ein Hindernis gesteilt werden. Ebenso notwendig ist die Zentralisation in jenen Landern, in denen nationale Minderheiten vorhanden sind. Der Kongrel entlarvte auch den kleinbiirgerlichen Charakter der jiidischen Organisationen,,Bund" und,,Poalei Zion" und beschlofl, den Mitgliedern der genannten Organisationen hie~rvon in einem besonderen Aufruf Mitteilung zu machen. Die Tiiren der Kommunistischen Internationale stehen nur ffur jene Genossen und Verbainde often, die mit alien-sentimentalen kleinbiirgerlichen,,Sonder" - Forderungen gebrochen haben und bereit sind, als Kommtunisten,, als Proletarier an demn ailgemeinen Kaipf teilzunehmen. Ebenso wurde auch unser Verhijifnis zu der deutschen- komm-unistiscien Arbeiterjugend klargesteilt. Die Mitglieder dieser kleinen, zalilenmalig ganz geringen Gruppe werden sich jetzt entscheiden- miissen. oh sie ehrlich in den- Reihen- der-Kommunisten-:kimpfe wollen oder ob sie- nur dazu existieren-w'ollen um mit ihren Ratschliigen zweifelhafterArt', aullerhaib der:proletarischen -Bewegung stehend, nur miillig die- Luft zu erschiitt~tern. Vor anderthalh, Jahren war. die Jugendinternationale-die einzige internationale-Organisation jugendlicher Arbeiter, Jetzt hiaben sich noch zwei,,Konkurrenten" gefunden, die die Arbeiterjugend zusa'mmiienzuschlieflen.Iversuchen., Und so minimal audch ihre; Bedeutung in internationaler Hinsicht. ist, um so,. -mneiri Grund haben wir,,den enerrgischsten KampI gegen diese Feind e aufzunehmen, um-sie hereits in ihrer Zi-tadelle, -in Oesterreich.. und; Deutschland, zu vernichten. Wiihrend des. erstenKongresses in Berlin, wo Noske: und seine'. Bluthunde,regierten,ý.hieltein wir unsere Sitzungen in verschiedenen Schlupfo winkein 'ah. Jetzt aber befanden wir. uns ha hohen Kreml. im.Goldenen Saal, und unser Gastgeber:-warý das Proletariat. Die anderen Internationalen wurden von- der-Bourgeoisie protiegiert.. Ihnen werden Schulen -gebeffnet, Rijume'zur 'Verfugung gestelit, sie, sind die Lieblinge der Regierung. Uns hetzt man, man weist uns- aus, treiht uns aus einem, Lande in das andere,. unsereý zweite, Wohnung ist das Gefiingnis. Aber'unsere maichtigen Organisationen sind- in der- ganzen Welt von dem seinen gemeinsamen Gefiihl durchdrungen --der Revolution zu dieien. Die Jugendorganisationen der ganzen- Welt werden jetzt arbeiten, indem sie sich auf die Resolutionen des.II.- Kongresses sti itzen, Die politische Fiihrung unserer Bewegung ist an die Partei iibergegangen, aber die Jugendorganisationen werden mit unermiidlicher Energie Schulter an Schulter mit der-,Partei fur den Triumph tier proletarischen Weltrevolution kalmpfen. Die- kommunislisc9en JugendverbdTh d die kommunisfiscfen Parfeienm 12 I' Die internationale kommunistische Jugendbewegung, die sich gegenwfrtig auf 48 Lander aller Weitteile erstreckt. und -iiber junge.Proletarier, und Bauern Zt schuiel9l, nimmt; immer m'ehr an Becf

Page  54 54. LAZA SCHATZKIN__. i - - -- ~ -- 54 LAZAR SCHATZKIN~f -: ------ - --- -- ~ -~ --~~ -- die Kommunistische Internationale zu. In der Periode der Schaffung der Kommunistischen Internationale nahmen die kommunistischen Jugendorgandisationen alier Liinder an der Organisation und XKriliftigung der kommunistischen Parteien7. in aktivster Weise Teil, wodurch sie der ganzen kommunistischen -Bewegung einen historischen Dienst von ungeheurer Bedeutung erwiesen haben. Gegenwartig bekommt im Zusammenhang mit einer Reihe von Umstainden die Sache der kommunistischen Erziehung der proletarischen Jugend noch gril~ere Bedeutung als bisher. Schon auf dei III. Kongref3 der Kommunistischen Internationale wurde bei der Besprechung der Frage der 8konomischen und politischen Weltlage auf die wachsende Bedeutung der Rolle der Arbeiterjugend in der kapitalistischen Produktion und dem politischen Kampf hingewiesen. Wiihrend des Weltkrieges in grofien Massen in die Produktion bineingezogen, bilden die jugendlichen Proletarier gegenwartig einen sehr bedeutenden Teil der industriellen Arbeiterarmee. In den stiirmischen Zeiten der Kriegskatastrophe und nach den revolutionhiren Kriegska-mpfen aufgewachsen, repriisentieren sie einen empfanglichen Boden fikr die revolutionare Propaganda und Organisation und sind faktisch bei alien Aktionen der Arbeiterkiasse gegenwairtig der aktivste und beweglichste Teil der Arbeiterkiasse. Auf dem KongreB wurde auch die Notwendigkeit einer versta'rkten politischen Arbeit unter der Arbeiterj ugend im Zusammenhang mit der Ausfiihrung der Hauptaufgabe, die vom III. Kongrefl den kommunistischen Parteien alier Liinder gestellt worden war: der Gewinnung der Mehrheit des Proletariats, betont. Die kommunistischen Jugendverbiinde sind betufen, durch besondere politische Arbeit unter d.n Massen der Arbeiterjugend, durch eine T4,tigkeit, die den Arbeits- und Lebensbedingungen sowie 'der jugendlichen Psychologie ange0pal3t ist, neue Schiclten bisher indifferenter und dem Kommunismus fremder jugendjicther Proletarier in die Reihen der kommu~fistischen Bewegung zu locken. ~lesondere Aufmnerksamkeit miissen die koraItwikunjistishen Parteien der v er s t irk - ten ArBeit der Zweiten und der Zw e~ie i nh~alb -IntIe rn a ti o nale unter d er J u g e d zuwenden. W~hrend in den Jahren 1919 wu~d 1920 nur e in e Jugendjpterntiosal k ~i, ( nCflu istjache Jugeid-~ internationale - existierte, die einen Teil der Kommunistischen Internationale darsteilt, sind im Laufe des letzten Jahres die gelbe,,Internationale der Arbeiterjugend" und die Zweieinhalb-Jugendinternationale, die,,Internationale Vereinigung der sozialistischen Jugendorganisationen", entstanden. Im Vergleich zur Kommunistischen Jugendinternationale iiben diese beiden Organisationen keinen groflen EinfluB im internationalen MaBstabe unter der Arbeiterjugend aus, aber die Unterstiitzung, die ihnen von seiten der bourgeolsen Regierungen, der sozialpatriotischen und der zentristischen Parteien und hauptsiichlich von der Gelben Internationale der Gewerkschaften zuteil wird (diese Unterstiitzung hat bereits die sozialpatriotischen Jugendorganisationen in Deutschland und Holland verstiirkt), muI3.*alle Kommunisten zwingen, auf der Hut zu sein und ihrerseits den,,Kampf fMr die Jugend" zu verstairken, der in der Epoche der proletarischen Revolution von welthistorischer Bedeutung ist. Eine Voraussetzung fU"r die erfoigreiche Ausfiihrung der die ailgemeine kommunistische Bewegung betreffenden Aufgaben des kommunistischen Jugendverbandes, d. h. fu*r die Werbung und kommunistische Erziehung der breiten Massen jugendlicher Proletarier bei den heutigen auf3erordentlich schwierigen Verhijitnissen, ist die Herstellung geregelter gegenseitiger Beziehungen auf politischem und organisator-ischem Gebietzwischen ihnen und den kommunistischen Parteien, die Herstellung eines engen alltaglichen Zusammenarbeitens und eines gegenseitigen Zusamnienhanges zwischen beiden Organis ' ationen. Diese Frage wurde yam III, Kongref der Kommunistischen Internationale und von dem unmittelbar nach ihm stattgefundenen II. Kongref der Konmunistischen Jugendinternationale eingehend besprochen, und das Resultat der Arbeiten dieser Kongresse war die Annahme neuer Thesen, die diese Frage sowohl von der prinzipiellen als auch von der praktischen Seite beleuchten. Um die neuen Bestimmungen beider Kongresse auf dem Gebiete der gegenseitigen Beziehungen der komnmunistischen Jugendverbainde und der kommunistischen Parteien you-~ stiindig zu verstehen. muf3 in Kiirze ulntersucht werden, wie diese gegenseitigen Beziehungen sjch imr Laufe cler ganzen Ges~chichte der~ Inter

Page  55 " II ll ~- I' I- I~r INow-OWN* DIE KOMM. JUGENDVERBANDE UND DIE KOMM. PARTEJEN ---- - ~i~- 55~ nationalen proletarisehen - Jugendbewegung, die jetzt bereits iiber- 35 Jahre umfalt, entwickelten. - Die sozialistischen Jugendverbiinde, die Ende des 19. Jahrhunderts fast in alien Lindern Europas entstanden, waren v o n der Jugend selbst geschaffen worden. In Anbetracht ihrer unertriiglich schweren Lage innerhaib der Grofindustrie und im bebesonderen in der kleinen Handwerksindustrie im btirgerlichen Staate, der die jungen ProleLarier geistig und kiorperlich militarisierte und sie durch Vermittlung der Schule, der Presse, dler Kirche und der biairgerlichen Jugendorganisationen mit biirgerlich-nationalistischem Gift infizierte, kam diese Jugend auf den Gedanken, sich eine eigene Organisation zu schaffen. Diese ersten Verbiinde wurden ohne Beteiligung der sozialistischen Parteien geschaffen (nur mit wenigen Ausnalmen, wie z. B. in der Tscbecho-Slowakei) und oftmals sogar gegen den Willen dieser Parteien und der Gewerkschaften. Die Organisationen der erwachsenen Arbeiter verhielten sich gegeniiber den neugeschaffttnen Jugendorganisationen gleichgijitig, was sich durch den tief eingewurzelten Konservativismus in den Beziehungen des erwachsenen Arbeiters zu seinem jiingeren Bruder erklairen Ia'I3t; zuweilen legten sie sogar feindliche Gesinnung an den Tag, die teilweise auf das Vorhandensein stark anarcho - syndikalistischer Tendenzen in den ersten Arbeiterjugendverbiinden zuriickzufiihren war, die in vielen Liindern zu einer Spaltung der ersten Jugendorganisationen fiihrten. Als die Verbainde der Arbeiteriugend einen ausgesprochen sozialistischen Charakter annahmen und ihr Einfluf3 unter den breiten Massen der jugendlichen Proletarier wuchs, muflten die sozialistisehen Parteien und die Gewerkschaften den sozialistischen Jugendorganisationen mehr Aufmerksamkeit zuwenden und bestimmte gegenseitige Beziehungen mit ihnen festsstzen, die in den Statuten oder in besonderen Bestimmungen der Parteikongresse und der Gewerkschaftskongresse fixiert wurden. In der Mehrzahl der Faille blieben diese Normen eine leere Formalitiit, wie dies z. B. durch das Verhalten der deutschen Sozialdemokratie zu der Arbeit Karl Liebknechts unter der proletarischen Jugend bewiesen wird. Faktisch waren fuir die fleziehrungen der sozialistischen Jugendverbiinde und der sozialistischen Parteien zureinander die fortwiihrend t~.unehmenden reformistischen Einfliisse in den letzteren und das Verhiiltnis ihrer Krdifte und der Krafte der revolutionairen ArbeiterJugendverbiinde bestimmend. Vor dem Krieg waren bereits zwei Richtungen innerhaib der proletarischen Jugendbewegung vorhanden. Ffir die eine von ihnen war Deutschland ein typisches Land, fuir die andere Italien und Norwegen. In Deutschland hatten die Gewerkschaften und die sozialdemokratische Partei, indem sie faktisch das Reichsgesetz iiber das Verbot politischer Organisationen von Halbwiichsigeni ausniitzten und,,padagogische" Argumente iiber die Scha*dlichkeit der Politik ffur Kinder zum Vorwand nahmen, die selbstaindigen Jugendorganisationen aufgehoben und diese durch Komitees ersetzt, die aus Vertretern der Partei und Gewerkschaf ten unter ininimaler Beteiligung der Jugend bestanden. Die Jugend b e w e g u n g wurde ersetzt durch eine B e vo rm u n d ung der Jugend. Die neuen Komitees verliehen der Arbeit unter der Jugend1.fast ausschliefflich aligemeinbildenden und unterhaltenden Charakter und lieflen die von ilnen bevormundeten jugendlichen Proletarier auch nicht cinen Schut3 weit an irgend einen Parteikampf heran, sei dies nun ein Kampf um r8konomische Interessen der Arbeiterjugend selbst oder ein allgemeinpolitischer Kampf des ganzen revolutiontiren Proletariats. in Italien und Norwegen nahmen die sozialistischen Jugendverbiinde schon von den ersten Jahren des Eindringens des Opportunismus in die sozialistischen Parteien in bezug auf diese den entschieden revolutioniiren Standpunkt erbarmungslosen Kampfes ein. In Italien unterstiuitzten sie die Maximalisten gegen die Reformisten, und in Zeiten schwerer Prilfungen, der Verstarkung der irredentistischen Tendenzen und des tripolitanischen Krieges unterstiitzten sie durch ihr ganzes Verhalten den revolutiona-ren Fitigel der sozialistischen Partei Italiens. In Norwegen waren sic feurige Anhiinger der tranmelistischen Richtung. In beiden Iaindern legten die Jugendorganisationen grofle politische Aktivihit an den Tag und waren sowohi in politischer als auch in organisatorischer Hinsicht von den sozialistischen Parteien unabha*ngig. Dies waren, kurz skizziert, die gegenseitigen Beziehungen der Jugendorganisationen1 und der sozialistischen Parteien bis zum Weil~etkriege, der auch in dieser Hinsicht grol~e Veriinderungen gebracht hat. XIII. Die entscheidende Rollle fuir die Vreriinderung der gegenseitigen Beziehungeni der V~egt '4'i

Page  56 binde und der Parteien wiihrend des Krieges spielte der von der erdriickenden Mehrzahl der Sozialdemokratie an der Sache des proletarischen-Kampfes veriibte Verrat. Dieser rief inter den revolutioniiren Kreisen der prolefarischen Jugend eine entschiedene Opposition hervor'Der Krieg traf die Arbeiterjugend besouders hart, sowohi durch Zunalme ihrer Ausbeutung durch Aufhebung der Normen des Arbeitsschutzes und der verstarkten Eifbeziehung neuer Massen proletariscier Kinder in %die Kriegsindustrie als auch durch die ununterbrochene Mobilmachung der Bliite der proletarischen Jugend f fr die Fronten des imperialistischen Krieges und durch die zunehmenden Versuche von seiten der Bourgeoisie, auch die von der Mobilmachung nicht betroffenen Schiclten der Arbeiterjugend zu militarisieren. Der Verrat der Sozialdemokratie hat die politische Aktivitiit der sozialistiscien Jugendverbainde in jenen Laindern verstarkt, in denen sie auch vor dem Kriege u hlinaBhig von der Partei ihren politischen Kampf geffihrt hatten, und zwang sie, ihre ganze Arbeit in das Geleise des aktiven Kampfes gegen den Krieg und den Sozialpatriotismus zu verlegen. In jenen Liindern, wo es den reformistischen Parteien gelang, sich die sozialistischen Jugendverbande ganzlich unterzuordnen, entstand eine Opposition gegen die sozialpatriotische Politik der offiziellenInstanzen der Jugendbewegung. Dies fitirte in Deutschland zu einer Spaltung und zu der Schaffung der neuen,,Freien Sozialistischen Jugend Deutschlands" unter Teilnahme von Karl Liebknecht. Es ergab sich folgende Situation: fast in alien Lindern existierten revolution Are Jugendorganisationen, die den reformistischen, sozialpatriotisch - sozialistischen Parteien schroff gegeniiberstanden. Das Fehien revolutionPlr-internationalistiscier Parteien in der Mehrzahl der europiiischen Lander muf3te dierevolutionliren Jugendorganisationen unvermeidlich dazu zwingen, deren Rolle auf sich zu nehmen und auf diese Weise sich faktisch in,junge Parteien" zu verwandein, die zu Samnelpunkten auch ffur die revolutionairen Elemente unter den erwachsenen Arbeitern* wurden. Dieser Umstand einerseits und der tief politische Abgrund andererseits, der die erachsenen Sozialpatrioten und die jugendlihe -Revolutionlire voneinander trennte, schfe Verh~ltnisse, unter denen nicht nur von ener. Unterordnung unter. die ~o~alitishe Parteien, sondern auch von I*-gendeiner politischen Zusammenarbeit mit di..n e~n Rede sein konnte. Die revo lutionir-internationalistiscien Gruppen der erwachsenen Arbeiter waren itoch sehr sciwach und existierten meistenteils als Gruppen innerhaib der alten sozialistiscien Parteien. Es waren also in alien Laindern die revolutionar-sozialistischen Jugendverbiinde, aus denen spaiter die kommunistiscien Jugendverbiinde entstanden, waierend des Krieges sowohi in politiscier als auch in organisatorischer Hinsicht volistandig unabhaingige Organisationen. In ihren Reihen entstand die Ideologie der absoluten Unabhalngigkeit der Jugendbewegung, die wairend des Krieges (in bezug auf die sozialpatriotiscien Parteien) eine grol3e revolutionaire Rolle gespielt hat. In den Jalren nach dem Kriege ging der Prozef der Entstehung neuer kommunistiscier Parteien vor sich, an dem die kommunistischen Jugendverbiinde sich in aktivster Weise beteiligten. Ueberhaupt lieD sich allmailich eine immer gro-f3ere Annaherung zwischen den kommgnistischen Jugendverbanden und den kommunistiscien Parteien beobaciten- die sich in erster Linie durci die Gemeinsamkeit des politiscien Standpunktes erkliaren lieB. Doch existierten beide Organisationen bis in die letzte Zeit hinein als nebeneinander bestehende unabhilngige Organisationen, einerseits infolge der Schwaiche und formalen Unvoilkommenheit der kommunistischen Parteien und andererseits infolge der Ueberreste der fiberlebten Ideologie der absoluten Unabhangigkeit, sowie des BewuBtseins der Jugendorganisation, daB ihr infolge ihres langeren Bestehens und ihrer grfl~eren revolutiontiren Reinheit im Vergleich zur Partei Anspruch auf politiscier Abhiingigkeit erheben kbnne. Der erste Kongref der Kominunistiscien Jugendinternatonale im November 1919 in Berlin tat den ersten Schritt zur Beschleunigung dieses Annaherungsprozesses, indem er folgendes festsetzte: erstens die Verpflichtung fu"r den Kommunistischen Jugendverband, das Programm der kommunistiscien Parteien in ihren Liindern anzuerkennen, und zweitens die Notwendigkeit der Herstellung eines organisatoriscien - Zusammenhanges zwischen beiden Organisationen. Im Sommer 1920 gab das Exekutivkomitee der Kommunistischen Jugendinternaationale im Auftrag des IL. Kongresses der Kommunistischen Internationale Thesen fiber die Jugendbewegung heraus, in denen es die verschiedenen Entwicklungsstufen der Wechselbeziehungen zwischen dem Kommunistiscien Jugendverband und der Kommunistiscien Part'ei in den einzelnenl

Page  57 Laiindern feststellte: von der vollen Unabhiingigkeit bis zur politischen.Unterordnung (Rufland); es wies auf die Notwendigkeit der allmiihlichen Herstellung der Unterordnung der kommunistischen Jugendverbiinde unter die kommunistische Partei in alien Lindern hin, wobei die ersteren ihre organisatorische Autonomie beibehalten sollen. Die Kommuniistische Jugendinternationale bildet bereits seit 1919 gemaI3 Verfiigung des Berliner Kongresses einen Teil der Kommunistischen Internationale und ordnet sich allem ihren Direktiven unter., Dieses Verhijitnis der beiden Internationalen zueinander sowie auch die gegenseitige Vertretung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale und der Kommunistischen Jugendinternationale mit entscheidender Stimme wurde bestaitigt durch das Statut der Kommunistischen Internationale, das auf ihrem 11 Kongrel angenommen wurde. Bis zum III. Kongref3 der Kommunistischen Internationale hatten sich die Verhijitnisse in der aligemeinen kommunistischen Bewegung derart veriindert, und es hatte sich in dieser Frage soviel neue Erfahrung angesammelt, daf eine neue Loisung der Frage itber das Verhaltnis der kommunistischen Jugendverbainde und der kommunistischen Parteien zueinander erforderlich wurde, die sowohi von seiten der Kommunistisehen Internationale als auch von seiten der kommunistischen Jugend selbst gefunden werden multe. IV, Die Arbeiteriugend bildet einen Teil der Arbeiterkiasse. lhre Bewegung bildet einen Teil der ailgemeinen proletarischen Bewegung; darum hiingt die Rolle der proletarischen Jugendorganisationen von den Verhjiitnissen ab, in denen sich die'aligemeine proletarisehe Bewegung befindet, und lindert sich bei Verainderungen in der letzteren. Dies konnte man vor dem Kriege und waihrend des Krieges im Zusammenhang mit dem Wachstum des Opportunismus in der Arbeiterbewegung beobachten, und das Gleiche gilt auch heute im Zusammenhang mit dem Waclstum des Kommunismus in der ganzen Welt. Heute ist die 1919 gegrfindete Kommunistische Internationale bereits eine feste und starke Organisation der unterdriickten Arbeiter aller Liiner, die den revolutionliren Kampf des Proletariats in der ganzen Welt leitet. In allen Liindern bestehen heute bereits kommunistische Parteien, und in manchen sind sie zu Massenparteien geworden. D ie S it ua - tion hat sich im Vergleic-h mit der Situation wa-hrend d'es Krie ges und in den ersten Jah r en nach dem Kriege radikal v'er'indert, und wenn in frUiih e're-n Zeiten die Rolle der revolutiondren Jugendorganisatione n' hauptsdchlich durch den Mangel oder die eben jetzt erfolgende Entstehung der kommunistischen Parteien bestimant wa. r, so wird sie gegenwadrtig durch das Vorhandensein und die Tatsache der Erstarkung dieser Parteien bestimmt. Darum muBte der III. Konigrefl der Kommunistischen Internationale und der II. KongreB der Kommunistischen Jugentdinternationale diese Frage einer-neuerlichen Revision unterziehen. Weiche Rolle spielen die n e b e n den kommunistischen Parteien bestehenden kommunistischen Jugendverbande i n b e'z u g a u f d i e s e, wodurch muissen sie sich von diesen unterscheiden? Mit dieser Fragestellung traten beide Kongresse an die Llsung ies Problems der gegenseitigen Beziehungen zwischen den kommunistischen Jugendverba nden und den kommunistischen Partefen heran. Denn die Beibehaltung-der friiheren Situation, da die Jugendverbainde sich von. den Parteien nur durch das Alter ihfirer Mitglieder unterschieden und in Wirklichkeit,,junge kommunistische Parteien" waren, hatte beim Waclstum und derErstarkung der kommunistischen,Bewegungzu einer Absurditait gefifihrt. Es ist ganz klar, daf3 gegenwdrtig die. kommunistischen Jugend-;, verbiinde von der Ausfiihrung jener Aufgaben, die ihrem Wesen nach die kommunistischen Parteien angehen, und die sie friiher nur kraft der objektiven Verhijitnisse auf sich nehmen muflten, zu der Ausfili-rung de.r speziell die Jugendorganisatio ne n angehendefn Funktionen fibergehen muflten. Die kommunistischen Parteien 'bflden die Avantgarde der Arbeiterklasse. Sie bestimmen die politische Linie, die Strategie ihres revolutionliren Kampfes, und darin, besteht das Wesen ihrer Arbeit. Diese Rolle der kommunistischen Parteien, sogar, der Massenparteien, setzt ilirer Ahusbrei~tung~ elne-:1 Grenze und b~estimnit ihre Zusammensetzung. Die kommunistischen' Jugenidverbiinde muissen.. durch ihr'e Organisationen neue, nchiiidifferente Schichten der proletarischen Jugnd::_ fuir die allgemeine kommunistische Bewegung: werben, die nicht unruittelbar in die Part~i aufglenommen werden kbnnen: und- d:ie in d~

Page  58 ~~r; '~II~- r-----'- -~-c'- -u--:~-' i'"- ~ -- - --- - -- -- I' -- -.1 I--*--UI-C'-C~--~LI ~-~ I -----Y LLUII * keihen des Kommunistischen Jugendverbandes 'auf der Grundlage einer umfassenden Selbstbetiitigung in ihren eigenen Organisationen 'mi kommunistischen Geiste erzogen werden rniissen. Dies bedeutet, dafl die kommunistiA'chen Jugendverbiinde, die gegenwiirtig im \Tergleich mit den kommunistischen Massen-:parteien nur unbedeutende und verhailtnis-.mIaig kleine Gruppen bilden (z. B. ziihlt der Kommunistische Jugendverband in Deutschland 26 000 Mitglieder und die Kommunistische Partei Deutschlands 300 000 Mitglieder), sich in grol3e Massenorganisationen der Arbeiterjugend verwandein miissen, die in sich nicht nur,,reine Kommunisten", sondern auch noch 'nicht aufgekliirte jugendliche Proletarier.zusammenschlief~en sollen. Das bedeutet,.,daBl die kommunistischen Jugendverboinde, die bisher das Hauptgewicht ihrer Thitigkeit auf das Wirken innerhaib der aligemeinen kommunistischlen Bewegung verlegten, d. h. konkret - sich der Arbeit in den Reihen der Komministischen Partei widmeten, sich jetzt den breiten Massen der Arbeiterjugend zuwenden miissen, auf deren ungeheure Bedeutung fMr die proletarische Revolution wir bereits am Anfang dieses Artikels hinwiesen. Fu*r diese Wendung ist auch die Uebertragung des Hauptgewichtes der Arbeit der kommunistischen Jugendverbainde von den politischpraktischen Fragen auf jene Fragen erforderlich, die sich unmittelbar auf das werktiitige Arbeitsleben, die Lebensweise, den Kampf;Ind die Erziehung der Arbeiterjugend selbst beziehen. Kurz, die kommunistischen Jugendverbande haben ihre friihere Rolle der politischen Leitung der ganzen Arbeiterbewegung eingebUiilt und miissen sich eine neue Rolle als Organisation fU"r die kommunistische Massenerziehung der jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen 'erobern. Das bedeutet aber, keinesfalls, daB die kommunistischen Jugendverbdinde in &*hnlicher Weise wie die sozialpatriotischen Jugendorganisationen zu apolitischen Organisationen werden sollen. Die Grundlage der kommunistischen Erziehung im Unterschied:gu der sozialdemokratischen Erziehung war und ist natiirlich noch heute die aktive Be~teiligung am Kampfe des Proletariats. Die kommunistischen Jugendverbainde miissen ebenfalls auch kiinftig dich an den Parteidis-:kussionen beteiligen. Sie diirfen sich jedoch niicht~ in Diskutierkiubs verwandein und iiber 4e~m Diskutieren i~hre wichtigsten und un'*ittelbarsten Aufgaben hinsichtlich der Mssen ider Arbeiterjugend vergessen. LAZAR SCHATZKIN V. Nachdem die Rolle der kommunistischen gendverbiinde in der ailgemeinen kommu-;tischen Bcwegung der Gegenwart festgedit war. gingen beide Kongresse zur Festllung der gegenseitigen Beziehungen zwihen den kommunistischen Jugendverbainden d den kommunistischen Parteien im engeren mne des Wortes iiber. Die Hauptfrage ist die age der politischen Wechselbeziehung rischen den kommunistischen Jugendvernden und den kommunistischen Parteien. [n den Kriegsjahren beruhte die Notwendigit der politisehen Selbstiindigkeit der gendorganisationen einerseits auf der radilen politischen Meinungsverschiedenheit geiiiber den sozialistischen Parteien und anderseits auf der hieraus fu"r die kommunistihen Jugendverbiinde erwachsenden NotwenSkeit, einen selbstaindigen politischen Kampf fiihren, Vom Fortfall des erstgenannten )ments zu sprechen eriibrigt sich, das -ist ja lerman kiar; von dem Umstand aber, 3 die friihere selbstiindige politische Rolle kommunistischen Jugendverbiinde mit dem achstum und dem Erstarken der kommutischen Parteien zu einer Absurditlit fiihrt, r bereits im vorhergehenden Kapitel die de. ndem die kommunistischen Jugendverbande ihre selbstandige politische Rolle verhten, verzichten sie unter keinen Umnden auf die aktive Beteiligung am poli-.hen Kampf, indem sie namlich das idament der kommunistischen Erziehung ichten; foiglich sind sie nach wie ein Teil der ailgemeinen kommunistischen npfarmee in jedem Lande und nehmen in ser Armee bei ihrem unmittelbaren Kampfe somehr an Bedeutung zu, je grofBere Massen fu"r ihre Reihen zu werben und kommutisch zu erziehen verstanden haben. Das nzip des Zentralismus in der kommunistien Bewegung war in der Kommunistischen ernationale niemals Gegenstand einer inungsverschiedenheit. Die Richtigkeit ses Prinzips ist auch durch die bittere Errung der Niederlagen vereinzelter Arbeiterstiinde der letzten Jahre bestiitigt. Und eits der IL, KongreB der Kommulnistischen ~rnationale hat die Rolle der komamunistien Parteien als die eines einheitlichen und $igen Stabes definiert, der den Kampf aller le des revolutioniiren Proletariats leitet. rher gehbirt natiirlich auch die kommu-:ische Jugend. larum erachtete es der III. Kongrel3 der amunistiachen Internatioinale uand der II. 1

Page  59 DiE KOMM. JUGENDVERBANDE UND DIE KOMM. PARTEJEN Kongref der Kommunistischen Jugendinternationale ffur notwendig, eine politische Unterordnung des kommunistischen Jugendverbandes unter die kommunistische Partei festzusetzen, d. h. eine Unterordnung dieser unter das Programm, die Taktik und die Direktiven der kommunistischen Parteien. Damit wird die Mbiglichkeit der Beteiligung des kommunistischen Jugendverbandes an den Parteiarbeiten nicht aufgehoben, sie muIJ sich nur im Ralmen der Partei, innerhaib derselben abspielen. Indem man es als notwendig betrachtet, da13 die kommunistischen Jugendverbiinde bei ihrer aspeziellen Arbeit unter einer speziellen Schicht des Proletariats die ailgemeine politische Parteilinie einhalten, darf rx sin andererseits unter keinen Umstdinden die Eigenheiten der Jugendbewegung vergessen. Beide Kongresse haben diese Eigenheiten in Betrachi gezogen, als sie es fuir notwendig anerkannten, die organisatorische Autonomie der kommunistischen Jugendverbainde zu wahren. Diese Organisationsautonomie brauchen die kommunistischen Jugendorganisationen gerade zu dem Zwecke, urn die der kommunistischen Bewegung noch fremden Schichten der Arbeiterjugend heranzuziehen und sie, was das wichtigste ist, auf Grund von Selbstbetiitigung kommunistisch zu erziehen. Die Kommunistische Internationale hat bereits in ibrem ersten Aufruf anliifBlich des Berliner Kongresses der Kommunlstischen Jugendinternationale darauf hingewiesen, daB sie sich zu den Methoden der Jugendbevormundung, die von der gelben Internationale angewendet werden, schroff ablehnend verhalt. In den autonomen kommunistischen Jugendverbainden sollen revolutionaire Kommunisten erzogen werden, die in der Praxis ihrer Arbeit in der.Jugendorganisation organisatorische Fertigkeiten und Initiative, die Fiihigkeit, schwierige Fragen ihrer Arbeit selbstiindig zu Uasen und die Verantwortung fu"r vorgenommene Entscheidungen zu tragen, erworben haben. Organisatorische Autonomie bedeutet Selbstverwaltung der kommunistischen Jugendverbfinde und seibstandige Ent~cheidung der sich auf die besonderen Aufgaben ihrer Organisation beziehenden Fragen durch diese. VI' Au~er der Festsetzung des Vrerh~1tnisses der kommunistischen Jugendverbiinde und der kcommunistischen Parteien zueinaadtsr auf politischem und organisatorischem Gebiet, erhebt sich vor ihnen gegenwairtig in ihrer g1anz;n Grij~e die Aufgabe der Herstellung! nicht eiter formalen, papierenen, sondern wirklichen engen Zusammenarbi it und gegen4 seitigen Unterstu-tzung. Die Voraussetzungeu fU1r die Erfiillung dieser Aufgabe sind folgende: 1. Aus den Reihen der kommunistischen Jugendverba-nde sind auszumerzen die letzten Ueberbleibsel der veralteten Ideologie absoluter Unabhaingigkeit von der Partei und des sogenannten,,Verbandspatriotismus", wie man sich in Rufland ausdriickt, der hoch auf der Baume sitzend auf die Partei herunterspuckt, ebenso ist die Arbeit der kommunistischen Jugeudverbainde auf dem Gebiet der Anerziehung des Gefiihls der Zugeh~rigkeit zur allgemeinen kommunistischen Bewegung und des Gefiihls der Notwendigkeit ibrer Zentralisierung und Disziplinierung in seinen Mitgliedern zu verstairken. 2. Aus den Reihen der kommunistischen Partei sind auszumerzen die letzten immer noch vorhandenen Ueberreste von Konservativismus auf seiten des riickstaindigen erwachsenen Arbeiters in seinem Verhalten zu den Lehrlingen und Handlangern, und die Ueberreste eines allzu,,paidagogischen", d. h. ir Grunde genommen bevormundenden Verhaltens der Opportunisten der alten und neuen Zeit der Jugend gegenuiber. Die Parteiarbeiter mu*ssen lernen, die Psychologie der Jugend zu verstehen, die geringste Aeuflerung ihrer Selbstiindigkeit zu achten, ur die Parteifu"hrung geschickt und vorsichtig durchzufufhren und kleinliche Einmischung in die Angelegenheiten der Jugend zu vermeiden. 3. Der kommunistische Jugendverband und die kommunistische Partei haben sich gegenseitig zu informieren, was von seiten beider Organisationen bisher fast gar nicht stattgefunden hat. Dies bedeutet, daB die kommunistischen Jugendverbiinde ihre Arbeit der Aufkliirung der Mitglieder. ihrer Organisationen und der breiten Massen der Arbeiterjugend iiber die Rolle der Partei, ihre Geschichte, ihr Programm, ihre Organisationsstruktur und Taktik zu verdreifachen haben; andererseits mufl in der Parteipresse und auf den Parteikongressen und Versammlungen unbedingt nicht nur die organisatorische Lage der kommunistischen. Jqgendverbainde, sondern auch ihre T~tigkeit auf alien G~ebieten reg~elmiiflig behandelt werden (in erster Linie die wirtschaftliche Lage und der wirtachaftliche Kampf der Arbeiterjugend, die Schulfrage und die politisch aufkliirende Arbeit usw.). Die organisatorische Voraussetzung des Zusammenarbeitens der kornrun'istischen rr

Page  60 JUILI~r~DAIJJZUJDIE KOMM. PARTEIEA F.,JUU&NIJV&KBAN-LJ&,Ul tezidverbi"nde u'nd der' komruniistischen,rteien ist von beiden Kongressen ang~edeute-t Form einer gegenseitigen Vertretung, die jetzt in Rufliand praktisch, durchgeffifihrt d tefiweise 'in Deutschland ausprobiert worxnisjt, Diesie gegenseitige Vertretung-niul3 ýrchgefilhrt werden von unten bis oben, d* li. i d en Fabrik- und-Wer-kzellen' beginnend di bis' hinauf zu den Zentralkomitees beider -ganisationen. Sie soil sich niclit nur auf die muitees beschra"nken, sondern sich audi auf verschiedenenSpezialorgane der Partei itre-cken, " die auf diesem oder je-nem Gebiet indig arbeiten oder vereinzelt kaiimpfen ildungskomiteest Abteilungen fuir die Arbeit f' deni- Lande, Zentralorgane der Fraktion r Gewerkschaften, Verlage usw,). Die Verrklichung dieser-Verff~igung wir~d zweifellos f gro~fle- Schwi~erigkeiten. stoflen, die jedoch,.manden absclirecken sollen, Das wichtigste die Auswahi geeigneter Vertreter von LIden' Seiten im Prozel3 der praktischen,beit, von Vertretern, die fa~hig sind, die ien bevorstehende grofle und reichlich komzierte Arbeit auszufiihren. VII. Wormn kann die Zusamm'enarbeit der. Partei Und des, Verbandes und ibre gegenseitige Jnterstii"tzung konkret zuim Ausdruck ýommen? Vor stdlem in der Koordination des &rbeitsplanes und' in der Ausnii*tzung der Kraifte auf jenen Gebie'ten, auf denen sowohi, lie, k~onnunistische Partei ale auch der komnaunisti'sc6he Juigendverband arbeiten, Wir ia~ben die~se Gebiete oben bereits kurz a.ufIezaihlt'(Gew'e'rksc'haften,- Dorf,, Bildungsarbeit, Presse usw,.), Die geringen K'rii'fte [Iii Vergleich zu den' sich v'or -der -Bewegung erhbenden Aufgabn), die beiden- Organisa;ýio'nen, zur' Verfiigung stehen, miissen- zweck"' Big und sparsam ohne iiberflilissigen. Paral-,eismus verwendet werde'n.. Ferner miissen die -kommunistischen- Par-,e,,ein in Anbetracht des- Zustromes, neuer,Wassen 'in die kommunistischen Jugendver&ande, der Verstarkung i'hre~r kommunistischen (erntruppe-,biesondere Auifmerksam'keit zuArenden, - die "bei" der Verwandlung der JuIieidbewegung in- eine Massenbewegung vermas~se~rt werden kann. Notwendig i'st -di e krbeit all~er.Parteim-itglieder in de'n kommuuistischen Jutgendverbtinden: bis zu- einem ge-' r~issen Alter, das, in jedem Lande durch -spelielie Parteikongresse oder durch die Zentralconitee~s der. Parteien festgesetzt wird, wobeiRoue Arbeit ale- Parteipflicht'' mid -a'uf Grund W~ Narteidiszirlin vorzunehmexi ist. Die kommunistischen Parteien m-issen de Initiative' ffr die Schaffung kommunistischer Jugendverbaiinde fiiberall, dort auf slich rnehmen, wo* soiche -noch niclit vorhanden sind und wo Parteliorganisationen dagege~n bereits existieren. Frii'her wurden Parteizellen von den kommunistischen Jugendverbanden aus eligenen Kra-ften geschaffen; heute, nachdem sie ihre besten Kri'ifte an die Partei abgetreten haben und schwaiicher geworden sind, sin'd die' Parteien verpflichtet, ilinen bei der VergroelBerung der kommunistischen Jugendbewegung behilflich zu sein.: Die kommunistischen Parteien mfissen die Arbeit der* kommunistischen Jugendverbaiinde auf allen Gebieten und bei alien ihren Aktionen aktiv unterstfitzen. Besonders betont werden mull die Wichtigkeit einer verstiirte Unterstiitzung der kommunistischen Jugendverba'inde bei ihrer in der Mehrzahl der Lioinder' erst beginnenden Tii~tigkeit auf dem Gebiete des Wirtschaftsk 'amp 'fes der Arbeiter'jugend und bei- ihrer Arbeit innerhaib der Gewerksch'aften.o Nicht minder wicht'ig ist die Bedeutung der politisch aufkilarenden Arbeit' der kommuni~stischen Jugendverbaiinde und-ihre Agitation, bei der die Parteien ihnen helfen ko"nnen, durch Ernennung von Lelktoren und Agitatoren, durch Schaffung von durch alle Parteiorgane regelmaiflig herausgegebenen Jugendbeilagen (was bereits in RuBlland u.nd Deutschland durchgeffifihrt ist), durch Sc~haffung von Jugendsektionen in den Parteischul-en, durch Hinzuziehung aller Mitglieder de,r Jugendorganisationen zu den ailgemeinen Parteiversammiungen' usw. Die Parteien mfissen die kommunistischen Jugendverbainde zur planmalligen Beteiligung an allen ibren Aktionen und Kampagnen hinzuziehen. In dieser Hinsicht ko~nnen die kommunistischen. Jugendorganisationen den kommunistischen Parteien unschaiitzbar'e Dienste erweisen', besonders in Augenblicken der Verschiirfung des revolutioniiren Kampfes (wie dies die Erfahrung in RuI~land, Deutschland,I Italien u. a. Laindern bewiesen hat), bei der Agitationsarbeit usw. Dies war es, was der Zweite Kongrefi der Kommunistischen Jugendinternationale und

Page  61 N LENIN: - I-~~-----~ -- dig machen und an der Praxis priifen lassen, durch die das Waclstum und die Kriiftigung beider Organisationen gef6rdert werden konnen. VIII, Zum SchluI noch einige Worte (iber das Verhijitnis des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale und der Kommunistischen Jugendinternationale zueinander. Die internationale kommunistische Jugendorganisation bedarf eines innigsten Zusammenhanges und eines nach Kraiften durchgefiihrten Zusammenarbeitens mit dem fiihrendeniiOrgan der ganzen kommunistischen Bewegung, niimlich dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale; fuor sie ist dieser Zusammenhang zelnmal notwendiger als fu"r eine beliebige nationale kommunistische Partei, weil sie eine i n t e r n a t i o n a 1 e Organisation ist und int e rn ati onale Arbeit leistet. Bis in die letzte-Zeit hinein 'War der Zusammenhang zwischen beiden Exekutivkomitees ein zu schwacher, was sich in erster Linie durch den Sitz des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale in Moskau und dem des Exekutivkomitees der Kommunistischen- Jugendinternationale in Berlin erkliiren li3"Bt. Der IH.Kongref3 der Kom munistischen Jugendinternationale hat einstimmig beschlossen, das Exekutivkomie der Kommunistischen Jugendinternatiouiale nach Moskau.-zu verlegen und inWiesteuropa nur ein Bureau und Vertreter in den einzelnen Lindern zur Aufrechterhaltung der Verbindung, zur-Info~rma tion Moskaus und zur Leitung des technischen Apparates der Kommunistischen Jugendinternationale zuri"ckzulassen. Die aus der praktischen Arbeit im Laufe.der anderthaib Monate seit dem II. Kongref hervorgegangene Erfabrung hat die tatsaichliche M8glichkeit engster Zusammenarbeit beider Exekutivkomitees bewiesen und diese Moiglichkeit tatsachlich verwirklicht. Was in den Wechselbeziehungen zwischen der Kommunistischen Jugendinternationale und der Kommunistischen Internationale im internationalen Ma13 -stabe erreicht worden ist, mull durch beharrliche Arbeit, natiirlich unter Beriicksichtigung der speziellen Arbeitsverhiiltnisse in deneimzelnen Liindern, ebenfalls in nationalem Malstabe erreicht werden. Diese Verwirklichting hMngt sowohi von den kommunistischen Parteien als auch von den kommunistischen Jugendverbiinden ab. Moskau, 15. September 1921. Lazar Scoogkin. f7mperialismus und iKapilalismus. (Vorworf ur franzbsisco5en und zur zweifen deufsc45en Ausgabe, 5ucoes: Der Imperialismus als J-ungsfe Etappe des Kapitalism I. Das vorliegende Buch ist, wie ich in dem Vorwort zu der russischen Ausgabe erwiihnte, 1915 unter Beriicksichtigung der zaristischen Zensur geschrieben worden. Ich habe jetzt keine MOglichkeit, den ganzen Text des Buches umzuarbeiten. Das wd-re vielleicht auch zwecklos,-denn die Hauptaufgabe des Buches bleibt nach wie vor, an Hand der summarischen Angaben der unbestrittenen biirgerlichen Statistik und der Gestiindnisse der biirgerlichen Gelehrten aller Lainder, die G es amte rgeb nisse der kapitalistischen Weltwirtschaft zu zeigen, ihre internationalen Beziehungen zu Anfang des XX. Jahrhunderts, am Vorabend des ersten imperialistischen Weltkrieges zu beleuchten. Fur viele Kommunisten in den vorgeschr tensten kapitalistischen Liindern wird es vii leicht auch vom Nutzen sein, sich anH-ai dieses Buches, das.vom Standp'u-n-k l der zaristischen Zensur aus leýýgl war, von der MOglichkeit - und von d Notwendigkeit - zu iiberzeugen, selbst die schwachen Ueberreste der Legalitit. au'z nutzen, die den Kommunisten noch im hem, gen Amerika oder im heutigen Frankreii nach der juongsten beinahe allgemeinen EI kerkerung der Kommunisten ubriggeblieb sind, um die Lu"genhaftigkeit der sozialpwA fistischen Ansichten und Hoffnungen auf, d,,Weltderokrratie" zu entlarven. Und sowl/ manche Erliauterungen zu diesem zensiert -i41i

Page  62 62 " N. LENIN Buche notwendig sind, will ich versuchen, sie in der gegenwairtigen Vorrede zu geben. In dem Buche Wird der Beweis gefiihrt, daBl der Krieg von 1914-1918 von beiden Seiten ein irperialistischer Krieg (d. h. ein Eroberungs-, ein Raulkrieg), ein Krieg ur die Teilung der Weltherrschaft, ur die neue Verteilung der Kolonien, ur die,,Einflu~sphiiren" des Finanzkapitals usw. war. Um den wirklichen sozialen Charakter, genauer ausgedriickt, den wirklichen Kiassencharakter des Krieges nachzuweisen, braucht man selbstverstiindlich nicht die diploratische Geschichte des Krieges zu studieren, sondern die o b j e k t i v e Lage der kommandierenden Klassen in alien kriegfiihrenden Laindern zu untersuchen. FU"r die Schilderung dieser objektiven Lage genfigt es keineswegs, einzelne Beispiele und einzelne Angaben herauszugreifen. Denn bei der ungeheuren Kompliziertheit der sozialen Erscheinungen kann man immer die n*tige Zahi von Beispielen oder einzelnen Angaben zusammensuchen, urn jede beliebige Behauptung zu erhiirten. Ffir eine liickenlose Beweisfiihrung -ist die Analyse siinmtlicher Angaben fiber die G rundlagen des wirtschaftlichen Lebens a 1 Ieer kriegfiihrenden Uander und der ganzen Welt erforderlich. Eben dieser Art sind die unwiderleglichen Gesartangaben, die ich im vorliegenden Buche anfiihre, ur die Weitteilung in den Jalren 1876 und 1914 (im ~ 6) und die Verteilung der Eisenbahnen der ganzen Welt in Ien Jahren 1890 und 1913 (im ~ 7) darzustellen. Die Eisenbahnen bedeuten die Gesartergebnisse der Hauptzweige der kapitalistischen Industrie, der Kohlenf8rderung und der Eisenproduktion. Gleichzeitig sind sie die anschaulichsten Gradresser der Entwicklung des Welthandels und der biirgerlichderokratischen Zivilisation. Wie eng die Eisenbahnen mit der Grolindustrie, rit den Monopolen, den Syndikaten, den Kartellen, den Trusts, den Banken, der Finanzoligarchie verbunden sind, wird in den vorausgehenden Kapiteln des Buches gezeigt. Die Verteilung des Eiscnbahnnetzes, die Ungleichrnii3igkeit dieser JVerteilung und der Entwicklung der Eisenbjahnen - dies alles sind Ergebnisse des modernen, rnonopolistischen Kapitalismus irn W~eltrnafstabe. Und diese Ergebnisse zeigen, daB imperialistische K~riege absolut Unverxreidlich sind, solange diese wirtschaftlichen Grundlagen bestehen bleiben, so lange das: Frivteigenturn an den Produktionsrnitteln existiert. Dem Anschein nach ist der Bau der Eisenbalnen nichts als ein natfirliches, demorkratisches, kulturelles, zivilisatorisches Unternehmen. Als ein solches wird der Eisenbahnbau von den bfirgerlichen Professoren, die ffir ihre Ausschr`iickung der kapitalistischen Sklaverei bezahit werden, und von den kleinbiirgerlichen Philistern gefemert. In Wirklichkeit sind diese Unternehren durch tausend Fiiden rit der Privateigentur an den Produktionsritteln verbunden. Dadurch werden sie in ein Unterdriuickungsrnittel gegeniiber einer Milliarde von Menschen in den Kolonien und in den Halbkolonien verwandelt und sie errnjglichen es den Kapitalisten, die ganze BevOjlkerung der abhaingigen Lainder und die Lohnsklaven des Kapitals in den,,zivilisierten" Laindern unter ihrer Joch zu halten. Das Privateigentur der seibstaindigen Kleinproduzenten, die freie Konkurrenz, die Derokratie - all die Schlagworte, rit denen die Kapitalisten und ihre Presse die Arbeiter und Bauern beschwindeln, sind laingst Vergangenheit geworden. Der Kapitalismus hat sich zu einem Weltsyster der kolonialen Unterdriickung und der finanziellen Aussaugung der ungeheuren Mehrheit der Weltbevtlkerung durch einige,,vorgeschrittene" Lainder ausgewachsen. Zwei oder drei Riesenraiuber (Arerika, England, Japan), bewaffnet bis an die Zaihne, teilen sich in diese Beute und reiflen alle Erdteile in i h r e n Krieg ur die Teilung i h r e r Beute hinein. III. Der Brester Frieden, der vom monarchischen Deutschland diktlert wurde, und dann der noch grausarere und niedertraichtigere Versailler Frieden, diktiert von den,,demokratischen" Republiken Frankreich und Amerika und von,,freiheitsliebenden" England, haben der Menschheit einen unermef3 -lichen Dienst erwiesen. Sie entlarvten ebenso die kaiuflichen Tintenkulis des Irperialisrus wie die reaktionairen Bourgeois, auch die unter der pazifistischen und der sozialistischen Maske, die den,,Wilsonismus" priesen und die Mb*glichkeit des Friedens und der Reforrnen unter dern Irnperialisrnus zu beweisen suchten. Dutzende von Millionen von Toten und Kriippeln hat der Krieg die Menschheit gekostet, den die beiden Gruppen von Finanzrijubern, die englische und die deutsche, urn die Beute fiihrten. Die. Opfer dieses Krieges und dann jene beiden,,FriedensvertrBge" sind

Page  63 0 45 Ap pe IMPERIALISMUS UND KAPITALISMUS 63, die besten Lehren ffur die Millionen und Dutzende von Millionen unterdriickter, niedergeschlagener, bet-rter Menschen, sie bffnen ihnen mit ungeahnter Schnelligkeit die Augen. Auf dem Boden der ailgemeinen Kriegsverwiistung erwiichst auf diese Weise eine aligemeine revolutionaire Krise, die trotz aller Schwankungen und Schwierigkeiten nicht anders als mit der siegreichen proletarischen Revolution enden kann. Das Basler Manifest der II. Internationale kennzeichnete im Jahre 1912 gerade diesen Krieg, der im Jahre 1914 ausbrach, und nicht den Krieg (iberhaupt (denn die Kriege kobnnen von verschiedenster Art sein, und es gibt auch revolutioni"re Kriege). Dieses Manifest bleibt ein Denkmal des schmachvollen Bankerotts, des gemeinen Renegatentums der Helden der II. Internationale. Ich drucke jenes Manifest als Anhang zur gegenwartigen Auflage meines Buches ab und mache die Leser mit Nachdruck darauf aufmerksam, daB die Helden der II Internationale heute alle Stellen jenes Manifestes sorgsam umgehen, wo der Zusammenhang des gegenwiirtigen Krieges mit der proletarischen Revolution kiar und deutlich festgestellt wird. Sie umgehen all diese Feststellungen mit derselben Behutsamkeit, mit der der Dieb den Ort umgeht, wo er gestohlen hat. IV. Besonders eingehend wird in dem vorliegenden Buche das Kautskyanertum, jene internationale geistige Strbmung kritisiert, die in allen Liiandern der Welt von den,,hervorragendsten" Theoretikern, von den Fiihrern der IL Internationale (in Qesterreich - Otto Bauer u. a., in England - Ramsay Macdonald u, a., in Frankreich - Albert Thomas usw. usw.) und von der Masse der Sozialisten, Reformisten, Pazifisten, der biirgerlichen Demokraten und der Pfaffen vertreten wird. Diese geistige Richtung ist ein Produkt der Aufliisung, der Zersetzung der II. Internationale. Andererseits ist sie eine geistige Frucht des Kleinbiirge.rtums, das seiner ganzen Lebenslage nach im Bann der biirgerlichen und demokratischen Vorurteile bleiben muI. Bei Kautsky und bei vielen anderen seines Schlsgs sind diese Ansichten nichts anderes als eine volle Verleugnung gerade jener revolutioniiren Grundsiitze des Marxismus, die dieser Schriftsteller Jahrzehnte lang, insbesondere im Kampfe gegen den sozialistischen Opportunismus (Bernstein, Millerand, Hyndman, Gompers u. dergl.) verteidigt hat. Es.ist daher kein Zufall, dafl die Kautskyaner sich in- der ganzen Welt praktisch mit deor extremen Opportunisten (durch die II. oder die gelbe Internationale) und mit den biirgerlichen Regierungen (durch biirgerliche Koali-P tionsregierungen mit der Teilnahme der Sozialisten) verbiindet haben. Die in der ganzen Welt anwachsende proletarisehe revolutionire Bewegung und besonders die kommunistische Bewegung kann sich nicht entwickeln, ohne eine griindliche Analyse und Entlarvung der theoretischen Febler des Kautskyanertums vorzunehmen. Dies ist um so notwendiger, als auch die pazifistischen und,,demokratischen" Lehren in der Welt noch starke Verbreitung finden, die zwar keinen Anspruch darauf erheben, marxistische Lehren zu sein, die aber genau ebenso wie Kautsky und Co. die Tiefe der imperialistischen Widerspriiche und die Unvermeidlichkeit der von ihnen erzeugten revolutionarirn Krise zu verkleistern suchen. Der Karpf gegen diese Stro-mungen ist eine Pflicht der proletarischen Partei, die vor die Aufgabe gesteilt ist, die von der Bourgeoisie betbrten Kleinproduzenten und Millionen von Werk. thtigoen aufzukliiren, die in mehr oder wenigel kleinbiirgerlichen Verhiiltnissen leben. V. Einige Worte mul ich iiber das 8. Kapitel,,Das Parasitentum und die Zersetzung des Kapitalismus" sagen. Wie im Text des Buches verzeichnet ist, hat Hilferding, emn friiherer,,Marxist", jetzt ein mKampfgenosse Kautskys und einer der Hauptvertreter des biirgerlichen Reformismus in der,,Unabhh"n-ý gigen Sozialdemokratischen Partei Deutsch;lands", in dieser Frage einen Schritt ni*ckwarts gegeniiber dem o f f e n e n Pazifisten und Reformisten, dem Englainder Hobson, gemacht. Die internationale Spaltung der gesamten Arbeiterbewegung ist heute 'eine offensichtliche Tatsache (die II. und die III. Internationale). Auch steht es jetzt aufler Zweifel, dafl diese beiden Richtungen gegenV einander einen offenen Kampf und einen 13r-. gerkrieg fiihren. So haben die Menschewisten und Sozialrevolutioniire in Ruilland Koltschak und Denikin gegen die Bolschew~isten unter~ stiitzt; die Scheidem~inner mit Noske in D~eutschlanrd _haben sich mit der Bourgeoisie gegen die Spartakisten vereinigt. ~Dasselbe sehen wir in Finnland, Polen, Ungarn usw. Welches ist die wirtschaftliche Grundlagej dieser weltgeschichtlichen Erscheinung?1 g ii

Page  64 Diese Grundlage liegt im Parasitentum und in*der Fulnis des Kapitalismus, die seinem h chsten historischen Stadium, dem des Imperialismus, eigentiimlich sind. Wie in dem vorliegenden Buche ausgefiihrt wird, hat der Kapitalismus eine H anAd v o 11 besonders reicher und michtiger Staaten an die Spitze geschoben, die etwa ein Zehntel oder, reichlich gerechnet, h6chstens ein Fiinftel der Weltbev*lkerung umfassen und doch durch &das einfache,,Couponabschneiden" die ganze Welt pliindern. Der Kapitalexport liefert 8 bis 10 Milliarden Francs Jalreseinnalme, und zwar nach den Vorkriegspreisen und nach der biirgerlichen Vorkriegsstatistik, Jetzt machen diese Einnahmen eine viel hphere Summe aus. Es ist kMar, dal3 diese riesenhaften M e h rp r o fit e (die die Kapitalisten aufler den gew8hnlichen, von'den Arbeitern des,,eigenen" Landes ausgepreflten Profiten einheimsen) es der Bourgeoisie moglich machen, die Arbeiterfifihrer und die Oberschichten der Arbeiteraristokratie zu k a u f e n. Die Kapitalisten der vDorgeschrittensten Lainder kaufen sie auch wirklich, und zwar auf unzaihligen direkten und. indirekten, offenen und versteckten Wegen. Diese Schicht der verbiirgerlichten Arbeiter oder der,,Arbeiteraristokratie" ist ibrer Lebensweise, ihren Einnahmen, ihrer ganzen Weltanschauung nach durch und durch biirgerlich. Sie ist eben die Hauptstiitze der 11 Internationale und die s o z i a 1 e (nicht die militairische) Hauptstiitze der B ourg e o i s i e. Es sind dies die wahren Agenten der Bourgeoisie in der Arbeiterbewegung, die proletarischen Stellvertreter der Bourgeoisie (labour lieutenants of the capitalist class), die wahren Ueberleiter des Reformismus und des Chauvinismus. In dem Biirgerkriege zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie stellen sie sich unvermeidlich, und zwar in grol3er Zahl, auf die Seite der Bourgeoisie, auf die Seite der,,Versailler" gegen die,,Communards". Ohne die wirtschaftlichen Wurzeln dieser Erscheinung blof3 zu legen, ohne ihre politische und soziale Bedeutung einzuschitzen, kann man keinen Schritt zur Losung der praktischen Aufgaben der kommunistischen Bewegung und der kiinftigen proletarischen Revolution machen. Der Imperialismus ist die Morgeniijte der proletarischen sozialen Revolution. Das hat sich seit 1917 in der ganzen Welt bewahrheitet. Den 0. Juli 1Q20. N. Lenin. Velipolifisqfe Umrisse. Die Entwicklung der Weltpolitik nach dem Ausgang des grollen Krieges befindet sich in.einem so auflerordentlich fluissigen Zustand, daB sie die groBften Schwierigkeiten fuir jeden Versuch einer zusammenfassenden Darstellung bildetA Diese zusammenfassende Darstellung fat aber von groBter Wichtigkeit als Rahmen ffr die Untersuchung der ausschlaggebenden Fragen der Hauptgegensaitze. Darum gilt es vorerat -diese Fragen, die die Pfeiler der neuen Entwicklung bilden, zu stellen, ihren Zusamaenhang aufzuweisen, um dann zu versuchen, an die Kraifte und Tendenzen heranzutreten, die sich um sie gruppieren. Wie strittig auch die erste Aufzeichnung der weltpolitichen Umrisse sein mag (sie wird oft einen paradoxalen Eindruck machen), wieviel Aenderuzigenan, ihnen vorzunehmen die weitere intersuchtang auch zwingen mag, - eine soic'he Untersuchung ist notwendig. Wir unternehmen sie hier, damit in den folgenden Nummern der,,Kommunistischen Internationale" zusammen mit andern auf diesem Gebiete kundigen Genossen die Schilderung der weltpolitischen Tendenzen in Angriff genommen werden kann. I. Es ist zu beginnen mit der Feststellung der Entwicklungsrichtung und des Standes der Weltwirtscha'ft. Das Zeitalter des I mpe~rialismus war ein Zeitalter des Schutzzolles, des Schutzzolles, der Seine alte Funktion verindert hat: er diente nicht mehr dem Schutz der heimischen Industrie, sondern seine Aufgabe war, sie fahig zu machen, auf demWeltmarkte fremde Industrien zu unterbieten und die unentwickelten kolonialen Markte zu er

Page  65 WELTPOLITISCJE UMRISSE -- -- --- -- -- --- ------._- 1 _~~_:_. obern. Nacldem es dem Kapitalismus zu eng wurde in den Schutzzollkaifigen der einzelnen U-nder, erstrebte er, diese Kfifige zu erweitern durch die Zusammenfassung einzelner Schutzzollgebiete. Die Bestrebungen ur Aufhebung des englischen Freihandels und Vereinigung der englischen Kolonien mit ihrem M u t t e r 1 a n d e zu einem Zoligebiet, die entgegengesetzten Bestrebungen der bjkonomischen Einverleibung Kanadas in die Vereinigten Staaten Nordamerik as, die im Kriege mit groBer Wucht aufgetauchte Bewegung nach Schaffung des mitteleurop"aischen Zoliverband e s mit seinen Ausliufern nach dem SiUidosten: alles das waren grol3e historische Strb*mungen, deren Instrument der Imperialismus und dann der Krieg war. Nun, wie steht es mit diesen ausschlaggebenden bkonomischen Strb-mungen? Weiche Li-sung gab ihnen der Krieg? Gegen das Ende des Krieges schien es so, als ob die grof3e Kraftprobe der sich gegenseitig bekiimpfenden und ausschlief3enden Tendenzen der kapitalistischen Miichte zur Einstellung des Kampfes und zu einer weltka'pitalistischen Verstiindigung fiihren wiirde. Inwieweit die Idee der Vb"lkerliga mehr war als ein weltpolitischer Bluff - und sie war es zweifelsohne als Tendenz mehr -, so bildete die Idee des internationalen kapitalistischen Trusts, der die Welt beherrschen wiirde, ihre Grundlage. Diese Idee brach zusammen mit der katastrophalen Niederlage des deutschen Imperialismus. Nicht, als ob er der Triiger dieser Idee gewesen waire, umgekehrt, seine mitteleuropdiische Idee war nichts anderes als die Idee des wirtschaftlichen Schuitzengrabens, ur mit Naumann zu sprechen. Wiirde Deutschland gesiegt haben, es wiirde sich natfirlich ebenso wenig an die Spitze der'Bewegung zur Schaffung eines weltwirtschaftlichen Trusts stellen, wie es die siegreiche Entente getan hat. Es wiirde an den eigenen Raub denken. Die Vorbedingung der siegreichen Durchsetzung der Tendenz zum Weitbunde des Kapitals war der residltatlos verlaufene Krieg, der Krieg ohne Sieger, der Krieg, der jedem seiner Teilnehmer die Hoffnung auf Beute genommen und so allen kapitalistischen Miichten die Notwendigkeit aufgezwungen huitte, sich untereinander zu verstiindigen zwecks gemeinsamer Eindiimmung der durch den Krieg verursachten weltwirtschaftlichen Katastropbe. D ie s ieg - reichen Ententemiichte begruben die Idee des internationalen kapi5.-~~- Kn~l~~*t t~ talistischen Trusts. Sie lielen den Namen des VOlkerbundes bestehen, aber sie beschriinkten den Bund auf die siegreichen und neutralen Ma**chte und nahmen ihm jeden bindenden wirtschaftlichen Inhalt. Kapitalisten trustieren sich, wenn sie sich nicht besiegen konnen. Der Bankrott -eioner Firma fiihrt nicht zum Trust, sondern zu ihrem Aufkauf. Die Alliierten glaubten auf Grund der deutschen Beute oder dank der Aussehaltung der deutschen Konkurrenz sich sanieren zu koonnen. So ist die Periode der Nachkriegsjahre die Periode der Konkurrenz. Anstelle Deutschlands und Englands als Hauptkonkurrenten sind England und Amerika getreten. Gleichzeitig ist aber die Frage aufgerollt: Wie ist es mbiglich, einen Menschen auf der Straf3e um sein Portemonnaie, Hemd und Hose zu bringen, und ihn gleichzeitig zurn besten Warenkaiufer zu erziehen? Dies ist nicbt nur das Problem Deutschlands, Qesterreichs, der Tiirkei, sondern auch das Problem Ruilands. WaIIhrend die Konkurrenz der kapitalistischen Uainder zu einer ~ e u e n W o g e der Schutzzollbestrebungen gefiihrt hat, fiihrte dieses letzte ungelo-ste Problem zur weltwirtschaftlichen Krise, in der sich die kapitalistisehe Welt seit Mitte des vorigen Jahres befindet. Das ist das Bild der Tendenzen. Der Stand der Dinge aber ist: g a n z E uropa in seiner Produktionskraft zuriickgeworfen, wodurch seine wirtschaftlichen Expansionsmbjglichkeiten sehr geschwiicht sind. Nichts ist dafiir so charakteristisch, wie der Streit in den Reihen der englisohen Imperialisten, ob sich das englische Empire einen solchen Luxus- erlauben kann, wie die Erfuillung der alten Triiume des englisehen Imperialismus, die eine der wichtigsten Ursachen des letzten Krieges waren: die Verbindung Aegyptens mit Indien durch Arabien und Mesopotamien. D i e V e r e i - nigten Staaten von Nordamerika und Japan sind umgekehrt aus dem Weltkrieg wirtschaftlich sehr gestairkt hervorgegangen. Die gestiirkte amerikanische Industrie steht vor der ungeheuren Schwierigkeit, f Ur ibre Ware Absatzmiirkte zu finden. Es sind nicht minder landwirtschaftliche als industrielle Waren, ur die es sich handelt. Wenn sich dies Problem, insoweit es sich um den Export der landwirtschaftlichen Produkte, den Export von Getreide und Baumwolle handelt, l8sen l163t durch langfristige Kredite ffur die mittel- und siideuropiischen A j~

Page  66 i ~ -~ _~IL131111111111111~ KARL RADEK Kapitalisten, so haben diese Kredite die Eigenart, da3, wenn sie den amerikanischen Farmer retten, sie gleiclzeitig die Schwierig'keiten des amerikanisehen Industriellen erhghen, indem sie Deutschland konkurrenzf'ahig auf dem industriellen Markte machen. Die Frage der Ausfuhr nach den landwirtschaftlichen Gebieten, nach Ostasien und Ruijand, gewinnt so f Ur die Vereinigten Staaten von Nordamerika eine wachsende Bedeutung. FU*r J a p a n riicken die Fragen der Expansion in ein entscheidendes Stadium; ohne Kohie, ohne Eisen, ohne geniigende Lebensmittel, mit einem Menschenzuwachs von 600 bis 800 000 jiihrlich, ist es die Wie d er holung desFallesD eut s h1 a n d s, ohne indes faihig zu sein, wie es Deutschland zweifelsohne war, durch Verzicht auf Expansion vermittels einer verfeinerten Technik sich in der Welt durchzusetzen. Das ist das aligemeine Bild der weitwirtschaftlichen Probleme, die gelOjst werden sollen durch die Mittel der Weltpolitik. Da das letzte Mittel der Weltpolitik die Waffen sind, so stehen diese drei Jahre nach dem Geschrei vom Sieg iiber den Militarismus im Zentrum aller Fragen. Der Krieg hat gezeigt, wie leicht Armeen aus dem Boden gestampft werden kbnnen. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika und England, die dieses Wunder wiihrend des Krieges vollbracht haben, verlassen sich auf ihre bewaihrte Kunst der militairischen Improvisation und behalten nur das Geriist der zu bildenden Landarmeen, waihrend sie sich auf die Bildung der Flotten konzentrieren. Japan baut gleichzeitig seine Flotte und seine Armee aus. Frankreich und die neugebildeten Staaten in Mitteleuropa sind dabei, die vorkriegerischen RUistungen zu iibertrumpfen und zu jiberbieten. Die Entwaffnung Deutschlands hat Europas Kriegslust nicht gemindert. Sie hat nur die Riuicksichtslosigkeit der Bewaffneten den Entwaffneten gegeniiber gesteigert. Ffir den Kapitalismus als Ganzes sind die Waffen die Ultima ratio geblieben. Hinter allen weltpolitischen Kombinationen, die sich auszubilden beginnen, stelt die Gefahr des Krieges. II. Der Weltkrieg endete mit dem Siege der Vereinigten Staaten Nordamerikas im Weltmal~stabe, mit dem Siege Englands in Europa, und mit dem Siege J ap a ns in Ost as i en. Die Vereinigten Staaten Nordamerikas suchen den Sieg Japans zu beanstanden. England leistet der wirtschaftlichen Hegemonie der Vereinigten Staaten Nordamerikas Widerstand. Frankreich, das Land, dem der Krieg neben der Ruhmespalme die meisten-Graiber, die griflten Opfer, die grol"te wirtschaftliche Zerriittung gebracht hat, sucht die Hegemonie der englischen Inseln zu bestreiten. Die Beziehungen dieser hinder zu einander miissen den Ausgangspunkt der weltpolitischen Betrachtungen bilden, da sie neben Sowjet-Rufland die einzigen Subjekte der Weltpolitik sind. Alles andere bildet ihr Objekt. England zog in den Krieg, um Deutschland als eine Wirtschaftsmacht, die nicht nur durch die Billigkeit ihrer Waren, sondern auch durch ihre Kriegsschiffe mit dem britischen Imperialismus konkurrierte, niederzuschlagen. Dieses Ziel ist ihm volikommen gelungen. Aber durch den Sieg fiber Deutschland kounte es das Rad der Geschichte nicht zuriickdrehen, und es konnte nicht die Welt in einen Zustand zuriickversetzen, in dem Grof-Britannien die einzige industrielle Werkstatt der Welt war. Im Kriege vollzog sich der endgiiltige Uebergang der Vereinigten Staaten Nordamerikas zum Industrieland, das nicht nur seinen M0glichkeiten nach das gr6lIte ist, sondern das jetzt technisch und 60konomisch die Oberhand besitzt. Es hat eine gr6fBere Metall- und Kohlen-Industrie als England. Es hat 60 Proz. der Petroleumvorriite der Welt, also ein Uebergewicht auf dem Gebiete der fliissigen Kohle, die nicht nur zum Hauptniihrstoff der Industrie, sondern auch zum Triiger der maritimen Entwicklung wird. Infolge der Hindernisse, die der Schutzzoll vor dem Kriege dem Bau einer Handelsflotte stellte, trat es ohne diese in den Weltkrieg. Es schuf sich wiihrend des Krieges eine kolossale Handelsflotte unter dem Goldregen der Kriegspreise und dem Druck der Frachtenknappheit. Es-ist, was seine Lebensmittelbasis anbetrifft, einstweilen unabhiingig von der Welt. Es hat die am intensivsten arbeitenden Proletarier. Was Wunder, daB das englische Kapital das Wachstum der Vereinigten Staaten mit dem groBften Argwohn und Miftrauen verfolgt und daB es weif3, hier ist d er neue Feind Englands entstanden. Die englische kapitalistisehe Presse, gewiihnt durch alte Zucht, die Gedanken zu verheimlichen, die auszusprechen fuir die englische Politik gefiihrlich ist, rnimt Liebe und Freundschaft fuir Amerika. Sic feiert sogar mit Amerika zusammen die Feste der grbl3ten historischen Niederlage

Page  67 WELTPOLITISCHE UMRISSE 67 Englands, die Feier der Abtrennung der Vereinigten Staaten, Lloyd George erkliirte die Freundschaft mit Amerika fur den Grundpfeiler der jetzigen englischen Politik, Die Philister des englischen Liberalismus, die kliigsten Herren von der,,Nation" und dem,,New Statesman" erkliiren es fiir einen unsinnigen Gedanken, auch nur an die Mbglichkeit eines englisch-amerikanischen Krieges zu denken, weil die Amerikaner Anglosachsen sind. Gleichzeitig aber erklairt Winston Churchill im englischen Parlament es fiir einen unertriiglichen Gedanken, daB England eine Seemacht 2. Ranges werden und daB es zu den freundschaftlichen Verhandlungen in Washington ohne ein Programm von Riistungen kommen kbnnte, die England sicherstellen wiirden fiir den Fall, daB es ihm unmbglich sein wird, freundliche Grimassen zu schneiden. Die englisch-amerikanische Konkurrenz ist die wichtigste Tatsache derWeltpoliti k nachd em K rieg e. Natiirlich bedeutet Konkurrenz noch keinen Krieg. Seit dem Tag, an dem die,,Saturday Review" geschrieben:,,Germaniam dellam esse", sind bis zum Tage von Scapa Flow mehr als 15 Jahre verflossen. Aber die Gefahr der kriegerischen Lbsung ist da, und die Riistungen zur See beweisen, dal die herrschenden Klassen der beiden Lander so und nicht anders die Lage verstehen. Der Weltkrieg hat den besitzenden Klassen der ganzen Welt einen groBlen Schrecken eingejagt. Sie leisten sich ununterbrochen Kriege, aber sie fiirchten wie die Pest den Krieg. Darum werden sie alles tun, um durch wirtschaftliche und politische Arrangements ihre Interessen auf einen Generalnenner zu bringen. Die,,City" sehnt sich nach Ruhe. Die Vereinigten Staaten Nordamerikas sind ein kraftbewulter junger Liimmel, der sich nicht viele Gedanken macht und von Zeit zu Zeit seinen lteren Vetter ungestiim auf die Hiihneraugen tritt. Aber es ist klar, daB sogar ihre Diplomatie, in der sich kaufmainnischer common sense mit dem Dilettantismus der Studenten der Haward-Universitiit mischt, von keiner Kriegslust gebliiht ist. Es ist die Frage, wo und wann sich die anglo-amerikanischen Interessen kreuzen werden. Die Schnittpunkte sind Ostasien und Osteuropa. Den Komplex der ost-europiiischen Fragen, das Verhiiltnis der einzelnen Siegermiichte zu Rulland werden wir an einer andern Stelle dieser Ausfiihrungen behandeln. Hier handelt es sich nur um das Skizzieren der Rolle Japans, Trotz der AbstoBflung seiner Schulden wiahrend des Krieges, seiner groBen industriellen Entwicklung im Kriege, trotz der zeitweiligen Ueberwindung der Passivitait seiner Handelsbilanz ist J a p an ein armes Land. Es hat nicht genligende natfirliche Grundlagen zur Rolle einer erstklassigen Industriemacht. Es ist zu spiit zum Kapitalismus iibergegangen, um eine fiihrende Rolle unter den alten kapitalistischen Grolmaichten zu spielen. Die Quelle seiner relativeni Kraft liegt darin, dalB es als nachster Nachbar des ostasiatischen Kontinentes verstanden hat, auf seiner schmalen kapitalistischen Basis eine grofle Macht zu Land und zur See zu werden. Es niitzte die Zeit, in der England sich im Gegensatz zu Frankreich Nordafrikas wegen befand, in der es um Siidafrika kirimpfen muBflte und dann auf die Nordsee starrte, es niitzte die Zeit des Ueberganges der Vereinigten Staaten Nordamerikas zum Imperialismus aus, um Ful zu fassen in China, es niitzte den groBen Weltkrieg aus, um sich Hypotheken in China und Sibirien zu schaffen. Es wird jetzt um Kohle, Eisen und Reis, die in China zu holen sind, zu kaimpfen haben. Aber nachdem es den Fehler begangen hat, daB es im Jahre 1918 Dolche dachte oder sprach, aber nicht gewagt hat, durch den Uebergang auf die Seite Deutschlands den Dolch gegen Amerika zu ziehen, so wird es jetzt unter sehr unglinstigen Bedingungen um die Aufrechterhaltung und den Ausbau seiner im Kriege erworbenen Positionen zu kimpfen haben. Amerika hat nicht nur freie Hiinde, sondern es hat die groBle Peitsche der Verschuldung der Alliierten in der Hand. Es kann die Schulden der Alliierten als Schraube gegen sie gebrauchen, um ihre drohende Haltung gegen Japan herbeizufiihren. Das Wort von der aufgebahrten Leiche, die das japanisch-englische Biindnis darstellen soll, ist eine iibertriebene journalistische Phrase. Trotz der Gegnerschaft Kanadas, Australiens und Siidafrikas zum Biindnis Englands mit Japan wird England nicht ohne weiteres auf dieses Biindnis verzichten. Wenn Herr Lloyd George in seiner grolBen Rede im Parlament, in der er fiber die Imperialkonferenz berichtete-, mit unschuldiger Miene fragte, warum die englische Freundschaft mit Japan der Freundschaft mit Amerika im Wege stehen sollte, so sagte dieser kluge Staatsmann in seiner schlaumeierischen Form nur, dalI England nicht gewillt ist, die japanische Karte ohne weiteres aus der Hand zu lassen. Herr Lloyd George denkt an eine menage g treis, bei der er seinen Ful etwas enger an das FiiBchen der anmutigen Geisha als an die 5* Komm, Intern. 18

Page  68 KARL RADEK - ---` dickbesohlten Pfoten des Onkel Sam unter dem Tisch anlelnen wiirde. Dieses Spiel, daf nichts anderes bedeutet, als daf3 England nicht darauf verzichten will, Japan gegen die Vereinigten Staaten Nordamerikas auszuniitzen, wie es J-apan im Jalire 1904 gegen RuIland ausii ui t z t e,, kann den Krisenpunkt der englischanerikanischen Beziehungen bilden. Es ist mjglich, daB das Foreign Office einstweilen an einen so gefa*hrlichen Ausgang der Dinge gar nicht denkt, daB es sein Verhijitnis zu Japan nur als diplomatisehe Karte ausniitzen will in der festen Ueberzeugung, daBl, wenn das Spiel ernst wird, es noch immer Zeit sein wird, es abzubrechen. Aber auch Deutschland war nicht von vornherein gesonnen, mit Oesterreich bis zu einer deutsch-engiischen Kriege zu gehen, Es handelt sich darum, ob die Kugel im Laufe sitzt; fiber das Abdriicken ist man nicht immer Herr. Eine ruhige Geschichtsschreibung wird in ein paar Jahrzehnten ganz gewil3 zu dern Resultat kommen, daB auch im Jahre 1914 die Gewehre sozusagen von selbst losgingen. Wenn Japan die englische Karte gegen die Vereinigten Staaten Nordamerikas bilden kann, so kann Frankreich die amerikanische Karte England gegen, ii b e r s e i n. Die letzten drei Jahre sind ausgeliUilt durch die Kiimpfe Frankreichs und Englands urn die Hegemonie in Europa. Nach dem Ausscheiden RuBlands als des Verbiindeten von Frankreich huingt Frankreich ebenso in den Luft wie Japan oden in noch ho5henem Grade. Sein Vensuch, eine Ganantie seiner Kriegsernungenschaften von England und Amerika zu erlangen, ist mif3lungen. England gab sie nur unter der Voraussetzung, daB auch die Veneinigten Staaten von Nordamerika die Ganantie iibernehmen woiirden. Aber die Vereinigten Staaten Nordamerikas hliiteten sich, sich zu binden. Der Senat ratifizierte die von Wilson ibernommenen Verpflichtungen nicht. Der Versailler Friede ist gegriindet auf die franz-sischen Bajonette. Frankreich sucht. sich somit einen Ersatz fur RuBland zu schaffen. Polen, die Tschecho-Slowakei und Rumaijien sollen dieses Surrogat bilden. Die griflte Gefalir in seinem Verh7i1nisse zu Deutschla~nd erblickt Frankreich in der Mbjglichkeit~ d~er Verbindung zwischen Deutschland und:Rul~land, sei es in der Form der Alliance des~r!revolutioniiren Deutschlands mit dem ~rev~~olutionlie Rufiland, sei es in der Form desBgiindniisses der russischen und den deutschen Restauration. Darum mul3 der Wall der iraz~i s~che Vasallenstaaten ausgedehnt wen den auf die baltischen Staaten, ur Rulfland von Deutschland ganzlich zu trennen. Die franzosische Hegemonie in Europa bedeutet aber die grb"*Bte Gefahr ffir England, sie bedeutet eine Gefahr vom Standpunkt des Friedens, der England Zeit geben soil zur Stairkung seiner Macht in Indien und Aegypten durch eine liberal-imperialistische Politik (Verleihung gewisser politischer Rechte an die koloniale Bourgeoisie). Sie bedeutet eine grofe wirtschaftliche Gefahr, denn Frankreich muB, ur sich politischen Einflufl zu verschaffen, wintschaftlich seine Vasallen mit alien Kniiften, sogar fiber seine Kriifte hinaus, unterstfitzen, wofiir es als Kompensation wirtschaftliche Vergiinstigungen bekommt, die Industrie der Vasallenliinder in die Hand seiner Banken nimmt. Die Politik der Vereinigten Staaten Nordamerikas Europa gegeniiber befindet sich erst in der Periode des Wegesuchens. Sie wird in hohem MaBe davon abhd'ngen, ob sich die Vereinigten Staaten Nordamerikas entscheiden, mit ausschlaggebenden Krif ten die Expansion nach 'Ost-Asien zu treiben. Geschieht das, dann bedeutet Deutschland fu-r die Vereinigten Staaten Nordamenikas das Gebiet weltpolitischer Kompensation. Geraten sie in starken Gegensatz zu England, dann werden sie dieses Gebiet an Frankreich ausliefern, ur es in dem Kampfe gegen England an ihrer Seite zu haben. Die englische biirgerliche Presse weifi sehr gut, warum sie so gegen den franziisischen Militarismus schreit. Der franzbjsische Militarismus bedroht jetzt in wachsendem MaBe England. Er kann England viel gefiihrlicher werden als Deutschland es jemals war. Frankreich ist der niichste Nachbar Englands. Bei dem Stand der Unterseeboote, bei dem Stand des Flugzeugwesens und der weitreichenden -Artillerie wfiirde Frankreich, gestiitzt auf Amenika, England nicht nur blokkieren, sondern es wiirde an die Invasion denken k6nnen. III. So sind die gegenseitigen Beziehungen der siegreichen kapitalistischen Staaten, die jetzt noch die Aufgabe haben, die militiinischen Resulteate des Knieges in Zentral-Europa, in Mittelasien und in Osteunopa in wirtschaftliche Tat umzusetzen. Das deutsche Problem ist das wirtschaftlich weitaus verwickeltste. Deutschland wurde von den Alliierten zun Ohnmacht zu Lande und zur See verunteilt. Die deutsche Flotte ist vennichtet, die deutsche Landanmee ihrer

Page  69 WELTPOLJTISCHE UMR!SSE.. ~ ___ ____ 1 I r cc -- -^i Riistung beraubt. Aber-nachdem die deutsche Flotte vernichtet wurde und sich der franz6 -sisch-englische Gegensatz ausgebildet hat, ist das Interesse Englands an der endgiiltigen Ausschaltung Deutschlands als Machtfaktor zu Lande nicht mehr das friihere. England spielt in der Auseinandersetzung der Allijerten ur Deutschland die Rolle eines Schiedsrichters. Es mahnt Frankreich unablissig zum Mal3 -halten und erwirbt sich auf diese Weise ein Kapital des Vertrauens in Deutschland, das gegebenenfalls einen weltpolitischen Faktor darstellen wird, Wird die deutsche Industrie nicht endgiiltig vernichtet oder liefert England in gegebenem Fall an Deutschland Waffen, dann kann Deutschland als englischer Degen noch eine Rolle in den kommenden Auseinandersetzungen spielen, eine Rolle gegen Frankreich oder auch gegen Rulland, zu der wir noch zuriickkehren werden. Wirtschaftlich ist die Politik der beiden in dieser Frage ausschlaggebenden Alliierten veil unlOsbarer Widerspriiche. Die Aufgabe, die sich Frankreich Deutschland gegeniiber stellt, ist unausfiihrbar, falls Frankreich Deutschland nicht zu einer Entwicklung seiner Industrie verhilft unter dem Schutze der franzoisischen Waffen und mit Hilfe des franzosischen Kapitals. Der englisehe Finanzsachverstaindige Meynard Keynes - seine funkelneue Entdeckung, daB man an einen v'llig ausgepreliten Menschen kaum Waren verkaufen kann, und der Eindruck, den diese Entdeckung erreichte, zeigen nur, in welehem geistigen Zustand sich die kapitalistiscbe Welt befindet, - hat Recht, wenn er berechnet, daB Deutschland schon in den naichsten Jahren auflerstande 3ein wird, den von ibm iibernommenen Verpflichtungen nachzukommen. Ja, die Verpflichtungen sind ausfiihrbar nur unter der Bedingung, daB sich die franz6sischen und von Frankreich geraubten E r z e mit der deutschen Kohie vereinigen. Nur die Schaffung eines deutsch-franz0"sischen wirtschaftlichen Trustes wiirde die Produktivkraft Deutschlands so sehr erho-hen, daB es seine den Alliierten gegenjiber iibernommenenVerpflichtungen ausfiihren konnte. Diesem Plan stehen entgegen: die militariscben Kreise Frankreichs und die kapitalistischen Kreise Englands. Die franziisiscbe Militiirpartei befindet sich inter dem Druck der Angst vor der Wiederherstellung Deutschlands. Sie rechnet mit dem Bevijlkerung~ibergewicht Deutschlands, wie mit seiner erstklassigen wirtschaftlichen Organisation. Das Deutschland, das fiihig ware, Frankreich gegeniiber die wirtschaftlichen Verpflichtungen auszufiihren, ware der Stairkere im Bunde, und kiinnte, erstarkt, jim sprengen und sich selbstaindig oder zusammen mit einem neuen Partner gegen Frankreich wenden, Die franzb-sische Milita-rpartei erstrebt die Atomisi-erung Deutschlands, den Rhein als Grenze, die Bildung eines katholischen Staates aus Bayern und Deutsch-Oesterreich, der ein franzo;sisches Instrument waire. Die Unm-glichkeit der Ausfiihrung des Ultimatums vom 5, Mai wird, wenn es die aligemeinen Verhaltnisse erlauben, ffur die franzgsische militarische Partei ein Mittel sein, den Versailler Fri'eden iber den Haufen zu werfen und den Frieden Clemenceaus zu verwirklichen. Dieser Politik setzen sich gewisse leitende kapitalistische Kreise entgegen mit Loucheui an der Spitze. Ihr Gegenpart in Deutschland ist die verarbeitende Industrie mit Rathenau an der Spitze. Aber es geniigt die schwachste Annaherung der deutsch-franz6sischen kapitalristischen Kreise, damit England Steine in den Weg wirft. Es begniigt sich nicht mit stillen Intriguen, mit dem Versuch, die deutsche Schwerindustrie fuir sich zu k-dern. Barsch fordert es von Frankreich,,Information" fiber seine selbstaindigen Gesnriicbe mit Deutschland. Die wirklicbe engliscbe Politik Deutschland gegeniiber widerspricht der Vorstellung, die die englische Diplomatie durch die Reden ihrer Vertreter. hervorzurufen versucht. Lloyd George, der ffur alle Gelegenheiten Ausspriiche bereit hat, die von Menschenverstand geradezu triefen, erklirte vor kurzem, es gebe zwei mflgliche politische Methoden Deutschland gegenfiber: entweder mache man aus einer Kuh Beafsteaks oder man melke sie. Indem aber England der franzo-sischen Militarpartei mehrmals erlaubte, die besagten Beafsteaks aus den Lenden der deutschen Kuh zu schneiden, bewies es, daB ihm gar nichts daran gelegen ware, wenn Frankreich sie melken wiirde, es sei denn, daB die englische Diplomatie im Gegensatz zur Kuhbehandlungsphilosophie Lloyd Georges der Meinung ware, man k*nne gleichzeitig eine Kuh zu Beafsteaks verwandeln und melken. Alle diese Widerspriiche der Politik der~~~ Allijerten Deutschland gegenjiber, die dieses~ Land der politischen und wirtschaftlichen Zer~~. setzung oder der proletarischen Revolutl~Xion entgegentreiben, sind nur emn Ausdruck der~l~ tiefen weltpolitischen Gegensatze, die das'" Lagebr der~ Alliierte~n zur einer r: utstatte++ neuct~ Kriege machen.

Page  70 6 -r- ---- I 70 KARL RADEK IV, Das Verhalitnis der Alliierten zu S o w j e t - R u 131 a n d ist noch komplizierter. Sowjet-Rufland ist kein Objekt der Weltpplitik, sondern es ist ein handeinder Faktor in ihr. Es verdankt dies der belebenden Kraft der Idee der proletarischen Revolution, es verdankt dies den FRiusten und den Bajonetten der Roten Armee und der GroSfe seines Landes. Die Kompliziertheit des Verhaitnisses der Alliierten zu Rufland wird dadurch gesteigert, daB RuBland ein europaiisches und gleichzeitig einasiatisches Land is t. Die Politik der Alliierten RuBland gegeniiber war keinen Augenblick Sin( itlich. Scl'n in der Zeit der Blockade Ruflands und der O42-1ni-aWi'n der wei~en kronterrevolutifnihen Heere d,.rch die Ent 2fte waren in ihrer Politik zwei Unterstr-mungen h- merkbar. Frankreich trieb eine Politik der Niederwerfung Sowjet-Ruflands. Frankreich tat es nicht nur aus Sorge um die 20 Milliarden Frank der alten zaristiseben und Kerenskischen Schuld, die die Weilen zu bezablen sich verpflichteten, sondern weil es ein iroBes weiles RuIland als Garanten der Niederwerfung Deutschlands haben woilte. Es ist nicht wichtig, daB die Haltung eines weif3en Rullands Deutschland gegeniiber ohne weiteres richt herechenbar ist, daB es sehr leicht moglich ist, daf das weife Rufland umgekehrt eine Anniiherung an Deutschland suchen wiirde, urn von den Allfierten eine grofjere Beriicksichtigung seiner Interessen in Konstantinopel und damit am Stillen Ozean zu erreichen. Die franz-sische Politik glaubt durch die Unterstiitzung der Weifen diese Gefahr zu paralysieren. Umgekehrt war die Stromung fu"r die Knock-out-Politik Sowjet-Rulland gegeniiber in England schwaicher, wenn sie auch sehr bramarbasierend in den Reden von Winston Churchill zum Ausdruck kam. Nicht nur die Sprache des,,Manchester Guardian" und der,,Daily News" zeigte, daB die englischen Handelskreise von der Abenteurerpolitik gar niclt entziickt sind, sondern die Ernennung Lord Curzons zum Minister des Aeul3ern im Moment der entscheidenden Kaimpfe bewies, daB hier die asiatischen Interessen eine grofe hemmende Kraft ausiibten. Die englische Regierung tat ~so, als ob sie sehr erschrocken wiire durch die Mijglichkeit des Ueberspringens der revolution~iren Ideen von RuI~land nach den Orient-Liindern, in erster Linie nach Indlien. Aber im Grunde genommen waren die Routiniers aus dem engl~ischen Auswiirtigen Amte der Meinung, da~f die Ideen nicht so gefiihrlich sein k~annen wie Kanonen. Hat doch die englische Regierung bisher die Verbreitung der Schriften der englischen Liberalen im Orient nicht verboten, die doch mehr Anziehungskraft fiir die junge indische Bourgeoisie besitzen als die kommunistischen Ideen, die auf ihre Expropriierung abzielen. Was aber die Waffen anbetrifft, so wiirde nach der Ueberzeugung der Herren Nicolson und Curzon ein weiles RuBland jiber sie in haherem Mafe verfiigen, denn es wiirde auf Schneider-Creuzot und auf die Bethlehem Steel Corporation rechnen konnen. Die indische Schule des Londoner Auswiirtigen Amtes, die die ganze Welt als Glacis Indiens ansieht, fiirchtete, daB das weiBe RuBland, einmal im Sattel, nach der Richtung Mittelasien reiten wiirde. Darum erneuerte Herr Curzon die Politik des Lord Beaconsfield, die Politik der Schwaichung Ruf3lands. Er unterstiitzte die Wy~eif3en ntlr so weiL, ur Sowjet-RuBland zu schwhichen, aber nicht so weit, daB sie hiitten siegen kbnnen. Diese Meinungsverschiedenheiten im Lager der WeiBen waren nicht der letzte Grund des Sieges Sowjet-Ruflands ilber die Interventionen. Nach der Niederwerfung Denikins gewinnt in England die Richtung Curzon-Lloyd George die Oberhand iiber die Richtung Churchill. England fiihrt schon seit lminger als einem Jahr Verhandlungen mit Sowjet-RuBland, in dieser Verschleppung iuflerten sich die hemmenden Einfliisse der Interventionsrichtung. Aber schliefflich schlieft es im Mairz dieses Jabres das Handelsabkommen, das eine defacto-Anerkennung der Sowjet-Regierung bedeutet. Was England durch diesen Schritt bezweckt, Iulerte am krasseten Lloyd George in seiner Rede vom 16. August, in der er aus AnlaB der Hungersnot in Ruflland einen Plan entwickelte, der nichts anderes bedeutet als den Versuch der Aufrichtung eines wirtschaftlichen Monopols Englands in RuBland. Es war von vornherein klar, daB das durch den imperialistischen und den Biirgerkrieg geschwiichte RuBland einstweilen weder geniigende Rohmaterialien fiur die Ausfuhr noch genfigende Mittel besitzt, umr seine Bediirfnisse an industriellen Waren zu decken. Lloyd George entwickelt darum den Plan der Gewhohrung von Krediten an englische Firmen, die Waren nach Ruf~land transportieren und sie dort vermittels des eigenen Apparates fuir Getreide eintauschen sollen. Dieser Plan, wenn ausgefiihrt, wiirde England erlauben, sich in die russische Volkswirtschaft direkt einzubohren, was in dem jetzigen Moment, wo weder Frankreich noch Amerika mit Ruflland Handelsvertriige geschlossen

Page  71 WELTPOLITISCHE UMRISSE - --- ----, I ~ I: I haben, eben das englische Monopol in RuBland bedeuten wiirde. Die unliingst verjffentlichte d i0plo m atische Korrespondenz zwischen England und Frankreich iiber die Verhandlungen mit Rul3land z e i g t, daf3 England, weit entfernt davon, die interventionistische Richtung in Frankreich energisch zu bekaimpfen, umgekehrt seinerseits alles MOgliche tat, ur den Sieg der schwachen Tendenz, die auch in Frankreich auf eine Annaiherung an Sowjet-Ruflland hinarbeitet, zu erschweren. Ende November des Jahres 1920 wendet sich Frankreich an die Entente mit einer Note, in der es die Anerkenfung der franziosischen Schulden durch Sowjet - Ru3land als Bedingung des Eintritts in Verhandlungen mit Rulland nennt, aber gleichzeitg erkliirt, dal die franzOsische Regierung sich volikommen davon Rechnung gebe, daB Sowjet-RuBland in der nachsten Zeit nicht imstande sei, mit der Zahlung seiner Schulden zu beginnen. Sie spricht von der Notwendigkeit der Priifung der Bedingungen, die die Zahlungsfa*higkeit Ruflands herbeifiihren kOnnten. In der ganzen Note ist mit keinem Worte eine prinzipielle Ablehnung der Verhandlungen mit Sowjet-RuBland erwaihnt. Trotz mehrmaliger Anfragen der franziisichen Regierung an die englisehe hat diese im Laufe von mehreren Monaten keine Gelegenheit gefunden, auf die franz0sische Note zu antworten. Erst nach dem Abschlul des Handelsabkommens mit Rufland antwortet sie mit einer kiihlen Einladung an Frankreich zum Beitritt zu diesem Abkommen, d, h., sie fordert den Verzicht auf selbstiindige Verhandlungen und auf eine selbstaindige Rolle im Verhijitnis mit Rufland. Natfirlich waire es lIicherlich, Frankreich f Ur ein Opfer der englisehen Ausschlufj-Politik zu halten. Wiire die franz6sische Regierung fest entschlossen, zu einer Verstiindigung mit Sowjet-Rufland zu gelangen, so wiirde sie Wege und Mittel gefunden haben, ur sich mit Sowjet-Rufland zu verstiindigen. In Frankreich kaimpften die ganze Zeit lana die Hoffnung auf eine Niederwerfung Sowjet-Ruf lands mit schwachen Anfiingen einer Einsicht in die Aussichtslosigkeit dieser Hoffnungen. Diese Einsicht hat auch heute noch nicht gesiegt. Die Hungersnot in RuBland hat die Interventionspliine von neuem wachgeruf en. Aber es unterliegt gar keinem Zweifel, daB3 England keinen Finger riihrt, urn als Vermittler zwischen Frankreich und RuBland zu dienen, daB es urngekehrt mit Ruf~land allein bleiben will, urn es in der Hand zu behalten und es durch die entsprechende Dosierung der Anleihen solange im Zustande der volikommenen Mattigkeit zu erhalten, bis sich die Position Englands in Indien gestarkt haben und die tiirkische Frage gelost sein wird. Ungeklairt bleibt die Haltung der Vereinigten Staaten Nordamerikas zu Rufland. Schon die Wilsonsche Politik nahm immer wieder Anliufe zu einer Politik der Annaiherung, deren Zweck die Sicherung des russischen Marktes fU"r die enorm gewachsene amerikanische Industrie war, Solche Anlijufe stellen das bekannte Telegramm Wilsons an Sowjet-RuBland waihrend der Verhandlunoen in Brest-Litowsk und die Sendung Bullits im Februar 1919 nach RuBland dar. Die Regierung Hardings tappt immer noch im Dunkeln. Die ausschlaggebenden Interessen Amerikas als des groBen industriellen Exportlandes an der Entwicklung der russischen Landwirtschaft, wie seine ost-asiatischen Interessen und schlieBlich sein Konkurrenzkampf mit England, werden es aus seiner jetzigen Passivitait hinausdraingen. Entweder wird sich Arerika entschliegen, Beziehungen mit Sowjet-RuBland anzukniipfen, oder es wird in einen Moment, der ihm Aussichten auf Erfolg erijffnet, zu einem groBen Schlag gegen Sowjet-RuBland ausholen. Wie die amerikanische Politik RuBland gegenfiber die franzOsische beeinfluft, so wiirden auch Aenderungen in der franz6sischen RuBlandPolitik die amerikanische beeinflussen. Es is( miiglich, daB die Hooversche Hilfs-Aktion schon einen Anfang der Aenderung der amerikanisehen Politik darstellt. Geschichtlich bedeutet das Ringen des kapitalistisehen Europas mit der Frage SowjetRuBlands den Kampf ur die grole Bresche, die der Krieg im Weltstaaten-System des Kapitalismus geschlagen hat. Gelingt es SowjetRuBland, sich zu erhalten, gelingt es ihm, die kapitalistischen Staaten zu nbtigen, zu ihm in geregelte Handelsbeziehungen zu treten, was auf die Lange hin die Anerkennung Sowjet-RuBlands nach sich ziehen muB, so bedeutet dies den Eintritt des ersten Staates, der seine Weltpolitik nach den Interessen des Weltproletariats orientiert, in die Reihe der Staaten, ein Zustand, der der Koexistenz den kapitalistisehen und feudalen Staaten entsprechen wiirde, der aber eine viel grolBere Unruhe in das kapitalistische Staatensystem hineinbringt, als sie sich zum Beispiel aus ibrem Verhiiltnis zu der feudalen Welt ergab. Wenn die bisher gesehilderten: weltpolitischen Gegensiitze die des zn riitteten, in Auflbisung begriffenen Ka ~4~i

Page  72 KARL RADEK-: WELTPOLITISCHE UMRISSE disrnus sind, so ist der Gegensatz der kaalistischen Welt zu RuBland ein Problem Verhil-tnisses der kapitalistischen Welt zu & in Bildung begriffenen sozialistisohen, ein )blem, das in viel schairferer Form zur Ausgung kommen wird in dem Moment, wo sich der gestiirkten Ruffland der deutsche proLrische Staat geselit. -;-- ~ i - Da's Sturmzentrum, in dem sich die gdiflten Gegensftze der Zukunft sammeln, ist der Kampf ur die Kiiste des Stillen Ozeans. Aber die iiberwiegende Bedeutung der PazificFragen hebt die Bedeutung nicht auf, die noch immmer die Fragen des nahen Ostens besitzen, Auf den Gebieten des nahen Ostens kiimpft England den Kampf ur d i e Position in der Welt, die es noch behalten kann, falls es durch die Bildung des anglo-siichsischen Trustes einer Kra-ftemessung mit den Vereinigten Staaten aus dem rWege gehen wird. Die Beherrschung des europaiiischen Kontinents ist eine Utopie, obwohl um sie der Kampf zwischen Fran kreich und England geht. Die mitteleuropiiischen Industriemassen konnen nicht von aul3en beherrscht werden. Entweder wird Zentral-Europa ein Triimmerfeld darstellen, eine selbstiindige kapitalistische Nation (wenn sich Deutschlands Bourgeoisie durch Ausnitzung der kapitalistischen Gegensaitze aus iirer preka-ren Lage herauskrabbelt) oder eine selbstaindige proletarische Republik. 70 Millionen Menschen, die lesen, schreiben und arbeiten konnen, lassen sich nicht dauernd unter der Fuchtel einer fremden Macht halten. Im Kampfe zwischen Frankreich und England ur Zentral-Europa kann es sich realistisch genommen nur urn das mehr oder minder des Einflusses und der Ausbeutung.handeln. RuI3land aber, obwohl in seiner groflen Mehrheit ein landwirtschaftliches Land, ist zu grof3, ur besiegt und in eine Kolonie Englands vervandelt zu werden. Es zieit zu viele Appetite an, die sich auf die Lainge hin gegenseitig die Wage halten werden, Angesichts seiner wirtschaftlichen Ngte kann seine Abhiingigkeit von den kapitalistischen Staaten - wenn die Herrschaft des Kapitalismus noch launger andauert - hart sein. Eine Herrschaft des fremden Kapitals, geschweige denn eines kapitalistischen Slaates wird es nicht sein. Die Gebiete, die England fest in seine Hiinde nehmen kann, Bifd die Gebiete Mittel-Asiens. Der Weltkrieg ist aus dem Karpfe ur die Siid-OstEcke Europas und die Tiirkei entstanden. Hlier ringt er am liingsten ur sein Ende. England suclt die Tiirkei rn~glichst schnell zu teilen, ur sich in Konstantinopel faktisch festzusetzen, bevor Rufland von neuem seine Interessen anmeldet. Es sucht m6glichst schnell die,,unabhaingigen" arabischen Staaten auszubauen, die nichts anderes sein werden als seine Puppen. Die Familie Hussein in Hedschas, Transjardanien und Mesopotamien als Mantel f Ur die Eisenbahn, die Indien mit Aegypten verbindet, und als nomineller Besitzer der Mosul-Oel-Quellen, das ist fMr die nachsten Jahre der Plan der englischen Politik im nahen Osten. Wie sehr England sich an diese Gebiete klammert, zeigt die Tatsache, daf3 es trotz seiner schweren finanziellen Klemme auf seine mesopotamische Politik nicht verzichten will. Mit seiner bekannten Fuhigkeit, sich auf den wichtigsten Punkt zu konzentrieren, weicht es einstweilen in Persien zuriick, in der ganz richtigen Erkenntnis, dalB es ihm, wenn es sich in Mesopotamien festsetzt, leichter sein wird, die Sicherung seiner ngo r d - 1 i c h e n Flanke zu besorgen. Ur sich in Mesopotamien festzusetzen, mul es aber das Jun gtiirkentum niederwerfen, die einzige geistige Kraft, die in der islamitischen Welt existiert. Es sucht dieses Ziel zu erreichen, nicht nur durch den Kampf gegen Kemal Pascha (dessen Regierung trotz aller persbnlichen Gegensiitze, die zwischen Kemal Pascha und Enver Pascha existieren, eine jungtiirkische Regierung ist), sondern auch durch den Versuch, den Herrscher von Mekka zum Kalifen zu machen, einen Versuch, der mit groller Vorsicht, aber auch mit englischer Zaihigkeit durchgefiihrt wird. Englands Politik wird bedroht nicht nur durch die Auswirkungen der russischen Revolution, durch die Kraft des Jungtiirkentums, sondern gleichzeitig durch die franzbsische Politik im Osten, Die Festsetzung Frankreichs in Syrien bedeutet die Bedrohung der linken Flanke Englands, und das an einem Punkte, der fu'r die ganze Weltherrschaft Englands vital ist. Frankreich, das schon durch Toulon und Biserta Englands Verbindungen bedroht, setzt sich in der Niihe des Suez-Kanals fest. Frankreich sucht sich als Verteidiger des Islams- aufzuspielen, nachdem es seine Rechte auf Syrien auf die Politik der katholischen Ko"nige Frankreichs stiitzt. Der englisch-franz1sische GeIensatz im Orient becinflufit den englisch-franziisischen Gegensatz in Europa und wird von ihm beeinflufit. Hier im nahen Osten wird er zum allgemeinen Gegensatz der beiden Staaten. Gleichzeitig meldet, wie die Haltung Amenikas in der Mosul-Frage zeigt, das amerikanische Kapital semnen Protest an gegen das fak

Page  73 W. MlLJUTIN: DIE HUNGERSNOTIN SOWJET-RUSSLAND tische wirtschaftliche Monopol, das England in seinen Kolonien durchfiihrt. V. Wir haben. im Telegrammstil die wichtigsten Gegensaitze der sich in brodeinder Ga"'rung befindlichen weltpolitischen Entwicklung geschildert, Wir sahen das Bild eines Chaos, in dem sich die Tendenzen schneiden und kreuzen, aber eine LOjsung nirgends sichtbar wird. Von irgend einem weltpolitisehen Gleichgewicht kann keine Rede sein. Nur die nahe Erinnerung an den groflen Weltkrieg wirkt mit grol3er Kraft als der Deckel auf diesem Hexenkessel. Alle diese Gegensiitze sind revolutionierende Gegensa*tze im direktesten Sinne dieses Wortes, denn sie wirken sich aus auf dem- Boden eines' zerschlagenen Weltwirtschaftssystems, angesichts eines Tschimborassos von Staatsschulden, der zusammenzubrechen droht fiber den KOipfen der streitenden kapitalistischen Maiichte. In der Weltwirtschaftskrise und in den neuen Riistungen, in dem Bankrott des VO-lkerbundgedankens aiuItert sich die Unfiihigkeit des Kapitalismus zum Weltwirtschaftsaufbau. Wenn diese Unfiihigkeit zu groflen proletarischen Bewegungen fiihren wird, so wird sich in ihnen die Macht zu Worte merden, die berufen ist, die Ruinen des Kapitalismus hinwegzuschaffen und mit eiserner Hand eine neue Weltordnung durchzufiihren. Moskau, am 10. Sept. 1921. Kazrl Padek. Die Iungersnol in Sowjef4PuI31and Die Hungersnot in Sowjet-RuIlland ist nicht nur eine russische Frage, sondern auch eine internationale. Das Ungliick, das iiber Sowjet-Ruf~land hereingebrochen ist, versetzt die ganze Welt in Unruhe und wirft gleichzeitig ein scharfes Licht aul die 6konomische Rolle Sowjet-Rul3lands in der Weltwirtschaft, indem es sogar die buirgerlichen Regierungen der kapitalistischen Liinder veranlaf3te, sich mit der Frage iiber Sowjet-Ruf3 -lands Kampf mit dem Hunger und iiber seine Folgen zu beschaiftigen, Die Folgen dieses elementaren Ungliicks werden im ganzen Leben und in der ThtigkeitSowjet-RuBlands zweifellos auf lange Zeit hinaus zu spiiren sein. Aber die Hungerfrage bildet auf den internationalen Mairkten nicht nur eine 6konomische, sondern auch eine politische Frage, und ur die Iurchtbare Not, die die Arbeiter und Bauern Sowjet-RuI.ands betroffen hat, beginnen sich die Pliine seiner und des Weltproletariats Feinde zu spinnen, die den Augenblick zu einem neuen Angriff ausniitzen wollen. Das Weltproletariat, das die Entfaltung der wirtschaftlichen Arbeit in Sowjet-Rufland stets mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, zeigt weitgehendste Hilfsbereitschaft, und die proletarischen Organisationen der verschiedensten Lander fiihren eine Hilfsaktion fMr Sowjet-Ruflland durch, Aber gerade im Hinblick auf diese Umstiinde tut eine objektive Beleuchtung dieser Frage und alles dessen not, was sich aus AnlaB des Kampfes mit dieser furchtbaren Katastrophe abspielt. Der Umfang der LungersnoL. Ein ungeheures Gebiet, hauptsichlich an der Wolga gelegen,, ist von der Hungersnot betroffen worden. 15 Gouvernements und Bezirke mit iiber 20 Millionen Einwohner sind vom Unglfick erfal3t und miissen all das Entsetzliche erleiden, was eine gainzliche Mif3ernte mit sich bringt. Folgende Gebiete sind von der Hungersnot betroffen worden: 1. Ssamara, 2. Ssaratow, 3. Zarizyn, 4. Tatarische Republik, 5. Ssimbirsk, 6. Astrachan, 7. die Arbeits-Kommune der Deutschen des Wolgagebiets, 8. das Tschuwasch-Gebiet, 9. die Rayons Belebejew und Birsk, das Gouverement Ufimsk, 10. das Mariysk-Gebiet, 11. vier Kreise des Gouvernements Wjatka, Jaraiisk, Urschumsk, Mamonjersk und der Sowjet-Kreis. Die Rolle dieser Gebiete war, was die Ver. sorgung Sowjet-RuBlands mit Nahrungsmitteln anbelangt, stets eine sehr bedeutende; aus den nachfolgenden Zahlen wird man das leicht ersehen ko-nnen: Die,,taatli he Eindeckung davon stammen a-s den mit Getre de gegenwir ig von der Hunkersin ganz SowjetruOiand not betroffenen GebIeten In den Jabren die 0,treidemenge in Millionen Pud 1917-18 30 11 37 1918-19 111 66 59A 1919-20 212 87 41,1 1920-21 287 6 22 Insgeamt 60 22 Insgesamt 630 228

Page  74 r r ~ __ 74 W. IMILJUTIN 74 W-l~- --- --- C.r MIJUJ Wirsehen also, daB nahezu 40 ProzenV der staatlicben Getreideversorgung gerade aus diesen Gebieteu,stammte. In der Vorkriegszeit lieferten vorwiegend diese Gebiete das nach dem Ausland exportierte Getreide, hauptsaichlich Weizen. Auf Grund dieser Zahien wird man deutlich sehen kBnnen, weiche Bedeutung dieser MiBernte sowohi ffur die gegenwiirtige Wirtschaftslage RuBlands als auch fu'r deii kiinftigen Export beizumessen ist. Dank dieser Miflernte ergibt sich in SowjetRuBland im laufenden Jahre ein Fehibetrag von mindestens 70 Millionen Pud, eine Getreidemenge, die nach den bescheidensten Berechnungen zweifellos eingebracht worden wure. Die unmittelbare Ursache.der giinzlichen MiI3 -ernte ist die nie dagewesene Trockenheit in diesem Jahre, die besonders in den Steppen des Wolgagebietes verhiingnisvolle Verheerungen anrichtete; die Saaten sind gunzlich ausgebrannt. Die Duirre machte sich infolge des niederen Standes der landwirtschaftlichen Technik und Kultur ganz besonders geltend. Das System der Aussaat, die spute Ackerung, ungeniigende Verbreitung der der Trockenheit widerstehenden Kulturen - alles das fiihrte dazu, daB die Folgen der MiBernte ganz besonders schwer waren. Der Vorsitzende des Allrussischen ZentralKomitees, Gen. Kalinin, der die hungernden Gebiete bereist hat, schildert die Sachiage folgendermaflen:,,Auf der Strecke von Pensa nach Ssamara sieht man, wie die Felder immer schlechter werden. Der zuniichst vorherrschende Hafer steht einigermalen gut. Dann fiillt er merklich ab, wird immer geringer, und immer hiiufiger zeigen sich dunkle kahie Stellen; weiterhin sieht man vollstiincfig kahie Felder." (Prawda, Nr. 198,,In den Hungergebieten".) So sehen die ausgebrannten Felder aus. Aber aul3er den genannten Ursachen gibt es noch andere, auf die Gen. Kamenew in einem seiner Berichte hingewiesen hat.,,Dieses furchtbare Ungluick, - sagte er, - ist in einem Augenblick fiber uns hereingebrochen, in dem der Zustand der Landwirtschaft in RuIland ein sehr trauriger und schwerer ist. Sie wissen, daB das Gesamtergebnis der Getreideproduktion in Ruflarid im Vergleiche wit der Vorkriegszeit um 48 Prozent gesunken ist, d. h. wir bringen jetzt in ganz Rualand nahezu um die Hiilfte weniger Getreide emn als friiher.",,Es ist dies das Ergebais des siebenji~hrigen Krieges, zuniichst des imperialistischen, der Millionen von Arbeitern dem Boden entrissen und auf die Front geworfen hatte, utnd dann des Buirgerkrrieges.",,Gerade diese hungernden Gebiete - Ural, Wolgarayon und Siidosten - waren der Schauplatz der erbittertsten Kuimpie des Biirgerkrieges; gerade im Wolgagebiet fand der erste Aufstand der Tschecho-Slowaken statt, gerade dort spielte sich ziuch der Aufstand der Anhainger der Nationalversammiung ab, und im Verlaufe von mehreren Monaten herrschte in diesem Gebiet die Regierung Awksentjew's (Sozialrevolutionair). Eine Zeitlang war dieses Gebiet im Norden von Kolt4chak, im Siiden von den Kosakenbanden besetzt, und so ging dieser ganze Rayon bald in die eine, bald in die andere Hand itber. Alles das muflte die Produktivkriifte des Gebietes natiirlich sehr beeintraichtigen.' Wir koonnen noch hinzufuigen, daf im Laufe der ersten drei Jahre des imperialistischen Krieges der Ernteertrag unausgesetzt und schnell sank. Von 1909 his 1913 betrug die Gesamternte RuBlands (mit Ausnahme Transkaukasiens und Turkestans) durchschnittlich 3,402 Millionen Pud jahrlich, aber schon im Jahre 1916 sank der Ertrag auf 3,036 Millionen Pud, 1917 auf 2,646 Mill, Pud herab. Also schon vor der Oktoberrevolution ist der Ernteertrag ungeheuer gesunken, er war 756 Millionen Pud geringer als in der Friedenszeit. Aber im gegenwurtigen Jabre 1921 ist der Gesamtertrag ganz besonders gesunken. Nach den Angaben der statistischen Zentralverwaltung beLraigt die Gesamternte in Sowjet-Ruf3land, Ukraine nitinbegriffen, 1,964Millionen Pud, d. h. also annihernd die Hiilfte des Ernteertrages der Vorkriegszeit. Die Lage in den Hungergebieten ergibt sich aus den folgenden Zahlen: Der zu erwartende Ertrag ist 461 Millionen Pud. An Saaten sind 142 Millionen Pud, fuir die Ernaihrung der Bevo*lkerung 417 Millionen Pud erforderlich. Somit betriigt der Gesamtbedarf an Getreide 566 Millionen Pud, das Defizit belijuft sich also auf 105 Millionen Pud. Infolgedessen droht furchtbare Gefahr sowohi hinsichtlich der kuinftigen Aiissaat als auch der Volkserniihrung. In vielen Gebieten naihrt sich die Bevblkerung von allerhand Surrogaten, die Krankheiten und Tod verursachen. Wir haben eine konkrete A~ufgabe vor uns. Es handelt sich darum, das Defizit von 105 Mill. Pud zu decken, andernfalls werden reiche und fruchtbare Gebiete wirtschaftlich zerstiirt sein und die Bevbilkerung wird furchtbare Not leiden miissen. Fuir den Kampf mit dieser Not mufiten alle Kruifte aufgebracht werden; die genannten Zablen

Page  75 I i - -: ~r ~-~I: I DIE HUNGERSNOT IN SOWJET-RUSSLAND. 75 ~ ---: sprechen eine beredte Sprache fiber den Umfang dieses Kampfes. Der Kampf mif dem Hunger. Die Sowjet-Regierung hat die nahende Hungergefahr sofort alien mitgeteilt. Dieser Schritt der Sowjet-Regierung widerspricht ganz und gar jener Politik, die nicht nur in Rufland in der vorrevolutionairen Zeit jiblich war, sondern auh in den biirgerlichen Laindern Europas, deren herrschende Klassen stets bemiiht sind, den Umfang eines hereingebrochenen Ungiicks geringer erscheinen zu lassen. Man pflegt die Milernte hijufig,,ungeniigende Ernte" zu nennen, ur die Volksnot nicht so krai erscheinen zu lassen. FUir die biirgerlichagrarische Kiasse und ihre Regierung versteht sich eine derartige Politik von selbst, sic entspringt dem Wesen der Klassenherrschaft. Die herrscheade biirgerliche Kiasse liebt es nicht, in den Beutel zu greifen, wean es gilt, das Elend des Volkes zu lindern. Umgekehrt ist es einer Arbeiter- und BauernRegierung unbedingt darum zu tun, die ganze Gr6fe der drohenden Gefahr sofort festzustelloen, denn diese Gefahr ist auch ihre Gefahr; sic ist bestrebt, alie Kraifte und alle verftigbaren Mittel in den Kampf zu werfen. Die Sowjet-Regierung ist diesen Weg gegangen. Sie hat nicht versucht, das heraufziehende Ungitick zu vertuschen; sie deckte die Gefahr in ihrem ganzen Umfange auf und scheute keine Opfer, ur mit ihr fertig zu werden. Es war notwendig: 1. den Kampf mit der Hunger in ciner organisierten und systematischen Weise aufzunehmen und 2. den Kampfplan auszuarbeiten und ihn mit der gr8ilten SChnelligkeit durchzufiihren. Im Juli wurde bei dem Allrussischen Zentralkomitee die,,Zentral-Kommission des A. Z.-K. zur Hilfe ffur die Hungernden' unter dem Vorsitz des Genossen Kalinin gebildet, die die Leitung der gesamten Arbeit im Kampf gegen den Hunger in ihre Hiinde nahm. Maf.gebende Genossen, Mitglieder des A. Z.-K., wurden in die hungernden Gouvernements delegiert und auch in soiche Rayons, die die Aussaat ffir die hungernden Gebiete liefern konnten. An den Orten wurden iihnliche Kommissionen bei deli lokalen Sowjets gebildet. Die gesamte Sowjetpresse, nile Partei- und Sowietorgane fuir Agitations- und Propagandazwecke richteten aile ihre Energien auf die Hungersnot un~d auf den Kampf mit dem Hunger. Der gesamte Sowietapparat nalim in einer geschiossenen Frontlinie den Kampf gegen die Not auf. Hinsichtiich des Kampfpianes iiel3 sich die Sowjet-Riegierung nicht von philantropischen Gesichts punkten leiten, sondern von rein wirtschaftlichen. Vor alien Dingen muf3te fflr die Produktion der vor Hunger betroffenen Gebiete gesorgt werden, in erster Linie war der Bedarf an Aussaat Mfir die Bauern dieser Rayons zu decken. Es ist kiar, daB, wena man den Bauernwirtschaften nicht sofort zu Hilfe kommt, die Not im nichsten Jahr tausendmai grb"Ber sein wird als in diesem. Es war notwendig, der Landbevb'lkerung unter alien Umstfinden die Mbglichkeit zu geben, die Felder zu bestellen. Die Saaten im Laufe des Augusts einzusaminela und sie im Anfange des Septembers in das Wolgagebiet zu befbrdern - das war die Aufgabe, die das A. Z.-K. alien Lokalbehtirden gesteilt hat, Inwieweit der Sowjetapparat dieser ersten Aufgabe gerecht geworden ist, wird man aus der offiziellen Erkliirung beurteilen kb-nnen, die im Namen der erwiihnten Zentral - Kommission am 16. September in der Presse veri*ffentlicht worden ist:,,Die in der zweiten HIjifte des Juli in einer Reihe der Gouvernements des Wolgagebiets und des Urals festgestellte Milernte stellte der Zentral-Kommission zur Abhilfe der Hungersnot die Aufgabe, im Hinblick auf das vollstaindige Fehien irgendweicher Reserven von Wintersaaten im Volkiskommissari at ffur Lebensmittelwesen sofort eine Reihe von auferordentlichen Mai3nahmen zu treffen, um in die hungernden Gebiete die gruilBtmu-gliche Menge von Wintersaaten zu schaffen. Die Beratungen fiber den Umfang der Not, die im Rat der Volkskommissare, in der staatlichen Versorgungsstelle und in der ZentralKommission zur Abbilfe der Hungersnot stattfanden, ergaben die Moglichkeit, die fehiende Aussaat zu bestimrnen. Sie betrug 12000000 Pud Getreide, die in dem kurzen Zeitraum zwischen der Einbringung der neuen Ernte und dem Ablauf des Aussaattermins, d. h. im Laufe von ca. cinem Monat in die Hungergebiete gebracht werden muf3ten. Gegenwairtig kann diese Saatkampagne als beendet betrachtet werden. Die Ergebaisse der intensiven Arbeit der entsprechenden Beh6rden kommen in den folgenden Zahien zum Ausdruck: Bis zum 13. September sind statt der in Aussicht genommenen 12000000 Pud insgesait 13400000 Pud verladen und in die Hungergebiete geschickt worden. Von den abgeschickten 13400000 Pud ist der grif'te Teil in den von der Miflernte betroffenen Gebieten cingetroffen und zur Aussnat verwendet, der Rest hefindet sich unterwegs und wird zweifeilos vor Ablauf des Aussaattermins an Ort und Stel~e scm., Die Zentral - Kommission zur Abhilfe der Hungersnot konstatiert, daB3 die grundlegende Aufgabe der Hilfeleistung unter den herrschendeni mafglos schweren Verhilitnissen dank der An t4'~vi

Page  76 spannung alter Kraifte und der achnellen Anpassucig der einzelnen Ressorts an die unerwarteterweise gesteilten Anforderungen gel6st ist." In der Tat, die Einsammlung und der Transport von zwvlf Millionen Pud Saaten (davon sind zwei Millionen im Ausland eingekauft worden) war unter den gegebenen Verhiltnissen eine aulerordentlich schwierige Aufgabe und kann als ein grofler Sieg an der Hungerfront angesehen werden. Die Versorgung der hungernden Gebiete mit Aussiat halten wir fu*r den ersten Schritt im Kampfe mit dem Hunger. Auf3erdem ist eine Reihe von Mafgnahmen zur Erleichterung der Lage der hungertiden Gebiete getroffen worden, hauptsiichlich auf dem Wege der Versorgung der Organisationen von,,freiwilligen Spenden" mit Lebensmitteln, Auflerdem wurden natfirlich die von der Miflernte betroffenen Gebiete von alien Steuern befreit, und die Produkte, die in diesen Gebieten -erzeugt werden, konnten zugunsten eben dieset Gebiete verwendet werden. Endlich ist ein Teil der Notleidenden in anderen Gouvernements untergebracht worden, wo ilnen eine entsprechende Hilfe zuteil wird. Wir sehen also, dafl der Kampf mit dem Hunger als eine Angelegenheit aller Arbeiter und aller Bauern Sowjet-Rullands betrachtet und organisiert worden ist. Aber dieser Kampf hat eben erst begonnen, nur die ersten Schritte sind getan. Die Sowjet-Regierung ist sich voilkommen kiar darilber, daB sie mit eigenen Kraiften und Mittein, mittels jener Ressourcen, die ihr zur Verfiigung stehen, diese Aufgabe in ihrem vollen Umfange nicht wird losen ko-nnen, Daher ist eine Hilfe von a u B e n unentbehrlich, vor allem - von seiten der Arbeiter und Bauern anderer La"nder. Die Organisation des Kampfes mit dem Hunger muflte in internationalem Mafstabe vor sich gehen. Das Allerschwerste steht noch bevor. Wy. MLJUT!N die in diesem Falle zum Ausdruck gebraclte Klassensolidaritiit. Die kommunistischen Parteien aller LUnder entwickelten im Sinne des Aufrufs der Kommunisti. schen Internationale eine aktive Tatigkeit zum Zweck der Unterstiitzung Sowjet-Rufllands. Aber auch die Zeitungen bringen eine Menge von Tatsachen dariiber, wie Fabriken, Werke und sogar kleine Betriebe auf diesen Aufruf reagiert haben. -Die in der Presse verflffentlichten Tatsachen sprechen cine beredte Sprache fiber die unter der Arbeiterschaft aller Lainder herrschende Stimmung, Nicht in Worten, sondern in Taten seben wir den Ausdruck einer echten Kiassensolidaritait. Das ist jene reale und wertvolle Unterstiitzung, wie sie Sowjet-Rufland braucht. Gleichzeitig damit bedeutet diese Hilfe eine reale Unterstiitzung der Hungeraden Rullands. Eine Reihe von bfirgerlichen Staaten hat ebenfalls seine Unterstiitzung zugesagt. Die ganze bfirgerliche Welt begann von dem Hunger in RuBland zu sprechen. Wie immer, so fand auch hier die Bourgeoisie viele pathetische Worte, sie sprach von Menschenliebe und hahnlichen guten Dingen. Aber begreiflicherweise hat die Bourgeoisie auf diesen Gebieten einen Weg beschritten, den ihr ihre Kiasseninteressen vorschrieben. Da aber die Interessen der Bourgeoisie der verachiedenen Lander auf dam Gebiete der wirtschaftlichen Beziehungen mit Sowjet-RuBland sehr voncinander abweichen, so waren natfirlich auch die \ege, die die Bourgeoisie dabei beschritten hat, sehr verschieden. Ein *Teil der biirgerlichen Staaten leistete den Hungernden Sowjet-Rufllands reale Hilfe, so. z, B. Deutschland, Amerika, Schweden, Norwegen und Estland. Andere Lander begannen sofort gegenrevolutionare Plane zu schmieden und den Kampf mit Sowjet-Rufland vorzubereiten. Hierher gehooren Frankreich, Polen, Rumanien u. a. Ueber die Hungersnot und fiber die gegenrevolutionaren Plane werden wir wveiter unten sprechen; einstweilen wollen wir die Bcweggrfinde und den Umfang jener Unterstiitzung priifen, die uns die erste Gruppe der genannten biirgerlichen Staaten zuteil werden l81Bt. Die b~konornische Weltkrisis hat eine Reihe von bfirgerlichen Staaten schon frfiher zu bikonomischen Beziehungen mit Sowjet-Ruflland gezwungen. Sogar die biirgerlichen Qekonomisten und Politiker betonen die ungeheure Rolle Rufllands in der Weltwirtschaft. Der flkonomischevliiederaufbau RuB3 -lands ist fflr die gesamte Weltwirtschaft durchaus notwendig. Andererseits fdihren die Bestrebungen, engere wirtschaftliche Beziehungen mit Rul3land anzuknfipfen und seine Markte zu erfassen, zu einer In seinem Kampfe gegen die Hiingersnot hat Sowjet-Rufland vor allen Dingen die Unterstiitzung des Weltproletariats erfabren. Den Aufruf des Exekutiv-Komitees. der Kommunistischen Internationale beantworteten die Arbeiterorganisationen, buchstablich, der ganzen Welt. Die Unterstfitzung fand ihren Ausdruck in der Sammlung von Spenden, in Abzfigen vom Arbeitslohn und in der Organisation einer breiten Propaganda zugunsten der Hungernden Sowjet-Rufllands. Unsý fehit einstweilen noch eine vollstandige Uebersicht fiber die gesamte geleistete Arbeit, aber das, was uns vorliegt, spricht eine deutliche Sprache fiber die Tiefe und Weite der Bewegung und fiber

Page  77 DIE HUNGERSNOT IN SOWJET-RUSSLAND - --- ---;-~ ~~~- ~- I ~ ~ --- - ~ ~~~ - -I Reihe von Schritten, die zu diesem Zwecke geeignet scheinen. Es ist daher begreiflich, dafl die eniwickelteren und stiirkeren kapitalistischen LUnder, die schon friiher mit Sowjet-Rul3land b-konomische Beziehungen angekniipft hatten, jetzt diese Beziehungen auf jede Weise zu festigen und zu vertiefen suchen und daB die Unterstiitzung der Notleidenden Ruf3lands diesen Liindern als der geeignetste Weg dazu erscheint. Sie begreifen, daB ihre Unterstiitzung der Hungernden Sowjet-Ruflland-die M-glichkeit geben wird, die schwierige okonomische Lage zu u-berwinden, was ffur die Zukunft wirtschaftliche Beziehungen erm6glicht, deren Vorteile die jetzt gewihrte Hilfe bei weitem iibersteigen werden. Das sind die inneren Triebfedern dieser Hilfsaktionen. Sie bestehen einstweilen fast ausschlieBlich in der Entsendung von Lebensmitteln in die hungernden Gebiete. Die Hilfeleistungen erfolgen auf Grund jener Vertraige, die die Sowjetregierung mit Nansen und mit Hoover abgeschlossen hat. Der Versuch Nansens, die Hilfsaktion auf eine breitere Basis zu stellen und mittels besonderer Anleihen grol3e Lebensmittelmassen nach Rulland zu schaffen, ist einstweilen ohne reale -Ergebnisse geblieben. Wenn ein Teil der biirgerlichen Welt aus den erwihnten Grfinden den Kampf, den Sowjetruf3 -land mit dem Hunger fiihrt, zu unterstiitzen sucht, so sind die anderen biirgerlichen Staaten bemiiht, die Hungersnot zu einem neuen Angriff gegen Sowjetrul3land auszuniitzen. Die Sowjet-Regierung muf3 also niclt nur mit jenem furchtbaren Ungliick, das die MiBernte mit rich brachte, kiimpfen, sie muf3 aul~erdem auch jener Gefahr gewachsen sein, die ihr von ihren Feinden jenseits der Grenze droht. Unsere Emigranten im Auslande und deren Presse bringen diese Tendenz deutlich genug zum Ausdruck.,,Wir sind keine Phantasten, sondern Realisten des bewaffneten Kampfes, eines Kampfes, der viel geringere Mittel erfordert als die Speisung vieler Millionen Hungerader", - lautet z. B. eine Aeuflerung. Natiirlich ist allen diesen,,Realisten des bewaffneten Kanpfes", den Herren Burzew, Alexandrow, Jablonowski, Pervuchin usw., nur insoweit eine Bedeutung beizulegen, als sie die Hoffnungen jener Kreise ausdriicken, die gegenrevolutioniire Tendenzen verfolgen. In dem erw~hnten Ausspruch kommen diese Hoffnungen in der Tat deutlich genug zum Ausdruck, wIihrend in den,,Letzten Nachrichten" Mitjukows und in dem,,Willen Ruf~lands" der Soziatrevolutionfire diese selben Ansichten in verhiittterer F;orm auftreten. Im Juti wird in Sowjet-RuBtand 'das,,Allrussische Hilfskomitee" organisiert. Es setzt sich bauptsaichlich aus buirgerlichen Pers6nlichkeiten zusammen. In ihrem Bestreben, atle und jeden zum Kampf gegen den Hunger heranzuziehen, tunterlief3 es die " Sowjetregierung nicht, eine Zentral-Organisation zu schaffen, die aus fremden Elementen besteht. Dieses Komitee kam zustande. Kischkin, Golowin, Prokopowitsch, Kuskowa u. a. spielten die leitende Rolle. In der Organisation dieses Komitees betrachtete die Gegenrevolution ein Zentrum, um das sie atle ihre in- und auslundischen Kraifte gruppieren konnte. Die Zeitung Miljukow's,,,Letzte Nachrichten", schreibt am 11. August:,,In RuBland ist die Koatition, wenn auch in einer organischen Form, verwirklicht. Das Altrussische Hilfskomitee bringt diese Tatsache deutlich zum Ausdruck. Es mag vielleicht unzeitgemuif3 und allzu verfriiht sein, dieses Komitee als den Anfang einer zukiinftigen Regierung zu betrachten. Aber jene Kriifte, die die Vertreter verschiedener Parteien gezwungen hatten, sich zu gemeinsamer Arbeit zu vereinigen, werden sie auch zwingen, sich f ur die Regierungsarbeit zusammenzuschliefen." (Art,,Eine niitzliche Lehre".) Die gesamle weiflgardistische Emigration alter Schattierungen und Farben beginnt sich zu regen. Das Allrussische Hilfskomitee verwandelt sich in eine politische Kampfzentrale. Die Auflbjsung des Komitees, die erfotgte auf Grund der Weigerung seiner Mitgtieder, die Arbeit an Ort und Stelle aufzunehmen und die hungernden Gouvernements zu bereisen sowie ihre offensichttiche Tendenz, ins Austand zu getangen, die Verhaftung eines Teiles der Komiteemitglieder, - alles das zersti*rte die organisatorische Arbeit der Gegenrevolution. Der Schwerpunkt der gegenrevotutiona-ren Bestrebungen verlegt sich auf die Vorbereitung eines bcwaffneten Angriffs auf Sowjet-Rut~land. Wir haben bereits darauf hingewiesen, daB es eine Gruppe von biirgertichen Staaten gibt, die, mit Frankreich an der Spitze, eine gegen SowjetRuBland gerichtete agressive Potitik fuihrt und auch friiher immer gefiihrt hat. Atte interventionistischen Bestrebungen gingen von Frankreich aus., Oekonomisch zuruickgebhebener ats andere kapitalistisehe Gro~mijelte, hart aln der Greaze elnes: finanziellen Bankrotts, fuihrt Frankreich eine freche Rliuberpolitik, stets bereit, iiber die anderen her-: zuf alien. Frankreich hat sich Poten uind Ruminien unterworf en, wodurch ihm eine bessetre Isotierung Deutschlands gewffhrteistet ist, andererseits aber jet damit

Page  78 ~. Ir ~' ~-- II~--- -- ~- I 78~ W. MILJUTIN: DIE HUNGERSNOT IN SOWJET-RUSSLAND ---~ -- eii Stiitzpunkt fu*r Angriffe gegen Sowjet-RuBland gewonnen. Die Hungersnot war f fr Frankreich ein Moment, das ihm f Ur politische Erpressungen geeignet schien. Natiirlich ist Heuchelei eine Tugend aller biirgerlichen Politiker, aber unter dem Einflufl Frankreichs entsteht im V6lkerbund jene Internationale Kommission zur Abbilfe der Hungersnot in Rul3land unter dem Vorsitz des geschworenen Feindes Sowjet-Rullands, des Initiators vieler gegenrevolutionairer Verschwojrungen - Noulens, des friiheren franz-sischen Botschafters in RuBland. Diese Kommission steilte sich eine sehr sonderbare Aufgabe: sie nahm sich vor, durch eine Enquete eine cingehende Prilfung der Verhaltnisse in Ru~lland vorzunehmen. Wir wissen es nicht, weiches Maf von Naivitait diese Kommission bei der Sowiet-Regierung vorausgesetzt hat, als sie mit diesem Vorschlag an Ruftland herantrat. Als die Sowjet-Regierung sich entschieden weigerte, diese Herren aus der Enqu~te-Kommission zwecks,,statistischer Untersuchungen" nach RuBland hereinzulassen, wurde die Sachiage deutlicher. Zur Zeit beginnen schon die weii3gardistischen Formationen Ssawinkows und Petijuras, sich in Polen und Rumainien zu regen, stellenweise sogar die Grenze zu iiberschreiten und die Einziehung der Naturalsteuern und den Transport der Aussaat in die Hungergebiete zu desorganisieren. An und ffur sich sind diese Abteilungen unbedeutend und verursachen der Bevolkerung lediglich Aerger. Die Sowiet-Regierung legt einen energischen Protest ein und fordert, daf die Regierungen Polens und Rumainiens Mal3nahmen treffen, damit diesen auf ihren Territorien legal wirkenden gegenrevolutionaren Organisationen das Handwerk gelegt wird. Nach diesen ersten Angriffen folgten weitere. Unter dem Druck Frankreichs richtet Polen an die Sowjetregierung ein Ultimatum, daB die Erfiillung einiger Punkte des Friedensvertrages von Riga fordert. Inhalt und Form des Ultimatums lassen den geheimen Zweck deutlich erkennen. Frankreich gibt sich die groflte Miihe, eine neue gegen SowjetruBland gerichtete Aktion zu organisieren. Zu diesem Zweck miissen die kleinen Grenzstaaten herhalten, denn mit ihrer Hilfe hofft man das neue Blutbad anzurichten. Das ware die Entwicklung der gegenrevolutionaren Bewegung im Zusammenhang mit der Hungersnot in SowjetruBland. Diese Gefahr ist sehr ernst zu nehmen und es miissen ihr sowohl alle inneren Kraifte SowjetruBlands als auch die Krafte des internationalen Proletariats entgegengestellt werden. Der allgemeine Aufbau des wirtschaftlichen Lebens Sowjetruf3lands ist das radikalste Kampfniittel gegen die Hungersnot. Die unmittelbare Unterstuitzung der hungernden Bevo-lkerung hat nattirlich eine ungeheure Bedeutung. Aber der Schwerpunkt liegt im allgemeinen Aufbau des Landes, in der Besserung seiner Technik, in der Entwicklung der Produktion. Die Produktion unter allen Umstanden zu heben war gleich nach der Oktoberrevolution das cifrigste Bestreben der Sowjetregierung, der Kommunistischen Partei und der gewerkschaftlichen Verbande. Das Hindernis war jener Krieg, den die Sowjetmacht mit den vielen angreifenden Feinden zu fuhfren hatte. Seit Anfang des Jahres 1921 nahm die 6-konomische Politik entsprechend der veranderten Lage eine neue Wendung. Sie besteht in der Gewahrung der privaten Initiative auf dem Gebiete der Produktion. Es sind bestimmte Aufgaben gestellt worden. Ihre Lbsung wird die staatliche Industrie mit Mitteln des Staates und des Kleinproduzenten hehen. Die Feinde der Sowjetmacht geben sich die gr6lte Miihe, die Besserung der 6konomischen Lage Rulflands zu verhindern, und das in seinen Gegensaitzen verstrickte Weltkapital ist einerseits beiniiht, wirtschaftliche Beziehungen zu SowjetRuBland anzukniipfen, andererseits aber nimmt es jede Gelegenheit wahr, um es zu schadigen. Diese widersprechende Politik findet ihren Ausdruck in ihrer Stellungnahme zur Hungersnot, denn cin Teil der kapitalistischen Lander organisiert Hilfsaktionen, sucht aber gleichzeitig die Hungersnot zu einem neuen Angriff gegen Sowjet-Ruf3land auszunitzen. Aber das Weltproletariat und das Proletariat RuBlands werden alle Krafte anspannen, um sowohl die Knochenhand des Hungers wie die fette Pfote der kapitalistischen Spekulanten vom Halse Sowjet-RuBlands abzuwehren. lIZ Pilfufin.

Page  79 -" - ' ~. I i ~-e I I i;i 3 ~ E. VARGA: DIE WENDUNG IN DER WIRTSCHAFTSPOLITIK SOWJET-RUSSLANDS 79 --.-~-.-- -~-~- --~- 1. ~I--I--. --~------ Die Tt~endung in der W'iriscfaffspolilik Sowjef-1uI3lands. Bis zum Maiirz 1921 konnte es scheinen, als ob die 6ikonomische Politik in gerader Linie zur Einbeziehung der gesamten Produktion in die staatliche Gemeinwirtschaft schreiten wollte. Noch im Dezember 1920 erschien ein Dekret, das die Nationalisierung der Industriebetriebe mit 5-10 Arbeitern anordnete. Im Ma*rz 1921 trat eine jaihe Wendung ein, Das System der Zwangsablieferung des Getreides wurde abgeschafft. Es wurde durch eine angemessene Naturalsteuer ersetzt. Gleichzeitig wurde es den Bauern gestattet, nach der Ablieferung der Naturalsteuer iiber alle restlichen Produkte ihrer Arbeit frei zu verfiigen. Es ist klar, daB dies die Wiederherstellung des Handels des privaten Unternehmertums bedeutete. Man darf in SowjetRufland wieder wie in jedem beliebigen biirgerlichen Lande Vermijgen ansammein, Fabriken griinden, Arbeiter mieten, Handel treiben. Wird die Ricltung einer Politik gedindert, so bedeutet dies, dal3 die friihere Politik als unrichtig erkannt wurde. Diese Erkenntnis kann aber zweierlei Sinn haben. Entweder war die friihere Politik f a 1 s c h, d. h. sie war auf einer falschen Einschiitzung der Kiassenverhaltnisse aufgebaut; oder es ist in d e n Verhoitnissen selbst, in jenen Voraussetzungen, auf denen jene Politik aufgebaut war, ein Wechsel eingetreten. In letzterem Falle war die Politik historisch richtigl Die biirgerliche und die sozialdemokratische Presse suchen nachzuweisen, daB die friihere Politik der Kommunisten verfehit war. Wir sind jedoch der Meinung, daf3 jene Politik historisch volikommen richtig war. Das Ziel - die Aufrechterhaltung der proletarischen Diktatur, dieser u n e riii'alichen politischen Voraussetzung f ur den Uebergang zum Sozialismus, war nur bei jener Politik erreichbar, die bisher durchgefiihrt w urde, Demselben Ziel dient auch die neue Politik, die. sich den geinderten Klassenmachtverhailtnissen voilkommen anpaf3t. Lenin hat es klar und deutlich in folgenden Worten festgestellt:,,Entwe der muii ssen wir die Mittelbauernschaft wirtschaftlich befriedigen und auf die Austauschfreiheit eingehen, oder wir miissen, angesichts der Verzogerung der internationalen Revolution, darauf verzichten, aus Griinden der wirtschaftlichen UnmO"#glichkeit verzichten, die pro 1 e taris che Diktatur in Ruf3land aufrechtzuerhalten. Das muf man sich klarmachen und es furchtlos aussprechen'. 0) Um die unschiitzbaren Erfahrungen der russischen Genossen f Ur das Weltproletariat ausniitzen zu kojnnen, miissen wir uns die Frage vorlegen, in welchem Mafe jene Politik die unvermeidliche Folge der Diktatur selbst war, und sich daher bei jeder Diktatur wiederholen wird, und inwieweit sie aus den eigenartigen Bedingungen der russischen Diktatur hervorgegangen ist. Diese Fragen konnen wir hier selbstverstiindlich nur in allgemeinen Umrissen beantworten.**) *) Lenins Rede auf dem Parteitag der Komrunistisfhen Partei Rullands im Monat Mairz 1921. Deutsch in der,,Russischen Korrespondenz", Mairz/ April 1921. In der genannten Zeitschrift findet sich viel vorziigliches Material zu dieser Frage. (Gesperrt von uns.) *0) Diese Skizze wird mit reichlichem statistischen Material. in unserem Buche iiber Sowjet. ruflland belegt werden. Hier beziehen wir uns vor allem auf Zentralrulland, das fu*r die Revolution von ausschlaggebender Bedeutung ist. In den Randgebieten ging die Entwicklung zum Teil schneller vor sich. In der Ukraine ist die Differ*nzierung der Dorfbev*lkerung weiter fortgeschritten. Sibirien ist ein Kolonialland mit einem UeberfluB an Boden, mit extensiver Wirtschaft und mit bedeutender Verbreitung der Maschinenwirtschaft usw. 41

Page  80 E. VARGA -~ -r ---- cl ~--- ~~- ~~ e Vorbedingungen der iriscoen Dik~tatur in 1ul3land. Die erste proletarische Diktatur, die erste M~glichkeit eines Uebergangs zum Sozialismus ist nicht in dem Lande und nicht in der Zeit eingetreten, wo die Vorbedingungen fuir die Schaffung der neuen Gesellschaftsordnung sich im Schof der alten am weitesten entwickelt haben. Es geschah dies in jenem,Lande, in dem die herrschenden Kiassen dem proletarischen Ansturm am wenigsten gewaclsen waren: in Rulland. Welche besonderen Ursachen haben diese Erscheinung hervorgerufen? Wir sind der Meinung, daf3 diese Ursachen in dem ganz eigenartigen Zusammentreffen von vorkapitalis'tisehen und hoclkapitalistischen Element en indems ozialen und wirtschaf tlichen Aufbau RuBlandslage n. Vorkapitalistisch war die gauze wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung, der vorwiegend agrarische Charakter des Landes, die geringe Bevblkerungsdichte, schwache Entfaltung der Verkehrsmittel; geringe Entwicklung des Warenverkehrs auf dem flachen Lande; lokaler Austausch zwischen der Landwirtschaft und der Kleinindustrie. In dem gesellschaftlichen Ueberbau: feudaler Absolutismus. Die Arbeitermassen politisch voilkommen rechtlos. Die Bauern ohne jedes entwickelte Klassenbewul~tsein. Starke Ueberreste des Feudalismus in der Gestalt des gemeinschaftlichen Bodenbesitzes (der,,Mir"), Die Bauernbefreiung wurde nicht auf revolutionairem Wege volizogen, daher bleiben die Bauern, obwohl formell frei, doch tatsailchlich yam Junkertum und vom feudalen Staate vollkommen abhiingig. Starker Einfluf der Geistlicikeit. Anaiphabetentum. Vorkapitalistisch - bi"uerliche Landwirtschaft. Kein privater Bodenbesitz. Periodische Neuteilungen des Geneindebodens nach der Kopfzahl. Zuriickgebliebene Dreifelderwirtschaft. Mittelalterlich geringer Bodenertrag. Starke Tendenz zur gesclossenen Hauswirtschaft. Periodisch wiederehrende Mif~ernten und Hungerkatastopen(, t rot der geringen Diclite der Bev~~lkerung, ifolg der Pr~imitivitlit der Bodenbetelng. Laudhunger. Grol~grundbesitz, aber eine verschwindend geringe ZahI von landwirtschaftlichen GroBbetrieben. Der grundherrliche Boden wird vorwiegend an die Bauern verpachtet. Differenzierung der baiuerlichen Bev6lkerung, Entwicklung einer vermbigenden Bauernschicht, - doch nur im ersten Stadium, als Folge der Stolypinschen Bodenreform. Vorkapitalistisches Dorfhandwerk, biiuerliche Heimindustrie, Wucher auf dem flachen Lande, urspriingliche Akkumulation des Handeiskapitals. In diese vorkapitalistisehe, bijuerliche Grundlage mit dem entsprechenden, feudalaristokratischen staatlichen Ueberbau wachsen hochka'apitalistische Elemente hinein, Der ungeheuer kostspielige Militarismus, eine Riesenarmee mit moderner Ausriistung, deren Kosten fuir eine vorkapitalistische Bauernwirtschaft kaum erschwinglich sind. Enorme Ausfuhr von Lebensmitteln und hungernde, Bauern. Moderne Grof3industrie, hauptsaichlich auf fremdes Kapital gestiitzt, an Konzentration fast das ganze iibrige Europa iiberfliigelnd, liefert die Ausriistung fur die Armee, befriedigt die Bediirfnisse der baiuerlichen Masse, die fuir jeden Einzelnen minimal sind, aber, mit 130 Millionen multipliziert, doch eine ganz ansehnliche Masse bilden, Diese Industrie wird sogar gegenfiber dem noch zuriickgebliebenen Osten Exportindustrie und zeigt die Merkmale des Imp erialismus, Dementsprechend im sozialen Ueberbau: ein eben entstandenes, in wenigen Zentren zusammengeballtes grolindustrielles Proletariat. Die Arbeiter werden im Interesse der Kapitalisten mit eiserner Hand niedergehalten unter Anwendung der brutalen Mittel des feudalen Staates. Die Kapitalisten werden als Klasse von der Leitung der Staatsangelegenheiten ferngehalten. Die Intellektuellen werden verfolgt und schliefen sich mangels einer biirgerlich-revolutionairen Bewegung der revolutionairen Arbeiterbewegung an. Sie werden dazu durch das herrschende Unterdriickungsregime gezwungen. E s be - steht emn tiefgehender Widerspruch zwischen der hochkapitalistischen Industrie und der feud ale n S ta at s ordnung: jede legale Organisation der Industriearbeiter wird verfolgt, ebenso jede gewerkschaftliche und politische

Page  81 DEWENDU Bewegung. Infolgedessen entwickelt sich notgeedrungen die illegale revolutioniire Arbeiterpartei und die illegale Arbeiterbewegung. Um es kurz zusammenzufassen: es besteht eine zwiespiiltige Gesellschaftsstruktur: vorkapitalistische Elemente neben den hochkapitalistischen; es fehien Uebergangschichten des Mittelbiirgertums und der kapitalistischen Bauernschaft. Es gibt nicht einmal einen Schein einer Teilnalme an der Regierung - es fehien alle Formen der demokratischen Staatlichkeit. Doch ist das Land, das keine bfirgerliche Revolution durchiebte, das Land,, in dem die Bourgeoisie von Anfang an reaktiona**r war, unfiihig, eine bfirgerliche Revolution zu machen. Die erdriickende Mehrheit der Bevolkerung, die Bauernschaft, ist politisch passiv, mit sehr geringem Kiassenbewultsein. Das grof3industrielle Proletariat ist in wenigen politisch bedeutenden Punkten, in GroI~stiidten konzentriert, wird unterdriickt, revolutioniert, besitzt eine entschlossene Vorhut in der kommunistischen Partei. Es sind dies Verhujitnisse, wie sie in keinem anderen Land der Welt vorkommen. Mit diesem zwiespiiltigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufbau tritt Rul3land in den Weltkrieg ein. Das schwache wirtschaftliche Fundament war auflerstande, die Kriegslasten zu tragen. Die Niederlagen erschiitterten das Ansehen und die Maclt des feudalen, absolutistischen Regierungssystems. Der Zar wurde zur Abdankung gezwungen. Die Bourgeoisie maclt in der Kerenskizeit einen Versuch, die Geschicke des Landes als herrschende Klasse zu lenken; sie wird von der Entente, vom Grol3grundbesitz, von verschiedenen sozialistisch-biirgerlichen Parteien (Menschewisten, Sozialrevolutionare) unterstiitzt. Aber die biirgerliche Revolution konnte sich mangels einer zahireichen biirgerlichen Kiasse nicht entwickeln, und die herrschende GroBbourgeoisie stand macltlos dem Ansturm der Arbeiterklasse gegenimber. Auch in der Bauernschaft konnte die biirgerliche Regierunig kein'e feste Stiitze finden: die Bauern verlangten' vor allem Frieden und Befriedi-~ gung ilires Landhungers durch unentgeltliche Aufteilung des GroBgrundbesitzes. Beides waren Forderungen, die von keiner buirgerlichen Regierung erfiillt werden konnten. Bei der algerneeinen Ulnzufriedenheit mit der Po litik der biirgerlichen Regierui politiache Maclt fast widerstar volution-'ren Proletariat- urter Kommunisten erobert. Die sozialen Grundlagen der Diktatur. Die soziale Grundlage der Diktatur in Ru8. land war und bleibt das Biindnis des industriellen Proletariats mit der Bauernschaft. Bei der geringen Zall des industriellen Pto,letariats, bei seiner Konzentrierung in wenigen Industriebezirken konnte die proletari:sche Diktatur sich nur auf bauerliche Massen stiitzen. Zuniichst wurde dieses Klassenbfind* nis mit der gesamten Bauernschaft als ganzes geschlossen. Die Differeuzierung der Bane.rnschaft in Grof3-, Mittel- und Kleinbauern lieBl man vorliiufig aufer acht. Das Biindnis war zum Zwecke des gemeinsamen Kampfes gegen Junkertum und Biirgertur geschlossen. Entsprechend der natfirlichen geographischen Lage haben die Arbeiter die Grof3betriebe, Eisenbahnen, Grolbanken und die Bauern die grundherrlichen Laindereien besetzt. Die Besitzergreifung ging, entsprechend der Verschiedenheit der wirtschaftlichen Entwicklung des Proletariats und der Bauernschaft, auf verschiedenen Wegen vonstatten..Die Arbeiter haben jene industriellen Groflbetriebe, die nur gemeinsam gefiihrt werden konntent in den Gemeinbesitz des proletarischen Staates iiberfiihrt. Die Bauern teilten den Grund und Boden, Vieh, Maschinen usw. auf biiuerlich-anarchische Weise unter sich auf; in vielen Gegenden zerstbrten sie die Wohasitze der Junker und steckten sie in Brand. Fu"r die reichen Bauern war die Revolution mit der Besitzergreifung des Grollgrund-Eigenturs zu Ende. Wiihrend dieser Zeit vermochte das Proletariat seine Macht zu organisieren und zu festigen. Bald kan es zu einem Kampfe mit den Bauern, die ihr Getreide dem proletarischen Staate nicht, gegen Papiergeld abgeben woliten. Sie macltenin I dieser Beziehung keinen Urterschied zwischen der proletarisclen Macht und der Regierung Kerenskis und steliten sicb zu jeder Regle. rung genau ebenso, wie die Bauern Mittelund We'steuropas es tun. Die Erni;hrungskrls in den Stidten, die sicl scion unter 4cr R

Page  82 8. VARGA gierung Kerenskis zu offenbaren begann,") verschairfte sich immer melr. Das Proletariat sah sich gezwungen, seine Politik zu iindern. Die Bauernschaft war als ganzes der Verbiindete des Proletariats im Kampfe gegen die gestiirzten herrschenden Kiassen: sie war aber als ganzes keineswegs geneigt, das Proletariat in dem Aufbau der kommunistischen Wirtschaft zu unterstiitzen. Eine aktive Unterstiitzung konnte das Proletariat nur von der Airmsten Bauernschaft, von jenen dbrflichen Halbproletariern erwarten, die mit ilrem Zwergbodenbesitz gezwungen sind, Lohnarbeit zu suchen. So kam die Periode der,,Komitees der Dorfarmen". Diese Ausschiisse halfen dem Proletariat, die Staidte mit Nahrungsmitteln zu versorgen' Zum Lohn daffir wurde eine Neuverteilung des ganzen Bodenbesitzes in ungeheurem Umfange vorgenommen. Durch diese M a B n a hm e wurde auch jener Grundbesitz der Grolibauern betroffen, welcher niclt aus der revolution a" ren Enteignung der Junker stammte. 'Alle Einwohner eines bestimmten, ziemlich beschriinkten Rayons erhielten Bodenanteile von derselben Gr'Bfe. Die Folge dieses Prozesses war eine umfassende Nivellierung in den Grundbesitzverhiiltnissen der gesamten biiuerlichen Bevbilkerung des europiiischen Ruflands.**) Heute hat das Proletariat es nicht mit einer ungleichartigen, aus verschiedenen Schichten bestehenden Dorfbevbilkerung zu tun, sondern mit einer fast gleichartigen Masse der Mittelbauernschaft, mit den Dutzenden von Millionen kleiner Grundbesitzer, die ihren Boden mit eigenen Hiinden bebauen und ihren unbeceutenden Ueberschul an Nahrungs*) Siehe die Broschiire Lenins:,,Die drohende Katastrophe und wie soil man sie bekampfen?" Arbeiterbuchhandlung, Wien 1921. **) Dieser Vorgang wird durch folgende Ziffern ffir 24 Gouvernements des europijiscien Rufflands beleuchtet: Die Zahi der Wirtschaften (in %) 1917 1919 Ohne j-ede Anhaufluiche.......11,4 6,5 Mit der Anbauflikche bis zu 1 Desjatine 10,7 18,8 Bis' zu 4 Desjatinen.....I........48,5 55,2 4:bis 8 D~esjatinen........21,6 16,4 8 bis 22 Desjatinen.......7,7 3,1 Ueber 22 Desjatinen.........0,2 ~Siehe~ Bogdanow:,,Die ~Bauernwirtsichaft in Rufl~andl:Ende 1920". mittein gegen landwirtschaftliche Gerite, Manufaktur, Eisen, Salz, Petroleum, d. h. gegen Industrieprodukte umtauschen wollen. Diese Masse verteidigt in ihrer Mehrzahl die proletarische Diktatur gegen Junkertum und Biirgertum, sie steht aber tatsiichlich, als Masse von selbstiindigen Kleinproduzenten,. nicht nur dem Sozialismus, sondern auch jeder staatlichen Einmischung in ilre Wirtschaft fremd, *a feindselig gegeniiber. 1st dieser Entwicklungsgang fu"r jede Diktatur notwendig? Das ist die Meinung vieler nicht-russischer Kommunisten, die von den Russen nicht nur ihre absolut richtige politische Methode, immer auf Grundlage einer eingehenden Analyse der tatsiichlichen Macltverhaltnisse zu handein, erlernen wollen, son-. dern auch den materiellen, sozialen und politischen Inhalt dieser Politik nachahmen mbchten. Das ist selbstverstaindlich falsch. Ich will mich hier auf Lenin berufen: Eine ganze Reihe besonderer Uebergangsinafnahmen, die in Laindern mit entwickeltem Kapitalismus, wo die Lohnarbeiter aus Industrie und Landwirtschaft die jiberwiegende Mehrheit darstellen, vollstiindig iiberfliissig sind. Dort ist im Laufe von Jalrzehnten eine Klasse von Lohnarbeitern der Landwirtschaft erwaclsen. D i e s e K 1 a s s e allein kann sozial, gookonomisch und politisch eine St utze beim unmittelbaren Uebergang zum Sozial'ismus sein, Wir haben in einer ganzen Reihe von Abhandlungen und in der ganzen Presse betont, daB in RuBland die Verha"Itnisse anders liegen, daB in RuBland die Industriearbeiter sich in der Minderheit befinden und die ungeheure Mehrheit der Bevoilkerung aus Kleinbauern bestelt. Die soziale Revolution kann in einem solchen Lande den Endsieg nur unter zwei Bedingungen erringen... Die andere.&a ist die Verstaindigung zwischen dem Proletariat... und der Mehrheit der bujuerlichen Beviilkerung," 7) Nur die Kiasse der Ilindlichen Lohnarbeiter kann -nach Lenin -eine soziale, iikonomische und politiscie Grundlage fiir den Ueber1) Lenins Rede auf dem X. KongreB der Komnurnistischen Partei RuBlands im M~irz~ 1921..,Russische Korrespondenz' vom M~irz/April 1921, S. 222.

Page  83 ( i ~ I. ~-~ - ~- ~1-... ~I DIE- WENDUNG IN DER WJRTSCHAFTSPOLITIK SOWJET-RUJSSLANDS 83 - -- --- ~ ----- -------- ------- 17-;ang zum Sozialismus, d. h. wlhrend der,ejriode der Diktatur bilden. Was bedeutet das? Das bedeutet, daf in den Laindern, wo eine KMasse der lIindlichen Lohnarbeiter existiert, sie nach Mbiglichkeit eben als eine KMasse von Lohnarbeitern erhalten werden mufl. Dies ist aber mit einer Teilung der landwirtschaftlichen GroBbetriebe unvereinbar. Bei einer Teilung der landwirtschaftlichen Groflbetriebe wird diese KMasse der lIindlichen Lohnarbeiter verschwinden und die Klasse der Kleinbauern wird urn eine neue Schicht vermehrt. Diese neue Schiclit von Kleinbauern wird zweifellos bereit sein, unter der Ffihrung des stiidtischen Proletariats die proletarische Diktatur gegen die Angriffe der Bourgeoisie und des Junkertums zu verteidigen. Wird doch die Verteidigung der Diktatur die Verteidigung des von ihr auf revolutionlrem Wege eroberten Bodens bedeuten. Es ist dies aber blof ein zeitweiliges Biindnis. Nacldem der landliche Arbeiter ein Eigenturner seines Stuick Bodens geworden ist, verwandelt er sich in einen Kleinbauern, der seiner wirtschaftlichen Stellung nach nicht nur dem Sozialismus, sondern auch jeder staatlichen Wirtschaftsregelung, sei es auch auf dem Boden des Staatskapitalismus, feindselig gegeniibersteht. Daher darf man in den ULndern, wo landwirtschaftliche Grolbetriebe mit einem stiindigen und einigermaflen konzentrierten ijindlichen Proletariat bestehen - in Rumiinen, Polen, Ungarn, Italien - meiner Meinung nach auf keinen Fall das russische Beispiel blind nachahmen.*) *) Wiihrend der Diktatur in Ungarn haben wir jeden Grundbesitz fiber 50 ha konfisziert. Das Gut wurde durch eine Genossenschaft aus den auf dem Gute stiindig beschaftigten Lohnarbeitern fibernommen, wobei Malnahmen getroffen wurden, dal3 die Arbeiter aus Nachbard'rfern, die nicht'auf dem Gute wohnten, aber auf ihm staindig arbeiteten, in die Genossenschaft aufgenommen wurden. Die kurze ýDauer der ungarischen Diktatur gibt uns keine Miiiglichkeit, emn Urteil fiber dieses System auszusprechen, das auch in den ungarischen kommunistischien Kreisen zu vielen Differenzeni Anlaf3 gab. (Siehe mein Buch:,,Die wirts chaf tspolitischen Probleme der proletarischen Diktatur", II. Auflage, B~ibliothek der Kommunistischen Internationale.) Heute stehe ich auf Grund.der russischen Erfahrungen der ung~arischen LZ~sung des Problems viel Man darf, soweit man dazu dutch kein. Notwendigkeit gezwungen ist, die landlichen Lohnarbeiter nicht in Kleinbauern verwandeln, folglich die grof3en Gfiter nicht aufteilen. Kann doch nur die Klasse der Lolnarbeiter,,die soziale, 8konorische und politische Grundlage ffir einen unmittelbaren Uebergang zur Sozialismus bilden". In Rulland war die Lage wesentlich anders. Dort herrschte der Groflgrundbesitz, abet nicht der landwirtschaftliche Grol3 -betrieb vor. Der junkerliche Boden wurde gro"f3tenteils den Bauern in kleinen Anteilen verpachtet.*) Selbst dort, wo der landwirtschaftliche Grol3betrieb bestand, beschaiftigte er nicht landlose Proletarier, sondern die &rmsten Bauern, Halbproletarier. D a h e r v e r w a ndelte die Aufteilung der groBen Giiter nicht wirkliche Proletarier in Kleinbauern, sondern Kleinbauern - in Mittelbauern. Es war dies nicht der Uebergang in eine neue Klasse, sondern nur ein Besitzzuwachs innerhalb einer und derselben Klasse.*) Die Aufteilung der Groflbetriebe hat nicht nut politisch, sondern auch wirtschaftlich und organisatorisch ihre sehr wesentlichen Schattenseiten. Der Ernteertrag ist in dern bluerlichen Kleinbetrieb in allgereinen kleiner, als auf derselben Bodenfliiche in einer Groflbetrieb.***) Dadutch wird die Ernihrung des staIdtischen Proletariats, die wafhrend naher, als es bei der Abfassung jenes Buches, unmittelbar nach dem Fall der ungarischen Diktatur, der Fall war. *) 1916 wurden vom ganzen angebauten Boden nur 9 Prozent von den Grolgrundbesitzern im eigenen Betriebe bewirtschaftet. Popow:,,Die Getreideproduktion in Sowjetrufland", S.27 (russisch). **) Dies muI, wie fibrigens alle Ausfiihrungen dieses Aufsatzes, nur als eine Durchschnittserscheinung betrachtet werden. Bei den ungeheuren Dimensionen Rul~lands und bei der auf3ersten Mannigfaltigkeit der Agrarverhfltnisse in diesem Lande existierten dort alle Wirtschaftsformen. Der landwirtschaftliche Grol~betrieb bestand gr6Btenteils in den westlichen Randgebieten, auch in Polen und in der Ukraine. **) Popow schiitzt den durch die Teilung der wrenigen landwirtschaftlichen Grof~betriebe hervorgerufenen Rfickgang des Ernteertrages aul 16 M~i! lionen Doppelzentner. 6 Koamm W. r 18 k;?a-,~

Page  84 _ _! _ _VARGA Diktatur olnehin schwierig ist, noch, mehr ~hwert. Noch wichtiger sind die organisaIschen Schwierigkeiten. ' Der Ernteiiberud3 in einem Grolbetrieb kann sofort festtellt und eingezogen werden, derselbe )erschu wird, wenn er fiber ein Hundert Bauernwirtschaften verteilt ist, ffur uns wer faflbar, wird versteckt und verkauft. -h das ist ein Grund ffur die Beibehaltung landwirtschaftlichen Grolbetriebe. ommen wir aber auf Rul3land zurfick. 'Der Kriegskommunismus. Wenn wir die Entwicklung der russischen okonomischen Politik bis zum Miirz 1921 verfolgen, bekommen wir in ailgemeinen Umrissen folgendes Bild: In de-r Landwirtschaf t: Of f ener W i d e r s p r u c h z w i s c h e n d e r b a u e rli c h e n pri vatwirtschaf tlichen Produktion einerseits und der gemeionwirtschaf tlichen Erf assung und Verteilung der Prod u:k t e a n d e r e r s e i t s. Grundsdtzlich wird der Bauer als ein Mitglied der staatlichen Gemeinwirtschaft betracltet. Aus den Erzeugnissen seiner Produktion darf er nur das'ffir sich behalten, was fiir die Erndhrung seiner Familie und ffur die Weiterfiihrung der Wirtschaft notwendig ist: Futter ffir Haustiere, Saatkorn. Den Rest muB er dem Staat abgeben. Daher das Verbot des Handels mit Korn, mit Kartoffeln usw. Andererseits versorgt der Staat den Bauern im Prinzip mit Industrieprodukten (Salz, Petroleum, Manufaktur, Eisen, landwirtschaftliche Gerlite usw.). In der I hdlustrie: Die fortschreitende Nationalisierung der Betriebe: im Dezember 1920. wurde sie atif Betriebe mit 5-10 Arbeitern ausgedelnt, Horizontale Vereinigung der Industriezweige' zu ungeheuren zentralisierten Trusts. Versuche, die berufsmailBige Heimindustrie der staatlichen Leitung unterzuordnen; beinahe vollkommenes Verbot jedes legalen rtlichen Warenaustausches. *) Die Verffigung iiber alleLProdukte steht den zentralen Wirtschaftsorganen zu. *)lieses Verbot blieb oft nur auf dem Papier. I*,dent'ernen Provinzstidten fuhren die Bauern der uzinliegendenDMrfer.fort, das Getriede usw. gegen hodustrieprodukte auszutauschen.. I m H a n d e I: Beschrainkung des erlaubien Handels auf den lokalen Kleinhandel mit Produkten, die nicht vom Staate beschlagnahmt wurden. Monopol des Aulenhandels, Im Verkehrswesen: Der maschinelle Transport (Eisenbahnen, Schiffahrt usw.), zum Teil auch der Pferdetransport, sind in den ausschliellichen Dienst der staatlichen Wirtschaft gestellt. I m G eld v e r k e h r. Schnell fortschreitende Entwertung des Papiergeldes. Uebergang zur Naturalentlolnung aller Arbeiter und aller Angesteilten der staatlichen Wirtschaft. Zusammenfassend: eine anscheinend geradlinige Entwicklung zur kommunistischen Wirtschaft, daneben aber wesentliche innere Widerspriiche. Lenin hat dieses System treffend als,,Kriegskommunismus" bezeichnet. Das Wesen der Widerspruiche besteht darin, daf 'man in ein System der organisierten staatlichen Wirtschaft Elemente hineinril3, die noch ein vorwiegend vorkapitalistisches Geprage trugen. Daher waren die wirtschaftlichen Ergebnisse dieser Periode iiuferst unbefriedigend, und zwar: In der Landwirtschaf t. Starker Riickgang der Saatflache.*) Rulckgang der Durchschnittsernte. Tendenz zur Riickkehr zur geschlossenen Hauswirtschaft: den Bauer sat nur so viel, wie er fiir seinen eigenen Verbrauch nobtig hat, und sucht alles, was er braucht, selbst herzustellen. Ru"ckgang der territorialen Arbeitsteilung in der Landwirtschaft. Statt der Sonderkulturen Getreidebau. Der Staat ist auf~erstande, notwendige Industrieprodukte zu liefern. Daher die Wiedergeburt primitivster Formen der biiuerlichen Heimindustrie. In der Indus trio: Unertragliche Belastung der Produktion durch die fiberall eindringende Biirokratie. Fesselung jeder lokalen Initiative. Zerfall der Grof3industrie. Riickgang der Arbeitsproduktivitiit auf' 30--40 % der Friedenszeit. Riickgang der Produktion auf 3-30 % der Friedenszeit. Ira m H a n d e i. Schleichhandel, Schieberturn, Schwindel. 1) Darauf bezuigliche Zahien werden in, der Broscbiire Popows reichlich angefiihrt.

Page  85 DIE WENDUNG IN DER WIRTSQHAFTSPOLITI In der Ernaiihrungswirtschaft. Unzulinglichkeit der staatlichen Versorgung. Zersplitterter, privater Erwerb der Gegenstiinde des taglichen Bedarfs. Weite Reisen zum Zwecke des Einkaufs einer minimalen Menge von Lebensmitteln. Alle Habseligkeiten der staidtischen Bevolkerung gehen allmiihlich in den Besitz der Bauern jiber. Selbstverstaindlich kbinnen nur fibeiwollende Beobachter und Feinde die unbefriedigenden wirtschaftlichen Ergebnisse dieser Periode atsschlie~lich der Diktatur in die Schuhe schieben. Der Zusammenbruch der russischen Voikswirtschaft im Laufe dieser Periode ist eine Folge des fortwiihrenden Krieges, eine Fortsetzung des Verfalls, der noch vor der Revolution eingesetzt hatte. Diese Zersetzung hat ihr Gegenstiick in alien kriegfiuihrenden Lfndern Mitteleuropas. Es ist dies eine Unterproduktions-Kris e, eine unvermeidliche Folge des Weltkrieges, unabhiingig von dieser oder jener Regierungsform. Der Kriegskommunismus hat schlechte wirtschaftliche Ergebnisse gezeitigt. Und doch war es der einzig molgliche Weg fU"r die Erreichung des politischen Endzieles - der Aufrechterhaltung der proletarischen Diktatur. Dieser Weg wurde den russischen Kommunisten durch die bestehenden Verhaijitnisse aufgezwungen.,,Das System, weiches geschaffen wurde, ist durch die Erfordernisse, Erwiigungen und Bedingungen des Krieges, nicht aber der Voikswirtschaft diktiert. Unter den Bediftgungen unerhborter Zerriittung, in denen wir uns befunden haben, als wir nach einem groflen Kriege eineAnzahl vonBiirgerkriegen ertragen muf3ten, gab es keinen anderen Ausweg. Sicherlich hat es bei der Anwendung einer bestimmten Politik Fehier und eine ganze Anzahi von Uebertreibungen gegeben.. Grundsaitzlich aber war unter den Bedingungen des Krieges, in die wir verrsetzt waren, diese Politik richtig. Wir hatten keine andere Miiglichkeit als die maximale und sofortige Anwenclung des Monopols.." Urn den Ansturm der konterrevolution~jiren Horden, die von alien kapitaiistischen Liindern ') Lenin: Das Verhtiltnis der Arbeiterkiasse zur Bauernschaft. Rede auf dem Parteitag der Komrrnunistischen Partei, Miirz 1921. (Russische Korre;~ spondenz, M~ir~zAprii 1921, S. 230.) KTA unterstiitzt wurden, abwehren zu k"nneu, mul3te Sowjet-Rulland alle iilfsmitte des, Landes in den Dienst des Krieges stellen. L legte seine Hand auf das landwirtschaftliche Inventar, beschlagnahmte die Produkte der Heimindustrie fiUir die Armee, setzte, durch die Fesselung des Austausches, den Verbrauch der Zivilbeviolkerung auf ein Minimum herab usw. Freilich fiihrte das zum weiteren Verfall der gesamten Volkswirtschaft. Jedoch ertrugen, so lange der Biirgerkrieg dauerte, die stiidtiischen Arbeiter und die Bauern all diese Entbelrungen, denn sie verstanden, daB man vor allem an die Landesverteidigung denken muB.*) Es mufl mit grolltem Nachdruck betont werden, daI3 das kommunistische Programm zu Anfang keineswegs die Einfiihrung des Systems des Kriegskommunismus in Rullandvoraussah. Dafiir mbjgen einige Beispiele angefiihrt werden: Der wichtigste Beweis ist vielleicht eine Broschuire Lenins von 1918, die er in seiner Arbeit iiber die Naturalsteuer selbst zitiert. Aus der Analyse der konkreten KiassenverhaItnisse in Ruiland zieht er den Schlul, daB in RuBland zuniichst ein Uebergangsstadium, niimlich die Schaffung eines,,Staatskapitalismus" notwendig ist, da ein unittelbarer Uebergang von den ihrem Wesen~ nach kieinbiirgerlichen und biiuerlichen Verhijitnissen zum Sozialismus unmbiglich ist. Als Datum der Einfiihrung der Naturalsteuer in der Landwirtschaft wird im Steuergesetz der 30. Oktober 1918 bbzeichnet; diese Steuer wurde also schon ein Jahr nach der Machteroberung durch die Bolschewisten beschlossen. Auch die Instruktionen zu diesem Gesetz wurden erlassen. Aber der Biirgerkri'eg hat das Inkrafttreten dieses Gesetzes verhindert und die Regierung gezwungen, ein Getreidemonopol einzufifihren. I 1,,Der eigenartige,,Kriegskommunismus" bE darin, dalI wir tatsiichlich den Bauern alle t schiisse, und mitunter nicht nur diese, so" einen Teil der fu*r sie notwendigen Lebens fortnahren, urnden Bedarf des Hee'res un Arbeiter zu decken.. Es war keine den schaftlichen Aufgabdn des Proletariats sprechende Politik und konnte auch keine i sein.- beton't Lenin nochmals',(Ueber di turalsteuer.)

Page  86 1; 8 1 6 L,. VARGAC~ 86 E. VAG In der Gesetzgebung des ersten Jahres der proletarischen Diktatur uluBert sich klar der Vorsatz, nur,,reife" Industriezweige zu nationalisieren, alle anderen dagegen nur, unter deren Belassung im Besitz der Kapitalisten, zu kontrollieren. Dieser Versuch scheiterte am Widerstande der Kapitalisten. Larin schreibt dariiber folgendes: ),,Die stidtische Bourgeoisie selbst weigerte sich einfach, Handel zu treiben, weigerte sich, die kleinindustriellen Unternelmungen weiterzufiihren... Die Besitzer wiinschten nicht, weiter,,ihre Mittel unter den Bolschewisten zu riskieren'... Sie woliten den Sturz der Bolschewiki abwarten, da s i e warten koinnten... Es war dies die Zeit, wo die-Besitzer der Wolgadampfer und -kiihne die Reparaturarbeiten so gut wie eingestellt, die Holzhaindler mit der Beschaffung von Holz aufgehiSrt hatten usw." Nicht genug damit, beschrankte sich das Biirgertum keineswegs auf den passiven Widerstand. Die Grol3banken finanzierten direkt - nach Besetzung der Staatsbanken - den Streik der Beamten und das bewaffnete Vorgehen der weiflen Offiziere. Die Versuche, eine Kontrolle der Banken durchzufilhren, mifflangen... Jegliche Form des wirtschaftlichen Kompromisses, beispielsweise die Belassung der Banken in den Hainden der Kapitalisten unter der Kontrolle und Regelung durch die Arbeitermacht, benutzte die Bourgeoisie g e g e n das Proletariat... Ebenso lagen die Dinge bei den Industrieunterneh. mungen und *Handelsfirmen. Ihre Kassen wurden nach erfolgter Nationalisierung der Banken eine Quelle zur Subsidierung weifler Verbiinde. Sie iibernahmen die Finanzierung der Beamten- und Angestelltenstreiks in den nationalisierten Banken. Die Direktoren der industriellen Unternehmungen verhinderten bewuflt die Produktion und bracliten sie zum Stillstand... 0*) Die dringenden Krlegsbediirfnisse, der Widerstand und die Sabotage der Bourgeoisie haben die Sowjetmacht gezwungen, entgegen den Absichten der Kommunisten zur Nationalisierung zu schreiten und das allbekannte 0') Russiscbe Korrespondenz 19~1, Juni, S. 439. ~~),,Die,,alte' und die,,neue" Politik der russisehen;Kommunisten'. Russischle K~orrespondent $92Z, Jmi~i, S. 508. System des Kriegskommunismus einzufiihren. Dabei lief der biirokratische Mechanismus, in der einmal eingeschlagenen Richtung automatisch weitergehend, oft iiber die ihm gesteckten Ziele hinaus. Dieses System, dessen soziale Grundlage das Kriegsbiindnis der staidtischen Arbeiter mit den firmsten Bauernschichten war, mul3te mit dem Zeitpunkt der Kriegsbeendigung auch selbst zu Ende gehen. Wir stellen also die Frage: was ist in der russischen Erfahrung ailgemein giiltig und was beschriinkt sich dagegen nur auf Rufland? Fu*r die Beantwortung dieser Frage kann uns die ungarische Erfahrung als Priifstein dienen. Hier miissen wir folgendes feststellen: Es ist fuir das Proletariat zweifellos wichtig und erwiinscht, sich auf die Enteignung der,,reifen" Industriezweige zu beschralnken und in den anderen Zweigen eine Verstaindigung mit den Kapitalisten einzugehen, ihnen, wie es Lenin ausdriickt,,,eine Art Loskauf" anzubieten. Fuir die am Staatsruder stehenden Proletarier ware es wohl erwiinscht, auf diese Weise die begabtesten und kulturell am h8chsten stehenden Kapitalisten ffur sich zu gewinnen, die bereit wairen, der Sowjetmacht zu dienen und an der Organisierung der,,staatlichen" Groflproduktion ehrlich mitzuarbeiten. Jedoch scheitern alle Versuche dieser Art imAnfa-ngsstadium der Dikta-tur am Widerstande sowohl der Kapitalisten wie der Arbeiter selbs t. Was den Widerstand der Kapitalisten betrifft, so kommt er davon, dafl die Kapitalisten von der Ewigkeit ihrer Klassenherrschaft tief i iberzeugt sind, die proletarische Diktatur als eine voriibergehende Erscheinung betrachten und daher die staatliche Produktion durch die Stillegung ihrer Betriebe sabotieren. Dieses Bestreben steht im Einklang mit den Privatinteres s emn9dAe rae-in-z7e 1tne&ntKVa p int a 1aisqtfe n. In der ersten Periode der Diktatur kann man, bei der allgemeinen Steigerung der Arb~eitsT lijhne, bei dem vollkommenen Mangel an Arbeitsdisziplin und bei dem unerhbrten Riickgang der Produktivitat, kaum an einle profitable kapitalistische Produktiou denken. Andererseits brizigt der Kapitalist der Arbeiter

Page  87 -- --- --. -----~::~~~:I DlE WENDUNG iN DER WIRTSCHAFTSPOLITIK SOWJETT-RUSSLANDS 1 87 - ~ -- I I regierung das ho-chste Mif3trauen entgegen. Er hat keine Garantie dafiir, daO die Arbeiterregierung nicht bald einen weiteren Schritt auf dem Wege der Enteignung machen und daI3 sein eigener Betrieb nicht ebenfalls enteignet wird. Weichen Sinn hat es dann f ur ihn, dieser verhaf3ten Regierung seinen Betrieb in volistandiger Ordnung, in vollem Gang zu (ibergeben? Er bemiiht sich im Gegenteil, aus seinem Betrieb mioglichst grof3e Verm&j0 gensteile herauszuziehen und in Mobilien, Gold, Brillanten, Devisen, ausliindische Wertpapiere umzuwandeln, und seine baren Umsatzmittel verausgabt er vor allem f Ur die Unterstiitzung der Konterrevolution. Diese- Umstiinde verurteilen nach meiner Meinung alle Versuche einer,,Versta-ndigung" mit der Bourgeoisie fuir die erste Zeit zur vollen Erfolglosigkeit. *) Daher ist die Sowjetmacht gezwungen, auf dem Wege der Nationalisierung immer weiter und weiter zu schreiten, sonst miissen die bereits verstaatlichten wichtigsten, reifsten Industriezweige infolge des Mangels an Erzeugnissen der Mittel- und Kleinindustrie verkfimmern. Was den Widerstand der Arbeiter betrifft, so haben wir in Ungarn die. Enteignung auf die Betriebe mit mehr als 20 Arbeitern beschriinkt. Aber die Arbeiter der Betriebe mit 10-20 Arbeitern konnten und wollten es nicht einsehen, daB sie unter der Fuchtel der Unternehmer bleiben miissen nur deshalb, weil in ihrem Betriebe,,zufa"llig" einige Arbeiter an der Zahl zwanzig fehien. Sie enteigneten selbstherrlich d 1 e B e t r 1 e b e, verjagten die Unternehmer unter dem Vorwand, daB der Unternehmer sabotierte, daBl er Arbeiter entlieB, um die Enteignung zu vermeiden; daBl ihr Betrieb unter den,,normalen" Vorkriegsverhaltnissen mehr als 20 Arbeiter beschaoftigt hatte usw. Was *) Ich babe darfiber auch in meinem Buche fiber die,,Volle Sozialisierung und der Kommunismus" geschrieben:,,Die Enteignung ohne Entscbfldigung 1st -ine gleic-zeitig wirtschaftliche und revolutionflre Tat von aul3erordentlicber Bedeutung. Die unverziiglicbe Entziehung von materiellen Mitteln muB jede biirgerliche Konterrevolution unmijglicb machen. Eine langsame, planmfll3ige Sozialisierung gegen Loskauf ist unmi~glicb, unm2Sglich gerade fuir die proletariscbe Diktatur. 1st doch die Enteignung emn Akt des Klassenkampfes." (S. 60.) konnte man dagegen ausrichten? Wir konnten doch die Unternehmer nicht mit bewaffneter Macht gegen den Willen der Arbeiter in die Betriebe zuriickbringen. ) Ich glaube, da3 'sich diese Erscheinung im Beginn der Diktatur in allen Laindern wiederholen wird. Die friedliche Verstiindigung mit der Bourgeoisie ist so lange ausgeschlossen, wie diese nicht von der Unerschiitterlichkeit der Sowjetmacht iiberze'ugt ist. Eine Ausnahme werden vielleicht jene kleinen Liinder bilden, wo die proletarische Diktatur sich gegen das Ende der Weltrevolution ohne allzu starken Klassenkampf durchsetzen wird. Es 1st mo-glich, daB hier die Kapitalisten, die Nutzlosigkeit des Widerstande~ einsehend, nach Kra-ften helfen werden, "den Uebergang mOjglichst schmerzlos zu gestalten. Aber auch die M*glichkeit 1st nicht ausgeschlossen, daB eben jene Lander, durch flflchtige Kapitalisten aus den Nachbarlandern fiberschwemmt, zu Hochburgen des militarischen Widerstandes werden. Man muB also damit rechnen, daB jede Sowjetmacht ihren,,Kriegskommunismus'o auf der Enteignung aller Industriebetriebe, die eine mehr als lokale Bedeutung haben, und auf der staatlichen Organisierung der ganzen Wirtschaft, mit AusschluB des lokalen Warenaustausches, wird aufbauen miissen. D a s internationale Problem besteht in folgendem: Wird und mufl di'eser,,Kriegskommunismus" (iiberall so schlechte Frfichte tragen, wird man fiberall spflter gezwungen sein, einen Abbau durchzufiihren? Wir glauben es nicht! Die schlechten Ergebnisse in RuBland hatten ihre besonderen Ursachen. RuIland war der erste proletarische Staat, es war der Vorkflmpfer, der den Weg bahnte. Daher multe es sich jahrelang auf den Schlachtfeldern gegen die internationale Bourgeoisie verteidigen und war um die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung gebracht. Das russische Vol1k *) Ich wurde wflbrend der Diktatur im Orglan der Friseurgewer~kschaft beftig bescbimpft; m~an scbrieb, daB ich an der Erhaltung des Privafieigenturns im Friseurgewerbe materiell~ interessiert sci, nur weil ich bebauptete, daB die Sozialisierung dieses Gewerbes nicht notweudig sei,

Page  88 L. VARGA mliemnen wenig organisatorische Begabung, weil der Kapitalismus, diese Schule der Organisation, in Rulfland'nur kurze Zeit xtieteDie besten Organisatoren aus dem Proletariat sind in der Armee, in der.Partei und in der Staatsverwaltung titig oder im Felde gefallen. Das Land ist ungeheuer grof3, schwach beVl5kert, leidet an der schwachen Entwicklung des Eisenbahn-, Telephon- usw. Netzes,-was den Aufbau derPlanwirtschaft stark erschwert und die Widerspriiche zwisclen dem Zentralismus und dem Separatismus verschiirft. Trotz der schlechten Ergebnisse der russischen und der nicht sehr gfinstigen Ergebnisse der ungarischen Erfahrung glauben wit, dal3 in den LUndern mit entwickeltem Kapitalismus, mit einer zahireichen, gebildeten, organisatorisch befaihigten Proletariat, in Laendern mit einer dichten Bev!lkerung und mit guten Verkehrsmittein, in Uandern, die nicht an allen Grenzen den Krieg gegen kapitalistische Reglertmgen fiiiren m"issen, sondern zum Teil an Sowjetrepubliken grenzen, e in unmittelbarer Uebergang vom,,Kriegskommu'nismus"i zum Sozialismus ohne eine regressive Zwischenp-eriode m~glich sein wird! listische Revolution in RuIfland retten kann, solange niclt die Revolution in anderen LUndern zum Durchbruch gekommen ist. Das miissen wir offen auf alien unseren Versammlungen und in unserer ganzen Presse aussprechen. Wir diirfen uns nicht bemilhen, irgend etwas zu verheimlichen, sondern miissen offen aussprechen, daBl das Bauerntur mit der Form von gesellschaftlichen Vethiltnissen, die sich bei uns herausgebildet hat, unzufrieden ist, daB es diese Form nicht will und nicht so weiter existieren wird. Das ist unbestreitbar. Dieser Wille des Bauernturs ist deutlich zum Ausdruck gekommen: es ist der Wille einer ungeheuren Mehrheit werktiitiger Bevalkerung. Damit rniissen wit rechnen, und wir sind genligend niichterne Politiker, ur offen zu erklaren: Das ruI3 gepri'ft und ge~indert werden."*) Oekonomisch war die Aenderung notwendig, weil die Saatflache und der Ernteertrag sich unaufhbrlich verringerten. Der Bauer verlor jeden Anreiz zur Erzeugung von Getreideiiberschiissen und folglich auch zur *vorbildlichen,.sorgf10ltigen Wirtschaftsfiihrung. Der Staat konnte beir besten Willen den Bauern nicht mit den nbtigen Ptoduktionsmitteln und Vetbrauchsgegenstanden versorgen, weil die Groflindustrie gelih"mt ist und nur 3 bis 30% der Vorkriegsrenge produziert. Auch die lokale Mittel- und Kleinindustrie sind gelahmt infolge des Verbots des Handels und der Ausdehnung des Kriegskommunisrus auf die Klein- und Mittelindustrie. Der Bauer kann die ffir ihn notwendigen Erzeugnisse nicht erhalten. Da aber die Weltrevolution auf sich warten laii1t, so kann die staatliche Grofiindustrie sich nur nach dem nWiederaufbau der Bauernwirtschaft erholen. Der Verfall der staatlichen Groflindustrie erfolgte vor aller dutch den Mangel an Lebensritteln und Brennstoffen. Beides kann nut durch den Wiederaufbau der Bauernwirtschaft gewonnen werden. (Der Hauptbrennstoff Rullands ist gegenwiirtig Holz: fU"r den Holzabtransport aus den Wii~ldern sind Millionen von Bauernpferden und von Bauernfuhrwerken n~tig.) Datum ist die e rs te Aufgabe die Hebung der Bauernwirtschaft. DCazu ist es vor allem notwendig, den Bauern den Anteiz I) Rede auf dem X. Parteitag, Russiscbe KorreT spondenz 1921, Nt, 3E-A, S. 222. Die neue cbkonomiscte Politik SowJefruf3lands. Untet den obwaltenden Umstinden war elne 'radikale Aenderung der i8konomischen Politik ffit RuBland eine unerliil3liche Not PFo it i s c h war diese Aenderung deshalb twendig, weil die fttiheten Dorfarmen sich Mittelbauetn verwandelt haben und eine nentsptechende wirtschaftliche Politik forrten.) Vir wissen",, sagt Lenin,,,daB nut die tindigung mit dem Bauerntum die soziaAm auffallendaten iuflert sich der Wechsel qlassenstinmungen in den Losungen mancher mnaufstinde: Es leben die Bolschewisten (die uns das Land )en habon) Es lebe der Freihandell Nieder den KoEnmunisten (die uns das Getreide re palt zwischen.dem privaten Bodenw gemeinschaftlichen Verteilung dos uI baseitlgt werden,

Page  89 DWE WENDUNG I L - -- -- -- zur Erzeugung von Ueberschilssen wiederzugeben, Diesem Zweck dient die Einfiihrung der Naturalsteuer, des Freihandels und der Privati n d u s t r i e. Die Naturalsteuer stelit die Bauernwirtschaft wieder auf die alte privatwirtschaftliche Grundlage. Nach der Abtragung der Steuer verfiigt der Bauer frei fiber alle seine Produkte. Damit wird ein Anreiz zur Erhb-hung der Produktion gegeben. Die Steuer selbst ist derart gestaltet, dafl sie zu einem soichen Anreiz wird: ihre Hb~he wird nicht nach der angebauten Fliiche, sondern nach der Gesamtflache festgesetzt. HOhere Sonderkulturen sind steuerfrei. Der Gesamtbetrag der Steuer wird nach der Durchschnittsernte im Kreise bestimmt: dies bedeutet eine Pra"mie fuor den Bauer, der eine iiberdurchschnittliche Ernte erzielt hat, und. eine Strafe fu"r den schlechten Wirt. Aber die Erzeugung der UeberschfLsse hat ffir den Bauern keinen Sinn, wenn er ffur dieselben nicht die ilm n8tigen Gegenstande eintauschen kann. Bei der momentanen Laihmung der staatlichen Groflindustrie kann dieser Austausch nur auf dem Boden der lokalen Klein- und Mittelindustrie vor sich gehen. Die natfirliche Folgerung hieraus ist die Hancels- und Gewerbefreiheit, die Wiederherstellung eines freien Kapitalismus niederen Ranges.,,Freiheit des Umsatzes - sagt Lenin - bedeutet Freiheit des Handels, Freiheit des Handels aber bedeutet zurlick zum Kapitalismus. Freiheit des Umsatzes und Freiheit des Handels bedeuten Warenaustausch zwischen einzelnen kleinen Landwirten. Wir all wissen, wenn wir nur das ABC des Marxismus kennen, daO aus diesem Umsatz und aus dem freien Handel unweigerlich die Teilung der Warenproduzenten in Kapitalbesitzende und Arbeitskraftbesitzende hervorgeht, die Teilung in Kapitalisten und Lohnarbeiter, d. h* die tp Wiederriclitung der kapitalistischen Lohnsklaverei, die nicht vomt Himmel ftillt, sondern in der ganzen Welt aus der landwirtschaftlichen WVtarenproduktion erwaichst." MZ~it dem Verzicht auf den wesentlichsten Punkt im System des Kriegskommunismus, auf das Getreidemonopol und auf ~das Verbot des Freihandels, beginnt auch der Abb~au des zen-l tralen wirtschaftlichen Apparates, der sich fiber die unter'den heutigen Organisationsm6glichkeiten zuliissigen Grenzen hinaus vergr6flert hat. Die industriellen Klein- undMittelbetriebe werden aufgegeben und Geo nossenschaften oder selbst einzelnen Kapitalisten in Pacht gegeben, die Mehrzahl der.Betriebe, die in der Staatsverwaltunt verbleiben, werden den lokalen Behbrden zur Leitung anvertraut., Was die Staatsbetriebe selbst anbetrifft, so wird ihnen gemiil den neuen Bedingungen ein viel weiterer Spielraum und eine viel gr8llere Freiheit in Handelsoper- I r tionen eingerlumt. Sie diirfen einen Tell ihrer Erzeugnisse selbst verkaufen, Waren auf dem lokalen freien Markt einkaufen usw. Tm Zusammenhang damit iindert sich'auch die Geldpolitik der Sowjetmacht. Es wird die Notwendigkeit erkannt, ein Gleichgewicht des Staatsbudgets herzustellen: Die Eisenbahntarife werden um 400%. erh6ht. Alle staat., lichen Leistungen, soweit sie nicht als Naturalzahlung oder als soziale Versicherung gelten. werden von nun an blo lgegen vollen Entgelt gewiihrt.*) Alle selbstalndigen Handwerker, Kaufleute, Industriellen zahlen Geldsteuern, entsprechend der Gr-fle ihrer Betriebe."*) Um es zusammenzufassen: Inter der Regime des Kriegskommunismus stand der Staat prinzipiell auf dem Standpunkte, -dal alle Einwohner des Landes seine Angestellten sind und der Staat ffir die Befriedigung ihrer Bediirfnisse in Naturalien zu sorgen hat. Von nun an stellt der Staat sich selbst als w irtschaftendes Subjekt allen privatwirtschaftenden Buirgern gegenfiber. Als ein solches Subjckt lalst sich der Staat von ihnen mit einem Teil ihrer Einnahmen ffir seine Leistungen bezahlen; die Bauern miissen es in Naturalien, die Kaufleu-te und'Handwerker in Geld tun. Der Staat beschriinkt seine Versorgungst-itig-- keit von nun an auf den sehr reduzierten Kreis von staatlichen Arbeitern und. Ange stellten und auf die soziale. Versicherung,.~er proletarische Staat nimmt gegentiber de Biirgern dieselbe Stellung emi wie embin urgEr~~~~-~:~ i) Dekret vom 5. August 1921: Bis: zued giiltigen Preisfestsetzung' dftrfen die Staasprdut niicht unter den ftreien. Marktpreisen~ abegb werden. '~1 Dekret,om 21, Jurui 1921..::~ "7'

Page  90 VARGA: DIE WENDUNG IN DER WIRtSCHAFTSPOLITJk SOWJ1iT-RUSSLANDS ~~- --- " licher Staat, wobei jedoch der Unterschied im Klassencharakter dieser beiden Staaten 'voul bestehen bleibt. AussicOfen und Folgen der n-euen Poifik. Wie wurde der Weclsel der Politik von den verschiedenen Bevoilkerungsschichten aufgenommen? Wir haben vorlaufig zu wenig Material, un diese Frage beantworten zu k8nnen. Doch sind die Bauern mit dieser Politik anscheinend selr zufrieden. Ueberall auf "dem flachen Lande maclt sich eine lebhafte Ta-tigkeit bemerkbar, die Saatfliiche wird vergrofBert, und ware der elementare Schiag, die Mil3ernte niclt gekommen, so wiirden sich die giinstigen Folgen der neuen Politik scion in diesem Jahre offenbaren. Auch kann man mit Sicherheit annelmen, dafi die. Kleinhiindler, Spekulanten und Schleichhaindler, die ihr Wesen bisher ungesetzlich getrieben und stets in Furcht gelebt hatten, von den Organen des proletarischen Staates verhaftet und abgeurteilt zu werden, den Freihandel mit Begeisterung aufgenommen haben. Andererseits scheinen in RuBland auch ijene Faktoren weiter zu wirken, die jeder Verstandigung mit der Bourgeoisie, jeder Heranziehung von Kapitalisten zur Arbeit in der proletariscien Staatswirtschaft im,Wege stehen. Die Kapitalisten haben kein Vertrauen, sie fiirchten, Unternelmen zu griinden, weil der Staat ilnen keine Gewalr gibt, dafl ihre alten oder die zum Vorschein kommenden ne'uen Verm6gen niclt durch ein neues Dekret konfisziert werden. Vergebens betont Lenin, daI3 die neue Politik,,ernst und auf eine langere Dauer hin gemeint" ist. Die Kapitalisten glauben daran nicht. Auferdem haben sie noch immer die Hoffnung niclt atfgegeben, dal3 die Diktatur von auf3en gestiirzt werden kOnnte. Es wird zweifellos noch vie] Zeit vergehen, bis die Kapitalisten wirklich mit aller Energie an das Werk gehen. Was die Arbeiter betrifft, so werden sie, durch die Ereignisse der letzten Jalire ermiidet, dem Neuauftauchen der Kapitalisten kaum einen erSten WStiderstand entgegensetzen. Nur in der Kommunistischen Partei bestehen noch 'Eleamente, die nur sciwer und unwillig die llUsioii aufgeben, daB sich aus dem,,Kriegskonnunsmus" ulnmittelbar -der wfrkliche Kommunismnus entwickeln wiirde. In der Neuorientierung sehen sie eine Gefalr fu-r die proletarische Diktatur. Ist diese Gefalr wirklich vorlanden? Wir glauben es nicht. Die Neuorientierung befriedigt die Mittelba'uernschaft, die zur Zeit ungefaihr drei Viertel der Bev8lkerung RuBlands bildet, Das Proletariat beha"lt die bewaffnete Maclt, den Regierungsapparat, das' Transportwesen, die GroBindustrie, den Auf3enhandel, das Geldwesen in seiner Hand, Diese Positionen sind stark' genug, um der selr langsamen neuen Entwicklung des Kapitalismus mit Erfoig standzuhalten und uihn in jenen Sciranken zu halten, dal er der proletariscien Staatsmaclt nicht gefaigrlicl werden kann. Doch drolt die Gefalr von einer anderen Seite. Ich habe auf sie in der Vorrede zur IU Auflage meines Bucles hingewiesen, die vom 3. Januar 1921 datiert ist, also noch lange vor der Wendung in der 6konomischen Politik Rullands erschien.*),,Jene Leute, die iiber die wirtschaftliclen Sclwierigkeiten Ruflands jammern, soliten immer daran erinnert werden: Rul3land ist der isolierte Bahnbrecher, der, allein und auf sich gestelit, seit drei Jahren gegen die ganze kapitalistiscie Welt fulr die Befreiung der Menschheit kampft. Eine allzu sciwere Biirde wurde Rufland auferlegt. Es ist die hojchste Zeit, daB die internationale Revolution weiterscireitet und der Isoliertheit Rulilands ein Ende bereitet... 'Niclt nur im Interesse Ruflands, niclt einmal in erster Linie in seinem Interesse; sein Proletariat kann*infolge des Ausbleibens der internationalen Hilfe nicht zusammenbrechen, wie es mit dem kleinen Rateungarn geschehen ist. Dagegen bestelt die Gefalr einer Ausschaltung Rullands als Motor der internationalen Revolution. Denn es soll niclt versciwiegen werden: es gibt in Rufland Kommunisten, die, des langen Wartens auf die europaiscie Revolution uiberdriissig geworden, sich endgiiltig auf eine Isoliertheit Rulilands einricliten wollen. Dies bedeutet: Friede mit den Imperialisten, regelmalligen Giiteraustausch mit den kapitalistiscien Landern und Konzessionen verschiedener Art: Aufgabe der ') E. Varga:,,Wirtschaftspolitische Problenie der prolehtaiscien Diktatur", U., Auflage, S. 11.

Page  91 ._ ___ F. H.: DER PARTEITAG DER KOMMUNISTISC HEN PARTE! DEUTSCHLANDS 91 - I I I-~ --- ~ Auslandspropaganda, wie es gewissen Forderungen der imperialistischen M ichte entsprechen wiirde. Auf diese Weise wiirde ein naeuer Staatstypus entstehen, in dern auf dem Unterbau einer breiten Bauernmasse die Ar'beiterkiasse die Herrschaftsgewalt ausuibt. Dieser Staat wiirde seinen Ueberfluf an Lebensmitteln und Rohprodukten gegen die Erzeugnisse der kapitalistischen Welt austauschen und in dieser Weise indirekt zur Wiedererstarkung der kapitalistischen Ordnung beitragen. Diese Str6mung, weiche den Proletarierstaat Rufland und seine proletarische Wirtschaft isoliert innerhaib der kapitalistischen Welt zu stabilisieren wiinscht, ist heute noch schwach und bedeutungslos. Aber sie kann stark werden, wenn das proletarische RuIland noch lange isoliert bleibt. Mit einem RuBland, weiches die soziale Revolution der anderen Lander als eine ibm fremde Angele genheit betraclten wiirde,. weiches sich friedlich in den internationalen Giiteraustausch einfiigen wollte, wiirden die kapitalistischen LUnder dann allerdings in friedlicher Nachbarschaft leben ko"nnen. Es liegt mir fern, zu glauben, daf3 eine solche Einkapselung., des revolutionairen Ruflands den Gang der Weltrevolution aufhalten kSnnte. Aber sie wiirde ihn verlangsamen. Es kant geschehen, daf3 die gegenwa"rtige ungemein giinstige Periode der Erscbiitterung des Kapi-talismus verpaflt wird. In diesem Falle k8nnte der Klassenkampf lange Zeit unentschieden bin und her wogen, bis zum naichsten Weltkrieg zwischen den gegenwaIrtigen Siegern:, Amerika, Japan und England,... Es ist Gefahr im Verzugel" Ich habe diesen Worten nichts hinzuzufiigen. E. arga. Der Parfeltag der Kommunisflsc~5 en Parfel Deufsc43lands. Am 22.-26. August fand in Jena der Parteitag der Vereinigten Kommunistiscben Partei Deutschlands statt. Mit gr6Bltem Interesse erwarteten nicht nur die deutschen Kommunisten, sondern auch die kommunistischen Parteien aller Lainder diesen Parteitag; war doch der Augustparteitag der V. K. P. D. der erste nach dem III. Weltkongrefl der Kommunistischen Internationale, der erste Parteitag einer groien kiommunistischen Partei, jener Partei, deren Taktik walirend der Mirzaktion auf dem Weltkongref3 zu lebhaften Debatten AnlaB gegeben hatte. Mit Spannung verfolgten die ausIUndischen Bruderparteien den Parteitag der deutschen Kommunisten in der Furcbt, dafl die deutsche Partei infolge der Mirzaktion und des darauffolgenden inneren Parteikonfliktes zu stark gelitten haben ko-nnte. Der kommunistische Parteitag war zugleich der erste der deutschen Parteitage, die fast. alle gro-Beren politischen Parteien Deutschlands am Ende jeden Sommers zu veranstalten pilegen. Zur Zeit des kommunistischen Parteitages war die politische Gdsamtlage noch nicht geklirt; das Land durchlebte-einen gewissen politischen und wirtschaftlichen Stilistand. Eine Belebung des politischen und 6konomischen Kampfes -des Proletariats gegen die Bourgeoisie koante man vor dem Herbst dieses Jahres nicht erwarten. Deshalb konnte man* nicht ohne gewisse Be. griindung beffirchten, daBl der Parteitag, der im Zeitpunkt des politischen Stillstandes zusammentrat, sich in Zwistigkeiten und endlosen Rekriminationen wegen der begangenen Febler und Differenzen zersplittern wfirde. Die Gegner dqr V. K. P. D., die Sozialdemokraten und 'Unabhingigen, erwarteten diese Debatten mitunverhohlener Schadenfreude. -Paul Levi, der gestiirzte Fiihrer der V. K. Pi D., hatte in seiner Zeitschrift,,Unser Weg", unter Mitwirkung einiger seiner Freunde, allerdings versucht, die Partei in einen selbstmo-rderischen, endlosen inneren Streit bineinzutreiben. Jedoch haben sich weder die Befiirchtu'ngen -der Freunde, noch dio Hoffnungen der Feinde bewahrheitet.. Ueber 300,000 Parteimitglieder wurden auf dem Parteitag durch 278 Delegierte mit entscheidender Stimme vertreteni Manche P-artelbezir~ke haben iihr Vertretungsrecht nicht in voflem Mafe ausgeniitzt. Ohne entscheidende Stim'mel waren auf- demb- Parteitag die Mitglieder der'"Zentrale, die Mitglieder des Zentralausschusses mid die Leiter der.A usschiisse, sowie eine gauze Reib vol aurlindischen.Gsten anwesend..

Page  92 PR. ~~":-- "1.Y~;-` ~ --L;_-_i-~~-_~l -.r -LCII... I -~. i Ie Stimnmung der PartedelegIerten kam schon, der ersten Sitzung kiar zum Ausdruck. Ent-.n deniBeschluB des III. Weltkongresses, der Mitgliedern der Kommnunistiechen Intermale verboten batte, an der Zeitschrift Paul s ' mitzuarbeiten, bracbten Kurt Geyer, Fritz eli und Waldemar in der Nr. 8-9 von ser Weg" Artikel zum Parteitag, die zum Teil der offenbaren Absicbt zeugten, die Partei tlich blofzustellen. Dfiwell und Geyer hen 'in dieser Nummer ibre Artikel und eine Aution, die sie zusammen mit Paul Levi verbatten, und Waldemar veroffentlichte einige atbriefe, die er (eine edle Tat!) bei Thalheimer gestohlen hatte. Die Zentrale beantragte, diese drei wegen ibrer Mitarbeit an Levis Zeitschrift,,Unser Weg' aus der Partei auszuscblieflen. Auf Anregung einiger lelegierten bin wurde dieser Antrag nocb schirfer fornuliert und zwar wurde gefordert, den Aus. sehulu der drei Genannten obne Diskussion, durch elne namentliche Abstimnung, zu bescblieflen. Bei der Abstimmungb haben sich 273 Delegierte fdir den unbedingten AusscbluB, 4 ffur den AusschluB unter elnem beschriinkenden Vorbebalt erklfirt. Ein Delegierter entbielt sicb der Abstimmung. Dieser Akt der Sluberung der'Partei von den Elementen, die statt der Parteiinteressen Sonderinteressen verfolgten, lbste stiuirmiscben Beifall aus. Auf den Parteitag waren folgende Ricbtungen vertreten: ungefibr 60 Linksstebende (die ilbrigens witir sicb nicbt volikommen einig waren), 15 Vertreter 'der recbtsstebenden Opposition und das Zentrum, das den Hauptbestandteil des Parteitages bildete, aber nicbt bei alien Abstimmungen ge. scblossen auftrat, sondern in seiner Mehrbeit nach links, in der Minderheit nacb rechts neigte. Die Gescblossenbeit dieses Kerneg wire zweifellos grblher gewesen, wenn nicbt die Gescblossenbeit der Zentrale seibst durch den vorhergehenden Parteikonflikt untirgraben worden wire. Daber ~ihrte die Zentrale nicbt immer die wiinscbenswerte deutlicbe und feste Ricbtung durch und iberliefl in manchen Fragen den linksstehenden Elerenten die Initiative; dadurcb verscbuldete sie es zum Teil, wenn die Linken mancbmal mehr Stimmen sammelten, als dies ibrem tatsaicblicben Einflul nach entsprach, Zu Anfang des Parteitages wurden drei Briefe von den filbrenden Genossen der Kommunistiscben Internationale vorgelesen: ein Brief vom Exekutivkouiltee der Kommunistiscben Internationale, emn Brief Lenins und ein Brief Radeks. Der Inhalt and der Ton der Briefe gab den Genossen Grund zn der Meinung,, dafl die Ffibrer der Kommumistiscben Internationale in der Einscbftzung der wchtigsten Ereignisse. und der taktiscben Fragen iht~ 0itei1ander fibereinstimmen, Die, grole Mebrbeit des Parteitages glaubte in den Briefen einen Widersprucb zu seben. Einen besonders scharfen Protest rief jene Stelle im Scbreiben des Exekutivkomitees hervor, in der die Gefabr des Antiparlanientarismus in der V. K. P. D. beriibrt und dieBerliner Organisation angegriffen wird. Die Mehrheit des Parteitages fand es sehr traurig, dafl das Exekutivkomitee durch diese Polemik nicbt zur Milderung, sondern zur Verschfirfung der inneren Gegensiitze in der Partei beitrug. Die Vorwiirfe des Exekutivkomitees wurden als unbegriindet und den Tatsacben widersprechend emp. funden, weil die Berliner Organisation nach der Ma*rzaktion zablenmllig erstarkte, ihre innere Geschlossenbeit sich erhohte und alle ihre Mitglieder einen groien Arbeitseifer. aufwiesen. Dasselbe gilt ffur viele andere Parteiorganisationen, die sicb ebenso wie, die Berliner Organisation in den Miirztagen nicht auf der HBhe zeigten. Auf dem ersten Punkt der Tagesordnung standen die Beschliisse des Weltkongresses. Die Berichterstatter Heckert und Hertha Sturm fiihrten aus, dafl es verkehrt wiire, die Bescblilsse des Weltkongresses von dem Standpunkte aus zu betracbten, daS die deutsche Partei wegen ibrer Taktik auf dem KongreB scharf angegriffen wurde und zwar angeblich ohne geniigende Priifung und ErwAgung jener Verbiiltnisse, unter denen die Par. tei zu wirken hatte. Die Bescbliisse des Kongresses kO"nnten fiberbaupt nicbt vom eng deutscben Gesicbtspunkte aus betracbtet, sie mijilten auf ibre internationale Bedeutung bin gepriift werden. Die Kritik der deutschen Partei auf dem Weltkongref ware nicbt nur eine Kritik der von dieser Partei begangenen zuffilligen Febler, sie witre auch eine Kritik der Irrtilmer, die eine stete Gefabr bilden und sich in anderen Liindern und auch in Deutschland selbst wiederholen kbnnten, soweit sie nicht ein fuir allemal festgestellt und entscbieden verurteilt wiirden. Der allgemeine Beifall, mit dem die Berichte aufgenommen wurden, zeigte klar und deutlich, dafl die deutscben Kommunisten obne jeden Vorbebalt und obne Schwankungen bereit sind, die Beschliisse des Weltkongresses als fuir sie bindend anzuerkennen. Nur die Rede Trotzkis auf dem WeltkongreS, die von- Levi und von der antibolschewistischen Liga, sowie von allen Zwiscbenelementen gegen die deutschen Kommunisten ausgescllacbtet wurde, - nur diese Rede rief seitens einer grollen Zahl von Delegierten eine scbarfe Kritik bervor. AuBerdein~ gaben -einzelne Behauptungen in den wirtschaft. lichen Leitsiitzen des Kongresses und in der darauf hezilglichen Rede Trotskis zu mnanchen Wider. spriicben Anlall. Emn Delegierter, Genosse Hem.~ rich, sucbite zu beweisen, daB3 die Leits~tze~ und die Rede Trotskis den ~Scblullfogerungen wider. s~prechen, zu dencn Rosa Luxemburg in ibremt

Page  93 DER PARTEIT412 IfA LJJ~J rA -~U IA--- C -' - Werk iiber die,,Akkumulation des Kapitas" kamn Er stelite den Antrag, eine Xommission einzusetzent um die wirtschaftlichen Leitsaitze des Kongreses auf ihre Uebereinstimmung mitder Werk. Rosa Luxemburgs hin zu prugfen. Manche anderen Redner iuflerten sich dahin, daI3 Trotzki die Bedeutung des Konsolidierungsprozesses des Kapitalismus iiberschiitzt und aus dieser Ueberschiitzung heraus die Taktik des Ausweichens vo r der Kampfe und der Passivitiit ermuntert hWtte. Diese Ansichten wurden von -den Bericlterstattern in ihrem Schluflwort energisch bestritten. Doch blieb bei einem bedeutenden Teil der Delegierten der Eindruck, daf3 die Beschuiisse des Weltkongresses die Tendenz verfolgen, die Partei auf die Taktik der Passivltiit festzulegen. Das fand auch in der Entschlieflung des Parteitags seinen Ausdruck, die die Solidaritiit mit den Beschliissen des Weltkongresses ausspricht. Es wfire glnziich verfehit, diese Resolution als einen Ausdruck der noch niclit iiberwundenen,,Linkstendenzen" zu betrachten. Aus den Diskussionen zum Bericht der Zentrale und aus dcr Einschaitzung der M~irzaktion erhellt zur Genuige, da13 die.Parteigenossen die in der Vergangenheit begangenen Fehier eingesehen haben und sich der Notwendigkeit bewuft sind, eine Wiederholung dieser Fehier in der Zukunft zu vermeiden. In der ganzen Partei maclt sich emn starker Energieaufschwung bemerkbar. Die Parteigenossen bemu"hen sich jiberall, die Fiihiung. mit den Massen zu gewmnnen, ur in der Aktion nicht von ihnen isoliert zu werden. Darunter darf aber die Stolkraft und die Kampfbereitschaft der Partei nicht leiden. Die auf3erordentiichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen die deutschen Arbeiter zu ringen haben, der unaufhaltsame Niedergang der deutschen Volkswirtschaft und die politische Unsicherheit in dem Lande selbst wie auferhalb seiner Grenzen kb*nnen jeden Augenbliek eimen heftigen obkonomischen oder politischen Ausbruch hervorrufen. Die Partei mul3 sich in jeder soichen kritischen Moment kampfffihig und kampfbereit zeigen, Tm Laufe der Debatten uiber den Bericht vor Weltkongref und den Bericht der Zentrale hat sich auch die Steliung der friiheren Opposition gekia*rt. Zwar haben die Linken wie die Rechten in den von ihnen vorgelegten Resolutionsentwiirfen nicht auf manche gegenseitige Angriffe verzichtet; doch zeigte die Melirheit des Parteitages den festen EntschiuB, sich auf den Boden des Friedensvertrages zu~ stellen, der auf dem Weltkcongresse mit der Opposition geschlossen wurde. Urn die sichere- Niederlage zu vermeiden, nalim die iiul~erste Link~e unmittelbar vor der Abstimmung ilire allzu extremen Antriige zGuriick, wiihrend emn Tell der Rechien ilire: Amendernnentra welter auUe recit erhiolt. Clara Zetkln hat bel der Gesamtabstimmung iire Stinune f ur die Resolution. bez;iglich des Weltkonigresses abgegeben. Neun Mitglieder der Rechtsgruppe, stimmten gegen die Resolution., Durch diese Abstimmung war a uf dem KongreB der friihere Parteistreit erledigt. Bei der Erb*rterung der iibrigen Punkte der Tage.. ordnung kam er nicht melr zum Vorschein. Die wirtschaftliche Lage Deutscha'nds verschiechtert sich von Tag zu Tag. Ur ihre Steilung auf dem Weltmarkt zu behaupten, versuchen die deutschen Industriellen durei elne organisierte Offensive gegen die Arbeiterkiasse, den Arbeitslohn herabzudriicken, den Arbeitstag zu verlHngern und die Arbeitsieistung zu heben. Gleichzielti swingen die Folgen des Versailler Vertrags' die Regierung, die Steueriast immer mehr zu. yvegroflern. Im Mai dieses Jahres forderte das Reichsfinanzministeriur, um das Budget zu balancieren, die Einfiihrung von Steuern in der Gesamthooihe von 60 Milliarden. Die Hauptlast dieser Steuern soil auf die Arbeiterkiasse fallen. Die kapitalistischen Gesellschaftskreise suclt da.. Ministerium zu schonen. Umn die Steueriast von sich abzuwfilzen, bemiihen sich die Kapitalisten, durch die systernatische Senkung der Valuta, all das herauszupressen, was sie nicht durci em. direkte Offensive gegen die Arbeiterkiasse. erzwingen ko"nnen. Diese Sachiage wird im Laufe des Herbstes fuir die Arbeiter unertrtglich werden. Die Arbeiter miissen sich auf die ernstesten Konflikte mit den Kapitalisten vorbereiten. Diese Kon flikte sind unvermeidlich. Der Parteitag der V. K. P. D. erdrterte grund-, lich dies. Fragen, er arbeitete ein Aktionsprogramm aus, in weichem auch von den Steuera die Rede ist. Fu'r einen Kommunisten 1st es selbstverstindiich, daB man gegen das Budget des kapitalistischen Staates stimmen muf3. Aber die Stellung zu diesen oder jenen Steuern ir einzeinen und zu den Maflnahmen ihrer Eintreibung berillrt in einem so grol3en MaBe die Interessen der breitesten Schiclten des Proletariats, daB die Komnmunisten sich nicht mit bloflen Phrasen urndim e L-sung dieser Fragen herumdrilcken.konnen. Die Zentrale brachte deshalb in ihrern Entwurf auch einen Punkt iiber die Beteiligung des Staates an der Produktion auf dem Wege einer teilweisen Enteignung des kapitalistischen Privateigentum. am. Sie sprach sich also frx aine Arst Saatskapitalismus aus, wohlgernerkt, unter dew Koutrorll. der Arbeiterkiasse. Die Oppostion wider sprach diesern Vorschiag. Ilirer Meinung nach kana die teilwaise Aneignung des kapitalstiih~ Privateigentums durch den Staat und de ai diesem Wege erfoigende Schaffung des Staat* k~apitalismus unter Mitwirkrungdr A:rbtekss zur Gesundung:des Kapitalismus selbst flie, e

Page  94 :;;:..1..;......:..... ~_-~I--..;-~~ ~~l_~~l-LI ~-__I I (),d P. H.: DER PARTEITAG IN DER KOMMUNISTJSCHEN PARTEI DEUTSCHLANDS L:~ --.---: _. I_ -_i I -- 'ie Arbeiter mit noch grollerer Versklavung bedroht. Die -Opponenten vergal3en jedoch den- Umi stand in Riicksicht zu ziehen, dafl diese teilweise Enteignung -der Kapitalisten 'und die staatliche Kuntroile iiber die Industrie nur gegen einen SuBerst heftigen Widerstand der Kapitalisten durchgefiihrt werden k6nnte und dalB die in diesem Kampf erreichten Verainderungen in den Eigentumsformen und in der Produktionsleitung die Kraft der Kapitalisten schwiichen und die Macht und Geschiossenheit der Arbeiterkiasse erho-hen wiirden. FIRr die Amendements der Opposition stimmte auch Clara Zetkin. Das wirkte auf die Stimmung des Parteitages so stark ein, daB es infoige der Stellungnahme Clara Zetkins unm-glich wurde, eine kiare Entschiielung zur Steuerfrage anzunehmen, I.'Die Stellung der Partei zur Gewerkschaftsbewegting wurde im Einklang mit den Beschuiissen des ýWeitkongresses und des Kongresses der Gewerkschaftsinternationale geregeit. Die Beschliisse dieser beiden Kongresse wurden auf dem Parteitag einm'itig gebilligt. Die Bedeutung der Gewerkschaften wurde von alien Rednern hervorgehoben, und man betonte, daIB die Partei ihre-Thtigkeit unter den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern noch mehr entwickeln und in enger Fiihlung mit ibnen bleiben mul. Besonders betonten die Redner aus den Oppositionskreisen die unbedingte Pfiicht der' Kommunisten, die Eroberung der Gewerkschaften unermuidlich und bewullt anzustreben. Wir kannen-.die Amsterdamer Internationale nicht mit bloflem Geschimpfe schlagen. Ein erfoigreicher Kampf gegen sie kann nur durch iiberzeugende Argumente und durch prinzipienklare, aufopfernde Arbeit unserer Genossen in den Gewerkschaften dt-;rchgefiohrt werden. Der.wachsende Einflufl der Kommunisten in den Gewerkschaften veranlaflt die Amsterdamer schon jetzt, die Strafmaflregeln gegen die Kommunisten aufzugeben. Es ist zu erwarten, daB sich die Kommunisten in den bevorstehenden Kfimpfen in vielen "Gewerkschaften als der einflullreiclste Faktor zeigen -werden. Der Parteitat, steilte die kommunistischen Zeilen in den Gewerkschoiften in einen festeren organisatorischen Rahijien und beschiol3, die Arbeit in den Gewerkschaften durch die Schaffung eines Kampffonds seibstundig zu machen und sicherzustellen. Angesichts.der bevorstehenden Kiimpfe -wurde die- Parteiorganisation einheitiicher und ge-. schiossener gestaltet. Der Parteitag stelite die Notwendigkeit fest, die Einnahmen der Partei aus den Mitgliedsbeitrugen und Geidsammiungen zu erh~hen.i Es ist notwendig, diese Einnahmen auf cine tolche Hohe zu bringen, daB] die Partel aie lihe Aulgaben losen kann, ohne die Hilfe aoderer Buderpartelenr in~ Anspruch zu nehmen. Der Mi~estbeitrag: wurde verdoppelt, und die Partei organisationen wurden angewiesen, die Krifte alier Genossen ffir die Vergriiflerung der Parteimittel auszunitzen. Die Parteipresse mufl aile wichtigen Fragen, die die Arbeiter interessieren, ailseitig beieuchten. Sie mul in einem ho-heren Grade ais bisher zum Spiegel des Arbeiteriebens und der Arbeiterinteressen werden. Es mul eine stete Agitation fdr die Gewinnung neuer Abonnenten gefiihrt werden. Nach cinem Beschlusse des Parteitages werden die Parteimitglieder von Grund aus neu registriert, umr dadurch einerseits die vorhandenen Parteikriifte ffur die kommunistische Parteiarbeit ausniitzen zu knnen, andererseits die Partei von schfdlichen Elementen zu slubern. Bei den Debatten (iber das Parteistatut hat sich die voile Einmiitigkeit ailer Parteigenossen von neuem gezeigt. Von den friiheren Mitgliedern des linken Fiiigeis der Unabhfingigen Soziaidemokratie vurde der Antrag auf Aenderung des Parteinamens gestellt. Diese Genossen beantragten, das Wort,,Vereinigte" aus dem Parteinamen zu' streichen.und die Partei von nun an einfach,,Kommunistische Partei Deutschiands" zu nennen. Das solite ein Sinnbild dafiir sein, daB zur gegenwairtigen Zeit. zwischen den Anhiingern verschiedener Gruppierungen keine Differenzen -bestehen, Der Antrag wurde einstimmig und unter stiirmischem Beifall angenommen. Die Wahien zur Zentrale brachten eine neue, Ueberraschung: die Genossen Stocker und Koenen wurden nicht wiedcrgewiihlt. Die Ursache davon war der Umstand, daB die Mehrheit des Parteitags die Haitung Koenens nach seiner Riickkehr aus Moskau einigermaflen schwankend und unsicher land. In bezug auf Stbcker waren a-hnliche Griinde und Uiberdies seine imingere Krankheit maflgebend. Wir sind der Meinung, daB diese Abstimmung eine zu scharfe Reaktion der Parteitagsmehrheit gegeniiber der Haitung dieser zwei Genossen war, und. wir glauben, &dal ihre Wiederwahi fuir die kom-, munistische Bewegung in Deutschland von unzweifeihaftem Nutzen sein wiirde, Genosse Paul Froiich kandidierte diesmal nicht, und Clara Zetkin wurde mit unbedeutender Mehrheit in die Zentrale gewuhlt. Bedaueriicherweise haben viele Teilnehmer des Parteitages ihren Unmut aus Anlall des friiheren Zusammengehens Clara Zetkins mit Paul Levi nicht zu (iberwinden vermocht. Die Zusammensetzung der neuen Zentrale sichert die Mgiigichkeit ciner g~emeinsamen Arbeit alier Partelinitgiieder undl der Ausnditzung ailer Parteikrlifte. zum Wohie der Bewegung. Der Parteitag schioll seine Arbeiten mit dem Bewullisein ab, daIf die Partei di& Periode der schweren Differenzen giiickiich iiberwunden hat. Nicht.wenige der in der Vergangenheit be

Page  95 W. PIECK: DER PARTEIKONFLIKT IN DER VEREINIG?. KOMM. PARTE! DEUTSCHLANDS'95 gangenen Fehier wurden-einier Kritik unterzogen. Und wenn die._Kritik dieser Fehier nicht immer ausdriicklich genug war, so lag das nicht daran, weil der Parteitag diesen Fehiern gegeniiber etvia blind war, sondern weil er es in diesem Augenblick ffur nutzlos hielt, alte Wunden aufzureil3en. Der Parteitag hat seinen festen Willen, zum Ausdruck gebracht, unablussig, unbeugsam, unentwiegt 'futr -die Prinzipien des Kommunismus zu arbeiten. Aber gleichzeitig -und vor allem bezeugte er auch seine Entschlossenheit, ffur neue Kumpfe zu ruisten. (Wie sehr diese Entschlossenheit notwendig ist, zeigt die j~he Verschirfung der politischen Gegensitze, die unmittelbar nach dem Parteitage, aus AnlaBl der Ermordung Erbergers, erfolgte.) Es muB aber auch gesagt' werden, da3 der. Parteitag neben den Vorziiger.derPartei auch einen grol3en Mangel zutage f6rderte. Die Partei Ist -eine reine Arbeiterpartei Es fehlt ihr, a-n. guten intellektuellen Fiihrern; es fehien ihr Kraufte,, die fiihig sind, den Arbeitsdrang und den Kampfwillen der Partei im Einklang mit den politischewi Aufgaben der gegenwurtigen Zeit zu wecken.und zu formulieren. Diesen Mangel muI die Parteli iuberwinden, und sie wird lhn uiberwinden, wena sie die geistige Entwicklung. der ihr angehoirenden Arbeiter f irdert. Die Kommunistische Partei Deutschlands ýist, entgegen den Voraussagen Levis, nicht tot, sie 1st nach wie vor eine immer mehr erstarkende Sektion der Kommunistiachen Internationale. It. Der Parleikonflikl in cer Vereiniglen Kommunislisc5en Partei Deufscqlahds. Der Parteistreit, der in der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands entstand und zum Ausschlufl des friiheren Vorsitzenden. aus der Partei fiihrte, la"uft im wesentlichen auf einen Konflikt zwischen der Parteizentrale und einer Fiihrergruppe wegen der Miirzaktion hinaus. Die wahre Ursache dieses Streites ist jedoch in einer weiter zuriickliegenden Vergangenheit zu suchen: sie wurde na-mlich in die Vereinigte Kommunistische Partei scion bei deren Griindung hineingetragen. Diese Ursache liegt in den Meinungsverschiedenheiten daruiber, ob der Wiederaufbau des Kapitalismus niiglich ist, wie nah oder wie weit sein Zusammenbruch ist und wie grofi die Chancen des revolutiona"ren Sieges der Arbeiterklasse sind. Je nach der Art der Beantwortung dieser Fragen werden auch die. Fragen iiber die Taktik, die die Komrunistische Partei anzuwenden hat, und fiber die Bildung der Kampifront verschieden beantwortet. Der III. Weltkongrel hat diese Fragen sorgfa*ltig erwogen und seine,.Ansicht in ersch6pfenden Leitsatzen festgelegt. Aber die Sache ist die, daB alle Leitshotze und geschichtlichen Prognosen nur als Richtlinien verwendet werden konnen: sie kBnnen niclt genaue Vorschriften fuir jeden einzelnen Fall des Ringens zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat liefern. In jedem soichen Falle muG die Kommunistische Partei aktiv handein, umn ihrer Rolle als Fiihrerin des proletarischen Kampfes gerecht zumwerden. Bei dem heutigen Gleichgewicht der gegnerischen Kriifte kann weder der Gang noch der Ausgang dieser Kampfe von vornherein vorausgesehen werden, und selbstverstandlich hingt sehr vieles davon ab, weiche taktischen Entscheidungen von der kommunistischen Partei gefaIt werden, Ohne Fehler geht es hier nicht ab, und, es ware dumm, ein Schutzmittel gegen diese Fehler in einem Wechsel der persi-nlichen Zusammensetzung der fiihrenden Parteiinstanz. suchen zu wollen. Viel zweckmiiliger wird es sein, aus den gemachten Fehlern alle m-g-, lichen Lehren zu ziehen.und diese Lehren.dazu auszuniitzen, in der Zukunft &hnliche NMiB? griffe zu vermeiden. Der Parteikonflikt in.der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands ist schon in der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) - entstanden. Noch auf deni Gruindungsparteitag im Jahre 1918.entstand. ein Streit fiber die Frage der Beteiligung an den Parlamenten; denn ein Teil der Partei

Page  96 WILHELM PIEVK -~ - ------~-~----~---~- --L--~ xn glaubte an die unittelbare Nahe der riochen Revolution und betrachtete dapa 'rlamentarische Titigkeit als eine e Kraftverschwendung. Rosa Luxemielt es fir angebracht, den-Vertretern irrtifimlichen Ansicht gegenfiber eine Nachgiebiglkeit zu zeigen und sie dieferenz wegen nicht aus der Partei aus n,. Dieser verkehrten Ansiclit uber die Entwicklung der Revolution geseilte sich bald elne andere zu, die darauf hinauslief, dal die Arbeiter die von der konterrevolutionairen Bfiro kratie geleiteten Gewerkschaften verlassen und neue, revolutioniAre Gewerkschaften griinden miil3ten. Die Vertreter dieser Auffassung waren der Meinung, dalI man durch die Organisierung der Arbeiterkiasse nach den Unternelmungen und durch einen Zusammenachiul der Betriebsorganisationen eine grolle revolutionAre Stoflkraft schaffen k6nne, Aullerdem rechneten diese Genossen darauf, dal die Arbeiter diesen Betriebsorganisationen in Massen zustrimen wilrden. Aber die Wirklichkeit entsprach keineswegs ihren Erwartungen. Auf dem Boden dieser Differenzen kam es in der Kommunistischen Partei Deutschlands,auf dem Heidelberger Parteitage im Oktober 1919 zu einer Spaltung, wobei sich die Mehrzahi der aus der Partei ausgeschlossenen oder ausgeschiedenen Parteimitglieder zur Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands zusammenschlol. Diese Partei hielt sich fir radi-kaler als die Komnunistische- Partei Deutschlands, denn sie glaubte, dal es ihr nach Anwendung,,besserer" Mittel gelingen witrde, den Gang der Revolution energischer zu beeinflussen, als rdies ilrer Ansicht.nach die Kozmunistische Partel Deutschlands tat. Auflerdem waren die Fiihrer der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlandsin ibrer Einscthtung der Aussichten der- Weltrevolution viel optimistischer gesinnt als die Fiihrer der Konmunistischen Partei Deutschlands, In der Koznmunistischen Partei eutschlands gehbrte nach dem Tode Rosa Luxemburgs, Karl Liebknechts und Jogiches die fllhrende Rolle neben Clara Zetkin hauptstch1kh Paul Levi. Es war daher nur natiirlich, wean sich die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands in 'ihren Angriffen gegen' die Konmunistische.Partei, Deutschlands vor allem auf Paul Levi als Fiihrer der Partei stiirzte. Dabei verschmaihte die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands keine Mittel, auch nicht die derV erleumdung und der Insinuation. Paul Levi geillelte seinerseits aufs scha"rfste die sich in der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands aullernden putschistischen Tendenzen, wobei er sich in seineh Angriffen so weit verrannte, selbst in der ungarischen und in der Miinchner Revolution die Merkmale des Putachismus zu erblicken. Allmahlich neigte Levi immer mehr zu der Ansicht hin, daflIder revolutioniire Kampi der Arbeiter auf eine liingere Frist berechnet werden miisse, weil der Kapitalismus in sich noch eine solche Fiille der Lebenskriifte berge, daB er sich sehr wohi noch fU"r eine langere Zeit wiederaufrichten k6nne. Diese Ansicht Levis stiefl in den Reihen der Kommunistischen Partei auf sehr heftigen Widerspruch. Da er aber der Fiihrer der Partei war, kam das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale zu der Meinung, dalI die Kommunistische Partei Deutschlands niclt geniigend fir die Steigerung der revolutionairen Energie des Proletariats sorge. Daher begann das Exekutivkomitee, die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands als ein notwendiges und niitzliches Werkzeug fu"r den Kampf mit dieser angeblichen Passivitiit der Kommunistis'chen Partei Deutschlands zu benutzen. Das Exekutivkomitee nahm sogar die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands in die Kommunistische Internationale als sympathisierende Partei auf. Es ist nur ganz natiirlich, dafl von alien Delegier~ten der Kommunistischen Partei Deutschlands auf dem II. Kongrel der Kommunistischen Internationale gerade Paul Levi sich mit besonderem Eifer gegen diese- Entscheidung wandte und selbst mit dem Verlassen des Kongresses drohte. Der zweite WeltkongrelI sprach sich in dieser Frage sehr scharf gegen Levi aus, und Levi kehrte sehr erbittert nach Deurtschland zuriick. Aullerdem war Levi auch niclit mit den vom II. KongrelI aufgestellten 21 Bedingungen: fiir die Aufnahine in die Kommuniistische intern~ationale einverstanden. Da aber die F~iihrer des linken Fifigels der U. S. P. D. sich auif

Page  97 DER ARTEIIONFLIFTiN DER VEREINIGTEN demselben Kongrel bereit e; kiiirten, unter diesen Bedingungen in die Kommunistische Internationale einzutreten, sich also die M8gliclkeit bot, eine groBe kommunistische Partei in Deutschland zu schaffen, was den Wiinschen Levis unbedingt entsprach, entschlol3 sich der Letztere, ur des Erfolges dieses wichtigen Werkes willen das Gefilhl der personlichen Erbitterung, die in ihm durch die scharfe Stellungnahme des Exekutivkomitees ibm gegenfiber geweckt wurde, zu unterdriicken. Kurz darauf trat der Vereinigungsparteitag zusammen. Levi hatte es entschieden abgelelnt, in die Zentrale der V. K. P. Do einzutreten. Er war nicht nur iiber den Empfang, den er in Moskau gefunden'hatte, verstimmt, sondern auch durch die Opposition gereizt, der sein opportunistischer Standpunkt in der V, K. P. Do begegnete. Er bildete sich ein, dalB in der Partei ein linker Fliigel existierte, der dann seiner Meinung nach verpflichtet sei, die Leitung der Partei zu iibernehmen. Erst nacldem beschlossen wurde, dal3 die Partei von nun an zwei gleichberechtigte Vorsitzende haben solle, lieB sich Levi herbei, den Parteivorsitz zusammen mit Dajumig zu iibernehmen. Aber Levi waihnte niclt nur einen linken Fliigel in der V, K, P, Do, dessen Vertreter, obwohl niclt in die Zentrale gewahlt, doch nach seiner Ansicht in der Partei eine geheime Wiihlarbeit gegen seine Anschauungen fortsetzten, er hielt auch die Politik des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale fMor verderblich. Daher steilte er sich das Ziel, das Exekutivkomitee zu zwingen, die K. A. P. D. aus der Kommunistischen Internationale auszuschliefen, und begann vor allem danach zu -streben, die grofe deutsche Partei zu einem Boliwerk gegen die angeblich putschistische Politik des Exekutivkomitees zu machen. Levi woIlte eine Politik fiihren, die der Partei die Miiglichkeit giibe, die noch aul~er der Partei stehenden groflen Massen zur Partei heranzuziehen. Das beste Mittel zu- diesemn Zwecke erschien ihm der K;ampf gegen jeden Putschismus, Von der deutschen Partei zum italienischen Parteitag delegiert,~ entschied sich Paul Levi dafiir, dalI- man sich im Interesse der Welt revolution in Italien m8glichst weit nach --/- i m.1~i$1 y~E;..qr tMUN. I rechts orientieren miisse, ur fur die kommunistische Partei die breitesten Massen zu gewinnen. Levi sah die Gefahr nicht ein, die die reformistisch gesinnten Fiihrer ffur die kommunistische Partei bildeten; denn er gehotrte ja selbst zu diesen Reformisten. Nach seiner Riickkehr nach Deutschland fing Levi einen Kampf gegen die Vertreter des Exekutivkomitees an, die seiner Ansicht nach auf dem italienischen Parteitag den trennenden Strich, der die Fiihrergruppe spaltete, allzuweit nach links gefiihrt hatten. Er glaubte darin ein bestimmtes Bestreben seitens des Exekutivkomitees zu sehen, kleine, aber'rein kommunistische Parteien zu schaffen, die den breiten Massen den Zutritt zu ihren Reihen' verschlossen. Dieselbe Gefahr drohte, nach seiner Ansicht, in der V. K. P. D., und nachder die erweiterte Zentrale in ihrer Februarsitzung die Handlungsweise des Exekutivkomitees gebilligt hatte, trat Paul Levi mit noch vier anderen Genossen aus der Zentrale aus. Paul Levi hat die innere Parteipolemik aus AnlalB der italienisehen Frage in ganz unzukissiger Weise verschiirft. Er zeigte einen vollen Mangel an jenen Eigenschaften, die es den Fiihrern auch bei den heftigsten Parteistreitigkeiten ermoglichen, Menschen zu bleiben, die mit der Partei nicht bloB durch die Bande der Vernunft, sondern auch durch tiefe geistige Bande verbunden sind. Hier hat Levi ganz klar die Absicht gezeigt, der Politik des Exekutivkomitees einen wuchtigen Schlag zu versetzen, ur die Aufmerksamkeit der Kommunistischen Internationale auf diese seiner Meinung nach verderbliche Politik zu lenken. Levi verletzte dabei das erste Gebot jedes Kampfers, - die Pflicht der Parteidisziplin. Im Laufe der ganzen Zeit, wo er Fiihrer der K. P. D. war, zeigte er wiederholt das Bestreben, die mit der Fiihrerwiirde yewbundene Verantwortung von sich abzuwiilzen, indem er bei jeder Gelegenheit mit seinem Riicktritt drohte. Levi trat mit vier anderen Genossen aus der Zentrale der V. K. P. D. in dem rAugen.. blick aus, wo es mehr als je notwendig. war, die deutschen Arbeiter mit der grO*llteu Entschlossenheit auf die Schanzen zu fiihren. Mittels des,,Offenen Briefes" gelang es der Partei, die -Arbeiter in den Betrieben wfe in I II

Page  98 ICII I~-~" ' - -.-- i - -- ~--~ - I--,_ 1._ __ _WILHELM PLECK -I L _.... - den Gewerkschaften zu veranlassen, fiber die Frage der Mafnahmen zur Milderung der materiellen Not nachzudenken. Das geniigte aber nicht: man muflte auch die Aktivitait der Massen unaufh6rlich weiter entfalten. Der Riicktritt Levis aus der Zentrale rief in der V. K. P. D. eine Krise hervor und hinderte sehr fiihlbar den Zusammenschlufl der Massen zum gemeinsamen Kampf. Doch konnte die Partei niclt untiitig sein, und die erweiterte Zentrale beschlof auf ihrer Sitzung vom 17. Miirz 1921, die Agitationsarbeit der Vorbereitung des Bodens fuir eine miiglichst unverziigliche Aktion zu steigern. Dieser BeschluB der erweiterten Zentrale traf zeitlich mit der Provokation Hoirsings gegenfiber der Proletariat Mitteldeutschlands zusammen, und der Zentrale der V. K. P. D. blieb keine andere Wahi, als das gesamte Proletariat Deutschlands zur Unterstiitzung des mitteldeutschen Proletariats aufzurufen. Die Zentrale rief die Arbeiter zum Generaistreik auf. - Der Ausgang des Kampfes ist bekaunt. - Der EinfluI3 der S. P. D,, der U. S, P. D. und des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes auf die Massen erwies sich als so stark, dal3 es den Massen gar nicht einfiel, an dem Kampfe teilzunehmen, selbst nicht zu einer Zeit, wo es doch gait, ihre eigenen Kiassengenossen gegen den Anschlag der Konterrevolution zu verteidigen. Dann zeigte es sich aber auch, daB die kommunistische Partei selbst organisatorisch noch nicht geniigend festgefiigt war, um sich als eine geschlossene Vorhut in den Kampf zu stiirzen. Diese bitteren Wahrheiten mufte die Partei nun aus eigener Erfalrung kennen lernen, und es war, ihre wichtigste Aufgabe, aus dieser Erfahrung die nbtigen Lehren zu ziehen. In dieser Hinsicht haitte Paul Levi der Partei einen wertvollen Dienst leisten ko""nnen, wenn er zuniichst innerhaib der Partei die zutage getretenen Schwiichen, Miingel und die waihrend der Aktion gemachten Fehler der Kritik unterzogen huitte. Aber seine Disziplinlosigkeit und seine persgnliche Gereiztheit gegen die Fiihrer des angeblichen linken Fifigels brachten ihn dazu, daI3 er gleich am Tage nach der Aktion eine Broschuire ver6ff nticlite, in der er den Abwehrkampf gegen die H61rsingsche Provokation als emn ~schweres Verbrechen und einen bakunisti schen Putsch stempelte und behauptete, dafl die Partei jetzt zerschmettert und auf Jahre hin entkriiftet sei. Nach der Ansiclt Levis konnte die Partei nur durch eine unverziigliche Neuwahl der Zentrale und durch eine Brandmarkung der Vertreter des Exekutivkomitees in Deutschland vor einer volikommenen Vernichtung gerettet werden. Diese Stellungnahme Levis zur Muirzaktion machte es ihm von voruherein unmijglich, sich ein richtiges Urteil fiber diese Aktion zu bilden. Ueberdies verwirrte er viele andere Genossen und bewirkte, daB man aus der Erfahrung der Mauirzaktion nicht unverziiglich all die Lelren zog, die der Partei zur Behebung so mancher organisatorisehen Maingel dienen konnten. Wider seinen Willen hat Levi dem weifen Terror und der gerichtlichen Verfolgung gegen die Miirzkiiompfer wertvolle Dienste geleistet. Paul Levi hat sich ein Teil der FUihrer angesehlossen. Aber in der in dieser Weise gebildeten Gruppe gab es keine geistige Einmiitigkeit, und die Griinde, aus denen einzelne Vertreter dieser Gruppe in einen Gegensatz zur Zentrale kamen, sind sehr verschieden geartet. Da diese Gruppe, ebenso wie Levi selbst, anstatt die Lehren des Mairzkampfes objektiv zu untersuchen, vor allem den Sturz der Zentrale anstrebte, gelang es ihr nicht, sich in den Parteiorganisationen cine irgendwie bedeutende Anhiingerzahl zu erobern. Die oppositionelle Fiihrergruppe blieb auch weiter isoliert und rief durch ihr Benehren eine immer heftigere Entriistung der Parteigenossen hervor. Levi beschrainkte sich nicht auf die Ver8ffentlichung seiner Broschiire; er beeilte sich, zusammen mit einigen anderen Genossen eine Vereinigung der Oppositionsfiihrer zu griinden, die ihre eigenen Beratungen abhielten. Levi griindete seine eigene Zeitschrift,,Sowiet", in der er, sait den anderen Vertretern der Opposition, eine Kampagne gegen die Zentrale der Partei erijffnete. In ihren Ar~tikeln finmdet sich kein WJCort flber die niitzlichen Lehren des Miirzkampfes. Urnsonst auch wiirde man in diesen Artikeln praktische Ratschliige zulr Stuirkung der Partei suchen. Der,,Sowjet" schrieb ausschlie~lich fiber den Zerfall der Partei und

Page  99 DER~1 PATIONLK IN DE VERINGN KOMN PARTE DEUTSCHANDS DER PAR TEIKONFLIKT IN DER VEREINIG TEN KOMMZUN. PAR;TEI DEUTSCHLANDS _ --- ----~--~I ~- U-~~--~-~---r~--~----------~---rr~, U 1 t uiber die Verbrechen der -it-glieder der Zentrale. Die Zentrale sah sich daher gezwungen, Levi wegen der Verojffentlichung der Broschfire und der damit verbundenen schweren Verletzung der Parteidisziplin aus der Partei auszuschlie3en und von ihm die Niederlegung des Reichstagsmandats zu fordern. Levi lehnte diese Forderung unter der Erkliirung ab, daB er im Einvernehmen mit seinen in der Partei verbleibenden Gesinnungsgenossen sein Reichstagsmandat behalten wfirde. Acht Genossen erkliirten 6ffentlich ihre Solidaritait mit Paul Levi. Und als die Zentrale diesen acht Genossen die Ausniitzung ihrer Reichstagsmandate fU"r die Einberufung einer auferordentlichen Sitzung der erweiterten Zentrale verbot, erkliirten noch acht andere Genossen ihre Solidaritiit mit Levi, So untergruben die Parteiffihrer systematisch die Parteidisziplin, und es ist kein Wunder, daB sich in der Partei eine immer stiirkere Empbjrung gegen diesen Disziplinbruch seitens der Ffihrer zu iiuf~ern begann. Wenn die Zentrale nicht schiirfere Maf3 -regein gegenfiber diesen Parteizerst6rern ergriff, so lag der Grund daffir in dem Umstand, daf das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale die Entscheidung fiber diesen Parteikonflikt dem I111 WeltkongreB iiberlassen wollte. Der oppositionellen Fiihrergruppe geh6rte auch Genossin Zetkin an, die mit Rficksichit auf die Eigentiimlichkeit ihrer Stellung und ihrer politischen Orientierung mit einem ganz anderen Mal3 als Paul Levi gemessen werden multe. Genossin Zetkin ist eine alte, bewiihrte Kiimpferin; sie hat durch ihre ganze Vergangenheit bewiesen, daI ihr die Sache des Proletariats fiber alle personlichen Interessen geht und daf3 sie die Parteidisziplin zu beobachten versteht. Genossin Zetkin wurde zweifellos durch die Umstainde irregeffihrt, von denen die Erorterung des Berichtes fiber die italienische Parteispaltung in der Zentrale begleitet wurde; auch wurde sie in den Parteikonflikt nur durch die Versehairfung der Lage hineingezogen, die das Verhalten Levis in die Frage gebracht hatte. Auf dem Weltkongrel3J erkliirte Genossin Zetkin, naclidem sie in alle Materialien fiber die italienische Frage Emnsicht genommen hatte, offen, daB sich jetzt ihre Ansicht geaindert hatte, DaB sie sich auch in der Einschaitzung der Marzaktion auf die Seite der oppositionellen Fifhrer ste11te, erkhirt sich zum Teil zweifelsohne durch die Umstiinde, die wir oben erwiihnt haben. Ware Genossin Zetkin Mitglied der Zentrale geblieben, so wfirde sie bei der Erorterung der Frage, wie auf die Provokation Hijrsings reagiert werden soll, sicher dieselbe Haltung wie die Zentrale eingeniommen haben, Und ffir die Zentrale wairen wiihrend der Miirzaktion die Ratschlaige einer so kampferprobten Genossin wie Clara Zetkin hbchst wertvoll gewesen, Wenn die Zentrale keine MO""glichkeit hatte, diese Ratschliige zu benutzen, so ist daran die Zentrale selbst jedenfalls am wenigsten schuldig. In der von Levi herausgegebenen Zeitschrift,,Sowjet", die dann pretenzibs in,,Unser Weg" umgetauft wurde, wurde die Zentrale unserer Partei aufs gewissenloseste angegriffen, was die notwendige Autoritait der leitenden Parteiinstanz bis zu einem gewissen Grade untergrub. Die Zentrale verbot daher den Parteimitgliedern, an dieserZeitschrift mitzuarbeiten, welches Verbot aber von den Genossen Anna Geyer, Kurt Geyer, Bernhard Dfiwell und Marcu gebrochen wurde. Allerdings wagten sie nicht mehr offen, unter ihrem Namen zu schreiben und versteckten sich hinter dem Schild der Anonymitiit. Die Zentrale verzichtete vorlaiufig auf weitere Disziplinarmaflregein und zwar in der Hoffnung, daB auf dem III. WeltkongreB der ganze Parteikonflikt entschieden werden wflrde. Diese Hoffnung wurde vollkommen erfflllt, Aus der Miirzaktion wurden alle nbitigen theoretischen und praktischen Folgerungen gezogen, und es wurde fflr die niichste Zeit die Taktik festgelegt, die fflr alle Kommunisten bindend ist. Die Handlungsweise Levis, der mit seiner Broschflre auftrat, wurde verurteilt und sein AusschluB aus der Partei bestiitigt. Den Parteimitgliedern wurde jede weitere Zusammenarbeit mit Levi verboten. Nach SchluB des Kongresses wurde zwischen den auf ihm anwesenden Vertretern der Opposition und der offiziellen Parteidelegation, unter der persuinlichen Vermittlung L~enins, eine Vereinbarung in der Frage der Schlichtung des Parteikonflikts in d~r V. K., P. D. erzielt. Auf der Augustsitzung der er 7* Komm, Intern. 18

Page  100 BELA KUN...-- ---.--...i ~,. - ------~- I weiterten Zentrale steilte sich die ganze Zentrale in ihrer engeren wie in ihrer weiteren Zusammensetzung auf den Boden der Moskauer Beschliisse und Vereinbarungen. Auch die Opposition war bereit, sich auf diesen Boden zu stellen. Gleichzeitig aber weigerten sich die Mitglieder der Opposition, zu erkliiren - wie dies die-Melrheit der erweiterten Zentrale forderte -, dafl sie jede Zusammenarbeit mit Levi aufgeben und keine Sonderberatungen mehr veranstalten werden. Die Erfiillung dieser Forderung machten sie von dem weiteren Verhalten der Zentrale abhaingig. Diese Handlungsweise der Vertreter der Opposition verhinderte die unverziigliche Verwirklichung der Moskauer Vereinbarung, obwohl die Zentrale ihrerseits alles Mijgliche tat, urn im Interesse der Parteibewegung eine brilderliche Zusammenarbeit mo-glich zu machen. Diese Lage erforderte die schleunigste Einberufung des Parteitags, ur die Stellung der Partei zu den Beschulissen des IlLI Weltkongresses zu kliiren und dadurch den Parteistreit selbst endgiuiltig zu erledigen. Alles Obengesagte liber den Parteikonflikt wurde von mir noch vor dem Parteitage gegeschrieben. Die Zusammensetzung des Parteitages hat die Tatsache volikommen bestaitigt, da13 die oppositionellen Fiihrer in den Orgarnisationen nur einen verschwindend geringen Anhang besallen. Unter den 278 Delegierten standen nicht mehr als 15 auf der Seite der Opposition, und die gesamte Stimmung des Parteitages zeugte kiar davon, dafl die Parteigenossen entschlossen waren, mit der parteischadigenden Tiitigkeit mancher einzelnen Genossen ein ffur allemal aufzuriiumen. Einstimmig und ohne Diskussion beschloll der Parteitag, Kurt Geyer, Bernhard Diiwell und Waldenar, die entgegen den Beschliissen des Weltkongresses offen, unter eigenem Namen, an der Zeitschrift Levis weiter mitarbeiteten, aus der Partei auszuschlieflen. Genossin Clara Zetkin sah ijetzt volikommen kiar ein, wohin -der von Paul Levi eingeschlagene Weg fifihrt; sie verzichtete, wie zu erwarten war, auf jede weitere Gereinschaft mit ihm und schlof sich den Beschliissen des Parteikongresses hinsichtlich des deutschen Parteikonfliktes entschieden an. Sie bekriiftigte dies auch durch ihren Eintritt in die Zentrale der V. K. P. D. Es ist zu erwarten, daB3 auch andere Genossen von der Opposition dem Beispiel Clara Zetkins folgen werden und der Parteikonflikt dann erledigt sein wird; obwohl man sich andrerseits der Tatsache nicht verschlieflen darf, daB die grundsaitzliche Meinungsverschiedenheit, auf deren Boden der Parteikonflikt entstanden ist, auch weiterhin bestehen bleibt. Die Partei mul organisatorisch und politisch fester gefiigt werden, damit sie unbeirrt ihren geraden Weg geht und nicht durch diesen oder jenen Seitensprung eines Fiihrers aus dem Geleise geworfen wird. Die Verschiirfung der wirtschaftlichen Krise in Deutschland stelit an die Partei gebieterische Anforderungen: sie mull die Arbeitermasse unter dem Banner des Kommunismus sammeln, ibre Fiihrerin in den bevorstehenden Kaimpfen sein-und zur Entlaltung der ganzen revolutioniiren Energie, die im Proletariat schlummert, beitragen. Nur wenn die Partei diese Anforderungen erfillIt, wird sie fiihig sein, den proletarischen Kampf flit den Sturz der Bourgeoisie und die Aufrichtung der proletarisehen Diktatur mit milglichst geringen Oplern zum siegreichen Ende zu fiihren. Nur in dieser Weise wird es ihr moiglich sein, den Weg zur Schaffung der kommunistischen Wirtschaft zu bahnen und dem Elend und der Sklaverei ein fUir alleral ein mEnde zu machen. lMIl2elm Pieck. Vom Sekfiererlum zur Gegenrevoluion. (Zur Frage der K. A. PA12D),,Die Entwicklung des sozialistisehen Sekrertuns und die Eutwicklung der wirkben Arbeiterbewegung stehen immer im gekehrten Verhiltnis zu einander, und so lange die Sekten (historiech) berechtigte Existenzbedingungen haben, solange wird die Arbeiterkiasse zu einer selbstfindigen historischen Bewegung nicht reif sein. Wenn

Page  101 ~r ~::-r*l III 1 C~~; _ --; -- VOM SEKTIERERTUM ZUR GEGENREVOLUTION: ----~ sie aber diese Reife einmal erlangt hat, d a n n werden alle Sekten ibrem Wesen nach reaktiona""r.' (Brief von Marx an Bolte, 1871.) Jene Abart des Amateur-Marxismus und revolutioniiren Dilettantismus, die sich die besondere Bezeichnung der,,hollaindischen Schule" angeeignet hat, ist jetzt von dem allgemeinen Schicksal aller Sekten betroffen worden. Das aligemein anerkannte Haupt dieser,,Schule", Hermann Gorter, der in einer ihm eigenen etwas komischen melodramatischen Manier von Zeit zu Zeit seine revolutionjiren Sonntagspredigten hielt, tritt endlich aus dem Nebel der revolutionaren Phraseologie in die gegenrevolutiona"'re Wirklichkeit hera u s. Kiirzlich noch wirkten diese Sonntagspredigten der,,hollindischen Schule" auf die aktiven Revolutioniire etwa so wie die frommen und naiven Legenden der mittelalterlichen Heiligen - auf die rationalistischen Theologen wirkten. Man kannte diese unklaren (selbstverst"andlich philistri"sen) Phantasien als Unterhaltungsstoff f Ur MuIlestunden gelten lassen. Dank der zweifellosen Aufrichtigkeit und dem Verzicht jedweder Anspriiche auf politische Offenbarungen lieI3 der Leser sich sogar die ungewOihnliche B an a lit"iit. dieser Schreibereien gefallen. Wenn sich in diesen melodramatischen Ergief3ungen iiber Imperialismus, Krieg, internationale Solidaritait und Revolution kein besonderer Schwung fiihlbar maclte, so spriihte aus ihnen doch eine naive und aufrichtige Lyrik. Und jetzt, wo es sich gezeigt hat, wie schwer der Weg der Revolution ist, wie schwierig die mit ihr verbundenen Probleme sind und wieviel Feinde wir in unserm eigenen Lager haben, wiirde es kaum jemand dem anderen iibel nehmen, wenn dieser andere die Revolution als ein Melodrama betrachtet und geglaubt hat, daf der Wcg zu dieser Revolution nicht breiter als ein Brett ist, und daB3 man ausschliel~lich auf diesem Brett den Komrmunismus erreichen und sogar dariiber hinaus gehen kanne. Wir sind gegenwiirtig -der Ansicht, daf3 es seinerzeit durchaus richtig war, Gorter und semnen Genossen den Zutritt zur Kommunistischen Internationale nicht zu verweigern. Natiirlich - nicht aus groflmiitigem revolutloniren Mizenatentum demVerfasser eines Melodramas gegeniiber, sondern weil man nicht vergessen darf,4-da8 die kommunistische revolutioniire Bewegung zu jener Zeit sich noch nicht in dem Entwicklungsstadium befand, in dem sogar so unbede.stende Sekten wie die,,hofllindische Schule" jede historische Existenzberechtigung verlieren. Gegenwhirtig aber - mdgen die Schwierigkeiten auf dem Wege der revolutionai"ren Entwicklung noch so grol3 sein - ist die kommunistische Bewegung nicht nur zu einer selbstiindigen historischen Bewegung der Arbeiterkiasse geworden, sondern jeder ihrer Schnitte legt uns auch die gr8f-te Verantwortung auf. Jene, denen die Revolution als ein Melodrama erscheint, sind jetzt nicht mehr als ein harmloser merkwiirdiger Anachronismus zu betrachten. Sie tragen nicht nur den fu'r das Sektierertum eigentiimlichen Stempel an sich, sondern sie sind, vom politischen Gesichtspunkt aus, fu"r die Revolution als durchaus s c h "i d 1 i c h zu betrachten, In seinen beiden letzten Broschuiren,,Die Klassenkampforganisation des Proletariats" und,,Die Moskauer Internationale" fiberschritt Gorter jene Grenze, die eine revolutionaire Sekte von der Gegenrevolution scheidet, Aus dem Nebel von revolutionaren Phrasen, in den er sich eingehiillt hat, macht er einen Sprung in den Sumpf der Gegenrevolution. Er gertit dort in die Gesellschaft der Kronstaidter Aufniihrer, die auf Kosten der russischen Bauernschaft und mit deren Hilfe Leuten wie Tschernow und Muljukow bei ihrem Kampfe gegen die Macht deg russischen Proletariats behilflich sein woilten. Er fiihlt sich eins mit den zu trauriger Existenz verurteilten deutschen Syndi k ati s t e n, die im Miirz mit ihren schamlosen Angriffen gegen Moskau und gegen die ganze Kommunistische Internationale aultraten. Er ist nicht allein auf der Seite dieser s o g ena nn t en,,Radikalen", er gSebraucht:sogar~' ihre Waffen bei semnen wuutschnaubenden Augriffen auf Moskau, auf die,,Moskauer Itrnationale" und auf Sowjetruflland.Eret lehnt diese seine Waffen dem selben Arsnal das auch Kautsky fuir semnen heiligen Kle gegen den,,bolschewistischen, das deiukra I )L

Page  102 _ III ~ -~11-I r I __ BELA KUN sche,Grusien erdrosselnden Imperialismus ausgerfistet hato Fruiher idealisierte er in seiner heiligen Einfalt die bolschewistische Revolution, jetzt betrachtet er die aufstiindischen Kronstiidter Matrosen und Bauern als die Verkorperung der westlichen revolutionairen Ricltung, der er die bolschewistischen Sittenverderber entgegenstelit. Er begreift nicht, daB s e imne eigene kleine Sekte und seine eigene kleine Partei (K. A. P. D.) jedes Existenzrecht e n d - giiltig verloren haben, er hiilt die durch die Entwicklung der Arbeiterbewegung herbeigefiihrte Katastrophe seiner Sekte fuir eine Katastrophe der Weltrevolution und zielt hieraus den Schluf, daB die Weltrevolution infolge der Katastrophe seiner Sekte ffir lange Zeit hinausgeschoben wird. Die revolution"aren Melodramen wurden zu Klageliedern, und der,,hollaindische Marxist", der seine Sonntagspredigten hielt, verbreitet von nun an die Ideen der Gegenrevolution. Dieser Umstand erscheint uns als ein, wenn auch negatives Merkmal ffur die Reife der kommunistischen Arbeiterbewegung. Er beweist auch, daf3 der III, Kongrel in der Frage der K. A. P. D. durchaus richtig gehandelt hat. lWas is! eine prolefariscf5e Polifik - Das hollaindische Haupt der K. A. P. D. sprach eines Tages ein summarisches Todesurteil aus: der Weltrevolution, der Kommunistischen Internationale und Sowjetruf3land, Noch vor dem Kongref begann Gorter zu kiagen:,,Wenn jetzt noch die.russische Taktik der Partei- und Fiibrer-Diktatur hier befolgt wird, nach den unheilvollen Folgen, die sie hier schon gebracht hat, dann ist es nicht mehr nur Dummheit, sondern einmVerbrechen, ein Verbrechen an der Revolution." (,,Die Kiassenkamplorganisation des Proletariats", S. 6.) Seine Drohungen klingen einstweilen noch selhr zart. Im Namen der hollIindischen Schule verTbietet er,,Radek, Sinowjew, Lenin und alien russischen Internationalisten" die Teilnalime an der internationalen Arbeiterbewegung. Als das anerkannte Haupt der,,holliindischen Schule" erteilte er ihnen einfach den Befehl:,,Hainde weg von der westeuropaiischen Revolutionl" Nach dem Kongrel3 fordert er bereits die Todesstrafe. Er spricht das Todesurteil aus iiber die Kommunistische (,,Russische") Internationale, fiber Sowjetrufland, die russische Kommunistisehe Partei, fiber alle jene, die,,die Weltrevolution in den Hintergrund geschoben haben, damit die russische Revolution (noch einige Zeit) lebe. Damit ist auf liingere Zeit die Weltrevolution zum Dahinsiechen verurteilt." (,,D. Mosk. Intern.' s. 1.) Alles das erklairt sich letzten Endes dadurch, daf3 die an der Schwelle des fiinften Revolutionsjahres stehende,,holliindische Schule" mit erstaunlichem Scharfsinn konstatiert, dal die,,russische Revolution nur dem A n s c h e i n nach eine proletarische kommunistische war und daf die,,zweideutige" Taktik und Politik der Sowjetregierung - diese proletarisehe biirgerliche Taktik - die Kommunistisehe Internationale von dem richtigen Wege abgebracht und aus ihr eine kleinbflrgerliche Gesinnungsgemeinschaft gebildet habe'. (Es muI3 iibrigens hervorgehoben werden, daB diese holliindische Auffassung sogar in den Reihen dieser Sekte nicht immer volle Anerkennung findet: Gorter betrachtet es als eine Aufgabe s e i n e r,,Linken" - alle Revolution'are zuerst national" zu vereinigen, wiihrend die K. A. P. D., diese alte Theorie ignorierend, die Errichtung einer konkurrierenden,,proletarischen Internationale" fordert.) Wir wollen den Versuch machen, aus dieser holhindischen Jeremiade vor allen Dingen zwei Thesen herauszukristallisieren: 1, Die russische Revolution sei nur dem Anschein nach eine proletarisch-kommunistische. In Wirklichkeit aber war sie es nur in cinem sehr geringen Mafje, vielmehr hatte sie den Charakter einer demokratischen Bauernrevolution. 2. ihremn WXesen nach sei die Republik nicht so sehar eine kommunistische, sondern vielmehr eine bii~uerlich-proletarische zu nennen. Ihre Taktik hiitte daher immer einen,,proletarischbiirgerlicht-en Charakter" gehabt. Hieraus sei der SchluB zu ziehen, daBS die Herrschaft des

Page  103 VOM ~ SETERRU ZUR GEGENRVOLUTIN.1 VOM SEKTIERERTUIM ZUR GEGENREVOLU/TI ON _ Proletariats fiber die Bauernschaft in Sowjetrulfland nur eine scheinbare gewesen ist. Die herrschende Partei des russischen Proletariats, die R. K. P., verfolge nur iiul3erlich die proletarische Politik, in Wirklichkeit aber sei sie die Traigerin einer bfiirgerlich-biiuerlichen Politik. Das waire die Quintessenz des hollandischrarxistischen" Standpunkts, die nach der Beseitigung des, ganzen Phrasenschwulstes iibrig bleibt. Der grof'eren Kiarheit wegen fangen wir von vorne an. Die grundlegende Frage einer Revolution ist die Frage der Staatsgewalt. Das Ziel der revolutionairen proletarisehen Politik ist die Eroberung der Staatsgewalt und ihre Erhaltung, solange das Proletariat eine staatliche Gewalt braucht. Ob nun diese oder jene Politik als eine proletarische oder biirgerliche anzusprechen ist, - diese Frage wird dadurch entschieden, o b d i e s e P o 1 i - tik dieStaatsgewalt1d emProlet ariatoderder Bourgeoisie dauernd.zuerkenn t. Ein Drittes kann es nicht geben. Dieses Dritte existiert nur im Programm der 2Y Internationale und in der Phantasie Gorters. Eine,,Zweideutigkeit" kann es in dieser Frage nicht geben. Die Bourgeoisie, die die Gewalt in ihren Hiinden hatte, zeigte klar dem Proletariat, daf3 es in diesem Falle nur eine eindeutige Politik geben kann, Diese Tatsache hat nichts damit zu tun, daB der iiberwiegende Teil der BevOilkerung RuBlands aus Bauern besteht, Die russische Revolution ist nicht von vornherein eine proletarische gewesen; nach dem Zusammensturz des Zarismus ist die Macht nicht auf einmal in die Hainde des Proletariats iibergegangen. Die Bourgeoisie hat die Macht eben dank der Umstande in die 'Hande bekommen, daB das Proletariat nicht fiber ein geniogend klares Klassenbewul3tsein verfiigte. Das fand seinen Ausdruck in der Politik jener Parteien, die sich sozialistische nannten (Menschewisten, Sozialrevolutioniire uswj.) Die Politik dieser Parteien hatte nicht das Bestreben, die M2acht zu ergreif en. Daher war sie auch keine proletarische Politik, wie iibrigens audi die Taktik jener B~olschewisten, die in den Miirz- und Apriltagen den Stand punkt einer bedingungsweisen Unterstiitzung der provisorischen biuirgerlichen Regierung, vertraten. Im Gegensatz dazu war die Politik lenins eine wahrhaft proletarische Politik, jene einzig mbgliche, mustergiiltige marxistische revolutionare Taktik, die er in seinen Thesen vom 4. April in folgender Weige zum Ausdruck brachte:,,Wir miissen feststellen, daB unsere Partei in der Mehrzahl der Arbefter-Sowjets in der Minderheit ist. Im Vergleich mit dem Block aller kleinbiirgerlichen, opportunistischen und unter dem Einflusse der Bourgeoisie stehenden Elementen, deren EinfluB sich auch auf das Proletariat erstreckt, ist diese Minderheit zahlenmall3ig sehr gering. Es ist notwendig, die Masse dariober aufzukliiren, dalI die Arbeiter-Sowjets die einzig mogliche Form einer revolutionairen Regierung sind und dalI es foiglich unsere Pflicht ist - solange die gegenwairtige Regierung unter dem Einflull der Bourgeoisie steht -, die Massen systematisch, geduldig und im Einklang mit den praktischen Bediirfnissen der breiten Schiclten uiber die Fehier und fiber die sozialistischopportunistische Taktik aufzukliiren." (,,Prawda" Nr. 226, 1917.) Das war eben jene proletarische Politik, die die Macht in diesem Bauernlande der Arbeiterklasse sicherte. Dank dem BUindnis der die Minderheit bildenden Arbeiter mit den Soldaten, d. h, also mit den Bauern, ist es der Arbeiterklasse gelungen, die Staatsgewalt in ihre Hiinde zu bekommen. Das ist (wie auch Gorter zugibt) in folgender Weise vor sich gegangen: Das Proletariat, das die Minderheit bildete, gewann den Einflul auf die Mehrheit der Bauernschaft und schuf der Arbeiterklasse auf diese Weise die M8glichkeit, die Staatsgewalt zu erringen. Nach Gorter sei dies nur der A n s c h e i n einer kommunistisehen Politik. Dem westeuropaischen Proletariat ist es nicht gelungen, die von den russischen Arbeitern auifgenommene Sache q -die Eroberung der M~acht durch die Arbeiterklasse -- weiter fortzusetzen. (Das ist sogar in Holland niclit gelungen, ungeachtet der Unterstiitzung des,,holhindischen Kocmmunismus"). Die Hauptaufgabe des russischen Proletariats war die Erhaltulng der Mlnaclit in semnen Hiinden und nicht die weitere Entwicklung der unmittelba

Page  104 Udsr~rra~r~ 1--~-cl-~1;~1~-9 i - BELA -KUN -- -- -- --, --- ius fiihrenden Uebergangsmafl Wie kann die proletarische Politik unter diesen besonderen Verhai"tnissen durchgefiihrt werden? Gorter denkt sich die Sache so: Man muf3 sich auf ein auf dem Boden liegendes Brett stellen und erkliiren, daB man nur auf diesem Brett zu dem Kommunismus kommen kbnne; zu beiden Seiten dieses Brettes aber sei alles schieclt und von Uebel, und der geheiligte Fuf3 eines Kommunisten diirfe diese Gebiete niclt betreten. Man mniisse erklairen, dal nur jene Politik dine proletarisehe sci, die unmittelbar zum Kommunismus fiihfre, Bauern existieren f Ur die Proletarier nicit, noch viel weniger - die kapitalistiscien Staaten, Und mit einem Zitat, das einem begabteren Diciter entlelnt worden ist, dem Horaz, empfieilt Gorter den Proletarier den Tod, versiil*t durci eine scibne Geste:,,Et Si fractus illabatur orbis, impavitum ferient ruinae" (,,Und wenn die ganzeWelt zusammenbricit, den Unerschrockenen werden die Ruinen begraben"). Wenn die revolutionujren Proletarier dieser Politik folgen wiirden, so wiire sie eine proletarische zu nennen. Aber ffur das Proletariat wfirde diese Politik jedenfalls eine scilechte Politik sein. Die russiscie Partei des revolutionairen Marxismus - die Russiscie Kommunistische Partei - hat eine solcie scilechte,,proietarische" Politik nicit verfolgt, Sie hat sich nicht mit einer heroiscien Geste in ihr eigenes Schwert gestiirzt und die Maicht nicit aufgegeben. Sie hat es auch dann nicit getan, als das Proletariat zu schwanken begann und vielleicht nahe daran war, seine groflen historischen freiheitlicien Interessen den Interessen des Augenblicks zum Ofer zu bringen (wie dies die ungarisehe Arbeiterkiasse, weil sie keine fiiirende kommunistische Partei besafl, getan hat). Die Russiscie Kommunistische Partei hat die Macht ebensowenig der unzufriedenen Bauernsciaft fibergeben, um nicht durci die Vermittlung eines Tsciernow irgend einen Zarengeneral zur Macit gelangen D:-I: Iie Kardinalaufgabe der russischen Revolution~ ~ wir wiederholen es - ist die Erial-. tung~_~ der Macht. Diese1~ Erhaltung der Macht ist nattirlich kein Selbstzweck, sondern lediglich die unbedingte Voraussetzung fU"r den Uebergang zum Sozialismus fiberhaupt. Jede andere Politik wiirde sich n i c h t n u r gegen die Erialtung der Macit, sondern auch gegen die MOglichkeit der Verwirklichung des Sozialismus riciten. Bei der Eigenart der russiscien Verhji'tnisse ist der zum Kommiunismus fifiirende Weg natiirlici sehr verscilungen. Dieser Weg wird vermutlici auch in den entwickelten kapitalistiscien Landern, ganz zu sciweigen von RuBland, kein gerader semn. Uebrigens -werden die seitens der Sowjetmacit der Bourgeoisie gemaciten Zugesta'ndnisse auf de~m Gebiete des Privateigentums noch lange Zeit in Geltung bleiben. Aller Wahrscieinlicikeit naci werden sie auci dann noci bestehen bleiben, wenn. wir mit voliem Recit von der bereits besteienden sozialistiscien 6ikonomiscien Ordnung werden sprecien kiinnen. Es bestehen doci auci in den kultiviertesten kapitalislischen Liindern gewisse Ucebcrreste langst vergangener Entwickiungsperioden. In einzelnen Gebieten Bayerns inden wir in der Landwirtsciaft mittelalterlicie VerhiaItnisse vor. Die Kleinindustrie spielt in allen kapitalistiscien Lujndern eine gewisse Rolle auci jetzt noci, aber es wird trotzdem nieniand bestreiten wollen, daB in Deutschland und Frankreici gegenwiirtig eine kapitalistiscie Ordnung ierrscit. In Ruflland handelt es sici um die Frage, mittels Zugestiindnissen die Macit zu erhalten, ur die 6ikonornisci entscieidenden Produktionsfaktoren mit Hilfe dieser Macht zugunsten des Proletariats zu verwerten. Auf diese Weise wird die Entwicklung in der Richtung des Sozialismus - wenn sie zeitweilig auci Umwege einscilagen mag - gewiiirleistet. Die proletariscie P o lit itk muf3te sici durchaus auf die Frage der Erialtung der Macit konzentrieren, Das Proletariat und die fuiirende Partei der Arbeiterkiasse muBten, urn dieses Ziel zu erreicien, den Veriiiltnissen Recinung tragen. Im Interesse der Beibehnaltulng der Macit in den Hiinden des Proletariats muf3te man im Hinblick auf die Eigenart der Verh ii tnisse die Durcifuiirung einiger tief einscinleidender Mafianaimen aufgeben, so z. B. die Nationali

Page  105 VOM SEKTJERERTUM ZUR GEGENREVOLUTION sierung des Handels, das Getreidemonopol usw. Man butte auch dann auf sie verzicbten miissen, wenn diese MaBnabmen nicht eine Folge des Krieges gewesen wiiren, d. h. wenn sie nicht die durch den Biirgerkrieg bervorgerufenen,,militiarisch-kommunistischen Maf3 -nahmen" wiiren. Die Eigenart der Lage, die diese Politik zur Notwendigkeit maclte, ergibt sich aus der gegenwartigen Lage der Landwirtscbaft und der Industrie, die aber nicht ein ausschlief3 -liches Merkmal Rulflands ist, sondern bier nur besonders deutlich zum Ausdruck kommt, Im Hinblick darauf, daB die Industrie wa-hrend des Krieges so gut wie vernicltet war, entstand eine Unterbrecbung in jenem ProzeB, der die Landwirtsch-aft in eine immer gro'Bere Abhiingigkeit von der Industrie bringt. Und es blieb nicht bei dieser Unterbrechung - die gesamte Weciseiwirkung zwiscien Industrie und Landwirtscbaft hat sich veraindert. Die die Rohstoffe entbehrende Industrie und die hungernden Stiddte gerieten in eine Abhauingigkeit von der Landwirtschaft, von den Bauern. Auch in ganzMitteleuropa beobachten wir die gleiche Erscheinung. In den sildamerikanischen landwirtsciaftlichen Staaten tritt das gleiche in Erscheinung, aber nur mit dem Untersehiede, dal dort diese Abliiingigkeit auch vor der Kriege bestanden bat. In Ruiland tritt diese Funktionsainderung entsprecbend seiner Entwicklungsstufe viel schaurfer bervor. In RuBlland, wo die Arbeiterkiasse an der Macit ist, gab es nur eine einzige MOiglichkeit einer wahrhaft proletarischen Politik: die Beibebaltung der Macit um jeden Preis, auch um den Preis der gril3ten Opfer, so lange, bis das Dorf wieder von der Grofindustrie, von der Stadt niclt nur administrativ, sondern rein 6konomisch abhoingig wird. Dann, nacldem der Sozialismus dem Antagonismus ein Ende gemacit haben wird, wird er die durch den Kapitalismus und den Krieg geschaffene wirtscbaftliche Abhuingigkeit leicit in giinstiger Weise umgestalten kbonnen. Daher war es notwendig, Konzessionen zuzulassen und den Bauern 6ikonomische Zugestiindnisse zu machen. Zweifellos ist jede sozial-politiscie Maf3 -nahme, jede audi geringste Ve~rring~erung der Gewinne von seiten der an der Maclit stehenden Bourgeoisie als emn Z u ge st ii nd - n i s zu betraciten. Sogar in jenem Falle kann von einem Zugestaindnis die Rede sein, wenn der kapitalistiscie Staat eine Position aufgibt und sici dafiir durci einen neuen Vorstofl entsciuidigt (wie dies fast immer der Fall ist. Jeder kiar denkende Sozialist. jeder Reformist sogar wuf3te und weifl3,dafl die Bourgeoisie iire Macht auf Kosten dieser Zugestiindnisse maglicist lange aufrecht erhalten will; mit diesen sozial-politiscien Malinaimen will sie den Klassenkampf der Arbeiterkiasse absciwiicien. Das eben ist ihr jetzt gelungen, es fragt sici nur, wie lange die gescbaffene Lage vorialten wird. Jeder Kommunist weil3 es - und sogar einige Anbiinger der 2Y2 Internationale geben sici den Ansciein, dies zu wissen -, da13 eine Politik der sozialpolitiscien Zugestaiindnisse eben die Kiassenp-olitik der Bourgeoisie ist. Das ist zweifellos eine Tatsacbe, und es ist gleicbgiiltig, ob die Arbeiterklasse diese Zugestiindnisse auf dem parlamentariscien oder einem anderen Kampfwege erlangt hat, Gorter ist es bisier nicht in den Sinn gekommen, die sozial-politiscien Zugestiindnisse eines Bismarck oder Lloyd George zugunsten der unzufriedenen Arbeiterklasse als eine proletariscie Politik zu qualifizieren, obgleich deren Zweck zweifellos die Sicherung der Macit der Bourgeoisie war. Jene Zugesta-ndnisse aber, die das russiscie Proletariat der Bauernsciaft zum Zweck der Festigung der Macit der Arbeiterklasse gemacht hat, qualifiziert er kurzeriand als kleinbiirgerlicie oder sogar einfaci als biirgerliche Politik. Es unterliegt keinem Zweifel, daB jene Zugestaundnisse, die den ausliindiscien Kapitalisten und der Bauernsciaft gemacht worden sind, viel grbflBere Gefairen in sici bergen als die sozial-politiscien,iZugestind-, nisse'- der biirgerlicien Staaten. Der junge Macitapparat und die stark ersciuitterte politiscie Organisation konnen einer 6konomiscen Offensive der internationalen Gegen revolution und dem Druck der Bauernschf weniger gut widerstehen, als die 8~konmiscien und staatlicien Organisationenl der Bourgeoisie ~dem Klassenkaiupfde Proletariats widersteben kannen. Wenn die Politik des russiscien Proletariats- nich auf der internationalen proletariscien Rve

Page  106 i: * - -I ~.. ~__i BELA KUN _ ~~~ __ - -- --- lution gegriuindet wiire, die unvermeidlich ist, auch wenn ihr Entwicklungsgang einstweilen sich gehemmt zeigt, so wiiren die Aussichten der russischen Revolution in ihrem Verhijitnis zur Bauernschaft natiirlich selr trostlos. Die internationale Revolution wird Rulland auch dann aus seiner Not helfen, wenn die,,hollaindische Schule" ilm seine Unterstiitzung versagt. Dank der Politik der Russischen Kommunistiscien Partei hat das russische Proletariat die Maclt niclt allein erobert, sondern sie bis jetzt, ungeacltet der kritischen Verhuiltnisse, in seinen Hiinden behalten. Diese Tatsache unterliegt keinem Zweifel. Der staatliche Apparat befindet sich nicht in den Ha"nden des Proletariats und der Bauernschaft, sondern in Hainden der Arbeiterklasse. Eine Politik, die sich auf die Erhaltung der staatlichen Maclt in Ruiland richtet, rechnet notwendigerweise mit der Bauernsciaft. Aber das ist k e i n e bUii r g e rlici-proletarische Politik, sondern eine reinproleta rische, ebenso wie die Politik Scieidemanns nicit eine biirgerlici-proletarische war, sondern eine rein biirgerliche, denn sie verfolgte das Ziel der Erhaltung der Staatsgewalt in den Hainden der Bourgeoisie. DaBl das Proletariat der Bauernschaft gegeniiber nicit eine Scheinmacltstellung einnimmt, wie dies Gorter behauptet, wird dadurch bewiesen, da3 die russische Sowjetrepublik ilre Maf~nahmen der Bauernsciaft gegeniiber - soweit dies die Ausdehnung des russiscienTerritoriums zuliell - zum Teil, wo es notwendig war, unter Anwendung von Gewalt zur Durchfiihrung braclte, Trotz aller Miingel des neuen biirokratischen Staatsapparates wul~te sie ilr Ziel stets zu erreichen. Wenn Gorter nach einem Beispiel f Ur eine wahrhaft kleinbiirgerliche Politik wiihrend der Revolutionszeit sucit, so mull er seine Blicke auf die Politik der ungariscien Sozialdemokraten zur Zeit des Bestehens der Sowjetrepublik in Ungarn ricMten. Ilre Politik stand im liullersten Gegensatz zu der der Russischen Kommunistiscien Partei. Die wildesten Anlunger der Sozialisierung waren damals in Ungarn die zeitweilig rotgefiirbten soialdemokratischen Fijirer. F iir s ie War die Revolution aussciliess.lidh eine Sozialisierung. Einer von ihnen schrieb einen Aufsatz gegen die Sowietregierung, indem er dieser einen Vorwurf daraus machte, daB sie einzelnen Bauern bis zu 50 Joch Boden zugestehe. Die Sozialisierung Ungarns wurde mit Blitzesscinelle durchgefiihrt. Auf die weitliiufigste Art debattierte man iiber die Frage der,,Kontinuitiit der Produktion", und sogar die Einberufung der Arbeiter zur Roten Armee wurde eingestellt. Diese Leute werden natuirlich auch ijetzt Gegner aller 0" k o n o m i - s c h e n Zugestiindnisse sein, aber zu p o 1 i - t i s c hie n Zugestandnissen waren sie stets bereit. Sie wairen woll einverstanden, der Bourgeoisie die Freiheit der Presse zu geben, aber sie waren gegen jedes 61konomische Zugestaindnis zugunsten der Bauernschaft. Als einige Gewerkschaftsfiihrer hinter dem Riicken der Kommunisten politiscie Verhandlungen mit der Entente ankniipften und mit der Bourgeoisie einen politiscien Vertrag abschiossen, daclten diese Anhainger der Sozialisierungsidee nicht daran, daB soiche politischen Vertr*5e in der Folge jede Sozialisierung unm6glici machen wiirden. Diese typisch kieinbiirgerliche Politik, die jetzt nach zweijiihrigem weillem Terror zur Maclt der Grolbourgeoisie gefifirt hat, war eben die Folge davon, dal3 die Frage der Staatsgewalt nicht in den Vordergrund gesteilt war. Als die Ursache des Zusammenbruchs der ungarischen Sowjetrepublik kann jener Umstand angesehen werden, dalI das Hauptziel der an der Macit stehenden Kreise nicit in der Festigung eben dieser Macit bestand, sondern vor allen Dingen in dem Bestreben nach Sozialisierung und Kontinuitiit der Produktion. Hieraus folgt, dalI die ungariscie Sowjetrepublik nicht desiali zusammengebrocien ist, weil sie eine Politik,,nach russisciem Muster", wie dies Gorter beweisen will, sondern gerade d i e entgegengesetzte Politik verfolgt hat. Die Politik der ungariscien Sowjetrepublik konnte auch deshaib keine proletariscie Politik sein, weil sie sich nicht ausf die Diktatur einer fiihrenden Partei stiitzte. Die Politik der russiscien Sowjetrepublik dagegen ist gerade durci ilire bikonomischen Zugestiindnisse eine proletariscie Politik. Die proletariscie Porlitik in Rul~land besteit im gegenwiirtigen Augenblick vor allen Dingen

Page  107 - -- ---- -- -------- ------ ------ - ---~--------- - -;-~*-~:i VOM SEKTIERERTUM ZUR GEGENREVOLUTI ON 107 VO SETEETMZRGEERVLTO 0 in der Erhaltung der proletaris ch e n M a cht - ur den Preis jedweder bkonomischen Zugestindnisse. Ende der Kommunisfiscoen Internaftion ale ocer Ende der kommunisfisc.en Seklfe Die Russen Lenin, Sinowjew, Radek (der iibrigens ebensosehr ein Russe ist, wie Gorter ein Deutscher) richteten die Kommunistische Internationale zugrunde. Die Kommunistische Internationale sterbe an der russischen Politik. So - Gorter.,,Die russische Sowjet-Republik, d. h, die Russische Kommunistisehe Partei, regiert die Kommunistisehe Internationale. Aber die biirgerlich-bdiuerliche Demokratie Rullands hat immer mehr Einfluf auf und mehr Macht iiber die russische Sowjet-Republik. Wirtschaftliche und politische Macht. Aber auch das kapitalistische Ausland erwirbt immer mehr Macht iiber die SowjetRepublik. Wer regiert also die Kommunistische Internationale? Die biirgerlich-baiuerliche Demokratie RuBlands und, langsam, aber allmaihlich mehr, der Kapitalismus," (,,Die Mosk, Internat," S, 9.) Wir wollen uns nicht mit alien Einzelheiten dieses dummen Scherzes befassen. Mit demselben Recht kOSnnten wir beweisen, daB die Taktik der K. A. P. D. durch die Vermittlung Gorters von den Inhabern der Firma van Houten und der javanisehen Kaffeeplantagen geleitet wird. Der kurze Sinn oder vielmehr Insinn der langen Rede Gorters laift sich in folgender Weise zusammenfassen: Ihre Niederlage fiirchtend, woliten die Russen sich den Massen naihern und wiihlten den Weg des Opportunismus. Sie steliten die 21 Bedingungen zusammen, dank denen bedeutende Massenparteien und Opportunisten von der Art Levis oder Serratis (d i e n e b e nbei sch~on liingst aus der Internationale hinausgeflogen sind) sich der Kommunistischen Internationale angesehiossen haben. Auf diese Weise habe sich die III. Internationale nach der Meinung Gorters in eine,,schwiichliche, verfaulte, sogar gegenrevolutionitre Korporation" verwandelt. (Nebenbei sei bemerkt, daI3 Levi seinen menschewistischen Gesichtspunkt gerade mit entgegengesetzten Argumenten verteidigt. Seiner Ansicht nach huitten die 21 Punkte zum Sektierertum, die Moskauer Herrschaft zur Putschismus und letzten Endes - zur Gegenrevolution gefiihrt). Die Internationale sei angeblich deshalb,,schwiichlich und verfault" geworden, weil sich die Russen nur ur Quantitiit und nicht ur die Qualitiit gesorgt huitten. Das eben sei der Grund, weshaib die Weltrevolution zu Grunde gehe, jene Weltrevolution, die Gorter bereits vor vielen Jahren in scho"nen melodramatisehen Gebilden prophezeit hat. Das Sektierertum Gorters wurzelt darin, dafl er die Weltrevolution als das u n m itt e 1 - b a r e Ergebnis der militairischen Niederlage emn f U"r allemal prophezeit hat. Da aber die proletarische Revolution im W e it m a 13 -stabe als die unmittelbare Folge des militairischen Zusammenbruchs nicht zustande, gekommen ist, verfiel er in den Fehler, der dem Fehler jener entgegengesetzt ist, die sich die fernere Entwicklung der Revolution nur als die Folge eines n e u e n Krieges denken koinnen. Gorter trennte die Weltrevolution von den konkreten 6konomischen Verh'altnissen, von der Arbeiterkiasse, von allem Realen. Er wurde zu einer abstrakten Vorstellung eben deshalb gezwungen, weil sie sich nicht buchstiiblich so volizog, xvie er das vorausgesagt hat. Er gestaltet die Revolution zu einer a b s t r a k t e n I d e e, die niemand antasten durfte. Da aber die Kommunistische Internationale mit der MOiglichkeit von Fehlern rechnet, nicht fiirchtet, dafl die friiher in Aussicht genommenen Perspektiven sich als fehlerhaft erweisen konnten; da ihre Taktik sich nicht auf die Unantastbarkeit der einmal gefal~ten Beschliisse griindet, sondern auf die Realitait der Tatsachen, auf die Lage derWeltwirtschaft, auf das Entwicklungsstadium der Arbeiterkiasse und auf die Verhiiltnisse im feindlichen Lager, - so mul diese Taktik allen durch die Brille des,,holliindischen Marxismus"' blickenden Gorters sehr opportunistisch erscheinen. Gorter will sich zu der konkreten Stellungnahme der Kommunistischen Internationale nicht herablassen. Er besteht hartn~iickig darauf, dalI die Revolution nur eine abstrakte Idee sei und dali man die Arbeiter zu dieser: ab

Page  108 Y-'i I* i i- - i BELA KUN i^ 1 - strakten Idee bekelren miisse. ' (Nur Auserwiihlte seien zu Tragern dieser Idee berufen, die Partei miisse migliclst klein sein, iibermaifige Popularitiit wiirde ilrer Reinheit Ablirucli tun.) Aber der Ausgangspunkt der Kommunistischen Internationale ist ein wesentlicl anderer als derjenige Gorters. Die K. I. ist iiberzeugt, daB niclt die Arbeiter fU"r die Revolution da seien, sondern die Revolution f Ur die Arbeiter. Und gerade deslalb, weil die K. I., diesen Weg verfolgend, zu solchen taktisclen und organisatorischen Prinzipien gelangt ist, die der gegebenen 8jkonomisclen und politisclen Weltlage und den gegenwiirtigen Verhuiltnissen der Arbeiterbewegung und der Revolution entspreclen, muflte sie auf den Vorwur4 Gorters gefaf3t sein. Einzelaktionen uid revolutionlre Massenpartei - behauptet er - waren jene Steine, iiber die wir stolpernd in den Sumpf des Opportunismus gerieten. Die Teilnalme an den Parlamentswallen, das Bestreben, die Gewerksclaftsverbainde zu revolutionieren, die Taktik der kommunistisclen Keimzellen waren jene schiefe Ebene, iiber die die Kommunistische Internationale zum Opportunismus hinabgerollt sei. Dies alles sei desEalb geschehen, weil an der Spitze dieser Internationale eine Partei stele, die melr mit der Bauerndemokratie reclne als mit dem Proletariat, die auch ferner gezwungen sein wiirde, diesen Weg zu verfolgen, und die ganze Internationale nach sich ziehen wiirde. Diese Beurleilung wird von semnen eigenen zwei Grundsaitzen iiber den Haufen geworfen. Das P r o I e t a r i a t in Ruffland mache den Bauern Zugestaindnisse. Das P ro0 1 e t a r i a t wiisse auf die Forderung eingehen, die die Bauernschaft der l e r r s c l e n d e n Arbeiterkiasse stelle. Sie miisse dies im Hinblick auf die aligemeine Lage der ganzen Internationale tun. Das ist durclaus ricltig. Wenn die deutsche, italienische oder die tsclechoslowakiscle Partei der Kommunistisclen Internationale sicl niclit melir im Stadium des Kampfes um ~~!:d ie Ma c ht befiinden, sondern die Maclit ~-! scion errungen li~tten, so w~irde das russisclie Pro:_lettrarit gegenliber der Bauernscliaft gewil3 wengernacigebi sen.Andererseits mul3 erade jener Umstand, daB sicli das russiscie Proletariatria gezwungen sielit, den Bauern gegenibr 'die:fur die Maclit der Arbeiterklasse gewif3 gefiilhrliclen Zugestandnisse zu maclen, die kommunistischen Parteien vom Opportunismus abbringen. Das bedeutet niclt, daI3 sic die faktiscle Sachlage in ilrer,,Heimat" i g n o rie r e n sollen; das leiit auch niclt, wie mancle denken, daI3 die Zugestiindnisse des lerrsclenden russischen Proletariats die westlichen kommunistisclen Parteien dazu berecltigen, ihre Wirksamkeit auf die Erreichung einzelner Forderungen zu riclten, etwa im Sinne des sozialdemokratisclen Uebergangs (Geyer und Diiwell, die gemeinsam mit Levi dieses Programm in der,,opportunistisclen" V. K. P. D. vertraten, sind aus der Kommunistischen Internationale bereits ausgescilossen worden). Diese Zugestandnisse miissen jeden Kommunisten dazu veranlassen, bei der Erwiigung der taktiscien Fragen, nach ciner gruindliclen Priifun~g der Bigenart der Verhajltnisse eines bestimnmten Landes, auch die Lage in Sowjetrufland in Be t r a c h t z u z i e h e n. Wenn der Kommm-unist auf diese Weise verfahrt, wenn er - selbst als einen sekundiiren Faktor - die nicht durchaus gefahrlose Lage Sowjetrufulands, die Wicltigkeit des Bestehens oder des Nicltbestelens Sowjetruflands fulr die Weltrevolution in Betraclt zielit, - so sind wir iiberzeugt, dafl dieses Verfalren ihm nicht zum Opportunismus fuiiren wird. Wenn Gorter gesagt li"tte, daB die opportunistischen Elemente in der Kommunistisclen Internationale auf die Politik Ruflands in der Frage der Konzessionen niclit ohne Einfluf3 sind, so huitte er damit zufijilig etwas der Wahrheit Aelnlicles gesagt, Er buitte beweisen koinnen, daf3 die Unterlassungssuonden und die Verriiterei der aus der Kommunistiscien Internationale ausgescilossenen Serratianer, die Revolution in Italien lemmend, auf die Entwicklung der internationalen Revolution eingewirkt und somit auch die Lage Sowjetruf3 -lands unguinstig beeinflul~t liaben. Aber Gorter gelit niclit von der r ea 1e n historiselien Lage der Arbeiterk 1a s sea us, s o nd er nv on d en In te ressen seiner kleinen Sekte und der in seinem Kopfe spukenden R e v o1ut io n si de e. Dadurcli erkliirt sich,

Page  109 VOM SEKTIERERTUM ZUR GEGENREVOLUrION._I _I i i daB er in Wirklichkeit auch nicht im entferntesten erfassen kann. Die Folge davon ist, daB er, als Haupt der Sekte, angesichts seiner a b s t r a k t e n Idee und der Isoliertheit seiner Sekte von der Arbeiterbewegung, in seinem Untergang und in dem Untergang seiner Sekte den Untergang der gesanten Weltrevolution und des ganzen Weltproletariats erblickt. Es hat in der Kommunistischen Internationale opportunistische Elemente gegeben (Serrati, Levi, Geyer u. a.). Zweifellos wird man auch jetzt genug einzelne Opportunisten in der revolutioniiren Parteimasse finden. Der Beitritt von revolutiontiren Massenparteien bedeutet indessen nicht eine Aufl6sung der Kommunistischen Internationale, den Sturz der Weltrevolution oder ein Ueberhandnehmen von kleinbiirgerlichen Elementen in der Kommunistischen Internationale. Im Gegenteil, er bedeutet einen ge schlosseneneAnschl ufB d erbreiten Massen an die revolutionaii re B e w e g u n g, waihrend die sich an ihre Existenz klammernden Sekten von der gegenrevolutionitren Flut unweigerlich hinweggeschwemmt werden. Das ist auch mit der Sekte Gorters geschehen. Das All4eifmifte1 der INolld-ndisqen3e Scule. Die Diagnose unseres Doktors stelite fest, daB die Weltrevolution krank, ja daB sie in den letzten Atemziigen liege. Priifen wir jene Mittel, die er fU"r eine Radikalkur verschreibt. Mit der Taktik macht Gorter keine Umstiinde. Er verbietet dem Kranken die Teilnahme am Parlament und an den Gewerkschaftsverb"anden. Das erste - mit der iiblichen syndikalistischen Begriindung, das zweite - zum Teil deshaib, weil in den Gewerkschaftsverbainden groBe proletarische Massen organisiert sind: die Beriihrung mit den Massen beeintritchtige die Reinheit der Sekte. Aber er verschreibt der kranken WV~eltrevolution niclit nur eine Dilit, sondern auch das Aliheilmittel nach dem folgenden Rezept:,,.Zusammenfassung aller 1Arbeiter, der griSlten Mehrheit des Proletariats in der Union. 2. Der kiarsten Arbeiter in der Partei. 3. Einheit von Union und Partei. Und dies ist ihr Ziel: Die Diktatur der KMasse des Proletariats selbst.,.(,,Die Klassenkampforganisation des Proletariats" S. 28). Priifen wir die Bestandteile dieses Aliheilmittels. Zuniichst - Vereinigung aller Arbeiter zu einer Union. Es entsteht die Frage: Warum ausgerechnet - Union und niclt Gewerkschaftsverbbiinde, die revolutioniert werden miif ten? Gorter antwortet:,,Die Gewerkschaftsverbiinde taugen' nicht dazu, denn sie sind eine altmodische Waffe aus der Evolutionszeit." Die Arbeiterbewegung verfiigt aber noch iiber eine andere Waffe, die ebenfalls aus den Zeiten der Evolution stammt. Aber es fillt niemandem ein, diese Waffe aus dem Grunde in die Rumpelkammer zu werfen, weil sie altmodisch ist. So erwiihnen wir z. B. den historischen Materialismus - auch ein Produkt der Evolutionszeit - den Gorter nichtsdestoweniger zur Genuige verwertet. Nehmen wir an, daBl die Gewerkschaften wirklich eine altmodische Waffe seien. Wir anerkennen die unbestreitbare Tatsache,. daBl an der Spitze der Gewerkschaften gegenrevolutioniire Biirokraten stehen, die die mutigen kommunistischen Kiimpfer an Hainden und Fiflen fesseln. Wir erklairen uns einverstanden mit der Behauptung Gorters, daB der historische Materialismus dem Proletariat vorschreibt, sich betriebsweise und nicht den Berufen nach zu organisieren. Wir bezwvifeln nur die Richtigkeit jener Behauptung, daB das Proletariat sich in den Betrieben,,als freier Mensch, als freier Kaimpfer auflern" kann. (Gorter hat wahrscheinlich scion lange nicht mehr eine Fabrik gesehen, vielleicht -fiberhaupt noch nicht.) Ricltig ist auch, daB das Programm der Kommunistischen Internationale in bezug auf die Gewerkschaftsbewegung in der Revolutlonierung der Verbainde auf dem Wege der Organisation kommunistischer Parteizellen in einzelnen Betrieben und in den brtlichen Gewerkschaftsgruppen besteht. Fur die Revolutionierung ist e's zei.fel gleichgtiltig, oh sich die 6konomisehen Orgni

Page  110 - I - - I- --- -- 1-1 -- - dmmw~mm - ft wouloomm m BE'LA KUN,- i....e c __ ~_ sationen nach Berufen oder Betrieben oder endlich nach einzelnen Produktionszweigen einteilen. Welches sind nun die revolutioniiren Vorziige einer Union? Die Miirzereignisse in Deutschland haben gezeigt, daB sich die gegenrevolutionaren Sprb"Blinge sowohi in den jungen Organisationen der Union, als auch in den alten verknbcherten Gewerkschaftsverbiinden vorfinden. Die K. A. P. D. sah sich gezwungen, die,,Revolutionierung der Unionen" in ihr Programm aufzunehmen. Der letzte KongrelB der Ailgemeinen Arbeiter-Union (A.A.U.) hat gezeigt, daI3 sich diese aus wenigen Mitgliedern bestehenden Vereinigungen ebenso schwer revolutionieren lassen wie die groBen Gewerkschaftsorganisationen, Aber vielleicht sind den Unionen soiche organisatorischen Vorziige eigen, die von vornherein die Miingel der Gewerkschaft beseitigen. Hobren wir, was Gorter sagt:,,Die Betriebsorganisation, die Union ist also immer den Gefahren ausgesetzt, die Revolution zu sabotieren, ur kleine Verbesserungen zu bekommen, ur Scheinmacht zu erobern, ur die Zahi der Mitglieder durch unklare Elerente zu vergrflsern usw. usw." (,,Die Klassenk.-Org. des Proletariats", S. 16), Also schlieBt die Form einer Union den R eformismus auch nicht aus. Die erste Gefahr ist somit der Reformismus.,,Zweitens bestelt die grof3e Gefahr des Individualismus in den Betriebsorganisationen. Aus Unkenntnis, aus Egoismus usw. wird das Individuum, z. B. der Fiihrer ir Betrieb, sich selbst, sein Interesse (als Fi*ihrer) iiber die Revolution stellen. Dasselbe wird ein Betrieb tun, ein Ort, eijs Distrikt. Die Einheit, ffir die Revolution notwendig, verschwindet. Man sieht dies schon in Teilen der Union." (,,Die Klassenk.-Org. des Proletariats", S, 16). Die z w e i t e Gefahr - der Individualismus, ist niclt nur eine Gefahr der Zukunft. Die typischste kleinbiirgerliche Eigenschaft, der Individualismus, wurzelt schon in diesen Organisationen. Aber die syndikalistischen, dezentralistischen, fbderalistischen Tendenzen der A. A. U. verhindern, daf3 emn en e rg is che s und starkes Zentralorgan diese kleinbiirgerlichen Instinkte in den Unionen unterdriicken kiinnte. Die d ritt e Gefahr erblickt Go~rter im Ut op i s mu s Auch hier geben wir ihm reclit. Der Utopismus, im gegenwairtigen Entwicklungsstadium der Revolution - ein reaktioniirer Utopismus -, das ist jene Gefahr, die das Sektierertur in sich birgt. Reformismus, kleinbiirgerlicher unddreaktion"arer Utopismus sind nicht nur ffur die Zukunft eine Gefahr, sie sind auch jetzt schon der Krebsschaden, aber bei dem Unionismus ebensosehr wie bei einem Gewerkschafts verb ande, der auf ein 50jiihriges Bestehen zuriickblicken kann. Die Gewerkschaftsverb iinde haben durch ihre zentralisierte Einrichtung den Vorzug, daB eine kommunistische Verwaltung (das ist keine Utopie) imstande sein wird, die auch dem Unionismus eigenen gegenrevolutioniiren Tendenzen zu unterdriicken. Das Bestreben, die Gewerkschaf tsverb'a nde zu zerst 8" ren, ist also nur eine Sabotage, die die Entwicklung der Revolution hemrt, ein Suchen nach Umwegen, ur nicht den geraden Weg zur Revolution gehen zu miissen. In der Apotheke Gorters finden sich Mittel gegen alle Uebei. Sogar gegen sein Allheilmittel. Die Union ist eine reformistisehe, kleinbiirgerliche, individualistische Organisation, wie dies Gorter selbst zugibt. Es mufl also eine Partei geben, die die wahrhaft revolutioniiren,. durchaus klassenbewuften Elemente des Proletariats zusammenfaflt und die die Unionen, ohne gegenilber dem Proletariat ein Diktator zu sein, mit den Mitteln der Ueberzeugung weiter bringen sollen. Wie muI also Gorters Meinung nach diese Partei beschaffen sein? Erstens darf sie nicht eine p arlam ent arische sein. Zweitens mufJ sie die Diktatur nicht fuir sich, sondern ffur die Klasse, fur das gesamte Proletariat erobern. Drittens darf diese,,kommunistische Partei nur klein sein" (,,Die Klassenk. d. Prol." S. 21.),,Also fiberall eine kleine Partei." Wie wir sahen, darf die Partei nur den auserwihlten Teil des P~roletariats aufnehmen. Gorter stellt an jedes Parteimitglied Anforderungen, die jenen zur Erwerbung eines Doktordiploms ungefiihr gleiclikommen. Sogar an die Mitglieder der Union stellt er Anforderungen, die einer Reifepriifung nichi untihnlich sind. Und trotzdem fiirchtet er, daB

Page  111 ----- ----C1---~--l -~~ -~ -~~-~ -----~-- -----r -1 C *;' VOM SEKTIERERTUM ZUR GEGENREVOLUTI ON III VOM SETERRU ZU GEGENREVOLUTION 111~ diese Leute ibre Hoffnungen dennoch auf das Parlament setzen und darauf bauen werden, daB es fu"r sie handein wird. Wir wollen diesem syndikalistischen, antiparlamentarischen, vom Gefiihl der Verachtung der Arbeiterkiasse gegeniiber getragenen Unsinn eines intellektuellen Sektierers nicht weiter nachgehen. Die Partei muiisse nicht eine Diktatur der Partei oder ihrer Fiihrer erstreben, sondern die der Kiasse, oder zumindest ihrer fiberwiegenden Mehrheit. Gorter niuB deshaib eine kleine Partei haben, damit die Fiihrung des Proletariats in guten HIinden bleibt, damit das,,Auge" (die Partei) sicher vorwiirts blickt, damit das,,Gehirn" (die Partei) mit voller Kenntnis der allgemeinen Sachiage (iberwachen k6nne. Man k6nnte meinen, daB eine feste Hand, ein wachsames Auge, ein geschultes Gehirn nicht Selbstzweck sind, sondern den Zweck haben, zuriickgebliebene Elemente des Proletariats ffir die Eroberung und Erhaltung der Macht vorzubereiten. Aber gerade der Begriff der Arbeiterfiihrung scheint Gorter nicht recht zu passen - er kennt nur eine Fiihrung, niimlich die sozialdemokratische. Da er Sektierer und Propagandist 1st, der der Bewegung einer wirklichen Arbeitermasse, selbst im hollindisehen MaI3 -stabe, fern steht, so hat er von der Arbeiterfiihrung keine Ahnung. Es handelt sich nicht nur darur, die Arbeiterkiasse von der Richtigkeit des historischen Materialismus zu fiberzeugen, und auch nicht ur die LOisung propagandistischer Aufgaben. Es miissen die noch nicht zum Ausdruck gekommenen Wiinsche der Massen erfalt und die Gefahren von seiten der Gegenrevolution rechtzeitig bemerkt werden, Auge und Gehirn miissen das Kraifteverhiiltnis der Kiassen analysieren, Aktionsmi5glichkeiten erwiigen und die Kriifte der Arbeiterklasse irn richtigen Punkt konzentrieren kbinnen. Das,,sichere Auge", das wissende,,Gehim", die in der Partei zum Ausdruck kommen, - das 1st eben die politische Fiihrung. Der Mangel an diesen Eigenischaften ist emn sehr charakteristischer Zug fuir die Sektierer; daher sind sie unflihig, die Bewegung selbst kleiner Massen zu leiten. Der feste Arm driickt dagegen die organisatorisehe Ffiihrung aus. Er ist notwendig fuir die organisatorische Verwirklichung der polltischen Fiihrung. Der organisierte Parteiapparat muI die breitesten Schiclten politisch leiten und jede Schwankung beseitigen konnen. Das Schiff des Proletariats (Gorter nennt ja die Partei - den Steuermann) muI3 mit fester Hand jenem Wege zugesteuert werden, den die politische Leitung vorschreibt.,,Der feste Arm" bedeutet die disziplinierte Fiihrung und die Anwendung von Zwangsmethoden in jenen revolutionaliren Perioden, in denen die Methode der Ueberzeugung aus irgend einem Grunde unanwendbar ist. Nachdem er gezeigt hat, daB er das Wesen der politischen und organisatorisehen Fiihrung uiberhaupt nicht kennt, liefert Gorter den unfreiwilligen Beweis, daB die Parteidiktatur unvermeidlich ist. Soil die Partei die h6chste Macht in den Haoinden halten? - fragt er. Er verneint diese Frage nicht, er sagt nur, daB er nicht wisse, ob die Union oder die Partel diese Maclt besitzen miisse. Die Diktatur 1st aber nichts anderes als eben diese Macht. Wenn sie in den Haonden der Partei liegt, so ist es eben eine Parteidiktatur, gegen die Gorter so wiltend ankiimpft. Eine Diktatur der Partei schlieflt natfirlich die Diktatur der KMasse niclt aus. Im Gegenteil, sie schlielt sie ein, denn das Gegenteil davon-wiire eben jene kiinstliche Konstruktion, die Gorter und Kautsky unab-_ haingig voneinander, aber mit riihrender Eintracht gesehaffen haben, Das einzige Gegengift gegen die Parteidiktatur wa're nach Gorter jene Ordnung, bei der die Partei die oberste Gewalt bekommt, die Unionen aber, die Sowjets und die anderen Massenorganisationen der Arbeiterkiasse den Rest der Macht unter sich teilen. Das Gegengift gegen die Fiihrerdiktatur bestehe darin, daB die Partel,,klein und rein" bleibe und nur aus soichen Personen bestehe, die fiber groie Kenntnisse der nationalen und auch internationalen Politik verfiigen. D as sind ungefii~hr die Fordemungen, die man jedem guten Arbeiterfiilirer stellen muB., Somit mufi also die Partel, nach Ansicht Gorters, n ur au s Fiihremn bestehen. Die Partei mi~isse,,klein" bleiben, obwohl wir die erdr~iickende Mehrheit des Proletariats von der Wrahrheit ic~

Page  112 BELA KUN I-c~--c~~----~ Ulllllll~-L(113~ I -~Li.~l --1- ---- ----~------.---. ----~-. des Kommunismus Uiberzeugen miissen. Diese,,erdriickende' Melirheit dUnrfe aber keinesfalls zur Partei geharen, denn diese letztere miisse tinter alien Umstiinden,,klein" bleiben. Eine soiche Partei wiirde also ein geschlossener Kreis, eine Gruppe von Propagandisten sein, und diese"Partei muI3 die hbichste Gewalt handhaben,,,um die Klassendiktatur des Proletariats im Gegensatz zu de r Pa r t e i d i k t a t u r z u e r s t r e b e IDas alles fordert Gorter nicht nur im Interesse der Klassendiktatur, Er fordert das,,im Namen des historischen Materialismus", zum Schutze der westlichen Revolution von dem 8stlichen Bolschewismus, der ur seiner kleinbfirgerlichen Politik willen die Arbeiterkiasse der westeuropiiischen Lander in grolen Massenpanteien um die Kommunistisehe Internationale gruppieren will, Die Massenpartei ist iibrigens jener besondere Punkt, gegen den sich der Haf3 der holliindischen Sektierer am meisten richtet. In seinem Wutanfall vengift der,,hollaondische Marxist", daI3 die nevolutioniire Massenpartei gerade das Ergebnis der westlichen pnoletarischen Revolution ist, ein Produkt der Anpassung an die Bediirfnisse der westlichen Revolution, Die besonderen Venhjiitnisse Rullands haben die bolschewistische Partei geschaffen. Bei der Nicltonganisientheit der Massen, die infolge ihrer illegalen Lage audi nicht organisiert s e in k o nnt e n, mu13 t e e in e v e r h ii I tnismii lig kleine Partei die revolutio nienende und fi"ihnende Rolle ii"bernehme n. Sie hatte es mit nichtorganisierten Massen zu tun, die politisch,und Bkonomisch in keinem organisierten Verhiitnis zu den anderen Parteien und Vereinigungen standen. Sie mul~te sie lediglich von den geistigen Fessein befneien, nicht aber von der onganisatonischen Fiihrung der bfirgerlIhen und kleinbiingerlichen sozialistisc 0en Verringerung der Mitgliedenzahl der Gewenkschaftsverbiinde, die Abkehr zahireichen Elemente von den sozialdemokratischen, Parteien ohne ihren gleiclzeitigen Beitritt zur komrunistischen fuiren wird, - ob diese Erscheinung ungeheure nicltorganisiente panteilose Massen schaffen wird; es wird der Kommunistischen Partei viel leichten sein, diese Massen zu enfassen und zu fiihren, als die in anderen Panteien onganisierten Arbeiter zu gewinnen. In Deutschland und auch in anderen Liindern des Westens gibt es ungeheure proletarische Massen, die den nichtkommunistisehen Parteien angeho5ren. Das venanlalt natiinlich auch die Kommunisten dazu, moglichst grol3e Massen zu ihner Partei heranzuziehen und sie niclt nur ideell, sondern auch organisatorisch zu leiten.. Die gleichen Verhiiltnisse haben auch die Partei der russischen Kommunisten vergr6"Bert. Die Partei mul3te den Beitritt in dem Grade erleicltern, als sich die mit der Fiihrung der Massen verbundenen Aufgaben erweiterten. Die kommunistische Idee fand sowohi in die Reihen der nicht organisienten Arbeitermassen Eingang als auch in die Reihen jener Proletarier, die in anderen Arbeiterparteien organisiert sind. Die R.K.P. wurde eine Massenpartei, und als eine nevolutionaire Massenpartei fand sie Mittel und Wege, ihre Reinheit trotz der Ausbreitung zu sichern. Sie brachte in diese neue Massenorganisation ihre alten revolutioniren Traditionen. Die fiihrenden Parteien der westlichen Revolution standen gleich nach ihrer Bildung vor Riu31erst schwierigen Aufgaben. Den Kampf mit den miichtigen sozialdemokratischen Parteien und den Zersetzungspnozef diesen Panteien vengrojf3ente die Schwierigkeit diesen Aufgaben. Die onganisatorische Erfassung den breiten proletanischen Massen ertordent die Erweiterung des Wirkungskreises den westlichen kommunistischen Parteien. Die-L westlichen Verhijitnisse schufen noch v^o dem Siege den Revolution nevolutioniine Massenparteien. Die Korrektun den mit dem Wachstum einen Pantei verbundenen Gefahren besteht nicht nun in den Siiuberung, sondern auch in den Ventiefung den Parteiarbeit und in den Dunchfuihrung einen strengen Disziplin. Die Art den Dunchfiihnung dieser Maf~nahmen muD3 natiinlich in jedem Lande Wir wissen nicht, wohin jenen ProzeB den esonganisation des deutschen Proletariats inen wind, den nach den Ernmuchtenung, die Im onganisatorischen Fieben der Novemberge' folgte,- eingesetzt hat. Win wissen noch cht; wohin die in letzten Zeit beobachtete

Page  113 VOM SEKTIERERTUM ZUR GEGENREVOLTION.l.U.---^- ___. _ i - ----e ~, ---- --:-- -~~---- - ~~~ eine andere sein, und die kommunistischen Parteien haben schon zum Teil jene Methoden gefunden, die den revolutiona-ren Charakter der Partei gewaihrleisten. Die Massenpartei, die revolution'are Massenpartei, ist niclt nur eine Folge der Entwicklung der westeuropaiischen Revolution, sondern auch die u n b e d i n g t e Vo r a u s s-e t z u n g fuir ilren Sieg. Nur Sektiererblindheit und Sektiererangst vor den Tatsachen koinnen zum Uebersehen dieser Tatsachen fuifren. Nur dem GrolBen. waln eines Sektenhauptes entspringt die Idee, man koinne dem Proletariat eine ausgedachte organisatorische Form aufzwingen, die der gegenwiirtigen historischen Periode der westeurop~iischen revolutioniren Bewegung in keiner Weise entspricht. In den Ful3siapfen Caufenbergs. Das ailgemein anerkannte Haupt der,,holIfindischen Schule" verzichtet auf jede Gemeinschaft mit der Kommunistischen Internationale. Die Wahrheit ist, daB er mit der Arbeiterbewegung niemals viel gemein hatte. Das Hindernis dafiir war gerade das, was er am wenigsten versteht und von dem er am rneisten spricht: Marxismus und historischer Materialismus. Daher geriet Gorter mit allen seinen pseudo-radikalen Phrasen in das- bunte Lager der Feinde der proletarischen Revolution: Kronstiidter Aufriihrer, Banditen aus der Ukraine, Serrati, Levi, Kautsky, Laufenberg und I Wolffheim, RUiE'e und die Kompagnons des literarischen Kaffees, das den Namen,,Aktion" fiihrt. 0 b w o h 1 s i e a 11 e g e g e ncinander die Ziihne fletschen, schreien sie zusammengenommen gegen den Bolschewismus, gegen Parteidiktatur und Opportunismus der Kommunistischen Internationale. Das Abschiwenken in die Reihen der Gegenrevolution ist das Schicksal einer jeden Sektei Alle jene, die eine b e s o n d e r e,,,e i g e n e A4uffassung der Arbeiterbewegung nicht aufgeben kbinnen, geraten mit der wahrhaften, lebendigen Arbeiterbewegung friiher oder spitter in Konflikt, auch dann, wenn sie, gleich Gorter,~ die Revolution subjektiv herbeiwiinschen und sie propagieren, - als eine abS Kotum. 5Ea**rn. 18 p~ strakte Idee. Solange sich die Revolution im Stadium der reinen Propaganda befindet, solange nur einzelne kleine Gruppen fulr sie eitreten und solange die Revolution in keinerlei organisatorischer Arbeit und auch nicht in Massenaktionen in Erscheinung tritt-solange braucht eine Sekte keine verriiterische Rolle zu spielen, nicht die Rolle eines Gegners, der die Massen unverhofft gerade, in jenem Augenblick angreift, in dem diese die Revolution zur Organisation und Aktion zu gestalten beginnen. Laufenberg und Wolffheim, Propagandisten eines nationalen Bolschewismus und Unionismus, konnten eine zeitlang die Revolution propagieren. Und die Isoliertheit von der w a h r h a f t e n Arbeiterbewegung,,,deren einziger Schritt viel wicltiger ist als ein Dutzend Programme" (auch wenn sie gut sind, von schlechten ganz zu schweigen), fiihrte sie zuniichst auf den Weg der Propaganda gegen Sowjetrullland und die Kommunistische Internationale, und dann - in die Arme verdiichtiger Intellektueller und waschechter Nationalisten - der Offiziere Ludendorffs. Das wilde gegenrevolutionaire Geheul der deutschen Nationalisten ' wihrend der Miirztage erscheint als zartes Raunen im Vergleich mit jener einzigen Erklairung, mit der die unghiickseligen Sektenhaiupter dem im Heldenkampf verblutenden Proletariat Mitteldeutschlands in der schmachvollsten Weise den Dolchstofl in den Riicken versetzten. Und diese beiden waren einstmals in einer bestimmten Periode der Revolution Revolutionare geweseni Die gegenrevolutionaire Verwandlung offen.bart dieselben unvermeidlichen Kennzeichen, wie wir es bei Laufenberg und Wolffheim ngesehen haben. Gorter behauptet ebenfalls, dafl Sowjetrul3land die internationale proletarische Revolution dem englischen Kapital auslieferte. Und er--fragt: was setzen RuBland und die Kommunistische Internationale dem englischen Kapitalismus entgegen? Sowjetrufland hat einmal (wir milssen Gorter daran erinnern) unter sehr schwerenU- It stiinden seine Rote proletarische und Bauer;-l Armee nicht nur den englischen, sondern auch~: den amerikanischen und franziisischren Impe-!:~ rialisten entgegengesetzt, - sogar ihnen a~le gleichzeitig. Entsprechend den veriinderten Umstiinden wird der englische Imperialismu jetzt nicht mit der; Roten Armee bekiimpt, de

Page  114 ~-1- -~ -- r -- ~- i~ ~-- -- --- -- Kampf wird jetzt mit anderen Mitte in der proletarischen Politik entsprechend der veriinderten Lage geffiihrt. Diese Mittel werden in der Neutralisierung und in der Heranziehung der Bauernschaft zur Sowjetmacht bestehen, ur die Wiederstandskraft der proletarischen Macht gegeniiber dem bkonomischen Angriff Lloyd Georges und d'er auslaindischen Konzessionaire zu steigern. Nur mit dieser prole tari s chen P o lit i k und der Gewinnung der Bauernschaft f fr die Sowjetmacht w'ird man es erreichen k6nnen, daB diese Bauern b e i veriinderter Lage wieder der Roten Armee beitreten und gegen den englischen Imperialismus ins Feld ziehen werden. Die Kommunistische Internationale und die Rote Gewerkschaftsinternationale werden den englischen Kapitalisten und dem englischen Proletariat entgegengestellt. Diese Bestrebungen hatten bisher keinen Erfolg. Im Hinblick auf die gegenwagrtige Lage der englischen Arbeiterbewegung kbjnnen wir getrost behaupten, dal3 in absehbarer Zeit an der Spitze des englischen Proletariats eine stiarkere, erfahrenere, einflufreichere Partei stehen wird als die jetzige Kommunistische Partei Englands, die nur einige Tausend Mitglieder ziihlt und die von der holliindischen Schule nichtsdestoweniger veriichtlich als eine Massenpartei bezeichnet wird. Auf~erdem unterstiitzt die Kommunistische Internationale das disziplinierte und koordinierte Vorgehen aller kommunistischen Parteien, deren Einfluf3 nicht allzu gering ein ARDITO ROSSO gescha*tzt werden darf. Endlich unterstu'tzt sie die wachsende nationale Revolution in den englischen Kolonien und Halbkolonien, obschon sie auf die Unterstiitzung seitens der,,holliindischen Schule' dabei verzichten muB. Die Kommunistische Internationale lehnte ebenfalls die Beihilfe der Sekte Laufenberg und Wolffheim ab. Rufhle, seine Freunde und Gesinnungsgenossen verfiigten (iber keinerlei weltpolitische Perspektiven. Und daher roliten sie nicht auf der Ebene der Weltpolitik in den Sumpf der Gegenrevolution hinab, sondern infolge ihrer Anha*nglichkeit an die alleinseligmachenden organisatorisehen Formen, deren Wesen sie mit Gorter verwandt macht. Aber sowohi Riihle als auch Pfempfert sind Feinde der Revolution g~worden, echte Feinde jeder revolutionairen Massenbewegung, lediglich mit dem Unterschiede, daf3 der eine die Gegenrevolution wie ein Schulmeister predigt, der andere wie ein Hanswurst. Die Sektenhaiupter haben endlich einen definitiven Entschluf angenommen, Das Proletariat hat sie jetzt ebenfalls erkannt, Soweit es sie noch nicht ganz vergessen hat, rechnet es sie zu jenem Lager, in dem sie mit ihrer propagandistischen Wirksamkeit sich ehrlich einen Platz erworben haben: zu dem Lager der Gegenrevolution. Die Arbeiter aber - selbst die wenigen, die der Sekte noch angehoren - werden ihnen nicht auf dem Wege der Gegenrevolution folgen. Moskau, den 28. August 1Q21 Belaa Kun. Perspekflven und cefOren der re voluflondren Krisis in Ilalien. 1. Die Zerseoung deriftalieniscoen setzungsprozefl der,,alten, ruhnreichen" I. S. P. soxialisf~iscjen Bewegung- vollzog sich unter geriuschvoller Zertru-mmerung der-proletarischen Bewegung in Italien. Er war beEinzelheiten uiber die Zersetzung der Italieni- gleitet von einer Reihe von Ereignissen, die in der schen Sozialistisehen Partei (1. S. P.) konnen leicht Internationale zuntchst Erstaunen, dann Ratlosiggenau festgestellt werden, sie sind gleichzeitig Keit und endlich betriibendes Miftrauen gegen die Synptone und Symbole des Bankrotts der gesam- italienische Bewegung hervorgerufen haben. Die ten 'sozialistiechen Bewegung in Italien. -Der Zer- proletarische Internationale neigt.jetzt dazu, in

Page  115 - ------~-~-~.;. -_--c"1~51~-^- --- - ~---:"'..~-::-~.`~. --- --~ ~I-.; -i:-1--~---~-:~~-~:1:.7;::..-- PERSPEKTIVEFN UND LEHREN DER REVOLUTIONAREN KRISIS IN ITALIEN 115..,., _______;,__ ihrer Einschatzung dieser Begebenheiten einen Febler unterlaufen zu lassen, demjenigen entgegen. gesetzt, der nach dem Kriege gemacht worden ist. Damals wurden die revolutioniiren Fiihigkeiten und Miiglichkeiten des italienischen Proletariats jiberschaitzt; jetzt werden sie in gleichem Mafe unterschiitzt. Aul~erden waire es fair uns von Vorteil,, die Lage der Dinge in Italien niclt nur aufzuklaren, um die neuen Perspektiven der revolutionaren Krises hervorzuheben, sondern auch ur daraus eine Lehre zu ziehen, die dem italienisehen Proletariat ebenso niitzlich sein wird wie dem internationalen, Die Untersuchung der gegenWiirtigen Verhaltnisse in Italien ftihrt uns unvermeidlich zu der Notwendigkeit der Aufkliirung des Zersetzungsprozesses der I. S.I P. und der gesamten Arbeiterbewegung in Italien. Das ist in der Tat ein ungeheurer Vorgang, der sich mit dem Sturz eines Riesen auf toinernen Fiifen vergleichen lieBe, mit dem Zerfall eines gigantischen, von innerem-Fener zerst6rten Organismus. Genaue und.durchaus einwandfreie Zahien liefern uns das Bild des ungeheuren Wachstums der 1, S. P. und ibrer platzlichen katastrophalen Zersetzung. Ein Jahr nach dem Kriege-ziihlte die i. Si P. auf der Kongref in Bologna (1919) 1981 Qrtsgruppen, 91469 Mitglieder, 47 Deputierte und 350 Gemeinderiite. Im Januar 1921 tagten auf dem KongreB in Livorno 3009 Delegierte, die insgesamht 4567 Ortsgruppen, 219327 ordentliche Mitglieder, 156 Deputierte und 222'0 Gemeinder'ate vertraten. Aber es vergingen kaum vier Monate, und schon im Mai 1921 zeugt die Anzahl der Waiihler zum Nationalrat der I. S. P. von der erstaunlichen Zerfall innerhaib der Reihen der Parteimitglieder. Auf diesem in Rom tagenden Nationalrat wurde die Frage der Teilnahme an den Parlamentswahlen erortert - eine Frage, die fair die italienischen Sozialisten auf3erordentlich wichtig ist. Die ganze I. S. P. war bei der Abstimmung nur mit 63000 Mitgliedern vertreten, von denen 58000 fuer und 15000 gegen die Teilnahme an den 'Wahien stirmten. Eine eingehendere Praifung'des Zustandes der sozialistischen Organisation in verschiedenen Gegenden Italiens liefert uns einen noch deutlicheren Beweis ihrer Zersetzung. Es genaigt vollkommen, die Vorgaiige in den Proviazen Bologna, Ferrara und Reggio-Emilia - in den sog. roten Provinzen - in ihren Einzelheiten zu verfolgen. in ~diesen Provinzen hat die politische, sich auf eine ganze Reihe von wirtschaftlichen Or~ganisationen staitzende Parteiorganisation friiher einen solchen Einfluf3 ausgeiibt, daB die Leiter der airtlichen sozialistischen Bewegung mit einern Schein von Bereclitigunig behaupten konnten, dtaB ~eine sozialistische Rgyolution ganzlich ilberfliissig sel, denn _-.der -Sozialismus sei schon ohnehin verwirklicht. In diesen Provinzen b:estand die ercriivkende Mehrheit der Deputierten sowohl der.,,Gemeinde.. als auch der Kreisrate aus Sozialisten: die biirgerlichen politischen Gruppen bildeten eine verschwindende Minderheit. Im Verlaufe einiger Monate war der ganze Aufbau der sozialistischen politischen und 60konomischen Organisation durch die Reaktion zerstort. Hier geschah es-aber. nicht in dar - Weise wi'e inanderen Landern, in ' denen die Akormunistische- Bewegung ebenfalls durch die Reaktion zerstart wurde flier erblicken wir nicht eine Verwandlungý, der legalein Bewegung in eine ill~egale; ir Gegenteil, wir haben hier eine giinzliche Zersezung der sozialistischen Bewegung vor uns. Sehr viele aktive Sozialisten haben.in den genannten Provinzen sich von der Tei~lnahhme am politischen Leben losgesagt, andererseits ist eine. grofle Menge von Anhangern der,,roten" -okonomischen, Organisationen zu den Fascisten fibergetreten. Nur -dank.der Vereinbarung mit denbbiirgerlichen Parteien, mit dem Fascismus, ist" es.der' I S, P. gelungen, die alten Positionen in den revolutiona"ren Zentren des italienischen Proletariats zu erhalten und bestenfalls einige neue zu erobern.. Ein, charakter-istischer Fall spielte sich kiirzlich in Triest ab.f Hier haben die Sozialisten, bestrebt, eine -leitende Stellung in:. der Arbeiterkammer zu erringen, sich mit den, Republikanern vereinigi und zu den. Wablen in den.Aktionsausschul3 der Arbeiterkamnmer eine gemeinsame Kauidjdatur'aufgestellt. Lnd trotzdern haben sie den Kommunisten den Vorrang lassen mmiissen. Typisch und schmachyoll sind die Vorgiinge, die sich in Turin abgespielt. haben. Die Industriellen haben sich bier gegen die kommunistischen Betriebe und besonders gegen das Werk,,Fiat' vereinigt. Es ist ihnen dort gelungen, alle revolutiona-ren Arbeiter und -alle kormnunistischen,,Commissarii di repartogs zu entlassen. Die Sozialisten woilten diesen gegen Turin, diese,,Festung des Kommunismus", unternommenen Feldzug der Kapitalisten fur sich ausniitzen,, Sie. hofften, die Position. der Kommunisten zu erschiittern, und..es gelang ihnen mit offener Unterstiitzung. der Industriellen, in den, Gewerk*schaftsraiten einige Sitze zu gewinnen.,Die Zersetzung der-Zskonomischen,. und politi-,pchen Organisationen der I. S. PR.in allen Erovinizen Italiens ~iifit sich nicht nur an Hand ~der.b~iirgerlichen Zeit~zngen,~ sondern auch in der~ sozialistischben Presse lei~cht~ v~erfolgen,~ Tnter~ -dlern wilden und.drohendeui Ansturm des Kiassenkamptes -ist die sozialistiscbe., ~Partei nicbt. allein. materiel~l zerfallen, sonderfl sie hat auch die^ revolutionare Takttik aufgegeben und sich vo den grundlegenden Pr~hinipie des proletarisrchen.Kampiesg~ egen die, organiisiert r' Komua;. Intern. 18~: fi, r

Page  116 Blourgeoisie los'gesagt. Wir k6nnen uns davon lelcht ilberzeugen an Hand der offilziellen Dokumente der 1. S. P. und der,,Confederazione Generale del Layore" -dert bedeutendsten italienischen pr'oletari. schen Organisation, die- durch eine Vereinb~rung mit der 1. S. P. verknu*pft ist. Ininitton -der rauchenden Ruinen der Arbeiterkaremern end der Zeitungsredaktionen, mitten unter den zeraplitterten sozialistischen Gruppen let das Proletariat ohne politische end 6konornische Fiiohrer geblieben. Seine ehemaligen Ffibrer fordern ihr Recht von der buirgerlicheni Regierung, sie suchen ihre Retteng in parlamentariachen Protesten, in Versuchen, Ruhe end Ordeung wileder herzustelien, end setzen ibre HoffnT11g auf den Block mit den Fascisten. Graphiscb kann der Entwlcklungsgang der politischen und o-konomi~schen Kr~fte der soziallistischenef Organisation Italiens dutch olne Parabel dargestelit werden, die, seit dem Ende des Krieges bis Sep-torber 1920 (die Bewegung der Metallarbeliter), allnibhlich anstoligt end selit diesem Moment ungewohnlich steil abfilit, viol tiefer alit zu dem Punkt, von dem aus sie Ibren Aufstlog genommen hat. An doem h~chsten Punki der Parabel war die sozialistieche Partel' die einzige reale Kraft im 6ikonomischen urid pollitischen Leben Italiens. Augenblicklicb hat die.sozialietischo Bewegung jeden EinfluI3 verloren, und sie sieht stich genotigt, ibre eigene Existenz mittels Vereinbarungen mit der Bourgeoisie zu rotten. Die -Ergebni~seo det letzten parlanientariechen Walden, die im Mai 1921 stattfanden, schoinen der Behauptung fiber di~e Zersetzung det sozialistischen Bewogeng in Italien zu widorsprechen; In Wirk-lic'hkeit aber bestfitigen sie alles Obengesagto fiber die Zersetzung der s~ozialietischen Bewegung. Es 1st vollkonimen ricbtig, daB die Zahi der gewihiten sozialistisehee Deputiertee nut eum weniges geringer 1st als mm vorifibrigen Partamont. Ebense richtig ist auch, daB, ween die Soz-ialisten sich in der Proviar; Reggio-Emilia der Teiln~ahme' an den Wahien nieht enthalten bi-tten' end.ween es die anderen Zufalismornento nlicht gegeben Witte, die Zabi der gewihlten Sozialisten derjenig-en isa Mai 1,919 eatweder gleich secm oder sie sogar fibertreffen wfirde. Aber vor allen Dingon iufl3 in Betracht gezogen werdent, dalI die Stizenen, die das Proletar~iat den Kandlitaten der sozialistiscben Partei gegeben hat, nur als emn Protest gegen das Banditenturn der Fascisten aufz'ufassen let. Immgroflten Toile ARDITO ROSSO Wihier, die ffir die I. S. P. ges~timmt batten, zutu groflen Toil ace der Kleinbourgeoisie zusammen, elnier zurn Reformismnus neigendee Volkegruppo..Diese hat, nach der Aeullerung des sozi-alietischen Deputiertee K a s a 11i n i, ncr deshalb f U"r die 1. S. P. gestimmt, well sie sicb von den Komme'tisten befroit hat end konservativer geworden 1st.' Andererseite rechtfertigt die Durchsicbt der sozialistiechee Listen end die Ueberpriifung der gewlihfiten Kandidaten die Behauptung, daBl die 1. S. P. gerade bel dieson Wahien den Weg bescbtitten hat, der sie zum Zusammeebruch fiibhron niul~te: sie hat ihtre unversoohnliche Position end ibre grundlegendo revolutionaire Taktik volistailedig aelgegeben. 80 Ptoz. sowohl der Kandidaten ale auch dot gewlihitee Sozialisten sind ausgesprochene Reformisten, Anbainger Turatis, der gogenawlirtig cnbestritten das Haupt der parlamentariseben Gruppe ist end der gleich in der ersten Sitzung does Parlameets eine Rode mm Geiste det Mitarbeit an der Regiorung gebalten hat. Abet es muf3 noch etwas Schllimotres hervorgehoben -werdon: in die soziaIistiscbe Kandidatonlisto sind elnige Genossen aufgenommen worden, die eret wa"btend dot Wablen det Partel beligetreten sled, Genossen, die fru~hor von dot Parteli ausgoechiossen waren end die Partei sogar beka*mpft haben.*) Als eiee Folge dot Wablee sled geewisse andero Tatsachen hetvorzubeben, die omnen weiteten Beweis ffit die Zersetzung dot 1. S. P. liefere. Die Sozialistiscbe Fb-deration dot Provinz Reggio -Emilia, zablenmeliflig die stfirkste in Italien, wurde vote Zentralkomitec wegen Verletzueg der Parteidisziplin )So z. B. sind Lucci end Bo'veo in Neapel ale Sozialisten gewa-hlt. Bei den Irfiberen Wablen traten sie als, Gegner dot Soziialisten auf.' Skandalo~s ist die Wahl Ferris in Mantua end Vagnos in Apulien - beide sind ace dot sozialietischon Partel ausgeschiossen goweson. Nach der sozialistiechee Liste wurden ale Protest aiufleung Syndikalisten gewaihlt, die vor den Wablen ganz besondets gegeu den Reformismus dot 1. S. P. kiimpften; aucb Anar-- chistee sled darunter, die dot Glanz des parlamentatiechen Abzeichens so sehr beraeecht haben mull, dafl 810 ibre tevoictioniten Priezipien aufgegeben haben. In Sardinien let emn Sozialist, emn gowisser Korssl, gewfibit wordee, dot, nachdem cr gewaihit wurde, nichts Elligeres zu ten hatte, als doem zufillig in Sardinien anwesenden Kb"nig seine Ebrerbie-teng ze e rweisen. CoSeh iritereesante,

Page  117 PERSPEKTivEN UND LEHREN DER REVOLUTi I aufgelo~st, Im Zentralkomitee der.Partel entstand infolge der Absetzung Baratonos, elnes typlschen Vertreters einer zentristischen Equilibristik, der eine jinke" 1. S. P. haitte bilden ki~nnen, elne Schwere Krisis. Die historische Bedeutung -der Liquidation des italienlschen Maxim aIi s m us u nd S e rra t ia n is mus darf nicht unterscha~tzt werden.In der Tat, die Zersetzung der italienischen sozialistischen Bewegung* hat vom historlachen Gesichtspunkt aus nicht nur ffur Italien, sondern auch f~ir die ganze Internationale eine sehr grofle Bedeutung: der schmachvclle Bankrott der I. S. P. bedeutet, vorn internationalen Gesichtspunkt aus be-, trachtet, eine endgijiItige Niederlage der ohnehin zerfallenden I1. Internationale. Die Italienische Sozialistische Partei', die beste oder, richtiger gesagt, die am wenigsten scblechte, war die einzige sRozialistische Partei, die vom Beginn des Krieges an nicht mit dem Kriege sympathisliert. hat, wi~hrend alle anderen Parteien der Zweiten Internationale mit der Bourgeoisie zu einer,,heiligen Allianz" verschrnolzen sind. Angesichts des Krieges hat die 1. S. P. das Proletariat nicht verraten', obgleich ihre hulfiose Parole:,Dem Kriege nicht helfen, aber ibn atich nicht sabotieren", dern Proletariat keinerlei realen Nutzen gehracht hat. Des Verrats, den die I. S. P. hinsichtlich des Krieges nicht begangen hat, hat stich diese Partei der Revolution gegeniiber schuldig gemacht. Das liefert den unwriderleglichen Beweis, daB alle Parteien der Zweliten Internationale eine politische und organisatori'sche Plattform zur Grundlage batten, die fru'her oder spauter zu einem Verrat an den proletarischen Massen fuiihren muflte. FS ist wahr, die 1. S. P. ist an demselben Uebel Zugrunde gegangen, an dem alle Parteien der Zweiten Internationale zugrunde gegangen sind. Es ist der Reformismus und der Sozial-Pazifismus. Die Mehrzahl der Fiihrer der 1. S. P. war immer reformistisch und pazifistisch gesinnt. Leider waren sic alle dermal~en unehrlich und von der karrieristischen Gier ergriffen, dafl sie sich nach dem Kelege lediglich deshaib in Revolution-are und Bolschewisten verwandelten, urn die Massen zu gewAinnen, Deputierte zu werden oder die h~chsten Posten in den Gewerkschaftsverbia*'den zu erhalten. Die proletarische Masse war leider naiv genug, an den revolutioni~ren Geist der Maximalisten zu glauben, und I. S. P. auf den einzigen ffur diese Partel passeaden Weg zuriickfilhiren, - auf den Weg der fid-ormistischen Sozialdesnokeatie. Wir mfilsen betonan, d&B die I. S. P. ibren grundlegenden Bestrebungen nach elne rein sozlaldemokratische Partel war. 1892, atif dens KongreB. in Genua, auf dens die Partei gebildet Wurde, steilte sie emn Programm auf, das nach dens Muster des Programms der deutschen sozialdemokratlschen Partei verfaflt ýwar. Wenn die 1. S. P.,, dank der Erfahrung des Trlpolliskrieges und der besonderen Lage Italiens zu Anfang des imperiali.stischen Krieges, nuicbt in die Falle eines offenkundigen Sozialpatriotismus geriet, so bestand d~ie Mehrzahl der Partel und ibrer Fliheier dennoch burner aus Soziaidemokraten: weun der Maximalissnus und der Bolschewlismus Serratis und seiner Anhinger irn groflen und ganzen nicht als eline Bewegung betrachtet werden kann, die auf Unehrlichkeit und Abenteurerlust beruht, so mull sie immerhin als. em. Erscheinung der Nachkriegszeit angesehen werden, die sich aus der ungenfigenden Kensitnis der konsmunistischen Prinzipien ergibt. Spiterhin, als die neuen Verhiltuisse des Klassenkampfes und die von der historiscben Aufgabe des Proletariats diktierten Forderu~ngen es unumginglich notwendig machten, in die proletarlscbe Bewegung Italiens Klarheit h-iineinzubringen, bestand dieser KlIfrungsprozell gerade in der Lilquidation des- sozialistiechen Maxi.. inalismus. Dieser Prozell vollzi~eht sich noch jetzt. In der Tat, die italientischen Serratianer ereilt jetzt das Schicksal aller Renegaten der Kommnunistischen Internationale: die Bourgeoisie und die Soz-ialdemiokeatie verwenden sic ins Kampfe gegen die Kommunisten. Aber 'in dem Augenblick, in dens es sich erweist, dafi sic den Interessen der Gegenrevoluition nfltzlich genug gewesen sAnd, werden sie tiber Bord geworfen. Die Reformisten vom' Schiage Turatis haben Jetzt in dcr 1. S. P. die Hcrrschaft erlangt: die Menschewisten der 1. S. P. haben das bei ibren letzten politisehen Aktionen zur Gealige gezeigt. In der Rede, die Turati ins Namen der sozialistischen parlamentarlschen Gruppe kfirzlicb ins Parlansent hielt, hat cc dec gemneinsamen Arbelt der Sozialisten mit der Bourgeoisie cmn Loblied gesungen und am Schlusse ausgerufen:,,Es lebe Italien!"' In einer dec Sitzungen sandte Treves eim Begrifl~ungstelegrarnm an die Menschewis-ten Grusiens m it dens Ausdruck des Protestes, gegen den,,bnrbarlschcn"' Bolselhewismus. Jetzt haben die Xommunistcn-Unitaristen" mid

Page  118 i ' \1 t- - ARDITO ROSSO die Reformisten aus der I. SO P. hinauezuwerfen, Sie miissen daher,selbst die Partei verlassen. -Nach der endgiiltigeni Liquidation des Maximalisraus -und des Serratianertums in der I. S. P. wird sich die Vereinigung mit der Kommunistischen-, Partei.voliziehen, ein Prozefi, dem a"hnlich, der in Deutschland bei der Spaltung der Unabhangigen sozialdemokratischen Partei beobachtet wurde. Ein Faktor, der den Liquidationsprozef des inhalts- 'und kraftlosen italienischen Maximalismus fbrderte, war der Fascismus, dessen Sieg die Lage in Italien im Verlaufe des ietzten halben Jahres vollstaindig anderte. Wir wollen jetzt "diese Erscheinung, thren Ursprung und das Wesen der Wirksamikeit des Fascismus niher kennen lernen. 2. Der italieniscAe Fascismus. Die Entstehung der fascistischen Bewegung und der Konflikt aus Anlafi der Angelegenheit Fiume sind zwei sehr interessante Erscheinungen im Leben Italiens. Von einem gewissen Ges'ichtspunkt-aus k8nnen sie als ein Ausdruck der internationalen Reaktion in Italien angesehen werden, aber es sind ihnen gleichzeitig spezifische Besonderheiten eigen, die in der internationalen Lage Italiens begriindet sind. Die Stellung, die Italien, im internationalen Lebencinnimmt, ist sehr charakteristisci. Trotzden sich Italien an die. Entente angeschlossen und infolgedessen. seinen Anteil am Siege erhalten hat, hat es die- schicksalsschweren Folgen des Krieges auf dem Gebiete der Politik und der Wirtschaft ebenso erfalren miissen wie die besiegten Latnder. Infolge dieses Kontrastes zwischen dem militarischen Siegesrausch und der 60konomischen Lage Italiens ist unter den proletarischen Massen eine gegen die Bourgeoisie gerichtete und die soziale Revolution erstrebende kolossale Bewegung entstanden. Aber derselbe Kontrast hat auch eine Unzufriedenbeit rein nationalistischen Charakters hervorgebracht, Der italienische Fascismus nimmt seinen Anfang und hat seine Wurzeln tatsiichlich in dieseri nationalen Unzufriedenheit. In Italien gab es sehr viele sozialdemokratische und kleinbiirgerliche Elemente, die den Krieg, gewoilt und ihn mit Begeisterung unterstditzt haben; - sie~waren noch grbil3ereY(ilsonisten als Wilson selbst, sie glaubten an den revciutioniiren und demokra-tis~chen Charakter des Weltkrrieges. Diese Elemente,: aus- denen eizi grol3er Teil.der sogen.,,Interventionisten"' bestanden hat, zerfielen nach.Beendigung des Krieges in zw~ei Richtungen; die. eine,. mit Bissolati. an. der.Spitze, sah. di:Uzzgerechtigkeit~ des FriedenSvertrages eip.,~ suchte die nationalen Forderungen zu daimpien und sprach sich entschieden gegen die Annektion SUidtirols und Dalmatiens aus. (Die Vertreter dieser Richtung nannte man,,Rinunziatari" - die,,Verleugnenden".) Der andere Teil der,,Interventionisten", die Sozialpatrioten und die Ex-Sozialisten, angefiihrt von dem Renegaten und ehemaligen Fiihrer der I. S. P., Mussolini, (iberhob sich an den iibermaifBigen Forderungen: Diese Gruppe war es eben, die den Kern der fascistischen Bewegung bildete. Diese anfangs sebr bescheidene fascistische Richtung organisierte kleine aktive Agitationszellen. Zu ihr ziihlte eine Gruppe von durchaus ehrlichen, idealistisch gesinnten Nationalisten, futuristischen Kiinstlern mit d'Annunzio an der Spitze, die ihre Agitation gegen die neutrale Position der Bourgeoisie und deren Ha"'upter Giolitti und Nitti richtete und sie beschuldigte, die Friiucte des Krieges nicht ausgeniitzt zu haben. Die Gruppe Mussolini kiimpfte mit der i. S. P., die mit ihrer kriegsfeindlichen Tendenz wihrend des Krieges und ihrer antimilitaristischen Propaganda nach dem Waffenstilistand den Sieg sabotierte und Italien die Kriifte entzog, deren es bedurfte, ur von seinen ehemaligen Bundesgenossen die Anerkennung seiner Rechte zu erzwingen. Wie wir bereits sagten, war der Fascismus in der ersten Periode seiner Entwicklung ganz bedeutungslos. Weder die Regierung noch die kapitalistische Kiasse nahm diese Bewegung ernst; bei den Wahien in Mailand im November 1919 erhielt Mussolini nvur 4000 Stimmen. Die wirkliche Entwicklung des Fascismus beginnt erst in dem Augenblick, in dem die Begebenheiten in Fiume einsetzten, als d'Annunzio an der Spitze einer aus Legioniiren und Fascisten bestehenden Expedition im Namen Italiens Fiume besetzte. Das fiihrte dem Fascismus die Sympathien der Nationalisten zu und iiberzeugte andererseits den intelligenteren Teil der Kapitalisten und Reaktionaire davon, dafl es im Lande, aufler dem Proletariat und dem Sozialismus, die damals in voller Bliite standen, noch eine andere lebendige Kraft gab. Die Ereignisse in Fiume gaben der Entwicklung des Fascismus einen starken AnstoB. Wiihrend die Idealisten, mit d'Annunzio an der Spitze, sich in Fiume auihielten und sich mit nationalistischer Lyrik beschiiftigten, blieb eine andere fascistische Gruppe unter der Leitung Mussolinis in Italien und suchte die Sympathien der Nationalisten fair sich auszuniitzen. Sie eignete sich die, fiir Fiume gespendeten Ge~lder an und rtiachte diese Stadt zu ciner Basis iflr ihre Organisation und Hir die Bewafinung der farscistischen Banden, die sp~ter im Interesse des Kapitalismus und Militarismus einen butuigen Kampf gegen das italienische Proletariat aulnabmen.

Page  119 PERSPEKTIVEN UND LEHREN DER REVOLUTIONAREN KRISIS IN ITALJEN 119 Bis ztim Herbst 1920 bildeten die Fascisten nur kleine Gruppen, die nichtsdestoweniger bei ihrem Kampfe gegen das Proletariat mit elnem leichten Sieg rechnen konnten. In dieser Periode strebte die ganze proletarische Masse zum.Bolschewismus, wihrend die Intelligenz, die Kleinbourgeoisie und das Halbproletariat ihre Krifte und ihren EinfluB noch keiner bestimmten politischen Gruppe zukvandten. Die Kleinbourgeoisie blieb in ihrem Verhiiltnis zursozialistischen und fascistischen Bewegung lange Zeit hindurch unentschlossen. Die verhiibtnismfifig zahireiche Kategorie der Halbproletarier und der Intelligenz befand sich infolge des Krleges in einer sehr schwierigen Lage, sowohi in politischer ale auch in 6-konomischer Hinsicht. Nach dem Kriege schlof3 sich das Proletariat politisch entschieden an die maximalistischeRichtung an, aber gleichzeitig erkannte es die I. S. P. als seine Partei an. Das Proletariat schuf seine 6konomischen Organisationen, so daf es ihm sofort gelang, sich die politische Herrschaft zu sichern, die, im Gegensatz zu dem EinfluI3 der schwachen politischen Organisationen der Bourgeoisie, stetig stairker wurde. Das Proletariat verbesserte seine 6konomische Lage, denn die Industriellen waren furchtsam und sahen sich gezwungen, den Forderungen der Arbeiterklasse nachzugeben. In Italien wurde eine Erschelnung beobachtet, die (ibrigens international ist: das stfidtische und das Landproletariat war in einer besseren Lage ale die Mittelklasse Diese letztere war gezwungen, die schweren Lebensverhaltnisse des Konsumenten zu tragen und konnte sich keine besseren Existenzbedingungen sichern. In der ersten Zeit nach dem Kriege schlossen sich starke Gruppen der italienischen Intelligenz - vom Kriege heimgekehrte Halbproletarier - dem Sozialismus an und waren bereit, an den gegen die kapitalistische Ordnung gerichteten Aktionen teilzunehmen. Aber die sozialistischen Organisationen haben in der Mehrzahl der Fille diese Elemente zuriickgewiesen; die I. S. P. war sogar bestrebt, die Massen in emn feindseliges Verhaltnis zur Intelligenz zu bringen, besonders zu denjenigen ibrer Vertreter, die am Kriege teilgenommen haben, ohne dabei die- Ausbeuter von den Opfern zu unterscheiden. Die proletariechen Massen Jehnten es sogar ab, die Invaliden zu unterstiitzen, und ihr IHa13 gegen jene, die fair den Kr~ieg verantwortlich waren, richtete sich auch gegen die Opfer~ des Krieges. Die von der politischen Organisation der Yozia~ listen zuriickgewiesenen Vertreter der Mittelkla~ss waren bereit, nachdem sie in den` wirtschaftlichen Organisationen kelne Unterstiitzung gefunden hatten, den Einfluisterungen der Feinde dee Prole tariats zu glauben, dafl die Not der BevYlkerung, die Verteuerung der Lebensmittel usw. eine Folge der maflosen Forderungen der Arbeiterklasse sei, die zu den hohen Lbhnen gefiihrt hitten. Zum Fascismus trieb die Mittelklasse auch der Umstand, daB dieser gewissermaBen ein Protest gegen die Arbeiteraristokratie und gegen die Millbraiuche der utilitaristischen und opportunistiechen *Sozialdemokratie war. Es darf-auch nicht verschwiegen werden, dafl die Vertreter der I. S. P. und der roten Arbeiterorganisation auf dem Gebiete der Gemeinde- und Kreisverwaltung ha"ufig in elner Weise wirkten, ale wenn sie selbst eine Empiirunggegen ihr System in den italienischen Provinzen inszenieren woilten, gerade dort,4wo sie die leitende Rolle spielten - in Bologna, Reggio-Emilia und Ferrara,: alles das geschah, im Namen des Bolechewismus, nach dem System der privaten Bevorzugung und der individuellen Ausbeutung, die dem bargerlichen System in nichts nachgab. [nter diesen Umstanden zettelten die Fiihrer des Fascismus im Einverstlndnis mit den Vertretern des Nationalismus und mit den durch den Krieg reich gewordenen Millionadren ein geschicktes Spiel an, in dem sie die antiproletarische Propaganda im Namen,,GroB-Italiens" und im Namen des Gedankens fihrten, die Friichte der schweren Opfer des Krieges zu ernten; auch gaben sie vor, die Verbraucherklasse von den Vergewaltigungen seitens der Produzenten befreien zu wollen, Andererseits rief die wachsende Gefahr, die in Italien durch die Expropriation der Fabriken seitens der Metallarbeiter und des Bodens - seitens der Bauern (August/September 1920) akut geworden war, in der biirgerlichen Regierung eine grofle Unruhe hervor und veranlalte die Kapitalisten, mit der Reaktion einzusetzen. Der gliickliche Ausgang der Expedition nach Fiume und die ersten Erfolge der fascistischen Gruppen fiberzeugten die Regierung und die kapitalistieche Klasse davon, daB es vorteilhaft wire, den Fascismus ale eine illegale Organisation falr ihre Zwecke zu verwerten. Nachdem sich in Fiume und Mailand die ersten fascistiechen Banden bildeten, begannen sofort die ersten Angriffe in jenen Provinzen, in denen die Verh"iltnisse einigermalien gfinstig waren, also da, wo die Kleinbourgeoisie am meisten unterdrilckt wurde - in Bologna und Ferrara. Schon in der ersten Periode, ale die Tftigkeit der Fascisten noch von geringem Einflufl war, wirkte der Erfolg des Fascismus vernichtend auf den italieniechien sozialistiechen Maximalismus. ~Der Fascismus nahm in dem Malie an Bedeutung zu, ale sich alle von der ~Leichtigkeit iiberzeugten, mit, der d ie ArbeiterorgBanis atione n vernichtet wurden, sowie von der verlogenen Geschwditzigkeit uind K~raftlosigkeit der italienieichen Revolution~re und: der Tateache, dali die Maseen zu revolutionren~

Page  120 ARDITO ROSSO _ Aktonen und revolutionlren Bewegungen fiberbaupt nicht vorbereitet waren. Dem Fascismus schiossen sich zahireiche Gruppen kiener Bourgeois und Landstreicher an, die von den groflen Summen angelockt waren, mit denen der Kapitalismus die fascistischen Organisationen versorgte, und von den groflen Vorrechten, die ihnen dank der Leichtigkeit, mit der man sich an den Sozialisten und Proletariern ifir die erlittenen Krankungen richen konnte, zustanden. Dabei spielte ein psychologischer Faktor eine grofle Rolle, der den Schwankungen der Mittelkiasse zwiscben Proletariat und Bourgeoisie ein Ende machte: voile'zwei Jahre wartete die grofle Masse der italienischen Bevolkerung auf den Augenblick, in dem die Sozialisten die Revolution verwirklichen wiirden, die Revolution, die sie von der steten Anspannung und Angst endlich befreien wiirde. Die Halbproletarier und die Kleinbirger neigten zunIchst dizu, in der bolschewistischen Gesellschaftsordnung eine bessere Ordnung der Dinge zu sehen. Aber als es kWar wurde, daO die italienischen Sozialisten nur fu"r die Zerstoirung,taugten, dali sic aber nicht imstande waren, eine tiefe revolutionfire Bewegung in die Wege zu leiten ud die Grundlage ffur eine neue Ordnung der Dinge zu schaffen, da begann die Anzahl derjenigen zu wachsen, die um jeden Preis, selbst um den -eine'r Rcaktion, die Wiederherstellung der friiheren Gesellschaftsordnung wiinschten. Dieser psychologische Faktor und die -Hoffnung, ibre Lage durch, die Wiederherstellung der friiheren Ordnung zu. bessern, fu'hrten dazu, daO die Mittelklasse die fascistische Bewegung zu unterstiitzen begann: eine Menge Studenten, Offiziere und Beamte schiugen sich zu dieser Bewegung. Diese Unterstuitzung festigte endgiiltig den zerstorenden Erfolg des Fascismus, an dem auch die von der Rettung Italiens triumenden und betrogenen Juinglinge teilnabmen, Serner Menschen, die nach politischem Ruhm strebten, und endlich gewt'hnliche, durch hohen Lohn angelockte Verbrecher. Dem Fascismus traten auch manche arbeitslosen Arbeiter bei, die der Hunger auf den Weg des Mordes ihrer Briider fmihrte und schlieflich einige von den fruiheren revolutioniren Arbeitern, die man davon iiberzeugt hatte, dafl es vollstaindig gerecht sei, gegen die Fi*hrer der sozialistischen Bewegung und die Leiter der Gewerkscbaften, die die Arbeiterklasse betr~gen mid verraten haben, erbarmungslos zu sein. Gleichzeitiig mit der Ausbreitung der Wirksamkeitdr Fascisten und ihren Erfolgen verschwanden die idal~~istishen Elemente aus dieser Bewegung, besoder nach den Abenteuern in Fiurne. Gegen d'nnnio und seine fascistischen Legioniire, die dieAbict batten, im Namen des Nationalismus i' wabnrea Revolution zu machen, bewailnete sich gegen das Ende des Jahres 1920 die Regierung Giolittis, die den treugebliebenen Truppen den Befehl gab, gegen das Hoer d'Annunzios vorzugehen. In diesem Moment nachte der biirgerlich militaristische Block Italiens eine schwere Krisis durch, die vom Proletariat leicht hfitte ausgeniitzt werden kunnen. Aber die I. S. P. leistete wieder der biirgerlichen Regierung einen guten Dienst mit ihrer gegenrevolutioniaren Politik, indem sie das Proletariat von der Notwendigkeit uiberzeugte, die Wiederherstellung der Ordnung in Fiume zu fordern. Die italienischen Fascisten mit Mussolini an der Spitze bewahrten bei dem Angriff der Regierung auf die Legionbire Fiumes eine schmachvolle Neutralitit. Sie nfltzten auch das Verschwinden des Idealismus in der fascistischen Bewegung aus, um sic ausschliefilich den antiproletarischen Aktionen nutzbar zu machen und einen furchtbaren blutigen Friihling zu inszenieren. 3. Neue Perspekfiven der revolufiondiren KrIsis In Ifalien. Die Verwertung der fascistischen Bewegung seitens der legalen und der illegalen Reaktion fiihrte in der ersten JabreshuIfte 1921 zu einer schweren Niederlage in Italien. Au! diese Weise haben- gegenwalrtig die kapitalististische Kiasse und die biirgerliche Regierung den Hbhepunkt ihrer politischen und militirischen Herrschaft erreicht. Dieser Umstand fiihrte keineswegs zu einer L".. sung der 0-konomischen Krisis: im Gegenteil, die, Krisis spitzte sich mehr und mehr zu, Andererseits flihrte jener Weg, dank welchen die kapitalistische Kiasse ihren Triumph feiern konnte - der Weg der Ausniitzung des Fascismus.-, die. Bourgeoisie zu neuen Formen der inneren Krisis. die jetzt einen drohenden Charakter angenommen hat. Allerdings wurde der Fascismus unterstiitzt, geleitet und genaihrt durch den industriellen und agrarischen Kapitalismus, und seine ganze TaLtigkeit ging zugunsten des Kapitalismus. Aber diese Tatsache indert nichts daran, dali diese Bewegung ihrem Charakter nach eine Organisationsform der breiten, der Kapitalismus fernstehenden Schichten ist: der Kleinbourgeoisie, der Intelligenz, des Haibproletariats, - von Menschen, die arbeitslos und aus dem Geleise geworfen sind. Es gelang, diese Masscn in einem gunhstigen Augenblick tats~chlich auf dem Weg des Kamples mm Interesse des industriellen und agrarischen Kapitalismus mit sich fortzureilien, denn sie hofften, dali dieser Krieg der Kleinbourgeoisie vorteilbaft sein wuirde. Nach einer Periode der Schwankungen und Illusionen wurde cs offenbar1 dali die okonomischen Interessen und Bestrebungen der Kleinbourgeoisie durchaus nicht

Page  121 PERSPEKTIVEN UND LEHREN DER REVOLUT identisch sind mit den Interessen des industriellen und agrarischen Kapitals. Wenn es fMr den Kapitalismus andererseits vorteillaft war, die aktiveren und gewalttatigen Eletente der Mittelkiasse zu organisieren, zu erhalten und aufzuhetzen, so scheint es rehr als unwahrscheinlich, dafl er imstande gewesen wiare, jene Krifte, die er selbst heraufbeschworen, 1angere Zeit in seiner Gewalt zu halten, Ir Gegenteil haben diese gewalttiitigen, nahezu wilden, von der Klein-.bourgeoisie und der Halbproletariat losgelisten Elerente eine naturgern-Be Tendenz, in ihren Handlungen jene Grenze zu iiberschreiten, die ihnen von ihren allzu schlauen Organisatoren vorgezeichnet war. Kurz gesagt: sie haben die Tendenz, ir wirtschaftlichen Interesse ihrer Kiasse zu handein. Uns Marxisten kann das nicht wunder nehmenf Wir haben jetzt in Italien zweifellose Beweise fulr die beiden geschilderten Erscheinungen: die Fascisten verfolgen ihre ziigellose gewaittiatige Wirksamkeit in den verschiedensten Richtungen und in merkwiirdigen Formen, unbekiimmert ur die Versuche der Kapitalisteri, sie zu zilgeln, Bemerkenswert ist, dag die Fascisten blutige Akte gegen die,,Volkspartei", d. h. gegen die kierikale Partei veriibt haben, die eine iiberzeugte Ordnungspartei ist. Kiirzlich organisierten die Fascisten in den grol3en Staidten Italiens eine Bewegung gegen die Le~bensmittelteuerung und forderten unter Anwendung von Gewalt die Hindler zur Herabsetzung der Preise auf. Die Bestrebung der weitsichtigen Kapitalisten und der Regierung liegen auf der Hand. Sic wollen den Terror, der letzten Endes zu den entgegengesetzten Ergebnissen gefiihrt hat, dampfen: die Empo-rung der Haindler und Geschaiftsleute in Italien ist aus AnlaI3 der letzten Heldentaten der Fascisten sehr grog, Viele angesehene Kommunisten meinen, daB die Kapitalisten und die Regierung in ihrem Wunsche, die Fascisten zu ziigeln, nicht aufrichtig sind, daB sie, ur die Massen zu betriigen, demagogisch vorgehen. In der italienischen komrunistischen Presse wird oft die Ansicht ausgesprochen, daB der Fascismus lediglich als die auiferste, konservativste Organisation der Kapitalisten anzusehen sei. Aber diese Einsch!tzung ist nicht richtig. Wire der Fascismus wirklich emn Werkzeug der kapitalistischen Organisation, so wiirde er die kapitalistisehen Interessen nicht nur auf dern 5konomnischen, sondern auch1 auf dern politischen Gebiete wahren, utnd er wtirde die Eroberung! der politischen Macht erstreben und die Interessen der Kapitalisten sowohi in parlamaentarisch~en Kombinationen, als auch in den Fragen fiber~ Krieg und Frieden verfoligen. Wir sehen aber, daB der Fascismus sich an! dem politischen Gebiet von den (ibrigen biirgerlichen Frakctionen isoliert und eine besondere parlarnentarisehe Gruppe von 35 Deputierten gebildet hat; er ist i gar mit den Nationalisten nicht liiertt. Ebe wenig, wie er bisher die politische Machtstiellu erstrebt hat, wird er dies wohi auch weiteri tune Au! dem rbkonomischen Gebiet aber fiihrt der Fascismus einen Straflenkampf, der den Interessen der Kapitalisten keineswegs entspricht. Es ist wahr, ir Vorgehen der Fascisten racht sich in letzter Zeit eine gewisse Bestrebung geltend, die Sympathien der Konsufnentenrassen zu gewinnen. Aber auch diese neue Tendenz der Fascisten steht im Einklang mit den materiellen Interessen jener Gesellschaftsschicht, aus der die ersten Elerente der fascistischen Organisation hervorgegangen sind, d, h. mit den Interessen der Mittelkiasse, Es versteht sich von selbst, daB sowohi die Mittelkiasse als auch der Fascismus gegenwirtlg bestrebt sind, sich zu der Staatsautoritit und zu dem Groflkapital in Gegensatz zu bringen: die halbproletarischen Massen glaubten, daB das Durchdringen des Fascismus und der Reaktion zu einer L.0-sung der f-konomischen Krisis und zu einem Ende derNotlage derKonsumenten fiihren wiirde. Aber es bleibt ihnen augenblicklich nichts anderes uibrig, als einzusehen, da3 diese Hoffnungen verfehit waren end daB der Sieg der Reaktion nur dem Kapitalismus genfitzt hat. Die Fascisten haben bisher nur deshaib so energisch gegen die roten proletarischen Organtsationen gekiimpft, weil sie in der Agitation der Arbeiter die Ursache der 0konorischen Krisis erblickten, statt diese Agitation als ein Symptom und eine Folge dieser Krisis selbst zu erkennen. Auch in ibrem jetzigen Kampf gegen die Teuerung und gegen die Haindler machen sie denselben Fehier, indem sie gegen die Folgeerscheinung der kapitalistischen Ordnung kimpfen end nicht gegen ihre Grundlagen, Wie die Absichten der Fiihrer der Fascisten auch sein magen, so miissen wir jedenfalls im rHirblick auf die neue Position des Fascismus und au:f die Krisis, die der biirgerliche Block augenbliklich durchmacht, fuir die weitere Entwicklung der Krisis in Italien folgende SchluBfolgerungen ziehen: der Fascismus ist keineswegs eine rechtsradikale italienische kapitalistische Organisation, er ist eine besondere Protestform, die mit der 6kono-mischen Krisis und mit der Krisis des gegenwirtig in Italien herrschenden Klassenbewuftseins verbunden ist. Es ist notwendig, diese Krisis, die der burgerliche Block dem Fascismus zu verdanken hat, au!merksam zu untersuchen, auch miossen wit die durch diese Krisis hervorgerufene Zersezg d-- dernokratischen Prinsipien in Italien im Zusain-~ menhang mit den Ursachen end dena Erachinungs-~ formen dieser Krisis ze vers~tehen suehen Au.

Page  122 -__ _;;__ ---- -- I gehend von der kommunistischen Doktrin, ko*nnen wit im Interesse der proletarischen Revolution zur Zeit dieser Krisis einen bestimmten taktischen Weg einschlagen. Diese unsere Erwiigungen werden noch kiarer sein, wenn wir die Lage des Proletariats und der kommunistischen Bewegung in Italien irn Zusammenhang mit der aligemeinen Lage im Lande eingehender untersuchen werden. Der gegenwartige materielle und rnoralische Zustand des italienischen Proletariats ist vom Standpunkte der proletarischen Revolution als ein durchaus giinstiger zu betraclten, wenn man die ailgemeine -Lage der Dinge in Italien beriicksichtigt. Diese Behauptung ist indessen nut relativ zu nehmen. Es datf nicht verschwiegen werden, daO die Lage des italienischen Proletariats, von einem beStimmten Gesichtspunkt aus betrachtet, der revolutionaren Arbeit grofe Schwierigkeiten entgegensetzt. Diese Schwierigkeit Iiegt nicht in der Reaktion und auch nicht im Fascismus, wie man geneigt ist anzunehmen. Diese Schwierigkeit besteht in der Tatsache, daBl das Proletariat seit den letzten Monaten saimtliche revolutionaren Parteien mit absolutem Mifltrauen betrachtet. Die Entta-uschung und die Verzweiflung, die der Verrat der I. S. P. in den Massen geweckt hat, waren so groB, daB sie die gesamte proletarische Bewegung erfal3t haben. Keine Partei, kein Mensch ist augenblicklich im Stande, die breiten Massen nach dem schmachvollen Verrat der T. S. P. fair die Sache der Revolution zu begeistern. Das bezieht sich auf die breiten Massen. Aber es gibt sebr breite Schichten des Arbeiter- und Bauernproletariats, die dem Kommunismus kiassenhewufte Tretie bewahrt haben und die von so starkem"Glauben beseelt sind, daB sie ffur die soziale Revolution kaimpfen werden. Wena diese Gruppen zu aktiven Aktionen technisch vorbereitet sein werden, wen. sie im Stande sein werden, den Kampf aufzunehmen, dann werden die breiten italienischen Massen ihnen nicht nut keine Hindernisse in den Weg legen und ihr Vorgehen nicht sabotieren wie man das von den sozialdemokratischen Massen der anderen Lander, insbesondere in DeutschOestetreich, erwarten k*nnte -, sondern sie werden ihnen begeistert folgen. Die italienischen ptoletarischen Massen' bleiben Sowjet-Ruilandi, ungeachtet aller Gaunereien ibrer sozialdemokratischen Fiihret, treu, und sind der Sowjetidee fanatisch ergeben. Abet sie warten auf:eine ernsthafte tevolutionare Votbeteitung und auf die Offensive der Vothut, urn Rufliand mit Begeisterung zu folgien. Ueberdies ist das italienische Proletariat gezwungen, diesen Weg zu betteten, weil: die schwierige Lage keine andete Wahl liult ale die zwischen einet 6konomischen und politi ARDITO ROSSO schen Sklavetei einerseits und det Revolution andererseits. Die tatsachliche Lage Italiens schlieflt jetzt jede Maglichkeit aus, der sozialdemokratischen Parole zu folgen: das Stteben nach dem Wohlergehen des Proletariats mit Ausschlul des revolutionaren Kampfes. Zwei Jahre lang lebte Italien in,,sozialdemokratischen" Verhalltnissen, d h. wit hatten bier einen gewissen Wohlstand des Proletatiats, ohne den revolution'iren Kampf. Aber diese Lage der Dinge fand ihr Ende, sobald die Bourgeoisie die Offensive aufnahm. Das italieniscbe Proletariat wurde sich datiiber kiar, daB es sich bei den gegebenen Verhaltnissen um die Aussicbt auf Hungertod und Sklaverei ban(elt, Iihnlicb dem Zustande, wie er vor vierzig Jabren gehetrscht hat, - vorausgesetzt, daB die Frage einer entschlossenen tevolutionaren Bewegung nicht auf die Tagesordnung gesetzt wird. Zu dieser stteben die proletarischen Massen, ur sich an den fascistischen Banden ffar ibre unerhdirten Grausamkeiten und Niedertriichtigkeiten zu richen. Die Fascisten vertibten in Italien Gewaltakte, die einer Horde von Wilden wiitdig gewesen waren: in bestialischer Weise mordeten sie Arbeiter, Frauen und Kinder. Abet dies rief seitens der Bauern einen wiitenden Protest hervor. Einige det Fascisten wurden mit Aexten in Stiicke gehauen. Gerade die Bauernschaft sttebte nach revolution t4er Rache, weil sie durch das Banditentum der Fascisten am meisten gelitten hat. Die Entstebung und die Entwicklung der Italieniscben Kommunistis c h e n P a r t e i ist eine historisehe Folge der allgemeinen Lage in Italken und des Zerfalls der sozialistischen Bewegung. Die Gru*ndung einer kommunistischen Pattei war eine unbedingte Notwendigkeit fu*r die proletarische tevolutionate Bewegung in Italien. Sie rettete die iibriggebliebenen Teile des Organismus des italienischen Sozialismus und bewahrte sie vor dem inhaltlosen Maximalismus und vor dem passiv-tevolutionaren Pazifismus. Anlaiflicb der Entstehung der kommunistischen Partei in Italien kb*nnte man nut den Umstand bedauern, daB die Spaltung so spa"t zustande kam, daB wit solange auf jenen Moment warten muBten, da der Reformismus und Pazifismus nahezu den gesamten italienischen Sozialismus erfaft batten. Diese Vetziagetung und das weitere Verbleiben der Kommunisten in der I. S. P. fiibrten dazu, daB die Kommunisten die Verantwortung fat den Verrat der I. 5;- P. den A~rbeitermassen gegeniiber zum Teil auf sich nebmen muflten. Man kann bedauetn, daB die kommunistischen Fiibrer, als sie noch in den Reiben der I S. P. waren, solange scbwankten, und daB3 auch nach der vollzogenen Spa'ltung Febler unterlief en. Den Hauptfehler beging Genosse Gennari. Er war Sekretiir der I. S. P. Als Serrati, der imo Part4~i

Page  123 ~_ _ ~: _:: -_,.:~-:..:::::;:::~_:.::;,:~i;l_:_~ PERSPEKTIVEN UND LEHREN DER REVOLUTIONAREN -KRISIS IN ITALIEN 123 - komitee in der Minderheit blieb, deshaib seinen Posten als Redakteur des Parteiblatts,,Avanti" aufgeben woilte, iiberredete ihn Gennari, auf diesem Posten zu bleiben, und erleichterte ihm dadurch die Aufgabe, bis zum KongreB in Livorno die proletarischen Massen zu vergiften und zu hintergehen. Wir iibertreiben nicht, wenn wir behaupten, daB der Feldzug des,Avanti" vor dem Kongre3 eine der J!faipuirso- che- war, daBl die Kommunisten in Livorno in der Minderheit blieben, Der Zersetzungsprozel, der die ganze I S. P, rgriffen hat, war so ticlg -%cnd, d6.3 der Bruch.er Kommunisten mit der Partei die Einheitlichkeit der revolutionairen Bewegung in Italien nicht von neuem bedrohte, Obwohl der Austritt der Maximalisten und der Serratianer aus der Partei im ersten Augenblick zu dem unerwiinschten Verlust einiger revolution"arer Gruppen fiihrte, war das in Wirklichkeit nur ein geringes Uebel, mit dem man sich abfinden multe, woilte man die 1, K. P. vor den Gefahren schiitzen, die ihr von seiten des Zentrums und des Opportunismus drohten. Der Entstehungsproze3 der I. K. P. entsprach durchaus den Forderungen des Programms der Kommunistischen Internationale und der Lage der Dinge in Italien. Die neue Partei stief3 bei der Schaffung ihrer politischen Organisation end bei ihrer Arbeit unter dem Proletariat auf groBe Schwierigkeiten. Bei jedem Schritt stief sie auf eine starke kapitalistische Reaktion und auf die Intriguen der Serratianer. Diese Schwierigkeiten vergro"Berten sich in bedeutendem Mafle durch das Zo-gern mit der Loslasung und durch die Schwankungen der zu der I. S. P. gehorenden kommunistischen Fiihrer. Die kommunistische Bewegung hat in Italien noch nicht die Entwicklung durchgemacht, die im Augenblick ihrer Entstehung vorauszusehen und auch zu erwarten war, wenn man die objektiven end subjektiven Bedingungen des Lebens der proletarischen Massen, die bikonomische und politische Lage des Landes end die Arbeit der Parteigenossen in Betracht zieht. Statt der Festigung end Entfaltung ihres politischen und 6konomischen Einflusses verblieb die Partei in ihrem friiheren Entwicklungszustande, ja, sie schien sogar einen gewissen Teil des Einflusses auf die Arbeitermassen eingebiil3t zu haben, wie dies an gewissen Symptomen (z. B. der Verlust einiger Arbeiterkammern und die Ergebnisse der letzten Parlamentswahlen) zu beobachten war. Die Griinde fuir die stockende Entwicklung der italienischen Bew~egung l~agen im Charakter der praktischen Wirksamkeit der I. K. P. Jedenfalls hiingena die Ursachen fuir die verspiitete Entwricklung der kommunistischen Bewegung in Italien in keiner Weise mit der aligemeinen Stimmung zusammen, die in so hohem Ma~e als revolutionur bezeichnet werden kann; auch haingen diese Ursachen nicht mit den objektiven und subjektiven Existenzbedingungen der breiten Volksschichten zusammen, die immer bereit sind, sich der kommenistischen Bewegung anzuschlieBen. 4. Das Gesamibild der Lage in Ifalien und Sofju13folgerungez-.i Das Gesamtbild der Lage in Italien bestautigt entschieden unsere Meinung, daB die Mi-glichkeiten end Kriifte der italienischen proletarischen revolutioniiren Bewegung keineswegs iiberschutzt werden diirfen. Gleichzeitig k-nnen wir aus diesem Gesamtbild einige Schluffolgerungen ziehen, die nicht allein vom Gesichtspunkte der italienischen, sondern auch der aligemeinen internationalen kommunistischen Bewegung erwaihnt zu werden verdienen. Die eingehende Untersuchung der Lage der Dinge, in Italien hat uns gezeigt, daf sich die okonomische Krisis immer mehr zuspitzt und daB somit die grundlegenden, ffur die Entwicklung der kommunistischen Bewegung erforderlichen Bedingungen vorhanden sind, Ueberdies hat die politische Krisis in Italien einen so hohen Grad erreicht, daB die demokratische Ordnung endgfiltig aus dem Gleichgewicht gebracht ist. Das letzte politische Ereignis in Italien ist der Sturz des Kabinetts Giolitti, auf das die italienische Bourgeoisie im vorigen Jahre alle ihre Hoffnungen gesetzt hatte; e' war der letzte Rettungsanker, der das nationale Leben des Landes zur Gesundung fiihren sollte. Es war unm6glich, die Krisis auf eine reaktiona-re Weise zu l6sen, etwa mit einem Ministerium Salandra. Die Bildung des Ministeriums, Bonomi mit Unterstiitzung aller demokratischen Parteien und mit einer indirekten Sanktion der Sozialisten bedeutet keine LO-sung der politischeni Krisis. Es wird sich bald die Notwendigkeit zeigen, sich entweder fMr ein rein reaktionaires Ministerium (Salandra) oder'f Mr ein sozialdemokratisches (Turati) zu entscheiden. Jedenfalls ist der Versuch, das -Gleichgewicht herzustellen, migglickt, und die italienische Krisis vollzielt sich auch weiterhin in ihren blutigen Bahnen auferhaib des Rahmensý einer demokratischen Konstitution. Der in letzter Zeit zwischen Fascisten end Sozialdemokraten geschlossene Friede legt ncr ein schmachvolles Zeugnis ab von der Lage, in die die I. S. P. geraten ist; Die -Kommunisten, die Arbeiter end die Bauern haben ~mit den ]Fascisten keinen Frieden gescilossren, end d~er Buirgerkrieg in Italien wTird fortdauern. Der biirgerliche Block, der gegenwiirtig den Hahe-- penkt seiner militiirischen end politiscien Macht: erreiclit hat, enathiilt in seiner inneren Zusammensetzung das gefurliciste Element - den 'Fascismus, der seine staatliche Existenz end wirtschaftliche Strektur untergraben wird.

Page  124 I I J I -- r- -------r Irr~ - VEN UND LERREN DER REVOL. KRISIS IN JTALJEN. - ii- '~--i I ""' ~ Die proletarisce Bewegung macht ebenfails eine risis durch. Die Periode, in der man, gestfitzt auf 4 fanatische Begeisterung der gegen die schwache id schwankende Bourgeoisie kimpfenden breiten olksmasse, glauben konnte, daB auch bier jene eraunlichen Ereignisse sich entrollen wiirden, die an von Ruflfand her kenat, ist in Italien schon )rfiber. In Italien ist die Zeit vorbei, in der an die dem Bolschewismus folgenden Massen mit Achtigkeit Eu groflen Aktionen organisieren konnte. (Eine soiche Periode macht anscheinend gegenwArtig Frankreich durch.) In Italien hat jetzt, wie (ibrigans in der, ganzen Internationale, eine Epoche aingesatzt, in der es sich darum handalt, eine starka, ernsthafte und innerlich geachiossene Organisation der prolatarischen Avantgarde zu schaffen, - eine Zeit der Vorbareitung der tachnischan Krift ffir den ravolutioniren Kampf, ffur den entscheidenden Moment der ersten Schlacht. Auganblicklich 1st es mfglich und no-twendig, die prolatarische Vorhut fuir die revolutionaire Bewegung tachnisch vorzubereiten und jane aktive Arbeit zu beginnen, die bei angem Kontakt mit den breiten Volksschichten zu dam gesetztan Ziel ftibren kann, dar Aufrichtung der proletarischen Diktatur. Die Lage in Italian gestattet uns aufiardem, folgende alularst wichtigen Schliisse zu ziehen: Die Lage in Italian zaigt, daS die von den Sozialdemokraten angastrebta Methode der Losung der -kapitalistischan Krisis, sowohi wibhrend des Krleges als auch nach demselben, unmf-glich ist, dafl die Herrschaft der bfirgerlichan Reaktion keineswags u aeiner L"sung der 6ikonomischan Krisis fiihren kann. Dies. Labre, die tns besonders durch die letaten Ereignissa zuteil wurda, Eeigt deutlich, wie fehierhaft die Taktik janer politischen Partei 'des Pro. letariats war, die gleich der 1. S. P. danach strebte, das Proletariat vor den Qualen und Opfarn zu bewahren, die mit dem revolutioniaren Kampf verbunden sind, und die das Proletariat aben dadurch webrios.machte gegenfiber den blutigan Hieben der Reaktion und der sich zuspitzandan Krisis. Endlich beweisen diese Ergabnissa dar italienischen Erfabrung die Richtigkeit jones prinzipiellen Grundsatzes, auf dem das Programm der Kommunistischen Intarnationale a ggrfindet 1st: daD das kapitalistiacha Regime absolut unfhig1 ist, die Krisis zu beseitigen, dal3 die revolutlonire Lsung dieser Krisis tats&chlich unvermeadlich ist, sowohi im Interesse des Proletariats, eais auch in dem der gesamten Manschhait; ferner: dafl jedaedirekte oder indirekte Unterstdetzung, die die Organisationen der I. Internationale dem Kapitalisius zum Zweck seinar Wiedarbalebung erveisen, lediglich dazu fiihrt, den Sieg des Prole tarlats hinauszuschiaben und den Kampf nur noch blutiger zu gestalten. Die Eweite Schluflfolgerung, die sich aus der Lage in Italian argibt, baweist die auflerordentlicha Wichtigkeit der Frage des Kriifteverhaolltnisses fiuir die kommunistische proletarische Bewegung. Die ltalianischen Ereignissa zeigen, dafl im gegenwirtigen historischen Moment die Lb*sung dieses Problems nicht nur f fr die Eroberung der Macht. sondern auch ffir die Varteidigung des Lebens der Kommunistan und des ganzen revolutionairen Proletariats dringend notwendig ist. Die LOisung des Kraftproblems hat im Hinblick auf die italienische Erfahrung noch eine andere grolia Bedeutung: die Mittelklasse, das-Halbproletariat und aullerdem gewisse Schichten des Proletariats naigen dazu, ihra Kraifte und ibren Einflufl jenar Partel zuzuwenden, die ilnen am starksten Eu sein scbeint oder as wirklich 1st. Die Erfahrung Italians beweist tins, wie unsinnig und verbracharisch die Politik jener proletarischen Partei ist, die die Mittelklasse direkt oder indirekt in die Arma des Kapitalismus ffihrt, in dessen Hainden sie nur die Rolle aines blinden Werkzeugs spielt. Die LOsung des Kraftproblems ist gleichzaitig auch die Lbsung der Aufgabe der Einbeziehung der braiten Schichten des Proletariats und der Halbprolatarier in die Sphiare der kommtnistischen Politik. Die latzte prinzipielle Lehre liefert uns die Bekanatschaft mit dem Entwicklungsgang der italienischan kommunistischer Bewegung in der letzten Zeit, Diese, die Taktik der ganzan Internationale beriihranda Fraga, hat Genosse Lenin in einer der Sitzungan des III. Kongresses der Kommunistischen Internationala scharf beleuchtet, als er die Rede des Vertreters der I. K. P. beantwortete. Genosse Lenin sagte buchstliblich folgandes: Es ist eine Schmach, sich jetzt, nach dreiainhalb Jahren der Revolution, fiber politische Tendenzen zu streiten, statt fiber die Vorbereitungen fflr die Revolution zu sprechen. Aus dam bishar Gesagten haben wir gesehen, daB die Entwicklung dar kommunistischen Bawegung sich sahr ungleichmiflig und langsam vollzog, was der revolutionlren Spannung der Laga und den materiallan und moralischen Existenzbedingungen der proaletarischan Massan durchaus widerspricht. Die stockanda Entwicklung der kommnunistischen Bawegung in Italian kann dam Umstande zugaschriaben warden, daft die I. K. P. bisher sehr viele Theorian gaschatffn und sahr vial flber die politischan Tandanzen gesprochen hat, dali sie aber auf damn Gabiete dar taktischen Entwicklung des komomunistischan Programms und auf dam der Technik der ravolutionilren Vorbareitung U~nganiigendas galelbtat hat. (Eban dashalb hielt sich die I. K. P.

Page  125 M. BORODIN: DER STREJK PER ENGLISCHEN I in Fragen der direkten Praxis in einer Position, aus der die proletarischen, Massen keinen wesentlichen Unterschied zwischen der I, S. P. und der 1. K. P. erkennen konnten.) Das wa-re die letzte Lehre, die sich aus' der Lage der Dinge in Italien ergibt: nur auf dem Wege der revolutioniia'ren Vorbereitung und der aktiven Arbeit kann die 1. K. P. ihre Organisation festigen und cine wirkliche Massenpartei werden (wie dies augenblicklich in Deutschland geschi'eht). Eine Partei, die alizuviel iiber politische Tendeuzen dis kutiert, die sich nut mit, Problemen, der politisehev und der gewerkachaitlichen Organisation beschalftigi und die Probleme der technmsch-revolutionilren Vorbereitung lignoriert, riskiert, den engen Konta kt mil den Massen zu verlieren und auf den toten Punki einer revolutioni~ren Ohnmacht zu geraten, auf den der theoretische Radikalismus sic~h mit der praic. tischen Wirklicbkeit im Widerspruch befindet. - Darn wiren unserer Ansicht nach die Lebren dei Ereignisse in Italien. Ilrdito l4OSSO. Der Sfreik der englisc~en Bergiewee und seine Ie~rem Bern. der Redaktion:- Wir md~chten die Aufunerksamkeit aller engliechen Kommunisten auf die ausgezeichnete Abbandlung des Genossen Borod'in lenken. In England sind jetzt alle Voraus-setzungen dafu'r vorhanden, dalI die kommunistische Partei endlich eine M a s s e n partei' wird. Haben der Verlauf und der Ausgang des Streiks der Bergleute niclit den Boden fu~r unsere Ideen geschaffen? 8Beweist die ganze Streikbewegung der letzten Jahre nicht auf Schritt und Tritt die Wahrheit des Kommunismus? Soliten unsere, Genossen auch jetzt nicht in die Massen emndringen ko*nnen? Gibt es jetzt in England wirklich noch einen Kommunisten, der es nicht begreift, dalI die Hauptaufgabe der Partei jetzt dariti besteht, d i e b r e i t e - sten S chi chten der Bergleute, der Eisenbahner usw. fuir die kommunistischen Ideen zu gewinnen? Heran an die Massent -- englijche Genossenf Zu den Massent und nochmals zu den Masseni G. Sinowjew. 1. Etnleitung. Der Streik einer Million Bergleute hat mit einer gfinz~lichen Niederlage ffur diese geendet. Es i0st die vierte Schlacht, die die Bergarbeiter seit dern Jahre 1919 verloren haben. Bei allen diesen Schiacliten fifihrten die Arbeiter diesen Kampf seibsta~indig und allein, ohne irgen'd eine reale Unterstiitzung seitens der fibrigen Arbeiter Englands. Weder der Dreiverband noch der Kongref3 der Gewerk schaf ten oder die Arbeiter-Partei kamen den Bergleuten zu Hilfe, und vorwiegend dadurch erklaoren sich ilire Niederlagen. Diese letzte Niederlage der Bergleute besti~tigt die Richtigkeit jener Erkenntnis, daB das in einzelne Gewerkschaften und FO"derationen zersplitterte Proletariat mit dem glailnzend organisierten Feinde - dem Kapitalismus - nicht siegreich kaiimpf en kann. Es kann nicht nur keinen Kampf urn die Nationalisierung dieses oder jenes Industriezweiges, urn die Arbeliterk ontrolle oder andere quasi-sozialistischen Reformen erfolgreich durchfifihren, es kaun auch nicht einmal mit Erfoig urn die Erhaltung des ohnehin niederen Arbeitslohnes kIirpfen. Auflerdem zeigt diese Niederlage, in wessen Hainden noch immer das Scbicksal des eng-. li'schen Proletariats liegt. Weiche Verh~hnung, wieviel Verraitereien hat sich das Proletariat von semnen Fiihrern gefallen lassen miissent Acht Millionen organisierte Arbeiter, die gr88te- proletarische Armee der Welt 'erweisen sich als gainzlich hilfios, auch nur das Existenzminimum vor den Angriffen der kapitalistischen KMasse zu verteidigen. Ke'iner, der die Arbeiterbewegung Englands einiger-. maflen kennt, kanu darfiber zweifeln, dafl, wenn die Fiihrer- des Dreiverbandes nicht zwischen der Arbeiterklasse und den Berg-. leuten gestanden hi~tten, wenn ale dena Au.druck der Kiassensolidaritit des englischen Proletariats nicht hinderlich gewesen w~.re, - der Streik von fiber einer Million Bergieuten v.11

Page  126 ;~'It "-- 71 rrrr ~~r- r ~ ~ r Ir ~ i M. BORODIN - nicht mit einer so furchtbaren Niederlage geendet- hiitte und der*Drei-Verband nicht einen soichen" schmachvollen Tod gestorben waire. Aber der Streik der Bergarbeiter bestiitigt immerhin die Richtigkeit des alten Sprichwortes, daI alles Schlechte auch seine guten Seiten hat. Mit jedem neuen Verrat, mit jeder neuen Niederlage vernichtet die Arbeiterklasse immer schneller und entschlossener jene Hindernisse, die die Solidaritait, den Zusammenschluf3 'der gesamten Kiasse fMr den Kampf mit der kapitalistischen Gesellschaft unmoglich machen. Die Aussperrung von einer Million Arbeitern der englisehen Kohienindustrie war eine Verschwbrung der Bourgeoisie gegen die Arbeiterkiasse. Die Bourgeoisie strebte und strebt danach, die Arbeiter dadurch wehrlos zu machen, daf3 sie sie in die iRuferste Armut und Not hineintreibt. Sie versucht, sich auf diese Weise von der Gefahr, die ihr von der o6konomischen Weltkrisis droht, zu retten. Die Aussperrung der Bergleute war die erste Etappe im Feldzuge der Bourgeoisie gegen die Arbeiterkiasse. Den Bergleuten werden die Eisenbahner, Transport- und Textilarbeiter, Mechaniker usw. folgen, In den letzten zwei Jahren ging die Vorherrschaft Englands auf dem iiuferen Kohienmarkt infolge der hohen Preise der englisehen Kohie im Vergleich mit den Preisen in Frankreich, Amerika und anderen Lindern sehr schnell zuriick. Aber die englische Bourgeoisie hofft, den Konkurrenten ihre damalige Herrschaft durch b ill i g e r e Kohie wieder zu entreiffeno Und das ist nur mijglich unter der - Voraussetzung, daB die Arbeits-.10"0hne in der Kohienindustrie bed-eutend herabgesetzt werden. Diesen Punkt miissen wir ausfiihrlicher behandeln. Seit-dem Kriege und nach seiner Beendi'gung, bis gegen Ende. 1920, befand sich die englische Kohienindustrie in den giinstigsten. Verhijitnissen. Auf dem liufleren Markt fand die englische Kohie grof3en Absatz, da es deutsche Kohie verhiiltnismiil3ig wenig gab und Amerika seine Konkurrenzstellunig noch nicht begrinde~t hatte. Was Frankreich betrifft, so warr es nicht allein nicht imstande, mit England ziu.konkurrieren, sondern es konnte nicht ei~nmal: semnen eigenen Bedarf an Kohie decken; denn die Deutschen hatten die fran zosischen Kohienreviere wiihrend des Krieges in ihren Hiinden, nach dem Riickzuge aber zerstbirten sie sie. Die nbrdlichen Departements Frankreichs waren ganz oder zum Teil von der deutschen Armee besetzt, und drei Viertel der gesamten Fb-rderung Frankreichs flof3 waihrend des Krieges entweder den Deutschen zu, oder die Bergwerke lagen in der Feuerzone der deutschen und franzbsischen Geschiitze. Infolgedessen wuchs die Nachfrage auf englische Kohie ins Ungeheure, und dementsprechend stiegen die Preise. England spekulierte mit seinen Kohlen in Frankreich, Italien, Skandinavien; die Preise stiegen bis zu 6 und sogar 12 Pfund Sterling die Tonne. Die hohen Kohlenpreise veranlaf3ten sogar solche Liinder, Kohle auszufiihren, die friiher nicht daran dachten, z. B. Amerika und sogar Australien und Siidafrika, Nach dem Friedensvertrag von Versailles anderte sich die Lage der Kohlenindustrie Englands sehr schnell. Das Ergebnis dieses Vertrages war, daB Frankreich zweimal so viel Kohle bekam, als es wiihrend der Kriegszeit verlor. Nichtsdestoweniger kaufte Frankreich die englische Kohle noch bis Ende 1920. Das erklairt sich dadurch, daB die Kohle aus Deutschland trotz des Versailler Friedensvertrages ausblieb. (Aufstainde im Ruhrgebiet, das zerriittete Transportwesen, Mangel an Lebensmitteln fi"r die Bergarbeiter und tiberhaupt Sabotage Deutschlands in der Durchfiihrung des Vertrages sind die Ursachen.) Nach der Drohung der Franzosen, das Ruhrgebiet zu besetzen, begannen die Deutschen, die Kohle " Konto der Reparation regelml3ig zu liefern. Spliter, seit der Besetzung des Ruhrgebiets durch Frankreich, bekam das letztere zwei Drittel der deutschen Kohle in seine Hiinde, und die Zufuhr wurde noch grif'er. Frankreich war auf einmal mit Kohle iiberschwemmt, und die Preise fielen bis auf 23 Shilling pro Tonne, also bis nahezu auf ein Fiinftel der Preise wiihrend des Krieges und der ersten Zeit nach dem Kriege. Zur selben Zeit, da die Arb-eiter des Ruhrg~ebiets Ueberstunden leisten muf3ten, um Frankreich mit Kohle zu versorgen, mul3ten die Bergarbeiter Englands die Arbeit entweder ganz einstellen, oder auf Lohnerm~iifigung eingehen. Frankreich wird viel mehr Kohle bekommen, als es verbrauchen kann, und die Ueberschiisse 'werden zusammen mit

Page  127 I"'L- 11~1 - L-fr-- -i ~r- I DER STREIK DER ENGLISCHEN BERGLEUT4 UND SEINE LERREN --^-' I --- 31 - der belgischen, amerikanischen und anderer Kohie zu Preisen verkauft werden, die weit unter den englischen stehen. Bei seiner im Vergleich zu Amerika niederen Produktion in den Kohlenbergwerkezu und bei jenern Arbeitslohn, den die Regierung den Bergleuten Irsir1cne n ihat, kann England mit diesen Preisen nicht konkurrieren. Schon im Jafre 1920 sank der Export der englischen Kohle v n D Millionen Tonnen im Jahre 1913 auf 25 Millionen Tonnen. England verliert niclt nur den iiul3eren Kohlenmarkt, sondern der Bedarf im Lande seibst hat sich dank der verminderten Produktion der Industrie ebenfalls stark verringert, Gleichzeitig mit den Betriebseinschraiinkungen verringert sich auch der Seetransport, was wiederum zur Verringerung des Kohlenbedarfs fiihrt, Somit ist augenbiicklich eine der wichtigsten Fragen fuir England: die Erhaltung des auslaindischen Kohlenmarktes. Zu diesem Zweck mul es vor alien Dingen die Erzeugung der Kohie so weit verbilligen, daI3 es imstande ist, mit den anderen Ldndern zu konkurrieren. Unter den gegebenen Verha"ltnissen aber kann die Verbilligung der Produktion nur auf Kosten des Arbeitslohns geschehen, Das bedeutet aber Krieg mit der Arbeiterklasse. Die Bourgeoisie weilB es sehr gut, dali ein gleichzeitig von der gesamten organisierten Arbeiterkiasse Englands auf dem Gebiete des Arbeitsiohns gefufhrter Kampf fuir sie gefiihrlich wiire; denn dieser Krieg kbinnte die Arbeiter in seinem Verlauf zu einem Kampfe mit dem biirgerlichen Staat selbst fiihren. Daher ist es fu*r das Kapital vor alien Dingen notwendig, die Arbeiterkiasse in Fb"derationen zu zersplittern, Zuniichst hat sie dem fortschrittlichsten Teil der Arbeiterkiasse, und zwar den Bergleuten, den Krieg erkilirt in der Hoffnung, dai3 die Fiihrer des Drei-Verbandes, des Kongresses der Gewerkschaftsverbainde und der Arbeiter-Partei ihre Organisationen von der aktiven Teilnahme zu Gunsten der Bergleuter erhalten werden - - Und die Berechnungen der Bourgeoisie waren richtig. D~er Zeitpunkt fuir eine soiche Kriegserkliarung an die Bergleute erschien der Bourgeoisie gerade jetzt besonders gi~instig. Infolge der Verringerung des Exportes sammelten sich im Landle grolle Kohlenvorriite an, wdihrend der Bedarf an Kohie durch die Krisis sehr gesunken war. Die vorhandenen Vorriite konnten so f Ur lange Zeit ausreichen. Auferdem ermo*glichte das Fehien einer Organisation der 'Arbeiterkiasse, die fiihig gewesen waire, ihre Interessen oder die Interessen einzelner Gruppen zu verteidigen, einen erfoigreichen und vernichtenden Angriff gegen die Bergleute. Die FbIderation der Bergleute hat seit dem Jahre 1919 viel schwere Kaimpfe zu fiuhren gehabt, und ihre materiellen Hilfsquellen waren stark erschb-pft. In vielen Verbiinden, die sich der Fioderation angeschlossen fatten, waren die Kassen fast leer. So verfiigten z. B. die Bergleute von Yorkshire iiber so wenig Mittel, da13 sie kaum f Ur eine Woche reichten. Es mul weiter beachtet werden, dal die Kriegserkld rung zu einer Zeit erfolgte, wo im Lande die groflte Arbeitslosigkeit herrschte. Die,,Times" rechnete zur Zeit der Aussperrung mit 1 500 000 Arbeitslosen, wahrend die Arbeiter, die nur teilweise beschaiftigt waren, die Zahi 750 000 erreichten. Der Plan des Krieges, den die Bourgeoisie der Arbeiterklasse Englands am 31. Matrz 1921 durch die Aussperrung einer Million Arbeiter der Kohienindustrie erkldort hat, ist von ihrem Generalstab, d. h. von der englischen Regierung ausgearbeitet worden. Laut diesem Plan soilte die seit dem Kriege in den Hainden der Regierung liegende Kontrolle fiber die Kohienindustrie wieder den friiheren Besitzern der Kohiengruben uibergeben werden, wahrend die Kontrolie uiber die Eisenbahnen cinstweilen in den Haonden des Staates blieb, damit die Bergleute und die Eisenbahner sich nicht gleichzeitig vor dieseiben Schwierigkeiten - die Verminderung des Arbeitslohns - gesteilt sahen, da damit ein gleichzeitiges Vorgehen dieser beiden Arbeiter-Verbiinde zu befiirchten war. Die Herabsetzung des Arbeitslohns der Kohienarbeiter soilte beginnen und begann auch faktisch in dem Augenblick, in dem die Kohiengruben der Kontrolle ihrer Besitzer zuriickgegeben wurden. Die Reierung - selbst konnte die Herabsetzung der Arbeitsliihne nicht (ibernehmen, denn sie hatte den Arbeitern gegenfiber hinsichtlich der Arbeitsbedingungen, des Arbeitslohns usw. Verpflich-, tungen fibernommen. Eine direkte Verletzung dieser Verpfiichtungen:schiien Lloyd George unvorteilhaft.. Viel gfinstiger war es,:den

Page  128 .., - - i c-....r.. Kampf ur die Herabsetzung des Arbeitslohnes einem Teil der Bourgeoisie, d. h. den Eigenitirern selbst zu iiberlassen und dadurch der Regierung eine neutrale Position zu ermboglichen. Solite der Kampf einen ernsthaften Charakter annehmen und die ganze Arbeiterklasse die Bergleute unterstiitzen, dann koinnte Lloyd Georges die Vermittlerrolle zwischen den kampfenden Parteien iibernehmen und dem Widerstande der Arbeiterkiasse entsprechend wirken. Wenn es ihm dann gelang, als Friedensstifter zu wirken, dann hitte er sein politisches Prestige unerhort gefestigt. Das ist der Grund, weshaib er das Gesetz u"'ber die staatliche Kontrolle der Kohlenindustrie aufhob und es den Besitzern der Gruben fiberliefl, den Feldzug gegen die Bergleute zu erbiffnen. Am 31.. Ma " r z s t e lit e n d i e Be s it z e r der Gruben den Arbeitern das Ulti matum, eine rayonweise Herabsetzung des Arbeitslohnes, die stellenweise 50% des fruiheren Tarif s betrug, zu akzeptieren. Die Federation der Bergleute nahm diese Herausforderung an. Sie antwortete am naichsten Tage mit einem Gegenultimatum mit der Forderung, die Tarife nicht rayonweise, sondern fur die gesamte Kohienindustrie 'festzusetzen, ein Minimum des Arbeitslohns im nationalen Malstabe zu bestimmen und einen Gewinnfonds ffur die ganze Kohlenindustrie zu schaffen, ur dieses Minimum auch fMr jene Ffille zu gewaiihrleisten, wo die brtlichen Verhultnisse dieses oder jenes Rayons es unmO"5glich machen soliten, das Minimum voll zur Auszahlung zu bringen. Zur Auffiillung dieses Gewinnfonds verlangten die Bergleute eine staatliche Subsidierung. M. IORODIN von der hilflosen Lage der Bergleute ablegen, in die sie durch die Fiihrer der Arbeiterbewegung in ihrem verzweifelten Kampfe gegen die ganze kapitalistische KMasse und gegen die Regierung gebraclt worden sind. 2. Der erste ULerraL Die Bergleute erhoben sich wie ein Mann, sogar jene, die die notwendigsten Notstandsarbeiten zu verrichten hatten. Sie waren fiberzeugt, dalI die ganze Arbeiterkiasse Englands den Angriff der Bourgeoisie, wie sie iln mit ihrem Ultimatum gegen die Bergieute unternommen hatte, niclt dulden konnte und wiirde, scion ur die Bergleute und sich selbst vor derartigen Angriffen in Zukunft zu bewahren, Aber ilre Ueberzeugung tiiuschte sie. Sie taiuschten sich nicht deshaib, weil die Arbeiterkiasse jene ungeheure Gefahr, die ihr durch den Erfolg der Bourgeoisie drohte, nicht begriffen hat. Sie tiiuschten sich, weil sie die Niedertracht und den Verrat, deren sich die rechtsstehenden Fiihrer des Drei-Verbandes, des Kongresses der Gewerkschaftsverbainde, der Arbeiterpartei usw. fiihig zeigten, nicht vorausgesehen hatten. Die Arbeiter erinnerten sich noch der Worte solcher Fiihrer wie Sidney-Webbs, die ihnen sagten, daI3 die Arbeiterkiasse Englands zu,,direkten Aktionen" greifen miifte, falls die,,anderen",,direkte Aktionen" gegen die Arbeiterschaft unterneimen wiirden.,,..0. Wenn eine offene direkte Attacke gegen die 6ikonomischen und politischen Rechte der Arbeiterkiasse unternommen werden soilte",,... in diesem Falle", sagte Webbs,,,kann die Arbeiterkiasse sogar zur Revolution und Gewalt Zuflucit neimen." Offene Angriffe gegen die bkonomiscien und politiscien Recite der Arbeiterkiasse kamen wi-irend des Krieges und nachier des bfteren vor. Das letzte Mal wurde ein solcher Angriff in der Nacit auf den ersten April 1921 unternommen. Und nun? Wo blieben da die Webbs, Thomas, Clynes, Henderson u. a.? In derselben Weise, in der sie mit den 6konomischen und politiscien Reciten der Arbeiterkiasse w~iirend der Kriegszeit verfuhren, als sie den Arbeitern das RIeich Gottes auf Erden nach dem Kriege verspracien, in derselben Weise, wie sie die Arbeiter auch nach dem Kriege von alien aktiven Aktionen zurfick-~ haielten, als man die den Arbeitern gegebenen Den Verlauf des Streiks Schritt um Schritt zu verfolgen und das ganze Netz von Verrfterei, Feigheit und Niedertriichtigkeit aufzudecken, ist nicht nur fu'r das englische Proletariat von gr6Bter Wichtigkeit, sondern auch ffir das Proletariat der ganzen Welt. Leider erlaubt es der Raimen einer Zeitschrift nicht, all. Einzelheiten dieses Verrats iervorzuheben. Das wu*rde ein ganzes Buch erfordern (weiches auci schon fuir den Druck vorbereitet wird). Hier wollen wir nur die mpoirendsten Tatiachen hervorheben und.olche Einzolieiten bringen, die emn Zeugnis

Page  129 DER STRELK DER ENGLJSCHEN BERGLEUTE UND SEINE ---; - _- -. __ Veraprechen nicht einhielt und bei der Demobilisatign der Industrie und der Armee Hunderttausende von Arbeitern auf die Stral3e setzte; in derselben Weise, in der die Fu-hrer wahrend der Jahre 1919/1920 die Arbeiter bei alien ihren Kalmpfen zum Schutze ihrer b3konomischen und politischen.Rechte nicht nur nicht geleitet, sondern im Gegenteil alle ihre -Aktionen verhindert oder erschwert haben, - in derselben Weise handelten die Fuihrer auch jetzt im Jahre 1921, als die Bergleute sich zur Verteidigung ihrer minimaisten Forderungen erhoben, die in.ihrem fru"heren karglichen Lohn bestanden. - Wie immer schon, taten die Fiihrer auch diesmal alles, was sie konnten, urn jede Unterstuitzung der Bergarbeiter von seiten der Arbeiterklasse unmoglich zu machen und die Aktion der Bergieute zu sprengen. Zu der Zeit, in der die Bergleute die Verteidigung ihrer Oi*konomischen Interessen aufnahmen, befanden sich Thomas und Henderson in Amsterdam, wo sie gemeinsam mit eben soichen Verraitern wie sie seibst nach Mittein und Wegen suchten, um jene Millionen Arbeiter, bei denen sich ernste Zeichen der Unzufriedenheit bemerkbar machten, weiter narren zu kosnnen. Kaum setzte,,die direkte Attacke auf die Okonomischen und politischen Rechte des englischen Proletariats" ein, da uberiielen Thomas und Henderson es der Amsterdamer Versammiung, die Sache des internationalen Betrugs weiter auszuspinnen, und reistea eilig in ihre Heimat ab, um ihre Bourgeoisie vor dem Untergang zu bewahren, Es ha-tte ja wirklich der Fall eihtreten koinnen, dali die Arbeiter auf die Idee kamen, den Worten ihrer Fiihrer zu glauben, und daran gingen,,,die direkte Attacke auf die okonomischen und wirtschaftlichen Rechte" der Arbeiterklasse mit Revolution und Gewalt zu boaatworten. Wort nach ihrer Ankunft in London, am 2. April, also am Tage nach dem Beginn der -Atssperrung der Bergleute, begannen Thomas und Henderson den Feldzug gegen das Bestreben der Arbeiterkiasse, die Bergjeute zu cinterstiitzen. Auf die Frage, wie er die -entstandene Situation beurteile, antwortete Thomas, daB er keinerlei Hofinung auf den Streik htitte und daB er sich erst selbst davon iiberzeugen miisse, wie sich die Ar~Pe iCosa. I4r u ~~ct. 18 beitermassen in den anderen Industriezwelgeu dazu verhielten. Die letzte Phrase war rein, Heuchelei: denn es kam bald zu Tage und wurde auch den breiten Arbeitermassen klar, dal3, trotzdem die uiberwiegende Mehrheit (98%) der Eisenbahner ffur die sofortige aktive Unterstiitzung der Bergleute eintrat, Thomas den geplanten Streik der Eisenbahner im Ietzten Moment unmbiglich maclite, wibrend Henderson klagte, daI der Streik der Kohlenarbeiter,,eine betriibende Situation geschaffen habe, die, wenn sie fortdauere, zu einer Gefalr der g a a z-e n Gesellschaft werden k*nne." Henderson teilte der Bourgeoisie mit, daB ein Versu ch unternommen werden wiirde, um beide Parteien zu einer Verstiný, digung zu f u"hren. So begann der niedertriichtigste Verrat, zu dem die Amsterdamer Fuihrer tiberhaupt-fiAhig sind. Das war ein Verrat der Arbeiterkiass. im aligemeinen und der Interessen der Bergleute in ihrer verzweifelten Kampfe um ihre Existenz im besonderen. Denn als die Bourgeoisie noch Veranlassung hatte, an der Stellungnahme des Drei-Verbandes zu zweifeln, gaben ihr Thomas und Henderson zu verstehen, daf3 die Fiihrer der Arbeiterorganisationen sehr gut verstainden, in welchem Grade ein aktives Vorgehen der Arbeiterschaft zu Gunsten der Bergleute die,,betriibende" Situation verschlimmern wiirde und zu einer,,Gefahr" ffur die ganze Gesellschaft werden kbjnnte, daBl daher ein Versuch unternommen werden wiirde usw. usw. Nach diesen Erkliirungen von Thomas und Henderson zweifelte die Bourgeoisie nicht mehr an dem Ausgang des Kampfes. Sie fiihlte Lesten Boden unter den Fiilien, wiihrend der Boden unter den Fiifen der Bergleute zu schwanken b'egann. Die Bourgeoisie fiihlte1 daI3 das Schlimmste, was sie in dem begonnenen Kampfe erwarten konnte - die den Arbeitern von ihren Fiihrern versprochene Verstnd-12 gung der A9rbeiterorganlisationen wiire. 3, Die Gilden-So~uiallsfen an der:i iArbeif.:;: In dem ferneren Verlauf des Verrates den-~ Bergleuten gegenilber miissen auf~er den ge-~~ nannten Thomas und Henderson nc adr v~ I I

Page  130 130 M. BORODIN 13 M. BORODIN - - -- Personen erwaihnt werden, deren Wirken die Arbeiteraktion zu Gunsten der Bergleute ebenfalls verhinderte. Vor alien Dingen verdient natfiOrlich Hodges selbst, der Sekretiir der.Fo`deration der Bergleute,.erwaihnt zu werdeni Einige Worte zur Charakteristik dieses Hodges werden uns das Verstaindnis fiur die neuen Fiihrer der engiischen Arbeiterbewegung und die Art, in der die Gilden-Sozialisten in der Praxis zu arbeiten pflegen, erieichtern. Hodges ist nach dem Ausdruck der biirgerlichen Zeitungen,,ein junger Mann,,der seine Karriere gllnzend begonnen hat". Er. stammt. aus der Mitte der Bergarbeiter..Hodgesist ein Produkt des John-RuskinCollege und des Central-Labour-College. Hodgpes ist em'n Gildensozialist, der sich,,guter Beziehungen" zu der. Bourgeoisie erfreut, die er mit seinen Pliinen iiber die Nationalisierung der Kohienindustrie,,im'Interesse -der' ganzen Gesellschaft" so sehr bezaubert hat, daBl sic* wiederholt ihr Bedaucrn darfiber aussprach, da3 ein soich,,glanzender" junger Mann nicht im Parlament inmitten der ehrenvollen Gesellschaft sitzt, wo sich der Prostituierungsprozcf der Wunderkinder sehr sclihnel 'zuW voliziehen pflegt. Und Hodges ist wirklich ein,,Wunderkind". Er ist noch sehr jung und schon iiberaus raffiniert in alien Formen der biirgerlichen Diplomatic. Er hat sich ihren Ton, ihre Sprache, ihre Methoden bis zu den letzten Feinheiten angeeignet, Er ist natfiirlich der Ansicht, daf er der Arbeiterklasse und insbesondere jener F-deration, deren Sekretiir er ist, auf diese Weise Nutzen bringt. In Wirklichkeit aber verwendet ihn die Bourgeoisie in ihrem Interesse, das d'em Interesse derjenigen Kiasse entgegengesctzt ist, die er vertritt. Die Art und Weise, wie die Bourgeoisie ihn benutzt, wird am besten durch seine Teilnabme an einer,,privaten" Sitzung von 200 Deputierten des Parl-aments 'illustriert, bei welcher Gelegenheit er Thomas half, den Streik der Bergleute zu sprengen. Kurz vor der Konferenz der Hiupter des Transportarbeiter-Verbandes und der Delegierten-Versammiung der Eisenbahner, die von de~n den Drei-Verband bildenden Fa3derationen zur Li~sung der F'rage fiber die Unterstiitzung dder Bergieute c inberufen waren, sagte Hodges auf der Versammiung in Yorkshire:,1W~as ka~nn die anderen Arbeiter v o n d e r T e i1n a h m e z u r ii c k h altten? Es ist die Furcht vor der Arbeitsiosigkeit, die gleich einem dro.henden, ihren Willen liihmenden Gespenslt vor ihnen steht." Damit wiederholte Hodges genau,den Leitartikel des,,Manchester Guardian" an dem Tage der Aussperrung, in dem Idas biirgeriiche Blatt davon spricht, dal3,,der Drei-Verbani natiirlich ob des Schicksals seiner Bundesgenossen (der Fbderation der Bcrgleute) nicht gleichgimitig bleiben kbinne; aber e h e e r z u d i e - s e n o d e r j e n e n M a B n a h m e n g r e i f e, werde er an die grofe Arbeitslosigkeit zu denken haben, die gegenwa**rtig im Lande grass-icre.' Auch die,,Times" erinnerte den Drei-Verband an die,,ungeheure Arbeitslosigkeit". Die biirgerliche Presse suchte dem Drei-Verband mit der Arbeitslosigkeit Angst zu machen, aber es ist nicht wahr, dal die Arbeiter sich fiirchteten. Hodges konnte nicht vron der Furcht der Arbeiter reden; denn zur Zeit der Versammlung in Yorkshire hat er zweifellos gewuBt, daB die uiberwiegende Mehrheit der Eisenbahner ihre Delegierten damit beauftragt hatte, die Bergleute in der weitgehendsten Weise zu unterstiitzen, - a u c h w e n n e i n e aktiveAktio n, d. h. also ein Str e i k, notwendig werden sollte, In den zahireichen Versammlungen der Eisenbahner, die in' dem. Zeitraum zwischen dem Beginn der Aussperrung einerseits und der Delegierten-Versammlung der:Eisenbahnter und der Fiihrer der Transportarbeiter andererseits stattfanden, konnte man eine solche Stimmung, von der Hodges spricht, indem er auf das Gespenst der den Willen aiihmenden Arbeitslosigkeit hinweist, bei den Arbeitern nicht bemerken. Im Gegenteil,-die Massen bewiesen allenthalben einen groflen Enthusiasmus und die Bereitschaft zu aktivem Vorgehen. Auf derselben Versammlung in Yorkshire, auf der die Agitation fflr und wider aktives Vorgehen zur Unterstiitzung der Bergleute gefiihrt wurde, erkliirte Hodges aullerdem, dalI,,wir, d. h. die Fijderation der Berglcute, uns an den Drei-Vcrband w~enden und uim cine Unterstiitzung ersuclhen werden, d i e1 9 r i r s ta nd es ei n wi rd, un s zu e rwe is e n. I ch we i B n i cht, w e 1ch er A r t d i es U n t e r s t fi t z u n g s e i n w i r d; a b e r i c h erlaube mir, der Ucberzeugung5

Page  131 DER STREIK DER ENGLJSCHEN BERGLEUTE UND SEINE LERREN 13! Ausdruck zu geben, daB er uns in einer Weise unterstiitzen wird, die bei der entstandenen Krisis notig und zweckmaiilig sein wird." So hat Hodges den Drei-Verband von vornherein freigesprochen ffur den Fall, daB dieser eine Unterstiitzung der Bergleute ablehnen soilte. Er hat sogar angedeutet, daf eine entschiossene Aktion des Drei-Verbandes moglicherweise auch ausbleiben kbinne. Als Thomas in einer der gr"13ten Versammlungen in Peddingtown sagte, daf3, wenn die Verhandlungen zwischen den Bergleuten und den Grubenbesitzern nicht beginnen wiirden, unweigerlich der Streik erklart werde, wurde seine Erklairung mit einem Beifallssturm begriil3t. Thomas schien diese Begeisterung der Arbeiter nicht gefallen zu haben; er rief aus:,,Sie erwarten den Streik mit mehr Freude als ichi" Sowohi in dieser Versammlung als auch in zahireichen anderen fehite das,,Gespenst der den Willen liihmenden Arbeitslosigkeit" o I Ii -L"'-n i g Ich wiederhole: Hodges war die Kampfstimmung der Arbeiter sehr gut bekannt. Seine erste Pflicht seiner Organisation gegenfiber, die den Angriff der gesamten Bourgeoisie und der Regierung abzuwehren hatte, bestand darin, fU"r seine Fbderation aktive Verbiindete zu gewinnen. Aber er tat es nicht. Im Gegenteil, er schreckte die Verbiindeten mit seinem,,Gespenst" und schrieb den Arbeitern Mangel an Energie zu. In Wirklichkeit handelte es sich hier weder um Gespenster noch um eine Willensliihmung. An Willen fehite es d e n Arbeitern nicht. Die Sache war die, daf3 vor den Fiihrern des Drel-Verbandes, Hodges mit inbegriffen, das G e s p e n s t d e r Revolution auftauchte, ein Gespenst, das ihren Willen, den Willen der F ii h r e r lahmte. Dieses Gespenst der Revolution umschwebte Hodges auf der Versammlung in Yorkshire und gab ihm wiihrend der ganzen Zeit des Kampfes der Bergleute keine Ruhe. Dieses Gespenst zwang ihn zu deni diplomatischen Verhandlunzgen mit der 'Regierung. Dieses Gespenst trieb ihn in die Versammiung der biirgerlichen Deputierten am 14. April, am Vortage der Streikerkkirung, wo er den von Thomas begonnenen Verrat zu Ende fiihrte. Der Drel-Verband,,hielt es nicht ffir not wendig", irgendwelche. aktiven Schritte zur Unterstiitzung der Bergleute zu unternehmen. Er beschriinkte sich auf die Einberufung der Fiihrerkonferenz, die uiber diese Frage zu beraten hatte. Es vergingen 5 bis 6 Tage, ehe diese Konferenz zustande kam, und das gab der Regierung die Miyglichkeit, ihrerseits Vorbereitungen zu treffen. Als dann diese Konferenz endlich stattfand, ergab sich nur ein leeres Gerede fiber die*Unterstfitzung der Bergleute. Die Sitzungen dauerten einige Tage lang, dann fuhren die Mitglieder nach Hause und flberlief3en es den Aussehufikomitees, d. h. der Willkuir von Thomas u. Kompanie, fiber das Schicksal der Bergleute zu entscheiden. 4. Die Gaurereien des Lloyd George und die/frbeiter-Parlei. Das Verhalten der Fiihrer des Drel-Verbandes, jener Umstand, daB sie nicht sofort den BeschluB faBten, den Bergleuten zu helfen, ermutigte Lloyd George zum Eingreifen seinerseits; es festigte den Boden unter seinen FiiBen und setzte ihn in den Stand, den Arbeitern seine Bedingungen zu diktieren. Er erkliirte sich bereit, bei den Verhandlungen zwischen Grubenbesitzern und Bergleuten die Vermittlung zu fibernebmen, aber nur unter der Bedingung, daB die letzteren die erforderlichen Notstandsarbeiten in den Gruben verrichteten.,,Der Schutz des nationalen Eigentums",,Interessen der Nation", der',,Nationale Wohlstand", - alle diese Phrasen, mit denen die Rede des Lloyd George vollgespickt war, appellierten an die biirgerlich~e Pflicht der Ffihrer des-Drei-Verbandes und der ArbeiterPartei. Mit seiner Bedingung, die den Schutz der Gruben betraf, stellte Lloyd George die ganze Frage auf einen neuen Boden, auf den Boden der Gegenfiberstellung der Interessen,,einer Gruppe der Nation", d. h. der Bergleute, zu denjenigen der,,ganzen Nation". Die Parlamentsfraktion der Arbeiter-Partei, Thomas, 'Clynesn Graham, Henderson u. a.. haben den Schwindel Lloyd G~eorges nicht nur nicht aufgedeckt, sondern ihm im Gegenteil dabei geholfen; denn sie wul~ten sehr gut, daB die ~Aufnahme der Arbeit bei den Grubenpu~mpen 40% der streikenden Bergleute:zu den Gruben zuriickfiihren, wflirden. D~as aber 9 1KOmm. Intern. 18

Page  132 M. BORODIN rnufte zweifellos den ganzen Streik unmoglich machen. Die drohende Zersto"rung der Gruben durch die Einstellung der Notstandsarbeiten war die stairkste Waffe in den Fliinden der Bergleute. Der Regierung war es nicht so sehr urn die KohlenfOrderung zu tun, als ur die Erhaltung der Gruben. Die Arbeiter-Partei half diese Waffe den Hiinden der Bergleute entwinden. Sie. fiirchtete, die Gesellschaft koinnte der Meinung sein, daB sie,,derartige revolutioniire Maf3nahmen" gutheif3e. Derartige Dinge, wie die Zerstbrung des National-:eigentums - d. h. des Eigentums der Bourgeoisie - konnen natiirlich nur die Bolschewisten fertig bringen. Anstiindige solide Sozialisten haben besseres zu tun, als die Arbeiter zu soichen Schritten aufzureizen. - Die Arbeiter-Partei richtete ihr Verhalten im *Streik so ein, da13 sie den Bergleuten, die eventuell auf die Idee kommen k"'nnten, zu solchen,,unerhO"rten" Mafnahmen zu greifen, wie es em Angriff auf die schmerzhafteste Stelle der Bourgeoisie, auf die Quelle ihres Reicltums ist, scion im voraus in den Riicken fiel. Die Arbeiter-Partei hat bisher die friedlichen Streiks unterstiitzt, das aber, was die Bergleute im Sinne, hatten, erachtete sie ffir durchaus ungehiirig - revolutioniire Kampfmethoden konnte sie unmbiglich gutheif3en. Wa"hrend der ganzen Streikdauer der Bergleute hat sich die Arbeiter-Partel mit lauten Phrasen iiber die schwere Lage der letzteren begniigt, wie mit Erwiigungen daru"ber, in welch katastrophaler Weise diese p 1 8,t z - Ili c h e harte Herabsetzung des Arbeitslohns auf das Leben der Bergleute einwirken wuirde. Alles das war den Arbeitern sehr gut bekannt; denn davoA sprach man in allen Versammlungen, in der Presse usw. Mehr als eine Million Arbeiter standen dem hochorganisierten Gegner gegeniiber in der Erwartung einer baldigen Hilfe von ihren Verbiindeten, wahrend die Arbeiter-Partei nichts anderes tat, als daf sie die alten Wahrheiten wiederholte, daB die Aussperrung den Zweck haitte, den Arbeitslohn der Bergleute herabzusetzen. Lloyd George hat im Parlamnent keineswegs deshai -lba gesprochen, um der Arbeiter-Partei zu~ beweisen, dal3 die Aussperrung von einer Mill~~ion Brgergeue zum Zweckt der Besserung ~:C::ihrer: Existenzbedingungen erfolgt sei. Er hat~te eine ganz klare, konkrete Aufgabe zu Ikon-~: die Hartnfickigkeit der Bergleute zu brechen und ihre Organisation durch die Verhinderung der Hilfsaktion seitens des Drei-Verbandes zu vernichten. Er sprach, ur jene Bresche noch zu verbreitern, die die Fiihrer des Drei-Verbandes in das Gefulge dieser Organisation dadurch geschlagen hatten, daBl sie nicht auf einmal und entschlossen vorgingen, wiihrend die Arbeiter-Partei das Parlament und die Regierung aufforderte, alles zu tun, ur eine Verstaindigung zwischen beiden Parteien herbeizufiihren. Lloyd George hat es fertig gebracht, daB die Arbeiter-Partel selbst iln darum ersuchte, die Vermittlung fuir die Schlichtung des Streikes zu iibernehmen. Als aber die Fbideration der Bergleute die Bedingungen des Lloyd George, ungeachtet dessen, dalI die Arbeiterpartei diese Bedingungen direkt oder indirekt unterstiitzte, ablehnte, forderte Lloyd George die Arbeitervertreter im Parlament auf, ilren ganzen EinfluB auf die Fideration geltend zu machen, damit sie ihren Beschlufl aindere und somit eim giinstigerer Boden fU"r die Verhandlungen geschaffen werde. Er sagte, daBl, wenn die Arbeiter-Partei ihn ur die Vermittlung ersuche, es dann auch ihre Sache sei, auf die Foideration dahin einzuwirken, daB sie seine Bedingungen annelme. Vielleicht aber hatte die Fbderation der Bergleute ihre Verteidiger in den ihr naher stehenden Deputierten gefunden, z. B. in Dunkan Graham, Mitglied der Unabhangigen Arbeiter-Partei, der von den Bergleuten in das Parlament gewaihlt worden ist? Graham flbernahm die Verteidigung der Fodderation in einer Weise, wie Rechtsanwaiilte schwere Verbrecher zu verteidigen pflegen. Er schwor bei allen Heiligen, daB er an die Demokratie, an die konstitutionelle Regierungsform glaube und dalB er mehr als jeder andere ein Feind von allem sei, was irgendwie an Revolution erinnere. Sich auf die Brust schiagend, sagte er:,,Ich sehe vielleicht brutal aus, aber mein Herz ist gut." Wieder und immer wieder schwor er, daB er Demokrat und Gegner der Revolution sei. Die Bergleute verteidigte er, ind~em er zu beweisen suchte, daB sie keinen bbisen Willen und nicht einmal im Sinne gehabt h~tten, die Gruben zu zerstbiren. Nicht umsonst nannte die,,Times" ihn den aufgehenden Stern aus der Unabhiingigen ArbeiterPartei. Die Zeit verging, und die Bergleute warteten immer noch auf die versprochene

Page  133 _._ _ T _ _____~~_ ~__ DER STREIK DER ENGLISCHEN BERGL UNDv *..--......I Hilfe des Drei-Verbandes. Die,,Times" hatte vollstaindig reclt, wenn sie darfiiber spottete, daI die Hiiupter der Transportarbeiter darauf warteten, was die Eisenbahner sagen wiirden, und die Eisenbahner warteten, was die Transportarbeiter zu sagen haitten, Aber ungeachtet dessen, daB,,die weitgehendste -Unterstiitzung" des Drei-Verbandes sich nur auf leere Phrasen beschrankte, gaben die Bergleute ihren hartniickigen Kampf nicht auf und zeigten sich niclt geneigt, auch nur eine einzige Position aufzugeben. Lieber im Kampfe sterben, sagten sie, als Hungers zu sterben bei der Arbeit fu*r die Grubenbesitzer. Es konnte so nicht weitergehen. Entweder muflte dcr Drei-Verband den Bergarbeitern wirklich zu Hilfe kommen, oder die Hartnackigkeit der Streikenden mul3te gebrochen werden. Und die Fiihrer kamen ihnen zu,,Hilfe'. Ibre Hilfe bestand darin, daB Thomas der Regierung im Parlament das Anerbieten machte, ihre Forderung fiber die Aufnahme der Notstandsarbeiten - natfirlich nur der Form nach - zuriickzuziehen, denn nur auf diese Weise ware es mbglich, die Bergleute zu Verhandlungen mit den Grubenbesitzern zu bewegen. An Stelle der Bedingung der Wiederaufnahme der Notstandsarbeiten zum Schutze der Gruben als Grundlage ffur die Verhandlungen schlug Thomas vor (was im Grunde dasselbe war) die Frage der Notstandsarbeiten auf der Konferenz zwischen den Bergleuten und den Grubenbesitzern als erste Frage auf die Tagesordnung zu setzen. Den Zweck, den das Haupt des Drei-Verbandes und der Arbeiter-Partei damit verfolgte, war natiirlich kiar. Wiihrend der langen Verhandlungen auf der Konferenz haitte der Drei-Verband untatig bleiben ko-nnen, und alles Gerede fiber den Sympathiestreik zugunsten der Bergleute batte ein Ende gehabt. Auflerdem warien die Bergleute bei diesen Verhandlungen in einer unvorteilhaften Lage gewesen. Sie batten den Grubenbesitzern letzten Endes nicht die erforderliche Anzahl von Arbeitern ffir die Durchfiihrung der Notstandsarbeiten.ur Ver-figung stellen kbnnen, und die Verhandlungen wiiren dann~ durch ihre Schuld abgebrochen worden. Das eb~en wollte. Thomas erreichen, denn die Bergleute mul~ten unter alien Umst~nden diskreditiert werdenl Man mul3te den Eiseiibabnern zeigen, daI3 maii die Bergleute wegen ibrer Hartnaickigkeit in der Frage,,des Schutzes des Nationaleigentums, nicbt zu unterstiitzen brauche. Das eben war der Grund, weshaib sich Lloyd George mit dem Vorschlage Thomas einverstanden erklirte. Beide verfolgten dabei ilr eigenes Ziel. Lloyd George wolite dem Lande zeigen, daf3 sogar die Arbeiter-Partei jene revolutionare Mafnahme nicht billige, die die Bergleute in ibrem Kampfe ergriffen batten, waihrend Thomas danach strebte, den drohenden Streik des DrelVerbandes zu Gunsten der Bergleute,,,dieser uibertriebenen Revolutionare", zu unterbinden. Das Ergebnis der Vorschliige von Thomas war, daI3 Lloyd George das Ausschul3komitee der FO-deration der Bergleute zu einer Konferenz einlud. Das war eine walrhaft historische Konferenz: die englischen Kommunisten kiinnen kein besseres Material ffur die Propaganda in den Massen baben, als das Stenogramm des Protokolls dieser Konferenz. Es zeigt den Arbeitern das Wesen der biirgerlichen Demokratie in ihrer ganzen abscheulichen Nacktheit. Es belehrt die Arbeiter darfiber, mit welcher Vorsicht man die liebenswiuirdigen Reden der Bourgeoisie aufnehmen mufl und wie gefailrlich es ist, ibren Versuchungen nachzugeben. Lloyd George sprach mit dem Ausschulkomitee der Faderation in der ruhigsten, biiflichsten Weise, ala wenn es die Gesandtschaft einer unabbaongigen Grofmacht wa-re. Er benahm sich wie ein Gentleman. Er drang auf gar nichts, er forderte nichts, es batte den Anschein, als wenn er sich daffir entscbuldigte, daB er die Gelegenheit wahrgenommen babe, den Versuch zu machen, seine Zuhorer von der Richtigkeit seiner Ansicht zu iiberzeugen. Mit der gr8B"ten Vorsicht wies er darauf bin, daB Unterband, lungen auf der Grundlage eines scbonungslosen Kampfes zwiscben-den Bergleuten und den Grubenbesitzern unmbiglich seien. Er versicherte ibnen, daBl die Gruben ebenso sebr das Eigentum der Bergleute wie der Unternehmer seien, daBl alle den Frieden wiinscbten, und daB es am besten ware, einen Waffenstillstand zu schlie1en. Dann bat er dasoAusschuBkomitee in der dringlicbsten Weise, die Berg-: leute zu veranlassen, daD3 sie wabhrend der:: Verhaindlungen die Notstandsarbeiten verich.~tleten. Er deutete darauf bin, daB3,,dies- seies-~-~ Wissens nach der erste Fall in der Gescbicbhte: der Arbeiterbewegung sei, bei dem dieAbl ternationales~Eig~entum dem S~chicksal risge~

Page  134 : I ~ i It~ I i II 134 1M. BORODIN 134 M.. BORODINr;~-:~ ~- --^~; --- ~~ ~-- ---~~ - geben hfitten", aber er bestand nicht darauf, die eine oder andere Partei f Ur schuldig zu erkliiren, sondern meinte nur, dafl es am besten ware, Frieden zu schliefen. Er sagte: Wir alle, wissen sehr gut aus unserer Erfalrung, daf3 die ersten Versuche meistenteils fehlschlagen und dali es sehr oft den Anschein hat, als gagbe es keinen Ausweg. Wie dem aber auch sei, die britische gesunde Vernunft findet immer einen Ausweg, wenn sie einen soichen wirklich will. Nacldem er seine Wirer in dieser Weise eingeschlalfert hatte, iibertiilpclte Lloyd George die Konferenz pl0"tzlich mit der Bitte, die Arbeiten bei den Pumpen aufzunehmen, solange die Bergleute und die Grubenbesitzer am gemeinsamen Tisch unterhandein wiirden. In einem ganz anderen Ton sprach er am selben Tage im Parlament. Hier verwertete er seine Unterhandlung mit dem AusschuBkomitee, um dieses in den Augen des ganzen Landes zu diskreditieren. Lloyd George beschuldigte das Ausschulkomitee der bewufiten Absicht, die Gruben zu zerstojren, um die Regierung zur Nachgiebigkeit zu zwingen -,,ein in der Geschichte der Streikbewegung Englands nie dagewesener Fall". Er sagte, dal der Beschlull der Bergleute, die Arbeiter nicht zu den Notstandsarbeiten zuzulassen,,,ein viel ernsthafteres Ultimatum" sei, als die Frage des Arbeitslohns, die eine Verstiindigung nicht ausschlielie. Wenn die Bergleute es ablelnen wiirden, das nationale Eigentum vor der Zerstirung zu bewahren, so bleibe der Regierung nichts anderes iibrig, als alle ihr zur Verfiigung stehenden Maflnahmen anzuwenden. - Diese Malnahmen bestanden in der Mobilmachung der Truppen. Wie hat die Arbeiter-Partei die gegen die Arbeiter gericihtete militalrische Vorbereitung der Regierung beantwortet? Wie hat die Arbeiter-Partei das dreiste Benelmen Lloyd Georges im Parlament aufgenommen? Sie becilte sich, den Eindruck, den cas AusschuBkomitee auf Lloyd George gemacht hatte, abzuschwachen, und bemiihte sich, ihm zu beweisen, dali das Komitee gar nicht die Absicht gehabt haltte, 4er Regierung emn Ultimatum zu stellen. Clynes fragte, ob sich nicht das AusSchufi~komitee bereit erkliirt habe, die Verhandlungenl mit den Grubenbesitzcrn b ed in - g u n gsl 10a ufzunehmenl Und ob weiter es d6er Premiermnistter im Interesse der Nation nicht fu"r notwendig hielte, den Verhandlungen der beiden Parteien keine Hindernisse in den Weg zu legen? Das Protokoll der Sitzung des Ausschufkomitees der Fbderation der Bergleute mit Lloyd George deutet nicht einmal an, dali die Bergleute sich einverstanden erkla.rt haben, die Verhandlungen mit den Grubenbesitzern bedingungslos aufzunehmen. Lloyd George hat die Stellungnahme der Bergleute, die kiar und bestimmt erkliirt hatten, daI3 sic auf keinerlei Kompromisse eingehen wiirden, volikommen richtig erfalit. Der Arbeiter-Partei haben die Drohungen Lloyd Georges,,,alle der Regierung zur Verfiigung stehenden Malnahmen zu treffen", einfach einen Schreck eingejagt. Sie wollte unbedingt einen Ausweg aus der entstandenen Situation finden. Sie iiberredete Lloyd George, den Bergleuten erneut den Vorschlag zu machen, die Verhandlungen mit den Grubenbesitzern aufzunehmcn, mit dem Hinweis darauf, dal die Frage der Notstandsarbeiten an die erste Stelle der Tagesordnung gesetzt werden wiirde. Aber auch in diese Falle gingen die Bergleutc nicht. Auf das dreimalige Anerbieten von Lloyd George (im Grunde genommen ging dieses Anerbieten von der parlamentarischen Fraktion der ArbeiterPartei aus), mit den Grubcnbesitzern in Verhandlungen zu treten, antworteten sie mit entschiedcner Ablehnung. 5. Die leere Dro~ung unc die Arbeif cer,friedlic5en Krdffe". Der Versuch der Arbeiter-Partei, die Bergleute zu Verhandlungen mit den Grubenbesitzern zu veranlassen, schlug fehl. Der Streik dauertc an, und der Drei-Verband multe seinem Bundesgenossen, der Fbderation der Bergleute, gegeniiber cine bestimmte Stellung einnehmcn. Es ging nicht an, noch weiter von,,weitestgehender" Unterstiitzung der Bergleute zu sprechen.. Am 8. April nahmen alle Unterhandlungen zwischen der Regierung und der Fbideration der Bergleute emn Enlde. Die Massen forderten entschlosscnes Vorgehen. Am Abend des 8. April erkliirte die Vereinigte Sitzung der Aussehulikomitees des Nationalen Verbandes der Eisenbahner und der Fbderation der

Page  135 DER STREIK DER ENGLISCHEN BERGLEUTE UND SEINE LENREN 135 Transportarbeiter der Regierung, daf3, wenn die Unterhandlungen zwischen den Bergleuten und den Grubenbesitzern nicht beginnen wtirden, der Drei-Verband um Mitternacht des 12. April den Streik erkli~ren wiirde. Ein Aufschub von vier Tagen!- Diese leere Drohung war ganz bedeutungslos. Die Organe der Arbbiterpresse, wie z. B.,,Daily Herald" u. a. nahmen den Beschluf3 des Drei-Verbandes iiber den Streik am 12. April als die letzte entschlossene Malnahme zur aktiven Unterstiitzung der Bergleute auf und verkiindeten mit lauter Stimme, daB die Klassensolidaritiit sich endlich gezeigt habe und daB die Arbeiter gemeinsam mit den Bergleuten vorgehen wiirden. Aber die bfirgerliche Presse begriff die Situation sofort. Sie nahm die offizielle Streikerkliirung des DreiVerbandes nicht ernst, sie sah in ihr nur die Aufforderung an die Bergleute und an die Regierung, neue Verhandlungen zu beginnen. Sie fal3te diese Erkliirung nicht als einen Kriegsakt der Arbeiter auf, als Antwort auf die - militiirischen Vorbereitungen Lloyd Georges, sondern als einen Akt des Waffenstillstandes, dem bald der eigentliche Frieden folgen wtirde. Die,,Times" erkhirten, daB der Aufschub des Streiks ur einige Tage- als eine grole Leistung von seiten der,,friedlichen Kriifte" zu betrachten sei. *Da diese,,friedlichen Kriifte" einige Tage zu ihrer Verfiigung hatten, so gaben sie, d. h. Thomas, Henderson, Clynes, Hodges und andere Fiihrer der Arbeiter-Partei und des Drei-Verbandes, sich alle Miihe, elne Grundlage fMr die Verhandlungen zwischen den Bergleuten *und der Regierung zu schaffen. Bereits am 9. April, d. h. am niichsten Tage, nachdem der Beschlul zum Streiken gefal3t worden war, gingen die Fiihrer daran, eine soiche Grundlage vorzubereiten. Davon zeugt die Tatsache, daI sie an diesem Tage drei Sitzungen mit Lloyd George (ohne jede Vollmacht seitens der Bergleute und sogar ohne ihr Wissen) abhielten, ferner zwei-Sitzungen mit dem Ausschu~komitee der Faderation der Bergleute und eine~ Sitzung mit dem Drel-Verbande, an der die Parlamentsmitglieder de~r Arbeiter-Partei, Clynes, Robertson, Graham unld andere teilnahmen. ~Dariiber, was sich in diesen Sitzungen mit Liloyd George und mit dem- Drel-Verband abspielte, kunnen wir nur Vermutungen anstellen, denn -die Protokolle dieser Sitzungen wurden niclt verbiffentlicht. Wir wissen nur, daf3 Thomas schon-am Abenddes 9. April eine Erklairung abgab, nach der die Vereinbarung mit der Regierung'folgendermallen zustande gekommen sei: 1: soilte eine Konferenz aus Vertretern. derF-deration der Bergleute auf den 11. April einberaumt werden (am Tage vor detn Beginn des Streiks), auf der a 11Ie Streitfragen eriirtert werden sollten; 2. die Fb-deration der Bergleute sollte am gleichen Abend alle Zweigabteilungen der Fbderation davon benachrichtigen,- daB alle Mitglieder Handlungen vermeiden miifften, die ein Eingreifen der Truppen notwendig machen co"bnnten. Auf diese Weise wird auch - ohne daB man die Sitzungsprotokolle zur Verfilgung hat - voilkommen klar, weicher Art die Thtigkeit der,,friedlichen Krafte" desDrei-Verbandes und der parlamentarisehen Gruppe der Ar-, beiter-Partei am 9. April war. Sie bestand darin, daB m an ver suchte, das A usschutB --. komitee zur Nachgiebigkeit der Regierung gegeniiber zu veranlassen und die Notstandsarbeiten zu ermoiglichen.,,Das Vermeiden von Handlungen, die ein Eingreifen der Truppen notwendig machen konnten", das hiefl mit anderen Wortent. die Streikbrecher bei ihrer Arbeit zur Erhaltung der Gruben-nicht zu stojren. Vergleichen. wir den von der Vereinigten Sitzung der AuschuBkomitees -des Drei-Verbandes am 8. April angenommenen BeschluB, am 12. zu streiken, mit der getroffenen Vereinbarung mit der.legierung. Alle faften den ersten Beschlul3 in dem Sinne *auf, daBl der Drei-Verband, den Streik erkliiren wiirde, wenn die Unterhand-ý lungen mit.der Regierung und mit den Grubenbesitzern nicht unter den von den Bergleuten gesteilten Bedingungen erfolgtenz Der Vergleich aber vom- 9. April bedeutet: 1. daf nicht die Bergleute, sondern die Regierung mit der Frage iiber die -Notstandsarbe iten durchgedrungen ist, und 2., daB3 a 11e Streitfragen, inbegriffen die JFrage -des Ntiona1 -tarifs, des Gfewinnlfonds u~sw.,; e r 6 ~r t e r t werden sollten. 'Mit einzem~ Wort, die~ Berg; leute muBten alle ihre Positioneni dem Feinde iiiberlassen. Dia biirgerliche 'Pr~esse.erlallte 4iii ~ische~n Kiý 1

Page  136 -.l;i.":I-::l".~":.Y.i~~~.-Ll(i _..~_L-Lii...-!--illC-~-y.~ ~ j --..1_;. --.- -I ~ Illli.-..~l-~IIIII M. BORODIN -~, - -~--.i I~ I.- ---- ------- den FUi'hrer der Arbeiter-Partei und des DreiVerbandes einerseits und der Regierung andererseits getroffene Vereinbarung durchaus rlchtig. Die,,Times" freuten sich iiber den Umstand, da die Bedingung, von deren Erffillung das Schicksal des Streiks abhing, tatsichlich erfiillt war, und betrachtete daher die Frage des Streiks einstweilen als erledigt.,,Jetzt ist es notwendig", schrieb die Zeitung,,,wfhrend der Verhandlungen die entsprechende Atmosphare zu, schaffen." Das Blatt hob' die fiihrende Rolle hervor, die Thomas bei diesem Vergleich gespielt hat. Die Ze6itung gratulierte ihm zu diesem Erfolg und sagte:,,Eine solche Anerkennung macht uns, emn um so gr~illeres Vergniigen, als utsere eigenen Bestrebungen dasselbe Ziel verfolgten. Die,,Times" gaben der Ueberzeugung Ausdruck, daB,,Th6mas auch im weiteren Verlauf der Angelegenheit die entsprechende Atmosphalre wahren und dadurch jene drohende Gefahr abwehren wiirde, die er so gut erkannt habe." 65. Die Ergebnisse der lVirksamkeif der,friedliacen Krdifte". lernen, und vertagte die Sitzung auf den nfichsten Tag. Lloyd George kannte die Grilnde, die die Grubenbesitzer bewogen, den Arbeitslohn herabzusetzen, nur zu gut. Ebenso waren ihm die Forderungen der Bergleute bekannt; aber es lag ihm daran, die Konferenz auf den nachsten Tag, auf den 12., hinauszuschieben, um auf diese Weise den auf diesen Tag fest" gesetzten Streik zu verhindern. Denn solange die Verhandlungen nicht abgebrochen waren, konnte der Streik nicht endgtiltig erkliart werden. Am gleichen Tage, also am 11. April, erliel3en die Fiihrer des Drei-Verbandes einen Aufruf, in der es hieB, dafl, wenn die Regierung den Bergleuten nicht einen Vorschlag machen werde, den der Drei-Verband,,den Bergleuten zu empfehlen in der Lage sei, der Betrieb der Eisenbahn und des Transports eingestellt werden wiirde'. Wozu war dieser Aufruf vom 11. no5tig, da doch schon am 8. der Beschlufl gefaf3t war, am 12. zu streiken? Mit diesem Aufruf annullierte der Drei-Verband in Wirklichkeit seinen friiheren Streikbeschlufl3 Am 12. April machte die Regierung, nach vorhergehenden Sondersitzungen mit den Grubenbesitzern und dem Ausschuflkomitee der Fojderation der Bergleute, dieser einen Vorschlag, der sich von dem der Grubenbesitzer eigentlich in keiner Weise unterschied. Der Vorsitzende der Foideration der Bergleute, Smith, hatte durchaus Recht, als er Lloyd George erklairte, daB der Vorschlag der Regierung im Grunde genommen nichts anderes sei als der Vorschlag der Grubenbesitzer. Der einzige Unterschied bestand darin, dali die Regierung den Bergleuten der besonders schwer betroffenen Gebiete eine gewisse Hilfe versprach, d. h., dafl sie sich bereit erklarte, nach der allgemeinen Herabsetzung des Arbeitslohns in den Rayons, in denen der Arbeitslohn besonders tie! steht, d. h., wo die Bergleute zu einer Hungerexistenz verurteilt sein wiirden, mit Anleihen usw. zu helfen. Die Bergleute lehnten den Vorschlag der Regierung abl, und die Konferenz land damit ihr Ende. 56 hatte der Drei-Verband also die Fr~age zu l~sen, ob der Vorschlarg der Regierung es verdiente, den Bergleuten zur Annahme empfohlenl zu werden. Nachdem das Au, Die Konfe'reni der Bergleute mit den Grubenbesitzern fand am 11. April unter dem Vorsitz von Lloyd George statt. Dieser teilte die Griinde der Aufhebung der Kontrolle fiber die Kohlenindustrie mit und erklirte, daB das Prinzip der Substituierung irgendeines Industriezweiges vom Standpunkt der staatlichen Interessen unzulassig sei. Er falte alle Streitfragen zwischen den ka-mpfenden Parteien in der Frage des Arbeitskohns zusammen, die er vom Standpunkt der Ertragsffhigkeit der Gruben aus behandelte. Damit machte er alle Erurterungen der grundlegenden Forderungen der liergleute - iiber die nationalen Tarifs Btze, det Gtwinnfond uswi. unmiglich. Lloyd George machte zuna*chst den Grubenbesitrern den Vorschlag, sich iiber die Griinde zu luBern, die sie zu der Herabsetzung der L6hne veranlalt haben, und dann den Berglenten ihre auf Tatsachen begrindete Erklrung abaugeben. Darauf wurde die Sitzung fur vier Stunden unterbrochen, ur beiden Parteien die M~glichkeit zu geben, ihre Erkla-rungen auszu46eiten. Nachdem die Teilnehmer wieder atschienen, driickte Lloyd George den Wunsch *taus die Erkiirungen eingehend kennen zu

Page  137 I---- I:~~:~ i I rr* w:~~~~ ~~';: DER' STREIK DER ENLISCHEN ~1.-..::::.:~:~--'~--~'~i--;i-~ '--L--~-~--I DER STREK DERLI ENGLISCREN r I- M schuflkomitee der Fideration der Bergleute dem Drei-Verband eine Erklairung fiber die Grriinde abgegeben hatte, die ilm die-Annahme des Regierungsvorschlags untiglich machten, versammelten sich die Fiihrer des Drei-Verbandes zu einer Beratung. Sehr bald darauf gab Thomas die Erkliirung ab, dafl der auf den 12. April festgesetzte Streik nicht erfolgen wiirde. Das bedeutete, daBI der Drei-Verband den Vorschlag der Regierung f Ur die Bergleute annelmbar fand. Aber trotz dieses Beschlusses des Drei-Verbands und der Gefalr, isoliert dazustehen, lelnten die Bergleute den Vorschlag der Regierung ab. 7. Die Stimmung in den Massen und der Inlaf3 um weiferen tVerral. Um zu verstehen, warum die Fiihrer des Drei-Verbandes wiederum den Streik auf den 15. festgesetzt haben, mul man sich vor allen Dingen darfiber klar werden, wie die Massen den BeschluB des Drei-Verbands aufgenommen baben, der den auf den 12. festgesetzten Streik riickgiingig machte. Der Umfang dieses Aufsatzes gestattet uns nicht, alle uns zur Verftigung stehenden Einzelheiten aufzuziihlen, die uns dariiber aufklairen wiUirden, in welchem Malae die Fiihrer Gefahr liefen, in den Augen der Massen diskreditiert zu sein, wenn sie den auf den 12. festgesetzten Streik annulliert hiitten und dabei stehen gebhieben waren. Wir ko-nnen hier nur die grellsten Tatsachen bringen, dWe die Stimmung der Massen im Zusammenhang mit der Lage am besten. zeigen. Die Naclriclit fiber die Zuriickziehung der Streikerkliirung fibte auf die gesamte Arbeiterschaft eine bedriickende Wirkung aus. Die Arbeiter waren von dem Wunsche beseelt, den Bergleuten aktiv zu helfen. Sie bereiteten sich auf den Streik vor und erwarteten keineswegs eine gegenteilige ErklHirung. Auf die Frage, die von bflrgerlichen Korrespondenten -dem Sekretair der Siid-Wales.Sektion der F0.0 deration der Eisenbahner, Williams, gestellt war, ob er glaube, dali die Arbeiter die Geduld verlieren und zu selbstiindigen Aktionen greifen kiinnteri, antwortete dieser:,,Die Geduld der Arbeiter hat ihre Grenzen8 Wenm die Unzufriedenheit, die unter ihneie urn sich greift, ~weiter wachsen wird, ist es schwer ~vor~ auszusagen, was geschehen wird."' Niclit um die dem Drei-Verband angeh8renden Arbeite sprachen sich auf zahlreichen Versammlunget zugunsten eines sofortigen Streiks aus, so dern auch die verschiedensten Organisationet und Assoziationen der diesem Verbande nich angegliederten Arbeiter beschlossen, an den Streilk teilzunehmen. Die Arbeiter der elek trischen Zentralen in London bereiteten alle vor, ur London bei Beginn des Streiks in Fin sternis zu versetzen. Die Stimmung der Massen war so, daia die Fiihrer des Drei-Verbandes die Bergleute nach ihrer Ablehnung der Vorschlige Lloyd Georges nicht einfach ihrem Schicksal fiberlassen konnten. Am 13. April sah sich die Vereinigte Konferenz des Ausschullkomitees des Drei-Verbandes wiederum zu einer Streikerklarung gezwungen, ungeachtet der iulers ben Anstrengungen der Fiihrer und ihrer geschiO tigen Laufereien zwischen der Downingstret (Hauptquartier Lloyd Georges) und dem Unity House (Hauptquartier des Drei-Verbandes). Aber auch dieses Mal war es den Ffihrern gelungen, den Streik auf zwei Tage hinauszuschieben, in der Hoffnung, dai lsich wieder irgendein Vorwand finden wiirde, die Streikerkliirung zurfickzuziehen. Nicht umsonst driickte Clynes gemeinsam mit Lloyd Geoqrge die Hoffnung aus, dal die,,Friedenselemente" sich vielleichi doch starker erweisen wiirden als die des Krieges. Das sagte er am 13. April. Am 14. war dieser Vorwand endlich gefunden. Dieses Mal lieferte Hodges selbst den Vorwand gelegentlich seiner Teilnahme an der Nachtsitzung einiger Mitglieder des Unterhauses am 14. April. 8. Der le2ffe Ak! des Verrafs. Ehe wir diese,,private" Nachtsitzung emgehender besprechen, mioissen die Ereignisse des 14. April, und zwar die des ganzen Tag~es ausfifihrlich geschildert werden. Das wird mis ermoglichen, uns fiber jene Ursachen kiar zu werden, die zu dieser Sitzung geffiifrt haben. Wir werden uns fiber den tieferen Sinnrkiar, und vor allen Dingen werdenn wir die Rolle der Fiihrer bei der Sprengung des Strelks besser begreifen konnen Die Ersignisse des- 14. April drehen sich umn vier Tatsachen: 1. Sitzunageondr flre'r de v 1ýhi

Page  138 738 - M. BORO----;"- -_ NI_ -1 13 8 MR. BORODIN -~--- ~~'-- - ~-- ~.._;, ~..~ _. ~ i~-. ~_i_.__.-~~-,-~;-,i_-- ~ ~ -~ - ~.. ~..... - -- I Drei-Verbandes mit Lloyd George, 2. die Parlamentssitzung, 3.,,private" Beratung einiger Parlamentsmitglieder, 4. Versammlung des Parlaments-Komitees des Kongresses der Gewerkschaftsverbdnde, des Ausschul3komitees der Arbeiter-Partei und der parlamentarischen Fraktion der Arbeiter-Partei. Diese Sitzungen folgten eine auf die andere. Es waren einzelne aber logisch verbundene Aufziige des letzten Aktes des Dramas.,,Ich machte gerne wissen", schrieb Lloyd George, sich an seine,,teuren" Thomas und Williams wendend, am 13. April dem DreiVerbande,,,welche Griinde Sie zu dem Beschlu3 veranlal3t haben, Ihren Mitbiirgern einen solch schweren Schlag zu versetzen, wie es die Stbrung des ganzen, fiir das Leben un. serer Nation so wesentlichen Transportwesens ist?" Was haben darauf die,,teuren" Thomas und Williams geantwortet? Haben sie geantwortet, daB der Drei-Verband den allgemeinen Streik aus demselben Grund erklarte, aus dem die Bourgeoisie das Proletariat aussperrt und (iber eine Million Bergleute zum Hunger verurteilt? Vielleicht haben sie geantwortet. daf der Drei-Verband mit ebensoviel Recht den Streik erklairt, mit dem die Bourgeoisie alle jene Vertrage nicht eingehalten hat, die sie mit den Arbeiterorganisationen abgeschlossen hat, als sie die Arbeiter zur Fiihrung des imperialistischen Krieges brauchte? O nein! Die,,teuren" Thomas und Williams haben nichts derartiges erwidert. Lakaien pflegen nicht mit ihren Herren in einer solchen Sprache zu sprechen. In der demiitigsten Weise antworteten sie dem Premierminister:...,,Wir hiitten den Wunsch, Sie zu sehen, um Ihnen unsere Grilnde persbnlich mitzuteilen Am Morgen des 14. April konnte man eine Anzahl Personen, mit Thomas, Williams und Gosling an der Spitze, beobachten, wie sie in de'r Richtung zur Downingstreet eilig ausschritten. Diese Arbeiterfiihrer gingen, um die Sache des Verrats zu Ende zu fiihren. Die Delegation des Drei-Verbandes hat sich mit der Fideration der Bergleute, ihrem Bundesgenossen, nicht einmal beraten, bevor sie sich an die Regierung wandte. Die Delegation nahm die Unterhandlung mit Lloyd George auf, ohne irgendwelche Vollmachten seitens der:Fidderation der Bergleute erhalten zu haben. Aber, wird man vielleicht einwenden, die Delegation ist doch zu dem Zweck zu Lloyd George gegangen, um ihm den gefal3ten Streikbeschlul zu ifibergeben. Wenn das so ware, so hitte man die schriftliche Anfrage von Lloyd George auch schriftlich beantworten konnen, - wenn die Antwort iiberhaupt n8tig gewesen ware. Aber eine solche war vollkommen iiberfliissig. Und die Protokolle der Sitzung zeigen jiberdies, daB die Delegation zu einem ganz andern Zweck zu Lloyd George gegangen ist. Sie ging zu ihm hin, um iiber die Sache der Bergleute zu markten, ohne dazu die natigen Vollmachten zu haben und sogar ohne Wissen der Bergleute. Unter dem Vorwand, die Antwort persBnlich zu fibergeben, suchte die Delegation die Moglichkeit der Wiederaufnahme der Unterhandlungen mit ihm. Harry Gosling war das einzige Mitglied der Delegation, das die ganze Niedertracht der Lage fiihlte (aus dem Sitzungsprotokoll sehen wir, daB auch Williams ahnlich zumute war); wir sehen es aus seinen an Lloyd George gerichteten Worten:,,Was ich nicht tun will, das ist, dariiber zu entscheiden, ob die Bergleute mit ihren Forderungen Recht oder Unrecht haben." Aber diese Gewissensbisse Goslings hielten nicht lange vor. Sehr bald nahm er lebhaften Anteil an der Erbrterung der von ihm abgelehnten Fragestellung. Thomas suchte Lloyd George davon zu iiberzeugen, daB bisher,,alle Anwesenden" sich die gr8I3te Miihe gegeben hiatten, den toten Punkt im Kampfe zwischen den Bergleuten und den Grubenbesitzern zu beseitigen. Lloyd George erklarte sich damit einverstanden und lobte sie sogar, indem er sagte:,,Sie haben, zweifellos, geholfen.",,Sogar jetzt, im letzten Augenblick," fuhr Thomas fort,,,sind wir eben so sehr wie Sie, Herr Premierminister, bestrebt, das von uns allen abzuwenden, was keiner von uns weder sich vorstellen noch voraussagen kann... Wir wollen keine Revolution... Wiihrend Sie ihren Plan ausarbeiten werden (iiber die Art, wie man die Bergleute zu neuen Verhandlungen veranlassen kannte), werden wir das Kampffeld be. wachen und keinen Krieg zulassen, denn, wie die Ergebnisse des Krieges auch sein magen, die Nation wird unvermeidlich unter ihm zu leiden haben." Und in der Meinung, den Ge..

Page  139 DER STREJK DER ENGLJSCHEN BERGLEUTE UND SEINE LEHREN.139,i.-- ---- -- --- danken nicht Idar genug ausgesprochen zu haben, fiigte Thomas hinzu:,Welche Seite auch gewinnen- mag, die Nation wird verlieren." Wir neigen zu der Auffassung, daf das Sitzungsprotokoll nicht vollstaindig ist und dafl wir daher keinen Aufschlufl dariiber bekommen, wie sich Williams dabei verhalten hat, ob er dem schmachvollen Benehmen von Thomas entgegengetreten ist oder nicht. Jedenfalls gehb"rt die Tatsache eines. soichen Auftretens der Delegation am Vorabend eines Streiks, auf den die Arbeiter. des ganzen Landes sich vorbereiteten, und ganz besonders das Benehmen dieser Delegation in der Sitzung des Lloyd George zu den schmachvollsten Handlungen, sogar der rechtsstehend~en Flihrer der Arbeiterschaft. Selbst LloydGeorge kamen solche untertanentreuen Ergieflungen von seiten der Fiihrer derselben Organisation, die doch schon den Entschlufl gefaBt hatte, den Kampf zu beginnen, vcrdiichtig vor, und er sagte mit einem Seufzer:,,Mich bedriickt das Gefiihl ciner Befiirchtung, daB die Leute, die an der Spitze der F6deration stehen, in Wirklichkeit ihre Angelegenheiten nicht beherrschen, daB dort in den Tiefen ihrer Organisation u n v e r s 0" h nli c h e, jedem- EinfluB widerstrebende Elemente sind, deren Wirksamkeit.. f ortwaii hrend her vorbricht u-n d dem Gang der Ereignisse einen bestimmten Charakter verleiht.- Ich hatte immereinmGefiihl, a-Is wenn die Menschen, mit denen i c h s pr ec h e, n i c h t d i e j e n i g e n si nd, mit denenich zu tun hab e." Lloyd George wollte damit sagen, daB es ihm nicht so sehr darum zu tun sei, gegenrevolotionaire Gefiihle-und den Ausdruck der Erfgebenheit der Nation gegeniiber in der Regierungskanzlei entgegenzunehmen, als um die Bestiitigung dieser Gefiihle in der Kanzlei des Drei-Verbandes. Mbigen die Fiihrer ihre Ergebenheit durch die Tat beweisen, magen sie zeigen, daB sie den EinfluB auf die Massen, ungeachtet aller Bestrebungen dieser unversbihnlichen Elemente, noch nicht verloren haben. Miigen sie das alles beweisen, dann wird Lloyd George dariiber beruhigt sein, dal3 die Menschen, mit denen er spricht, tatsiichlich diejenigen sind, mit denen er zu fun hat..An diesem Tage gaben sich die Fiihrer.;alle erdenkliche Miihe, um das bedriickende Gefiihl Lloyd Georges zu: zerstreueni Sie strengten sich auf das iiuferste an, un ihrem Gebieter zu beweisen, daI3 er noch immer auf. sie zaihlen k8nne wie auf skeine treuen verliBlichen Agenten, daB sie immer noch faihig seien, das Geldinde im Klassenkampf des Proletariats mit der Bourgeoisie zu beherrschen, trotz des Vorhandenseins unversbhnlicher, sich allen Einflissen widersetzefider Elemente in denMassen. Als-Lloyd George einige Stunden vor, Beginn des allgemeine'n Streiks das ihm-Im Parlament iibergebene Schriftstfick durchias, iiberzog sein Gesicht, 'nach Aeuferung des, Korrespondenten, ein gliicklich beruhigtes Liicheln: in diesem Schriftstiick benachrichtigten ihn die Fiihfrer von der endgiiltigen Zuriickziehung der Streikerkliirung, und sie bewiesen ihm dadurch, daB die Wirksamkeit der unversbhnlichen Elemente diesmal nicht zum Ausbruch gekommen war undIdaB.die Schreiber,,,die Arbeiterfiihrer", ihre untertanentreuen und gegenrevolutioniren..Gefiihle nicht nur in Worte, sondern auch- in Taten umzusetzen wuBten. Lloyd George machte dem Parlament eine kurze Mitteilung von der Morgensitzung mit dem Drei-Verband; aber im Hinblick darauf, daI3 die,,Delegation augenblicklich *an ihren Beratungen teilnimmt" und die Debatteni.41n Parlament die Sache eher st8ren als ihrlhelfen warden, schiug er vor, die Debatten darfiber einstweilen aufzuschieben'.- Lloyd George wuf3te um gewisse Verhandlungen, von. denei er aber im Parlament nicht sprechen wollte, um ihnen nicht zu schaden. Auch der Fraktion der Arbeiter-Partei waren diese Verhandlungeni bekannt, und daher hatte auch sie nichts:gregeri den Aufschub der Debatten' einzuwenden,Iobgleich es ihre Pflicht gewesen ware, den faktisch erkla*rten Streik offen' zu unterstiitzen.. Sie tat es nicht, weil sie, ebenso-wie die 'Delegation am Morgen bei Lloyd George, gegen den Streik arbeitete. Clynes erklarte sich-mit Lloyd George darin einverstanden, die Debatten aufzuschieben, im Hinblick darauf, daB3 die Unterhandlungen noch nicht endgiiltig beexiet: seien (es waren also doch irgendwel'che Verhandlungen im Gange, von weichem das Ais-. schu~komitee der Fbderationderr Bergleuite,:f mit Ausnahme von Hodgles, nichts wu;t4 Die~ Arbeiter-Partei aber ' wul~te,. da&: l di e

Page  140 ~rr; ~ i 1; M. BORODIN rrrwruL--~---~rr~~urrruc------- --l---irrrr~-l --~-~--------~ ~-1 --------;, - - I~ ~.~:_-L Weiterfilhrung dieser mystischen Verhandlungen, auch nur einen Tag linger, dazu geUhlrt hbtte, dafl der Streik wieder abgesagt worden wire; zum dritten Mal aber konnte man den Streik nicht erkliiren. Auflerdem niuliten die Debatten auch deshaib aufge. schoben werden, ur das Feld ffir die,,private" Sondersitzung der Parlamentsmitglieder freizumachen, bei welcher Gelegenheit die F8deration der Bergleute selbst den Anlaf zur Absage des Streiks bieten soilte. Zu dieser Sitzung multe man sich vorbereiten. Und gleich nach dem Aufschub der Debatten Land die erwaihnte Sondersitzung statt. Die Teilnehmer versammelten sich am Abend desselben Tages in einem der Siile des PArlamentsgebiudes. Es waren etwa 200 Mitglieder des Unterhauses zugegen, die ffur den Streit der Grubenbesitzer mit den Bergleuten plttzlich ein grofles Interesse, zeigten. Wihr~nd der zwei Wochen der Aussperrung sind die Bedingungen und die Forderungen beider Parteien unzaihlige Male in der Presse, in Versamminungen und in zahireichen Debatten des Parlaments erbrtert worden. Nun zeigte sich aber, daB die Deputierten das Wesen des Streites niclit kannten und erst jetzt den Entschlulf fal3ten, ihn kennen zu lernen. Der Vorsitzende der Assoziation der Grubenbesitzer erklairte sich liebenswiirdig bereit, die De"utierten fiber den,,Charakter des Streites" z-u- unterrichten. Der Korrespondent des,,Daily Herald" sagt, dali die Bedingungen des Ultimatums der Grubenbesitzer auf a 11Ie Zuh~rer eine,niederdriickende" Wirkung ausge*bt, hitten. Sie waren dermallen e r s t a u n t, da sle sofort beschlossen, auch Hodges einzuladen, ausgerechnet Hodges, d_',en Sekretir der Fi4deration, und n icht Herbert Smith, ihren Vors itzenden, damit er sie mit dem Standpunkt der Bergleute bekannt mache (somit hat die ArbeiterParte wbhrend der ganzen Zeit der Aussperru~ die Mitglieder des Parlaments nicht mit detnStadpunk t der Bergleute bekannt genct. J e na nd: telephonierte Hodges, deraud sofort er~chiea (merkwiirdig glatt ~lg lis~ an diesem Tage!). Derselbe Korre. apndn des,,Daily Herald" macht~ die Bein.rmgdli~ Hodges einen starken Emn4~c atf flbe Deputterten geniacit habe. Das, was in dieser Sitzung wirklich geschah, war, dal man Hodges, nacidem seine Redseligkeit ein Ende hatte, bestimlunte, vorher scion formulierte Fragen gestelit und ihn gebeten hatte, die Antworten eigenhindig zu unterschreiben. Die Deputierten wollten nichts anderes erreichen als die Folgen der Antwort, die ihnen Hodges gab:,,Wir sind bereit, fiber die Frage des Arbeitslohns zu verhandeln (nicit fiber die nationalen Tarifsitze und nicht fiber den Gewinnfond) unter der Bedingung, dal die Vereinbarung nur eine vorflbergehende sein wird". Das war es eben, was auf alle anwesenden Deputierten s'6 grolen Eindruck gemacht hat. Das war alles, was sie haben wollten. Das war jene,,Falle", in die Hodges angeblich geraten ist. Es war ein neuer Vorschlag, aber nicit seitens der Bergleute, der Fbcleration der Bergleute und ihres Ausschullkonitees, - es war ein privater Vorschlag des Herrn Hodges. Und dennoch haben die Fflhrer des Drei-Verbandes diesen privaten Vorschlag als einen Vorwand beniitzt, ur die Streikerkliirung zurU"ckzuziehen. Dali der neue Vorschlag von Hodges und nicht vom Ausschufkomitee der Foderation der Bergleute ausgegangen ist, ist aus jener Tatsache ersichtlich, daB das letztere den Abschied von Hodges forderte. Damit hat das Komitee bewiesen, dafl es in die- von den Fiihrern des Drei-Verbandes und der ArbeiterPartei gesteilte,,Falle" nicht gegangen ist. Der beste Beweis daffir, dali das Ausschulikomitee -der Fbderation der Bergleute mit dem Vorgehen Hodges nicits zu tun hatte, ist der heldenmiitige Kampf, den das Komitee, durch den Verrat von alien isoliert, im Verlauf von mehr als zwei Monaten gefiihrt hat. Am selben Abend und mm selben Gebiaude, in dem die Sondersitzung der Parlamentsmitglieder stattfand, spielte sich noch eine andere, die letzte der vier historischen Sitzungen ab, die den letzten Akt des von uns beschriebenten Dramas der Arbeiterbewegung Englands beschloli. Es wI~ar die Sitzung des parlamentarischen Komfiteess des ]Kongresses der Gewerkschaften, der Exekutive der Arbeiter-Partei und der parlamentariscien Fraktion der Arbeiter-Partei. Mag es dem Leser ~noch so sondradbar und koinisci voirkonimen, Tat.

Page  141 DER STREIK DER ENGLJSCHEN BERGLEUTE sache ist, dat diese Versammiung zu dem Zweck einberufen war, den Drei-Verband im,,bevorstehenden" Kampfe zu,,unterstiitzen". In der Zeit, da diese Sitzung stattfand, lag der Drei-Verband faktisch scion im Sterben; noch einen Augenblick und er gab seinen Geist auf, wahrend die Fiffrer der gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterbewegung sich eben erst anschickten, ihn zu unterstiitzen. Wir wissen niclt einmal genau, ob der Drei-Verband in jenem Augenblick am Leben war, als die Fiihrer jene Resolution faljten, die besagte, daf,,die Konferenz von der RechtmiilBigkeit der Forderung der Bergleute tiberzeugt ist und dem Drei-Verband ihre Unterstiitzung zusichert, und daf3 sie sich an alle Sektionen der Arbeiterbewegung und an a 1 e d i e B ii r g e r, denen die Interessen der G e s e 11 s c h a f t am Herzen liegen, mit dem Aufruf wendet, alle gegen die Stellungnahme der Arbeiter gerichteten Angriffe standhaft zuriickzuweisen'. Jedenfalls aber ist sicher, daI3 diese Resolution am selben Tage (am 15.) gedruckt wurde, an dem auch der Nekrolog derselben Organisation verfaflt wurde, der die FIiihrer der gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterbewegung ihre Unterstiitzung zugesagt hatten. Am 15. April fand die Geschichte einer der abscheulichsten Verraitereien, die in der Arbeiterbewegung Englands jemals vorgekommen ist, ihren endgiiltigen Abschlul. An diesem Tag wird das Proletariat stets mit dem Gefiihl eines starken Zorns und eines tiefen Abscheus gegen die verraterischen Fiihrer zuriickdenken. Zweifellos wird das Proletariat Englands noch oft iihnliches oder gar schlimmeres erleben miissen, ehe es dazu kommen wird, sich endgiiltig von den EinfluB derartiger Fiihrer zu befreien. An diesem Tage starb der Drei-Verband. Moigen diejenigen seinen Tod beweinen, denen er wij~kich Nutzen gebracht hat die Bourgeoisie, ~fur die derartige Organisasationen immer die beste Schuttzwehr in ihreari Kanipfe mit der Arbeiterklasse waren. M~igen, ihn, auch, die kleinbiirgerlichen Ideologen &u~s der Arbeiter-Partei, der unabhiingigen Arbeiter-Partei, die F~abianer, oder die Gilden-Sozialisten beweinen, die eine solche Organisation brauchten, um in den Arbeitermassen Illusionen dariiber zu ntilren, als lwU4A k~nne, die Arbeiterkiasse auf friedlici Wege und im Raimen der alten bfirgerlic Gesellschaft das Gebtude des Sozialisnus richten. -Auch ijene mogen den Drei-Vert beweinen, die fiirciten, dal mit dem Zei solcier Organisationen die Unsicierheit die Abhingigkeit des Proletariats aufhi und die Arbeiter so weitsicitig wez koinnten, daB sie jene Wege erblicken, die saichlich zu iirer Befrei"ung fiihren. Wir aber wollen diesen Leichnam vergessen und uns jenen Bergleuten zuwenden, die diei heldenhaften Kampf nicit nur in ihrem Interesse, sondern auch im Interesse der ganzen Arbeiterklasse Englands gefiihrt haben. Wir werden den Bergleuten sagen: Ihr waret in Eurem Kampfe niclt desialb isoliert. weil dem engliscien Arbeiter das Gefih I der Klassensolidairitit feilt, sondern weil der Zusammensciluf und die Organisation der Arbeitersciaft ungenuogend sind, und weil ibre Fuhrer noch immer die M01"glicikeit haben, jeden aktiven Ausdruck der Kiassensolidartitfi zu unterbinden. Q. Sc~1ut$. Die Lage des englischen Proletariats Ut gegenwartig eine verzweifelte. Millionen sin4 arbeitslos oder arbeiten nur einen Tell de Tages. Der Miflerfolg aller Arbeiteraktionen seit dem Waffenstilistand, und zwar: der erfolgiose Eisenbahnerstreik im Jaire 1919, der Streik der Bergleute in den Jairen 1919, 920 und ganz besonders 1921, als die Bourgeoisie einen erfoigreicien Feldzug fuir die ailgemeine Herabsetzung der Lbhne begann, - avle di.,. Tatsachen stellen die Arbeiterklasse England. vor die Frage: Was wird nun weiter werden? In der Presse, in der Faciliteratur, in Flugsciriften, auf Versaimlungen, - fiberall,wrd die Frage erortert: Wo findet man enen uAusweg aus jener Lage, in die das engliache Proletariat jetzt geraten ist? Auf der Suche nach einer Antwort sto8.i die Massen notgedrungen auf die unbeistre bare Tatsacie, daB die Ursache bhrer Hilfloeigkeit dem organisierten Feinde gegenulber'in dem gainzlicien" Fehlen einer wirklilcen A#r beiterbewegung besteit, d. h. einer Bewegung des gesamten Proletariats. Ungeacitet desasa, dafl es in England ca. 8 Milionen organisiert.

Page  142 u ----- -~--r - I1~-1I~II1 'hl~-~Crr' M. BORODIN L-~L-~IYSU~-CI ------ ~----~ --- --' u~-r~ r --- -~-~--~~------;- -- --1 Arbeiter gibt, ist das englische Proletariat, als KIassegar, nicht-organisiert. Die einzelnen, untereinander icht. verbundenen Gewerkschaftgenoder die Fiderationen der Gewerkpchaftsverba"nde, die nur fiktive Organisationen, ifihnlich dem, Drei-Verband, bilden4 oder gar der -Kongref3 der Gewerks.chaftsverbande, der nur auf dem Papier besteht, - alle diese Orgapisationen sind besonders jetzt, nach dem Fiasko des Streiks. von einer.,Million Bergleute, weder imstande, ffur die quasi sozialisischen Ideale zu 'kjiimpfen, wie z. B. die' Nationalisierung der Kohlenindustrie, die seit 1919 in der Presse und in den Arbeitermassen eroirtert wird, noch sind sie fahig, gegen die Herabsetzung des Arbeitslohns unter das Vorkriegsniveau mit Erfoig einzutreten. Wenn die englischen Arbeiter den Drei-Verband,, den.Kongrefl der Gewerkschaftsverbfnde und die Arbeiter-Partei bisher als Organisationen angesehen haben, die die Interessen des gesamten. Proletariats vertraten, so muf3ten die Miflerfolge der letzten drei Jahre sogar die zuriickgebliebenen Schichten der Arbeiterklasse zu der Ueberzeugung bringen, daB es in England im Grunde genommen kein solches Organ gibt, das das ganze Proletariat umfafit, seine, Interessen wirklich zum Ausdruck -bringt und fihbig ist, mit seinem gliinzend organisierten Feinde zu ka~mpfen. Jene Tatsache, daB die erwiihnten Arbeitervereinigungen oder, richtiger gesagt, Fiihrervereinigungen nicht imstande sind, die Arbeiterschaft vor der Herabsetzung des Arbeitslohns zu bewalren, geschweige denn die Nationalisierung durchzusetzen, - diese Tatsache hat diesen Organisationen den empfindliFhsten Schlag versetzt. An den zahlreichen, auf verschiedenen Massenversammlungen der Bergleute im ganzen Lande nach dem erfolgten Verrat der Ffihrer -des Drei-Verbandes angenommenen Resolutionen ist klar ersichtlich, daB das VerhLmiltnis de- r;Arbeiterk-asse zu alien diesen Orgaisationen -mit ihren grol klingenden Na:Mmen im grol3en und ganzen schon jetzt emn durchaus- ablehnendes ist. Aber diese ablehnende Haltuang kommt auf zweierlei Weise zum Ausrulck. Die einen beschuldigen die Fiihrer desVerrats und fordern ihre Beseitigung, ohne dieFrage~ des Charakters der Organisa tionen, an deren Spitze diese Fiuihrer stehenj oder die Notwendigkeit einfer tiefgehenden Verainderung dieser Organisation zu beriihren. Die anderen schreiben im Gegenteil alle Miferfolge in der Hauptsache gerade dem Charakter dieser Organisation zu,.d.l h. sie weisen darauf hin, daI3 der Drei-Verband und sogar der KongreB 'der Gewerkschaftsverbiinde, selbst wenn sie den aktiven Kampf mit der kapitalistischen KMasse hiitten aufnehmen wollen, dies nicht haitten -tun konnen, dank dem Umstande, daB die Arbeiterbewegung in ihrer Gesamtheit dezentralisiert ist, und diese Organisationen lediglich freiwillige und autonome Vereinigungen von Fifihrern sind, was zur Folge habe, daBtdiese Organisationen selbstaindig nichts unternehmen kbnnen und auf das Einverstaindnis eines jeden autonomen Teils angewiesen sind. Ueberdies wiirde eine Zustimmung dieses oder jenes autonomen Teiles wenig niitzen, wenn man in Betracht zieht, daB dieser Teil selbst eine Fb-deration von zahireichen Gewerkschaften ist, die ebenfalls autonom sind und. ohne deren Zustimmung daher nichts unternommen werden kann. Die gegenwiirtige Stimmung in der Arbeiterklasse wiirde eine grundlegende Rekonstruktion siimtlicher existierenden Arbeitervereinigungen und deren Aufbau nach zentralistischem Prinzip erfordern. Bisher hat-das Bestreben der Arbeiterschaft zu einer wirksamen Vereinigung der Arbeiterklasse in einer Front, beginnend mit der Fabrik und endend mit einem Zentralorgan des gesamten organisierten Proletariats, den grbf3ten Widerstand bei den zahlreichen Fiihrern gefunden, in deren Interesse es lag, bei den Arbeitern die Illusionen zu erhalten, als waire das Proletariat wirklich vereinigt, und daB die Zentralorgane ihrer Vereinigung - fulr die Bergleute, Eisenbahner und Trans-' portarbeiter - der Drei-Verband und fuir die ganze iibrige Arbeiterklasse - der Kongref3 der Gewerkschaftsverbiinde und die ArbeiterPartei seien und daB in besonders wichtigen Faillen soiche Organe, wie das zur~ Zeit des Eisenbahnerstreiks von 1919 gebildete Verhandlungs-Komitee oder der fuir den Kampf: gegen den Krieg mit Ruf~land bestimmte Aktionsrat geschaffen werden kiinnten. In WCirklichkeit haben die zahireichenl Fiihrer

Page  143 how: i: DER STREIK DER ENG;LISCHIEN BERGLEIIUTE UND SEINE LEHRE 143 DER STEI DERu ENLIC EN- BEGET UN SEN LEHRE '43~~r*~C~IIIIIIC-II jenes Chaos in jeder Weise unterstiitzt, das in der englischen Arbeiterbewegung bis auf den heutigen Tag herrscht. Bis auf wenige Ausnahmen stehen die Fiihrer der Idee der Zentralisation der Arbeiterbewegung feindlich gegeniiber, und das ist verstiindlich. Bei der Dezentralisation sind die Fiihrer eher im Stande, jedes geschlossene Vorgehen des ganzen Proletariats unmbglich zu machen. Eingehendere Kenntnis der Lage der Dinge in England in den Jahren 1909 bis 1921 iiberzeugt uns davon, daBl, wenn das gesamte engIische Proletariat 1919 die Streiks der Eisenbahner oder in den Jahren 1919, 1920, 1921 die Streiks der Bergleute unterstiitzt haitte, die Folgen dieser Unterstiitzung fMr die Entwicklung der revolutioniiren Bewegung Englands auf3erordentlich schwerwiegend gewesenwiiren. Nicht umsonst verliefen Thomas und Henderson, als die Bergleute zu streiken begannen, eiligst ihre Sitzungen in Amsterdam, um das allgemeine Vorgehen des englischen Proletariats zugunsten der Bergleute zu verhindern, von dem Gesichtspunkte ausgehend, dafl ein derartiges Vorgehen,,das ganze Land in einen chaotischen Zustand versetzen wiirde, aus dem es keinen anderen Ausweg gibt als den der Revolution". In dieser Weise sprachen die Fiihrer ganz offen. Sie waren in jeder Weise-bemiiht, die mbglichen Konsequenzen zu verhindern. Die Fiihrer der erwiihnten Organisationen setzten der Durchfiihrung der Zentralisation der Arbeiterbewegung jedes erdenkliche Hindernis entgegen, Dagegen suchen sich diese Fiihrer bei jeder erfolgiosen Aktion der Arbeiter mit der Behauptung zu rechtfertigen, daB es nicht ihre Schuld sei, wenn der DreiVerband oder der Kongref der Gewerkschaftsverbainde sie nicht unterstiitzt hatten, sondern daBl die Statuten dieser Organisationen die Schuld triigen, die es ihnen zur Pflicht machten, die Zustimmung der einzelnen Teilorganisationen einzuholen. Wenn in England ein Zentralorgan der gesamten Arbeiterbewegung vorhanden wire, so wiirde den Thomas, H-enrderson usw., die dieses Zentralorgan in der ersten Zeit zweifellos bilden werden, wenigstens dieser Vorwand zur Begriindung ihres Verrats an der Arbeitersache genommen sein. Dann -wiirde die gqi~ze Unzufriedenheit der Massen ~sich gegen das verriiterische Zentralorgan richten, dann haitten es die FRihrer auch viel schwieriger, ihren Verrat auf andere abzuschieben. Die brennendste Frage, die die breiten' Schichten des englischen Proletariats gegenwartig beschaftigt, ist nicht die Nationalisierung und nicht die Frage der Arbeiterregierung (die letztere wird zweifellos auf*dew Kongref der Gewerkschaftsverbiinde und spaiter aktuell werden), sondern der Kampf um den Arbeitslohn, der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und das Bestreben, alle Organisationen der Arbeiterklasse und ganz besonders den Kongref3 der Gewerkschaftsverbiinde auf zentralistischer Basis-zu reorganisieren. Ohne eine grundlegende Umgestaltung dieser Organisation sehen die Arbeiter keine Mbglichkeit, auch nur den Kampf um den Arbeitslohn erfolgreich durchzufiihren. Praktisch richtet sich dieses Bestreben auf die Notwendigkeit der Errichtung eines Generalstabs ffur Arbeit (General Staff of Labour). Die Fifihrer der Arbeiterbewegung Englands reagierten immer auf die Stimmung der Massen. Sie reagierten immer auf diese oder jene Stimmung unter den Arbeitern, auf diese oder jene Stramung unter ihnen; aber es ist ihnen immer gelungen, sie in das opportunistische Geleise einmiinden zu lassen und zu verhindern, daB sie zu groBen Formen des Klassenkampfs auswuchsen. Als unter den Bergleuten, Eisenbahnern und Transportarbeitern, vor dem Kriege noch, sich eine, starke Striimung zugunsten der Vereinigung zu gemeinsamer Aktion bemerkbar machte, entsprachen die Fiihrer diesen Bestrebungen und schufen den Drei-Verband. Aber sie schufen ihn in einer solchen Weise, gaben ihmeine solche Form, arbeiteten solche Statuten aus, daB er, ungeachtet seines grof3en Namens, faktisch nichts leisten konnte und waihrend. seiner Existenz auch wirklich nichts, geleistet' hat. Der Kongref3 der Gewerkschaftsverbainde ist ebenfalls ein Ergebnis der Forderungen der Massen, ihrer Klassensolidarti einen realen Ausdruck zu verleihen. In Wiric lichkeit aber hat dieser Kongrel3 der ~Arbeite-: kiasse keinen Nutzen gebracht; er versammelt sich nur einmnal im Jahre, fal~t die verschiedensten Beschluisse, die ganz ergebnislos~ bleiben, um sich dann wieder: his zumn nilchsten Jahr zu vertagen.

Page  144 M. BORODIN Eb-enso s~teht esauch jetzt. Die Fiihrer kommen dew Wunsch der breiten Massen nach einem Generaistab entgegen. Aber wie inmer, so auch jetzt, beschrainken sie sich darauf, lediglich den Namen der veralteten unbrauchbaren Organisation zu indern: statt des Parlamentarischen Komitees des Kongresses der"' Gewerkschaftsverbainde wird es einen General-Rat des Kongresses der Gewe ' rkschaftsverblinde geben. Das Wesen der Sache bleibt das alte. Eine den ganzen Arbeitsorganismus erfassende Zentralisation wird nicht geschaffen werden. Die Fiihrer werden alles aufbieten, ur eine solche Organisation unmoglich zu machen..1 Aber auf dem bevorstehenden Kongrel3 der Gewerkschaftsverbiinde wird die Frage der Zentralisation oder Dezentralisation der Arbeiterbewegung Englands eine Kardinaifrage bilden, ur die sich der hartniickigste Kampf entwickeln wird. Zwei Gegner werden sich auf diesem Kongrefl gegentiber stehen: einerseits die Fiihrer, die groBen und die kleinen, die am Kongrefl ex officio oder als Delegierte teilnelmen werden, andererseits die Delegierten der Massen. Die ersten werden den alten Dezentralis' inus, das alte Chaos unterstuitzen, obwohl sie fiur die alten Organisationen neue Namen f.nden werden, die letzteren werden f ur einen wirksamen, d i e g a n z e F r o n t erfassenden, Zentralismus und f Ur den Generaistab kimpfen. Wenn die Konmunisten aul3erhalb des Feldzugs bleiben werden, der dem Kongref3 der Gewerkschaftsverbiinde vorangelt und wahrscheinlich schon begonnen hat, wenn sie an der Arbeit und an dem Kampf auf dem KongreB selbst nicht energisch teilnelmen und in einer derartig wicltigen Frage, wie die Zentralisation der. Arbeiterbewegung, keine bestimmte Stellung einnehmen werden, - werden sie zumindest die historischen Chancen einbiifen, eine Massenpartei zu werd; en, denn alle Striimungen der Arbeiterkiass~e Engl~ands stehen gegenwiirtig auf dem Stan:dpunkt de's Zentralismus und kbnnen dutch-I diesen erfaf~t werden. Gegenwiirtig let di:1- ese Strlimung ohne Fiihrung, ohne Propagand und Agit~latio ns;organre, ohn e ~pra ktiecheHinweise auf die Art, in der der Kampf, rnwohl~t vor, deni Kongrel3 als auch sptier ge-~ fiihrt werden mul3. Die einzigen, die diese Aufgabe fibernelmen ko-nnen und miissen. sind: 1. die Komnunistische Partei Englands bei weitgehendster Unterstiitzung der Kommunistischen Internationale und 2. die Organe der Gewerkschafts-Internationale. Unsere Partei in England, hat bisher die ganze Bedeutung dieser Arbeit noch nicht erfaflt, dieser Frage noch nicht die noitige Aufmerksamkeit gewidmet, sie iiberblickt noch nicht alle jene Mbiglichkeiten, die zwischen der Partei und den breiten Schichten einen engen Kontakt schaffen-wiirden und sie aul den breiten Weg einer Massenpartei fiihren kbonnten. Der Grund, weshaib die Kommunistische Partei Englands dieser Frage nicht die erforderliche Aufmerksamkeit gewidmet hat, besteht darin, daB einige englische Genossen sich nicht vorstellen konnen, daf die Kommunisten der Idee der Zentralisierung der Arbeiterbewegung zustimmen diirfen - einer Idee, die zweifellos zum Entstehen von zentralen, durchwegs aus Opportunisten und VerrAitern bestehenden Organen fiihren wiirden und Leuten wie Thomas und Henderson dazu verhelfen soilten, an der Spitze des Generalstabs ffur Arbeit zu stehen. Aber das beste Argument, das der Ansicht dieser Genossen entgegengestellt werden kann, haben die Genossen Lenin und Sinowjew wiederholt zugunsten der Bildung einer aus Mitgliedern der Arbeiter-Partei bestehenden Regierung angefiihrt, indem sie darauf hinwiesen, daB eine soiche Regierung die opportunistischen und verraiterischen Fiihrer'noch mehr diskreditieren, den Massen einen Ruck nach links geben und die allgemeine revolutionare Bewegung fordern wiirde. In derselben Weise, in der die revolutiondre Bewegung Englands nicht umhin ko-nnen'wird, das Stadium' einer aus Fuihrern der Arbeiter-Partei best henden Regierung.zu passieren, ehe sie zu einer wirklichen Revolution gelangt, wird audh der Zentralismus den gleichen Zweck erfiillen. Aus diesem Grunde, im Interesse der revolutiondiren Bewegung, besteht die grundlegende Aufgabe der Partei in der Unterstuitzung der Arbeitermassen in ihrer Tendenz zu einem die ganze Front umfassenden Zentralismus, -in ihrer Forderung nach einem Generalstab und in der Leitung dieser ganzen Bewegung. Mag

Page  145 L -* ~1 - ~''~ ~ I L. FRAINA: DIE LAGE IN AMERIKA die Fuihrerschaft zeitweilig in den Hiinden der Opportunisten und Verr"iiter bleiben, mogen die Arbeiter ihre Illusion behalten, indem sie die Lobsung ihrer brennendsten Fragen, wie z. B. die Frage des Arbeitslohns, von einem Generaistabe erhoffen. Die breiten Schichten sind nun einmal noch von dieser Illusion erfiillt. Daher ist es notwendig, alles zu tun, um den Arbeitern zu helfen, diese Illusion zu iiberwinden. Wir wissen, daB ein Generaistab jene objektiven Bedingungen nicht beseitigen kann, die die Arbeitslosigkeit, das Sinken des Arbeitslohns usw. erzeugen, und daB dieser Generaistab friiher oder spaider von denselben Arbeitermassen gestiirzt werden wird, die ihn geschaffen haben. Aber es ist notwendig, daB die Massen begreifen, daB ein Generaistab (aus Opportunisten und Verriitern) den Arbeitern niclt das geben wird, was sie von ihm erwarten, iire Hoffnungen nicht erfiillen wird. Davon werden sich die Massen sehr bald iiberzeugen, se'hr bald darauf, nachdem dieser Stab geschaffen sein wird. Einstweilen aber stehen ffir' die breitesten Schichten die Fragen Zentralismus und Errichtung eines Generaistabs fu"r Arbeit auf der Tagesordnung, und friiher oder spiter wird diese Frage ir positiven Sione gel8st sein. Unsere Aufgabe besteht darin, diesen unvermeidlichen Prozel3 zu beschleunigen und dieses unvermeidliche Entwicklungsstadium zu durchieben und hinter uns zu lassen. M & Brodin. Die Lage in /lmerika. Die gegenwirtige Lage in Amerika erscheint einerseits sehr kMar und iibersichtlich, andererseits sehr verwickelt. Einerseits macht sich eine schwere Gkonomische Krisis und ein Zuriickgehen des Auflenhandels bemerkbar, andererseits scheint der amerikanische Kapitalismus in keiner Weise erschuittert zu sein. TIm Lande gibt es 4-5 Millionen Arbeitslose, aber das fiihrt zu keiner revolutionfiren Stimmung. Gegenwiirtig ist ein hartniackiger Kampf zwischen Kapital und Gewerkschaften im Gange, aber die angreifende Seite in diesem Kampf ist das Kapital, wiihrend die Verbainde fortfahren, eine defensive Stellung einzunehmen. Im Lande herrscht eine schrankenlose nationalistische Reaktion und ein Regime der Repressalien, und dennoch denken die Massen an keinen aktiven Kampf und nehmen eine passive Haltung ein. Es herrscht eine schrankenlose Monopolwirtschaft, die gegenwirtig einen stiirkeren Druck ausiibt als jemals fruiher, aber die Kleinbourgeoisie liil3t sich das ruhig gefallen und gibt sich imperialistischen Stimmungen hin. Ungeachtet der industriellen Krisis, oder vielleicht gerade infolge derselben, bereitet sich der amerikanische Kapitalismus zu einer grof3ziigigen obkonomischen und finanziellen Offensive vor. Aber diese Offensive wird immer hinausgeschoben und befindet sich jetzt noch immer im Stadium des Projekts. Es machen sich Anzeichen des kommenden Zerfalls bemerkbar, eine Konzentration der revolutioniiren Kraifte geht vor sich, - aber sowohi das eine wie das andere sind einstweilen nur potentielle Faktoren fiir die weitere Entwicklung der proletarischen Revolution. Wie erkliirt sich der komplizierte Charakter dieser auf den ersten Blick kiaren und einfachen Sachiage? Unter den Verhijitnissen, die gegenwirtig in Amerika herrschen, hiangt der Beginn der Krise fast ausschliel3lich von der Entwicklung der internationalen Verhailtnisse ab. Amerika befindet sich im Zustand der,,gespannten Beobachtung". Amerika wartet auf die Entwicklungsergebnisse auf den Gebieten der Industrie, des Handels, der Finanzen und der revolutionlren Bewegung. Der amerikanische Imperialismus hat eine Weltmachtstellung erlangt, aber diese Macht. stellung erscheint keineswegs gesichert, denn die ganze Welt wird durch die StOBe des ikonomischn Zerfalls und der proletarischen Revolution er-, schiittert. Hieraus ergibt /sich die doppelsinnige Politik Amerikas: einerseits das Bestreben, die Weltrevolution zu ersticken, das zu Repressalien gegen die amerikanischen Kommunisten und zum hartnickigen Boykott Sowjet-RuBlands fu*hrt; andererseits' der Wunsch, einen wirksamen Frieden in den '5konomischen und finanziellen Verhaltnissen herzustelle, aus dem sich die langsamen, aber sorgsamen Vorbereitungen fufr die Einmischung in die europlischen Angelegenheiten erkliaren, ungeachtet der Weigerung Amerikas, dem V81kerbund beizutreten.' I-:s - 10 Kom=. IQW.IrniS

Page  146 L..FRAINA ~- - i-~-:-i-i-:~-- ccr------;--- ~~ -- -r--t----Ap of v 't!!o I?PTO - ---- nornsc~e Cage Amerikas und nacO dem Kriege. Die anerikaniache Industrie war vor dem Kriege berulbmt durch ihre hohe Produktivitit Dank der weitetgehenden Anwendung von Maschinen, dem konsequent durchgefiihrten Normierungssystem der Produktion, der Intensitit und der Gliederung der Arbeit konnte die amerikanische Industrie viel und billig erzeugen. Ungeachtet dessen, daIB die Arbeit in Anerika besser bezahit wurde als in Deutachiand und England, hatte Amerika die M6glicbkelt, mit diesen Lindern erfoigreich zu konkurrieren. Die Vereinigten Staaten waren der grollte Weltproduzent an Eisen, Eisenerzeugnissen and.Fabrikaten, und gleichzeitig exportierten sie angeheuere Mengen landwirtschaftlicher.Produkte and Rohstoffe. Indessen hatten die Vereinigten Staatan keineswegs die Hegemonie inne, weder im Handel noch in der Industrie. Erst der Krieg hat die Hegemonie Amerikas auf dem 6ikonomischen Gebiet endgiiltig festgelegt. Im Laufe der ersten zwei Kriegsjahre (bis zur Teglnahme Amerikas am Kriege) war die Nachfrage der Entente nach Erzeugnissen der amerikanischen Industrie und Landwirtschaft ungeheuer groll. Infolgedessen nahm die Produktion Amerikas einen Umfang an, wie ihn die O5konomische Weltgeschichte bis dahin nicht kannte. Die Nachfrage nach miiitarischen Ausriistungsgegenstiinden seitens der Entente gab der amerikanischen Stahl- und Eisenindastrie einen maichtigen Anstofl; dank der Nachfrage nach Fertigfabrikaten stieg die Anzahl der Fabriken, und der Bedarf an Lebensmitteln schuf das,goldene Zeitalter" in der Geschichte der amerikaniachen Landwirtschaft. Aehnlich dem mythischen Koinig Midas, durch dessen Beriihrung alles in Gold verwandelt wurde, verwandelte Amerika die Todeszuckungen und den Untergang Europas in mirchenhafte Schiitze. Diese ungewbhnliche Entwicklung der Indastrie (and foiglich auch des Exportkapitals) verwandelte die potentielle Weltmachtstellung Amerikas zu amer realen Gr6Be. Da der Krieg um die Weltherrechaft ging, konnte Amerika nicht neutral bleiben: es war gezwungen, an ihm teilzunehmen. Aber trotzdem Amerika eine Armee von 4 Millionen Mann aufgestellt hat, hatte seine Teilnabme an dam Kriege dennoch einen vorwiegend industriellen Charakter. Unter dem Druck der Regierung wurde die' gaze Industrie des Landes za Kriegszwecken mobilisiert. Aber der ProzeB dieser Mobilmachung venia fnichtsdestoweniger vom Gesichtspunkt der Belnfis der Nachkiegszeit: jade fiit den Krieg ss*.rdrih ee Unternbmun, jade Erweiterung efuas 4~te etree warde derart vorgenoimen, an-~~ gaR:lih n chnell auf den Frieden~sbatia ungaait aren koante. So z. B. fehite es der Entente sehr an Transportmitteln. m Im Hinbick-darauf baute die anerikanische Ragierung eine untgeheure Anzahl von Weriten und Handelsschiffen, was zur Folge hatte, daB die Vereinigten Staaten gegenwirti U Iber eine agroBere Schiffbauindustrie verhigen als England und die Handelshegemonie des letzteren bedrohen. Vor dem Kriege hat Amerika sehr wenig Kapital exportiert. Es hat sogar Kapital aufgenommen, and seine Schulden erreichten anniihernd die Samme von 3 Milliarden Dollar. Schon die ersten zwei Kriegsjah-c geniigten, am diese Lage von Grund auf 7u J indern. Gegenwiartig sind die Vereinigten Staaten der Glia*biger der ganzen Welt, und die anderen Linder schalden Amerika etwa 20 Milliarden Dollar. Der Krieg, der naheza den ganzen Indastrieapparat Europas vernichtet hat (mit Aasnahme von England, dessen Indastrie nar etwas erschiittert worden ist), hat den indastriellen Apparat der Vereinigten Staaten angeheuer gefestigt, entwickelt and vervollkommnet. Die Kapitalreserven Europas waren erschb*pft, waihrend das Kapital Amerikas sich ungeheaer vergro"Bert hat. Es ist ein Umschwang in den 6ikonomischen Verhltnissen eingetreten, wie ihn die Geschichte bisher nicht gekannt hat. Zur Zeit des Waffenstillstandes (November 1918) war Amerika der groilte Produzent der Welt and der Besitzer des groilten Kapitals. Die M8glichkeit einer schrankenlosen Entwicklung und der finanzielien and 6jkonomischen Hernschaft lag Amerika offen. Der groBe Zweikampf zwischen England and Deutschland um die Welthegemonie fiel zugunsten der Vereinigten Staaten aus. Amerika warde die Haaptmacht der Welt. Diese Tatsache konnte man schon an den von Wilson ausgearbeitetan Grandlagen des V81kerbunds erkennen. Aber die Volkarbundsidee begegnete ainem hartnickigen Widerstand von seiten zweier Richtangen in Amerika, die in ibrer Gesamtheit die Mehrzahl der Bevb-lkerang ausmachen. Die eine war deshalb gegen den Vdlkerband, weil sie in ihm die Festigang der englischen Herrschaftsstellang erblickte and von der Ansicht ausging, daB Amenika nicht zam Schaden seiner Vormachtstellung handeln dfirfe, dal es sich nicht von irgend einer Kraft abhingig machen diirfe, die der weiteren Entwicklung den armerikanischen Weltherrschaft hinderlich sein kiinnte, inabasondare~ aber deshaib, weil Amerika seine UnaBhiingigkeit fuir den K~ampf glegen ~Engtland, de unnvenmeidlich srei, beahren8 iniisse..Dar andare Tei der flevoilkerang f and, daB die WVeltherrtscaft ~Anierikas sick leadiglich aid die rein sackliehe Sphtire beschruinken miisse, aidf die Gebiete d~es Handels uand.den Jaduatnie.

Page  147 ............ -;~--~- ~ r ~~----~ DIE LAGE IN AMERIKA - -a -; *::r~- --q~LIICJ)T b-ll*-:i-~ ~--i.- ---"--- Wfthrend Wilsms, unter dernr Einflu3 fClexenceaus in den Bannkreis der reaktioniren Politik der fravo zisischen Regierung geratend, fuir die Vllkerbundsidee kimpite und eine unbedeutende Gruppe der amerikanischen Republikaner eine offene imperiaIistische Weltpolitik anstrebte, folgte die Mehrheit der Amerikaner verfiihrerischen Perspektiven etwa folgender Art; der Krieg ist gewonnen, und wir haben einen ungeheuren Gewinn daraus gezogen; Europa ist uns ungeheuer verschuldet und es wird uns bezahien miuissen; wie es seine Schulden bezahien wird, das 1st seine Sache; wir werden fortfahren zu produzieren und unsere Waren zu verkaufen, wuihrend Europa sich damit beschuiftigen wird, die Mittel aufzubringen, seine Schulden zu bezahien. Diese Ideologie fand eine immer groif3ere Verbreitung, und nach der Ablehnung des Wilsonschen VO'lkerbundsprojekts seitens des amerikanischen Senats wurde sie zur herrschenden. Vom Gefiffil ciner grenzenlosen Selbstzufriedenheit erfaBt, gleichgiiltig gegenuober der tragischen Lage der zerfallenden Welt, schloB sich das Land diesem Gedankengang an. Und mit der Groimut eines vor Wohibehagen grunzenden Schweines war!en die Amerikaner herablassend abgenagte Knochen dem untergehenden Europa zu, ohne jedoch ihren geschiftlichen Standpunkt aufzugeben und SowjetRuBland immer umgehend. Aber die Amerikaner haben in der Einschatzung der wichtigsten Faktoren der Weltiage einen groben Fehier begangen. Sie erwarteten einen schnellen Wiederaufbau Europas und eine so grofle Nachfrage nach Waren, daBl nur Amerika sie hatte befriedigen kannen. Es ist wahr, das Jahr 1919 hat diese Hoffnung bestiitigt. Der amerikanische Aulenhandel erreiclte die aktive Bilanz von 4 Milliarden Dollar; in seiner Warennot verriet das stiihnende Europa seine eigene Zukunft, um seine augenblicklichen Beduirfnisse zu decken. Aber bereits im Jahre 1920 zeigten sich die Symptome des Riickgangs im Handel. Der Aufienhandel sank bis auf 3 Milliarden Dollar (der Export steigerte sich im Vergleich zu 1919 auf 300 Mill. Dollar, waihrend der Import auf 1375 000 000 stieg. Aber diese Zahlen sind triigerisch, deun in Wirklichkeit fand eine Verringerung des W a r e n - umsatzes statt; die anwachsenden Zahlen erklkiren sich aus, den abnorm gesteigerten Preisen. Geht man von den Preisen des Jahres 1919 tins, so ergibt sich, daB der amerikanische Au~enhandel von 1920 tim 700 Millionen Dollar gesunken ist.) Was aber den Export nach Europa betrif It, so 1st seine Verminderting elne noch 'viel bedeutendere: Inach den Preisen vron 1920 1st er tim 700 Millionen Dollar geringer geworden, im Vergleich zu den Preisen vona 1919 erglibt sich natiirlich emn ~noch vie grles~er~ Rii~ckgang. tO' Komm~- intn. it~,-:" _. Auflerdem iwirdi dieser lHandelsluniata: v**iKre.0 diten tnterstiitzt, die Arerika den etaropjiscla LUndern erdffnet hat, Kredite, deren Gesamntsumi seit dem Waffenstillatand 4 Milliarden Dollar erreiclt. Bereits im Jahre 1919 zeigten sich die ertenAszeichen der beginnenden bkonomischen Kzise. Die Industrie Amerikas besal derartige Produktivkriifte, dal3 die Produktion eingeschriakt werden ruiufte, da der Auflenhandel sie nicht atfahm. Die ungewo*hnliche Entwickrung der Finanz. und Kreditoperationen, verbunden mit dem Sinken aller Engrospreise um 25 Prozent, fufhrte zu der Finanikrisis. Es roch nach Liquidation, die Panik setzte ein. Aber die finanzielle Panik wurde gestoppt dutch die Anwendung des,,Systems der fiderativen Reserve", d. h. durch die Vereinigung aller Bankel, (einem durch die Administration Wilsons dutrchgefiihrten Banksystem, das den alten Traum iener amerikanischen monopolen-,,Zentral-Bank"' vewirklicht). So war die Lage im Jahre 1920:-Faktischer RUickgang des Aufenhandels und Anzeichen einer Finanzpanik. Einschra-nkung der Produktiou, Sinken der Eisenbahngewinne, Riickgang des Seetransports und Arbeitslosigkeit. Trotz dieser bedrohlichen Anzeichen verfolgten die amerikanischen Handelskreise ihre Politik der Isolierung weiter und gaben ihre Parole nicht auf:,,keine Einmischung in europlische Fragen, Arbeit und Gescha-ft". Aber es war nicht so einfach,,,Arbeit und Geschilft" zu machen. Die amerikanische Industrie hatte eine ungeheure Produktivkraft. Europa war nicht imstande, zu kaufen. Da Europa nicht zahlen konnte, wurden die amerikanischen Firmen mit der Kreditgewa*hrung vorsichtig. Europa leistete die Zahlungen in Gold, dadurch verringerte sich seine Kreditfiihigkeit, denn die Goldvorraite wurden immer geringer. In Amerika aber wuchsen die Goldvorrite zu einem soichen Umfang an, daB die amerikanischen Geschiiftemacher sich fragen muften:.,,Was sollen wir jetzt mit unserem Gold an!angen?" Die Lage nahm einen nahezu katastrophalen Charaktar an: die industriellen Unternehmungen begannen die Arbeit einzustellen; die Hailfte der amerikanischen Handelsilotte stand nutzlos da; die Arbeitslosigkeii wuchs in erschreckendem MaBe. Tm Verlaufe von 6 Monaten, bis zum Mai 1921, sank der amerikanische Aullenhande~l tim 50 P,,,rozet,, fas usc~ie t:l:~~l lich auf Kosten des Handels mit Europa. 2. C9arakfer und Ziele des am erikanisc5en Im nperk1 Unter soichen Umstindetntrat der nei PraIsident Harding sein Amt an. Wlih Wahikampfes nahm man allgemeiz

Page  148 ~_ --I'~I:___ - -----r-- - - ~-:*r L. FRAINA -c211111.. -..,.I I ~I.. republikaniache Partei --,die historische Partei der amerikanischen Expansion und des amerikanischen Imperialismus - eine neue Aera einer,,liberalen" Auflenpolitik aufnehmen werde. Aber derselbe Einflul3 der b-konomischen und politischen Faktoren, der Wilson zu einem Imperialisten machte (wenn nicht in Worten, so doch in Taten), zwingt Harding zu einer Politik, die der Weltmachtstellung Amerikas entspricht. Der Imperialismus und die Weltkrisis, alle Faktoren, die in den Vereinigten Staaten in Verbindung mit ihrer Weltmachtstellung wirksam sind, zwingen die Regierung Hardings (in allem, aufer der Volkerbundfrage) zur Fortfu*hrung der Politik des Priisidenten Wilson, lediglich mit dem Unterschiede, daB Wilson den hohen Stil der Geschichte vorzog, wiihrend Priisident Harding sich mit dem Jargon eines amerikanischen Geschhiftemachers begniigt Leute, die sich einbiiden, daB 'Worte und Wahlparolen die Politik einer. Nation (zumal der amerikanischen) wesentlich bestimmen, setzten auf den Praisidenten Harding grofe Hoffnung. Diesen Hoffnungen folgte eine grausame Enttaiuschung. Viele dachten, dafl Harding die Politik der,,Isolierung" verfoigen werde. Aber am 24. Mai erklarte der Prisident in der Versammiung der Industriellen und Bankiers folgendes:,,Die Vereinigten Staaten konnten die Politik einer vij"Iigen politischen Isolierung niemais beibehaiten und werden es auch in Zukunft nicht tun kbnnen. Der Krieg hat uns zum Gliubiger der ganzen Welt gemacht..." Man nahm an, dali Harding sofort in Handeisbeziehungen mit Ruliand treten werde, aber die Note des Ministers Hughes an die Sowjet-Regierung zeigte deutlich, daB Harding ein ebnsoicher Gegner den Beziehungen mit Sowjet-Ruflland ist, wie es Wilson war. Man meinte, daB Harding in dieser oder jener Form Deutschiard heifen wiirde (u'brigens hat niemand etwas dariiber verlauten lassen, worin diese Hilfe bestehen kooonnte), in Wirklichkeit aber geschah das Entgegengesetzte, wenn man nach den Summen urteilen kann, die die Entente zur Deckung ihrer Schuiden in Amerika von Deutschland enpreflt. Man nahm an, daB Harding sich vom Versailler Vertrag lossagen werde. Da aber dieser Vertrag vor alien Dingen die kapitaiistische Herrschaft in Europa festlegt und gegen die proletarische Revolution gerichtet ist, so wird er (mit Ausnabme des Punktes ilber den VO*lkerbund) in dieser oder jener Form von der Regierung Hardings zweifellos rati'fiziert werden, - allenf ails mit Einschr~inkungen ~und Vorlbehalten, die den besonderen Interessen Amerikas entsprechen. Man nahm an, daB Harding E~uropa,,boykottieren" wiirde. Indessen mischt sic die amerikanische Regierung andauernd und 'harnickig in die Angelegenheiten Europas emn, und wenn Europa nicht nach Amerika wird gehen kejnnen oder wolien, um zu kaufen und zu zahlen, so wird Amerika, nach dem Beispiel tMohammeds, seibst zu diesem Berge kommen. Eine gewisse Unbestiindigkeit der amerikanischen Aulenpolitik und ihre Schwankungen kommen daher, daO der Krieg so schneli, so pl6tziich die bkonomische und finanzielie Hegemonie Amerikas geschaffen hat, dal die Amerikaner noch nicht dazu gekommen sind, bestimmte individuelie Formen ihrer Weitpoiitik auszuarbeiten: wie ehedem fahren sic fort, von Gesichtspunkten ihrer iiberseeischen Lage und rein geschaiftiichen Erwiigungen auszugehen. Vor dem Kriege hat der amerikanische Imperialismus vorwiegend nationale Ziele verfoigt. Auf dem Gebiete der internationalen Politik ging er nicht aus dem Rahmen der Monroedoktrin heraus:,,Amerika - fu-r die amerikanischen Kapitali'sten". Der amerikanische Imperialismus hat nach dem Biirgerkriege (1861-65) bestimmte Gestalt angenomnen, gleichzeitig mit der Errichtung der den ganzen Kontinent umspannenden Eisenbahnen, die den amerikanischen Westen der Bewirtschaftung zuginglich machten. Im Laufe von 20 Jahren spielte cieser Westen fu'r den amerikanischen Imperialismus die Roile eines zuriickgebiiebenen kolonialen Gebietes, und die dahin auswandernden Ansiedier wurden den imbrigen koioniaien V-lkern gleichgestelit. In den Vereinigten Staaten iiberwogen die rein nationalen Formen des Imperialismus: Monopol, Herrschaft des Finanzkapitals, Staatskapitaiismus, intensive Ausbeutung der Arbeiter, die internationalen Formen des Imperialismus entwickeiten sich iangsamer. Sogar der imperiaiistische Krieg mit Spanien (1898), die Annektion der Philippinischen Insein und die Durchstolung des Panamakanals ftihnten den amerikanischen Imperialismus zu keiner bestimmt betonten internationalen Poiitik. EP mag menkwiirdig scheinen, aber seibst der letzte Krieg hat eine soiche Poiitik nicht geschaffen, - mit Ausnahme als Politik einer kleinen Gruppe. Aber der poiitische Gedanke kann hinter den okonomischen Faktoren nicht ailzu lange zuriickbleiben. Amerika hat eine Weitmachtstellung erlangt, die eine bestimmte Weiterentwickiung zur Notwendigkeit macht. Langsam aber sicher arbeitet Amerika seine bestimmte poiitische Linie aus, die getragen wird von aggressiven und imperialistischen Tendenzen. Der amerikanische Impenialismus hat sich zu einem KooloB verwandeit, dessen Fuiie in Siidamerika eine feste Stiitze gewonnen haben, dessen cine Hand nach China und Asien strebt, wlihrend die andere Europa zu erfassen dnoht. D~as lateinische Amenika (Mexiko, Zentral- und Siidamenika) kann ais die koloniale Basis des amenikanischen Impenialismlus angesehen werden. Die Veneinigten Staaten haben das Pnotektonat (iber Kuba, das miiitiinische Protektorat liber aile um das Karibische Meer gelegenen Republiken und sind

Page  149 '- r L ~ ill I Lrr i r ~ -II._ I *I~_ DIIE LAGE IN AMERIIA -- ----.: -- ~~r I i: jeden Augenblick imstande, Meziko zu erobern. Siidamerika aber liegt ganz in der Hand des amerikanischen Kapitals. Vor dem Kriege waren England und Deutschland in Siid-Amerika ungeachtet der Monroedoktrin mehr interessiert als die Vereinigten Staaten. Aber jetzt hat sich alles veraindert: Deutschland unterliegt der Zwangsschraube, der Einflul3 Englands ist erschiittert, und die Hegemonie gehb-rt den Vereinigten Staaten. Die 6konomische Vorherrschaft Amenikas bleibt unbestritten. Im Jahre 1910 belief sich der Handel der Vereinigten Staaten mit dem lateinischen Amenika auf 689 Millionen Dollar, im Jahre 1912 auf 818 Mill., 1915 auf 1000 Mill., im Jahre 1920 aber erreicht er die Summe von 3 378 185 567 Dollar (urn 1940 144 950 Dollar mehn als im Jahre 1919). In den ersten fiinf Monaten des Jahres 1921 macht sich allerdings ein unbedeutender Riickgang bemerkbar. Aber die Vorhernschaft der Vereinigten Staaten im lateinischen Amerika li0t sich nicht nur an dieser Handelsstatistik ermessen. Eine viel gri-l3ere Bedeutung hat die Ausfuhr von Kapital und Maschinen, die fuir die Entwicklung der wenig kultivierten Lfndereien des lateinischen Amerikas bestimmt sind. Die Vereinigten Staaten repniisentieren ein ungeheures Reservoir freien Kapitals und eine maichtige Maschinenfabnik: alles das drfngt nach auflen und ist fu-r den Export bestimmt. Auch ein anderer wichtiger Fakton mul3 in Betracht gezogen werden - das Naphtha. Die Vereinigten Staaten haben das Monopol fiber alle Naphthaquellen, aul3er denen in Mexiko. Die Beherrschung der Naphthaquellen bildet aber gegenwArtig den notwendigsten Faktor der Welthegemonie. Daher versuchen die Vereinigten Staaten, auch die Naphthaquellen Mexikos (wie auch die der andenen Liinder des lateinischen Amerikas) in ihre Gewalt zu bekommen. Aul~erdem fiihren die Vereinigten Staaten ge-;enwArtig eine ungeheure Menge von Rohstoffen ein, die das lateinische Amerika in Hiille und Ffille besitzt. Der Gang der Ereignisse li1ft sich gegenwairtig dahin zusammenfassen, daB das lateinische Amerika in einen Bestandteil des industriellen und finanziellen Systems der U. S. A. verwandelt wird. Dieser amerikanische,,Zug nach dem Siiden" spielt in der gegenwan'tigen Geschichte Amenikas die gleiche Rolle, die zum Ende des XIX. Jahrhunderts,,der Zug nach dem Westen' gespielt hat Die Monroedoktrin ist jetzt in eine politische Parole venwandelt worden, die diesem,,Zug nach dem Siiden" dienstbar gemacht wird. Man wendet sic dort an, wo es sich darum handelt, die ~Rechte den auslgndischen Machte (mit Ausnahme der U. S. A.!) auf Naphthaquellen und andere Konzessionen in den Republiken des lateinischen Amerikas unter dem Vorwande zu bestreiten, daB diese Kon zessionen die politische Unabhingigkeit dieser Staaten bedrohen. PrIsident Harding fiihnt eine systematische Politik der Festigung und Verbreiterung der Akonomischen Herrschaft den Vereinigten Staaten im lateinischen Amerika durch. Das von ihm entwickelte Programm sieht eine industrielle, finanzielle und, falls es notwendig sein sollte, militrini sche Kontrolle fiber das lateinische Amerika.vor. Letztenes wird auf diese Weise ztU einer festen Grundlage des nordameriklanischep Impenialismus in seinem Kampfe ur die Erhalftng und Ver.. grol3erung seiner Weltherrschaft gemacht, so wie seinerzeit die Hegemonie fiber Zentral-Europa bis zur Tfinkei die Grundlage fuir den Aufbau der dcutschen Weltherrschaft bilden sollte. Die traditionelle amerikanische Politik in China wan die Politik den,.offenen Tfir", eine Politik, die allen Nationen die gleichen 8jkonomischen Rechte sichern sollte. Diese Politik wurde von Wilson im Jahre 1915 zum Teil aulgegeben, als er, gemaB dem Vertnage Lansing - Ischii, anerkannte, daf Japan infolge der angnenzenden Ternitorien besondene Rechte zu beanspnuchen habe. Dieser Akt hat Wilson den Hal allen Impenialisten eingebracht. Amenika hat gegenwirtig keine besonderen Interessen in China. Den Handel und die Nachfnage nach Kapital sind dont unbedeutend, aber sie wachsen stetig an, und die potentielle Bedeutung Chinas ist ungeheuer. Das 6-konomische Enwachen Chinas ist unvermeidlich; dieses Land wind in Zukunft zweifellos ungeheure Mengen von Kapital und Eiscnerzeugnissen verschlingen. Daher fuhren die Vereinigten Staaten gegenwiintig einen angestrengten Kampf, urn eine Hegemonie Japans in China zu verhindern, das ist in Wirklichkeit die amenikanisehe Politik in China, ungeachtet des Ventrages LansingIschii und des Einverstiindnisses Wilsons mit der Abtretung von Schantung an Japan. Das Verhiiltnis zwischen Amenika und Japan wird,immer gespannter. In beiden Liindern gibt es stanke Parteien, die offen fimr den Krieg agitienen. Die Hegemonie in China ist fflr den japaniachen Impenialismus dunchaus notwendig; das imperialistische Japan sieht sich gezwungen, sich entweden auszubneiten oder untenzugehen. Aben in einem rein industniellen und finanziellen Kampfe mit Anmerika, dessen wirtschaftliche Ressourcen die. Japans bedeutend fibentreffen, ist Japan von vornherein den Niedenlage geweiht. Die Vereinigten Staaten beneiten eine 6ikonomische Offensive in China von. Als Antwort darauf riistet sich Japan in fiebenhaften Eile und festigt semnen politisehei Einfluf3 in China. Diesen Kampf urn China kanan icht in fried-~,~ lichen WJ~eise ausgetragen werden. Das gegenw~nti ffir Japan unbedingt notwendige China wind sere bald

Page  150 L. FRAINA ---; -~'1 I----t- -- ------I ~ rrr wenn alle anderen MAWkte gsttigt sein werden fir den Absatz des amerikanischen Kapitals und Fertigfabrikate ebenso unentbehrllch sein, Der Kampf urnChina zwischen Amerika und an gestaltet sich'unvermeidlich zum Kampi urn Herrschaft auf der Stillen Ozean. Aber wenn er Kampf sich in einen Krieg verwandein wird, vird es ein Kampf um die Weltherrschaft sein, an L sich England notgedrungen, infolge der Rivalizwis'hen England und Amerika, auf die wir er zu sprcllen konmen werden, wird beteiligen sen. Die Miglichkeit eines Krieges zwischen Japan nd ' Anerika kann im gegenwiirtigen Augenblick die Politik der Komrunistischen Internationale nicht unmittelbar beeinflussen. Aber wenn die proletarische Revolution sich schneller entwickeln wird, so wird dieser Krieg unvermeidlich werden und fair die Internationale die groil3te Bedeutung haben. Das Verhlltnis Arerikas zu Europa wird vor allen Dingen durch die Verschuldung des letzteren bestirmt. Wie hoch sind diese Schulden? Sie erreichen 18 Milliarden Dollar und setzen sich folgendermaflen zusammen: die Anleihen, die England, Frankreich, Italien und Belgien tragen, mit EinschluBl der rnicht zur Aiiszahlung gelangten Zinsen I1I Milliarden Dollar; sonstige Anleihen und Handelskredite 3 Milliarden Dollar; die nach dem Waffenstillstand gewahrten Kredite 4 Milliarden Dollar. Die Stabilitit der finanziellen Lage Amerikas hiingt von der Riickzahlung der Schulden und Kredite ab. -Die Zahiung kann' nur in Waren erfolgen, durch Handelsunternebmungen und Investierung von Kapitalien. In Gold kann die Riickzahlung niclt erfolgen: Der Goldvorrat Europas genllgt nicht. Ueberdies besitzt Amerika last die Hfllfte des gesamten Goldvorrats der Welt und leidet daher unter einer starken Stagnation.,,Es wire Besser," erklfrte neulich Prisident Harding,,,wenn dieses Gold in den Schatzkammern des Auslandes geblieben watre und die f fr den internationalen Handel dringend erforderliche Festigkeit der Kurse und des Wechselmarktes garantieren wiirde." Das Problem besteht in der Wiederherstellung der Industrie und des Handels in Europa, die gegenwaiirtig ganz brach liegen. Amerika verfiigt fiber einen rnachtigen Apparat zur Erzeugung von Werten und fiber eine miichtige Flotte zu deren Transport. Aber alles das bleibt nutzlos liegen, dean der Verbraacher ist aullerstande zu kaufen. Es taucht die Frage der Finanzierung der Verbraucher auf. Europa mull in Waren zahlen. Aber die ameriIaxnchn Handelskreise und' der Kongrefl stehen noeh inner miter deta, EinfluO der alten produktio* tioeaIdeen, die. hohwZoiltarife. bedingen. Dieses Problem wird heftig debattiert, die unsinnigen Gegensiitze des Imperialismus treten zutage. Andererseits beginnen die amerikanischen Handelskreise zu verstehen, aIaB die Wiederherstellung normaler Handelsbeziehungen nur dann msglich sein wird, wenn man Europa noch weitere Kredite zur Verfilgung stellt, Es haben sich Gesellschaften zur Finanzierung des Auflenhandels gebildet. Der amerikanische Rat fu*r den Auflenhandel fafite am 7. Mai folgenden Beschlull:,,Die Wiederherstellung normaler Verhiltnisse hiingt wesentlich von der Entwicklung des Auflenhandels ab. Die Vereinigten Staaten miissen in Zukunft ihre Ein- und Ausfuhr vergrof3ern, soweit dies zur Bekaimpfung der Arbeitslosigkeit notwendig ist und den Schuldnern der Vereinigten Staaten die Maglichkeit gibt, ihre Verpflichtungen zu liquidieren. Ob wir einen Ausweg aus der gegenwhirtigen Lage finden, wird von unserer Fiihigkeit abhfingen, langfristige Kredite zu gewiihren, die Europa so dringend braucht, Solange keine Kredite gewahrt werden, wird der Stilistand in Europa und bei uns weiter an-, dauern." Die Regierung Hardings hat bereits aus eigener Initiative ein Programm ausgearbeitet, nach dem Europa weitgehende Kredite erhalten soll. Aber die Projekte gedeihen sehr langsam, deun Amerika ist bestrebt, dieses Anwachsen der Kredite auszuniitzen, ur in Europa eine industrielle und finanzielle Hegemonie Amerikas zu errichten. Amerika ist schon so weit, daB es eine finanzielle Kontrolle fiber Europa ausiibt. Mit der Gewaihrung neuer Kredite wird diese Kontrolle einen ungeahnten Umfang annehmen, ur so mehr, als schon bedeutende amerikanische Kapitalien durch Ankauf von industriellen Unternehmungen in der europaiischen Industrie investiert sind. Im Hinblick auf die Vergr-Blerung der Kredite verlangt Amerika Garantien, die in der Hauptsache einen hypothekarischen Charakter tragen werden. Damit hitten die Amerikaner den Schlfissel zu der europaiischen Industrie und zu den Bodenschiitzen Eunopas (wie dies bereits in Qestenreich der Fall ist). Und wenn Europa wirtschaftlich wiedenhergestellt sein und seine Schulden an Amenika bezahlt haben wird, so werden diese Summen zun Teil ein freies Kapital bilden, dessen grbioter Teil wiederur in der europ"iischen Industnie investiert werden wird, was die lei~rrschaft Amerikas in Europa noch mehr festigen wird. Schon vor der nenen Politik Handings hat dieser Prozeli emse solche Becleutung gewonnen, dali emn Publizist des,,The For-tnightly Review"' (London) sich folgendermallen_ ausclriickte:,,Die: M~iglichkseit ist nicht ausgeschlossen, dali Europa itifolge des Verkaufs europiiischen Unternehmungen, an Amenikaner eizz von Atuerikra a~bhiingigeis. Land werdens

Page  151 DIE LA0E IN AMERIKA wird, wenn nicht gar eine Kolonie der Vereinigten Staaten."' Wenn diese Tendenz sich unbehindert entwickeln und ihren logischen Abschluf3 finden wird (wir lassen soiche Faktoren wie England und Sowjet. Rulland einstweilen unberiicksichtigt), so wird sich Europa in einen Vasall des amerikanischen Imperialismus verwandein, zu einem Knecht Amerikas werden. In finanzieller und industrieller Hinsicht wird Europa eine Kolonie sein, in der die Unternehmer das Joch des amerikanischen Kapitals zu tragen haitten, die Arbeiter aber ein doppeltes Joch - das des europaischen und des amerikanischen Kapitals. DaB Europa in dem Kampf ur die Weithegemonie dem Untergang geweiht ist, das spricht der franzO5sische Gelehrte A. Demargeon in seinem Buche,,Der Fall Europas" mit Bestimmtheit aus. Er sagt:,,Niemand kann die Tatsache bestreiten, daB das his zurn Ende des 19. Jahrhunderts.herrschende Europa die Hegemonie an andere Erdteile abtreten muf3te, Wir erleben e i n e V e r - legung des Schwerpunktes der Welt. Eine erstaunliche Veraiinderung der Verhaitnisse fiihrt dazu, daB Europa, die Metropole unziihliger Kolonien, selbst ein Feld der amerikanischen Kolonisation geworden ist. Kein einziges europaisches Land, von den zuriickgebliebensten his zu dem fortgeschrittensten und maochtigsten, kann sich dem Einfluf dieses Prozesses entziehen." Vor zwei Jahren hatte es den Anschein, als waire Europa verurteilt, eine Kolonie Englands zu werden. Aber jetzt droht, nach Meinung des erwiahnten Publizisten, England selbst die Gefahr, unter das Protektorat Amerikas zu geraten.. Gegenwirtig ist Amerika der grb"Ote Lieferant von lapital. An Stelle Londons wird New - York der Bankier der Welt. Auch der Export Amerikas iibersteigt den aller anderen Lander. Es fiihrt immer mehr Fertigfabrikate aus, und gerade auf diesem Gebiet beruhte die friihere Herrschaft Englands (in den Jahren 1880-90 betrug die amerikanische Ausfuhr voh Fertigfabrikaten 15 Prozent; in den Jahren vor dem Kriege erreichte sie durchschnittlich 30 Prozent; wa*hrend und nach dem Kriege 50 Prozent). Ueberdies bedroht die grofle amerikanische, wihrend des Krieges gebaute Handelsflotte die Vorherrschaft Englands zur See (dies wird auch durch den Umstand begiinstigt, daB der Panamakanal im Handel mit dem Osten erfolgreich mit dem Suezkanal konkurriert). Aber am meisten bedEroht ~England jene Tatsache, dal3 die amerikanische Produktion stetig wiichst, wibhrend die englische sinkt (die Leistung, des amerikanischen Arbeiters ist dreimal grbl~er als die des englischen). Amerika ist nahe daran, die fruihere Stellung Englands emnzunrebmen, HaEndler und Produzent desr ganzen W~elt zu werden und den gesamten Seetransport und den Weltkredit zu beherrachen. Der Kampf zwischen England und Amerika splelt sich in allen Weltgegenden ab, aber einen besonders scharfen Charakter nimmt er in Europa an. Hier taucht die Frage auf: wird Europa zi eixer Kolonie Englands oder Amerikas werden? With.. rend Frankreich sich einbildet, Europa vor der drohenden Gelahr durch militarische und politische Vertra"ge mit den neugebildeten Kleinstaaten zn schiitzen (Polen usw.), geraten diese letzteren und Frankreich selbst in ein AbhAngigkeitsverhaltnis zu England und Amerika. Nachdem der Krieg alto Krdlfte ersch*pft und' die Rolle eines entscheidenden Faktors eingebiiflt und mit ihm auch die franzoisische Politik Bankrott erlitten hat, sieht sih Frankreich und mit ihm das ganze kapitalistische kontinentale Europa gezwungen, eine Kolonie Englands oder Amerikas zu werden. Mit einem merkwiirdigen Instinkt begabt, vermag Lloyd George die Lage der Dinge richtig zu beurteilen. Seine letzten Erklarungen (z. B. seine Rede iiber die. Lagein' Oberselilesien) griinden sich auf seine Ansicht, daB das europaische Problem ein wirtschaftliches und finanzielles sei, wahrend Frankreich und Polender, Auffassung sind, man kbfnne die Libsung dieses Problems in politischen und militairischen Aktionen finden. Lloyd Georges Wille ist, da3 diese zu steten militarisehen und politischen Unruhen fiihrende Auffassung liquidiert wird, damit England sich endlich mit Rube der Produktion widmen und den groflen Kampf um die Herrschaft in Europa und der ganzen Welt aufnehmen kann. Dieser Kampf wird fufr das Schicksal Englands entscheidend sein. Eine Niederlage wiirde Rfickentwicklung bedeuten. Aber eine mfichtige Nation kann ihre imperialistische Herrschaftsstellung nicht an!geben, ohne zu den Waffen zu greifen. Die Losung der Frage durch die Gewalt der Waffen wi*rde einen neuen Weltkrieg heraufbeschwtren, dessen Hauptteilnehmer England, Amerika und Japan waren, Unter diesen Umstainden kann Europa imiRahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung seine Unabhangigkeit -nicht bewahren. Aber vom historischen Standpunkt ans betrachtet, gibt es im Grunde genommen nur zwei groBe Weltenergien: Amerika mit semen zahireichen Widerspri~ichen des imperialistischen Sy~ stems und Sowjet -RuBland, das al~oetnepro.. tarische Revolution forderuden Fktrn ekdirpert. Amerika, als die imperialistische. Wetkaf, a bestrebt, die garize Welt seiner Herrscaf ixtrz. orduen. Tm Laufe von sieben. Jalire jetde aiiri kanisch~e und nationale Reicht:um m5 iliid Dollar vergrbi~ert worden. Aseikab veflt ie

Page  152 i -;~--~~~~rr r- -~- ~ LIAM D. HAYWOOD: KINDERARBEIT -UND WOHLTATJGKEIT IN AMERIKA --L 1 ~~ geheure Naturschitze und 1st dennoch bestrebt, ne Macht weiter auszudehnen; es ist eine ungeare -okonomische Kraft geworden, die die Welt rtschafLlich zweifellos beheyrscht. 'Sow-jet-RuBland strebt danach, die Welt auf dem Wege'der proletarischen Revolution zu befreien. Da's verwundete, hungernde, erschbpfte, von der gesamten kapitalistisehen Welt verfolgte Sowjet-RuBland hat, dank seiner revolutionfiren Politik, die Geiahr vermieden, eine-Kolonie Englands oder Amerikas zu werden. Das revolution-are Rufland kann Konipromisse oder Zugestaindnisse machen, aber es wird dennoch nicht aufhbren, die Welt zu der proletarischen Revolution aufzurufen. dauert an, - das ist elne Tatsache von welthistorischer Bedeutung. Die Weltrevolution hat sich in einen groflen Zweikampf zwischen dem biirgerlichen Amerika und dem proletarischen Sowjet - RuBland verwandelt. Amerika repriisentiert alle imperialistischen, den Wiederaufbau des Kapitalismus erstrebenden Energien; Ruf3land konzentriert alle Kriifte des revolutionaren Kommunismus, die den Kapitalismus zu vernichten suchen. Amerika verfiigt allenthalben jiber alle erdenklichen kapitalistisehen Kr~fte und ordnet die noch freien Mbfglichkeiten seiner Herrschaft unter; Sowjet-Rufland gebietet iiber die revolutionaren Kraifte der gauzen Welt (besonders in Europa und Asien) und befreit langsam die Welt. L. Fraina. Sowjet-Rufland hat es verstanden, der Kolonisation zu entgehen. Seine revolutionire Offensive IKinderarb elf und Loflfdfigkeif in /Imerika. Die Vereinigten Staaten von Amerika bemilben sich, die abstoflende HAillichkeit dieses Landes mit gro8zugigen Wohltiitigkeitsveranstaltungen zu bemanteln. Das Rote Kreuz, die Assoziationen Christlicher Jugendbuinde und die verschiedensten Wohlt5tigkeitsgesellschaf ten verteilen die irdischen Giiter in allen LUndern der Welt. Den Kindern der notleidenden LUnder wird eine reiche Hilfe zu teil - auf Kosten der Kinder in den Vereinigten Stanten. Diese Wohltiitigkeit, welche die Reichen der Vereinigten Staaten der ganzen Welt spenden, geschieht indessen nur auf Kosten der schlecht bezahlten Arbeit ihrer Sklaven, jener Millionen Sklaven, die heute aus den Fabriken und Werken ausgestofen und nun arbeitslos geworden sind. Die riesenhafte Arbeitslosigkeit, zu der die Arbeiterschaft verurteilt ist, muB sie ertragen, weil sie zu viel Werte produziert hat. Wfhrend die Maschinen rosten, und verderben, leiden die Arbeiter Hunger und Not und miissen ihre Zeit untatig verbringen. Hunderttausende von Kindern sterben in den Vereinigten Staaten den Hungertod. Und das geschieht nicht nur dann, wenn die Viiatr arbeitslos sind. Der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich eines grofen Streikt, der gegen den amerikanischen Wollund Baumwolltrust in der Stadt'Laurence gerichtet war und an dessen Leitung er teilgenommen hat. Aus strategischen Gesichtspunkten wurden Hunderte von 'Kindern der streikenden Arbeiter in andere StIdte gebracht, Nach ihrer Ankunft am Orte ihres vbriibergehenden Aufenthaltes wurden diese Kinder von bekannten Aerzten untersucht, die feststellten, daB alle Kinder infolge Untererniihrung krank und zum langsamen Sterben verurteilt seien. Die Eltern dieser Kinder hatten vor dem Streik immer Arbeit gehiabt. Sic erzeugtcn grofle Mengen Woll- und Baumwollwaren, wurden aber schlechter entlohnt als die billigsten Arbeiter der Welt. Das war der Grund, weshalb ihre Kinder Hunger leiden mul3ten. Diese Arbeiter erzeugten Waren aus Rohstoffen, die zum grbfl3pn Teil durch Kinderarbeit in den Baumwollindustrien der stidlichen Staaten gewonnen wurden. Die Verwendung der Kinder zu Arbeiten ist in den siidlichen Baumwollindustrien und Plantagen nicht verboten. Es sind haiufig Petitionen mit Klagen eingebracht worden, die sich gegen die Verwendung der Arbeit von siebenja*hrigen Kindern richteten, die ihr Leben im interesse der herzlosen Aristokraten und Plantagenbesitzer aufs Spiel setzten. Die letzteren haben jedoch einen viel zu groflen EinfluB auf den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, und die herzlosen Schurken, aits denen sich diese weise Konstitution zusammensetzt, kamen zu der Ansicht, daI3 die Festsetzung ciner Mindestaltersgrenze fuir arbeitende Kinder mit der Konstitution nicht in Einklang gebracht werden k*nnte. Es ist geradezu unergriindlich, daBl es in der Welt eine Bewegung geben kann, die sich cine sozialistische nennt und trotzdem ganz bewuf3t eine derartige Konstitution stiitzt. Die F*deration der Bergleute des Westens hat, wenn ich nicht irre, als erste einen BeschluB gefaBt, der Knaben unter sechzehn Jahren die Arbeit in den Gruben verbietet und ihren Arbeitslohn dem

Page  153 S0EN KATAJAMA:ý JAPAN UND- DI der Erwachsenen gleichsetzt. Die wesi tion l&13t auch keinerlei Lehrlings Wenn cin Knabe dem Alter nach zur lassen werden kann, so mul3 er den 1 erhalten wie die Erwachsenen. Es ist traurig, dafl die Organisati arbeiter, die nahezu eine halbe Million faflt, bisber nichts getan hat, un ii Ahnlicher Weise zu schuitzen. In den werken der Vereinigten Staaten arbe geheure Armee von Kindern sowohl iider Erde. Endlose Zu*ge dieser Knal sich nach der Arbeit miide nach Hi schwgrzten Gesicltern, verbittert - einen entsetzlichen Eindruck zurilck. In New-Orleans gibt es eine ehrb tion mit dem Namen,,Die Veilchengesc Sie beschiiftigt sich hauptsiichlich packung von Konserven, bei welcher wiegend Kinderarbeit verwendet wird werden aus N4ew -York und anderen Menge Waisenkinder nach New-Orle die ihre Arbeit in der genannten Gesell Diese Kinder erkranken bier an eine Bcrufskrankheit: das Fleisch ihrer Fix auf die Knochen zerfressen. Die Eif Unternebmung haben sich so lange fi der Kinder nicht interessiert, his es s steilt hat, daf3 das Gift, das die Finge in einer derart verheerenden Weise i auf die Blechdosen wirkt und diese 2 diese Vergifter der amerikanischen I nun im Auslande als Wohltiiter der K Die Aktiona-re der Blechfabriken in gleichfalls durch ibre Wohltiitigkeit be handeln die Kinder in der gleichen ur Weise, ur ihre Gewinne herauszuschlag der Saisonzeit lassen sie neun- bis Kinder sechzehn Stunden tiiglich arbei Die Iiandschuhfabrikanten desse: haben den Schulen groflmiitig Masehij filgung gestellt und die Kinder ve: Laufe des ersten Schuljahres zu arl sie in der grol3herzigsten Weise enti F' KOMMENDE SOZIALE REVOLUTION tliche Fidera- inder man ihnen gute Zeugnisse ausstellt. Aber st~tigkeit zu. nicht allein diese Fabrikanten. entziehen den KinArbeit zuge- dern ihr natiirliches Recht auf Bildung und-Wissen. gleichen Lohn In manchen Schulen New-Yorks erhalten die Kinder eine enge berufliche Ausbildung und werden on der Berg- fur die Herstellung irgendeines kleinen GegenArbeiter urn- standes spezialisiert. Aber es verstelt sich von ire Kinder in selbst, daB diese Erziehungsmethode nicht - u Kohlenberg- gunsten der Kinder geschaffen ist, sondern zum.itet eine un- Vorteil der Herren Kapitalisten, die die Arbeit der ber wie unter Kinder in Zukinft ausniitzen werden. )en schleppen Den Rekord in der Ausbeutung der Kinder steilt ause, mit ge- der Tabaktrust auf. Er brachte es fertig, daB ldie las Bild 1a1I3t Schulferien in den Tabakrayons des Staates his lur Beendigung der Ernte verliingert wurden, d. h. den are Korpora- Kindern sollte die Mbdglichkeit gegeben werden, auf ellschaft'. den Tahakplantagen zu arbeiten. Diese wenigen mit der Ver- Beispiele ffur die Kinderarbeit in den Vereinigteii Staaten genfigen vollkommen, den Eltern und Kinraegest vor- dern, die in anderen Liindern Not leiden und von Jeidtes Jahr den Amerikanern Hilfe erhalten, zu zeigen, von weni Stlidten eine dicse Hilfe kommt. Diese Hilfe, die die Kapitalisten ans gebracht, ihnen in der verschwenderisehsten Weise zuteil wer[.bscatfnderen. den lassen, kommt in Wirklichkeit von den Ar-:r besonderen r beitern, zum Teil von minderiihrigen Arbeitern, die, ngent fime der ohne es zu wissen, Euch helf en. Wenn die ameri-. dentiimer der kanisehen Arbeiter den vollen Wert ihrer Arbeit erir die Finger halten wiirden, dann wiirden sie den Hungernden ich derausgder viel mehr geben k6nnen, als dies heute geschieht. r nWenn sie die Wahrheit uber RuIland erfabren angreift, auch k6nnten, wo Millionen Menschen vor Hunger zerst~rt. Und sterben; wenn sie wiilten, daB es in diesem Lande (inder treten Kinder tauf. verboten ist, Kinder his zum 16. Jahre zur Arbeit -rzu verwenden, und daB die Ausbildung aller Kinder New-York des Landes durch den Staat, und zwar kostenlosý:.rfihmt - be- geschieht; wenn sie wiiBten, daB in RuIland die Lmenschlichen vom Volke geschaffenen Werte vor Volke selbst gen. Wa hrend verwendet werden und nicht zur Bereicherung zehnjiihrigerdind Staates weniger dienen, dann wiirden sie ihre ilberfilllten Warenlager leeren und den Inhalt ihrer riesigen [ben Staates Kornspeicher dazu verwenden, Sowjetrufland zu nen zur Ver- helfen. Die russische Revolution wilrde ibre eigene rpflichtet, im Revolution werden. beiten, wofiir lohnt werden, William D. 2 aywvood. Japan und die kommende sozialeIPevolution. Das gegenwartige, von einer gut organisierten kapitalistischen Bande beherrschte Japan wird zum Schreckgespenst der weifen Nationen, die den Japanern unverhiillte Verachtung entgegenbringen, was besonders in den Veieinigten Staaten von Amerika, in Australien und in den englischen Kolo nien beobacbtet werden kann. An vielen,Orten geht der Ha3 gegen die Japaner so weit, daB man nsie nicht in das Innere des Landes lAJBt, besonders dann, wenn sie der Arbeiterklasse angehbren. Diese Angst vor Japan ist nicht ganz unbegriindet, da das' imperialistisehe Japan sich zu einem ernsthaften

Page  154 SEN KATAJAMA --~r~-- I-~-:-~il - -- -r NJh.!aen der tirigen kapitallstischen L~nder zas.. wt*cbst. Indessen entbebrt das vera-cbtijehe Ver-. halten seitens des anglo-sichelachen Proletariats den Japanern, imnbesonderen den japanischen. Arbeitern gegeni ber jeder vernfinftigen Grundlage. Natuirlich verdientdas moderne imperialistische Japan durchaus diese& feindeelige Verbalten, aber das, kann nleht 'ein Anlal sein zu einer Feindschaft zwischen dem japanischen Arbeiter und dem Arbeiter eines anderen Landes, Das Geschrei fiber die Konkurrenz der Japaner, die die anglo-siichsischen LUinder angeblich jibersehwemmen, ist vbllig unbegriindet. Nach den Angaben der letzten Ziihlung vom Jahre 1920 entfallen von -den sieben Millionen auferhaib ibrer Heimat lebenden Japanern auf diese Liinder etwa nur eine balbe Million. In den Vereinigten Staaten ziihlt man Icauan mehr als eine Viertelmillion Japaner. Auch diese befinden sich hauptsichlich auf den Hawajischen Insein. Auch sind die hier in den Zuckerplantagen- beschfiftigten japanischen Arbeiter vorwiegend von den amerikanischen Imperialisten eingeffihrt worden, und zwar noch bevor die Insein zu Amerika iibergegangen sind. Der iibrige Teil der japanischen Emigranten ist iiber den ganzen Erdteil zerstreut. Wire es wirklich m6glich, dal3 der Aufenthalt von 250 000 Japanern in Amerika mit seiner hundert Millionen zahienden Bevi*lkerung dem amerikanischen Proletariat gefihrlich werden k onnte? In letzter Zeit ist diese weit verbreitete antijapanische Bewegung ganz besonders unter den Chinesen und den Koreanern erstarkt, die allerlings guten Grund haben, den Japanern feindselig zu begegnen, da sie deren Knechtschaft augenblicklich ertragen miissen. Aber auch bier dflrfen Hall und Feindseligkeit nicht gegen das japanische Proletariat gerichtet sein, das em ebenso hilfioses Opfer des gegenwirtigen Imperialismus und Kapitalismus ist, und das deshaib Mitleid und keinen Hall verdient. Ware es nicht rlchtiger, wenn wir alle unsere nationalen und internationalen Energien gegen diese beiden Grundiubel ricbteten, sie bis auf die Wurzel verniclteten uid, zu einer internationalen F0*deration kommunistiseher Republiken vereinigt, in alien Liindern cine Arbeiterregierung errichteten? Der Kampf des Proletariats des einen Landes gegen das Proletariat eines anderen ist eip Selbstmord, denn er fiihrt zur Versehleuderung der der Arbeiterkiasse zur Veriign stezhenden Kriifte. Das eben erstreben die kaptaistischen und` militaristischen Elemente, die de~sProletariat gegeneinander aufhetzen wollen. Im Free emR Ausbeutungsobjekt, wird es zur Kriegszei aw Kanonenfutter gemaclit. Es ist das ewige Oper des Kapitalismus. und des Imperialismus. flag- Proletariat in die nationalistiscbe und ehninsieh Gefibibsaphiure hineinajeliend, impien ibm die berrechenden Kiassen der gegenwairtigen kapitalistischen LUnder die niedrigsten Instinkte des Rassenhasses und der Rassenvorurteile ein, urn es an eigennutzigen Zwecken an! elnen neuen Krieg vorzubereiten. Dieses Gift tragen, die Kapitalisten in die Seelen der Arbeitermassen Amerikas, Kanadas, Australiens und der englischen Kolonien. Das von diesen brutal egoistischen Gefiihl erfiillte englisch sprechende Proletariat dieser Laender schwbrt auf die Ueberlegenheit der weillen Rasse iiber alle anderen. Das ist der Grund, weshaib das seit dem Kriege 1914/1918 von den Fiihrern der Zweiten Internationale geleitete Proletariat sich ganz in den Dienst des Kapitalismus und Imperialismus stelit. Der Sturz des japanischen Imperialismus wuIrde nicht nur den Chinesen und Koreanern niitzlich sein, sondern auch dem japanischen Proletariat. Die Vernichtung des Imperialismus in den englischen Dominien aber wiirde einer viel grjlleren Anzahl von V*lkern und Rassen von Nutzen sein. Freiheit und Leben der mexikanischen Neger, der geknechteten Vblker Kubas, Haitis, San Domingos, der Philippinen und Zentral-Amerikas huingen von dem Sturze des Imperialismus in Amerika ab. Aber es wa-re ein Fehler, zu denken, daBl die Vernichtung des einen imperialistischen Systems durch ein anderes ebenfalls imperialistisches System eine Aenderung mit sich bringen ki*nnte. Wie die Erfahrung des letzten Krieges gezeigt hat, fiihrt dieser Weg zu einer weiteren Festigung des Imperialismus; hesonders in den Siegerstaaten. Letzten Endes leidet das Proletariat sowohi der Siegerstaaten als das der Besiegten in gleichem MaBe unter einem soichen Krieg. Unter kapitalistischen Verhditnissen fiihrt die Vernichtung eines imperialistischen Ungeheners immer zur Stirkung eines andern. Es ist also eine a 11 g e m e i n e Aufgabe des Proletariats alier Liander, den Kampf gegen den Imperialismus aufzunebmen. Das ist auch die unbedingte Forderung der kommunistischen Bewegung, der wir uns bei unserer Propaganda in alien Liindern bewult werden miissen. Um die Entwicklung dieser internationalen kommunistischen Bewegung zu fdrdern, mu13 man vor allem den Charakter des Imperialismus in jedem einzelnen Lande und sein Verhailtnis zum Proletariat untersuchen. Das 'englische Proletariat hat u"ber 100 Jahre lang die Wohitaten des englischen Imperialismus genossen, und es ist dazu gekommen, dall die Mehrheit des englischen Proletariats ibmo jetzt sympathisierend gegeniibersteht. Nicht ohne Grund sind die cnglischen Arbeiter an der Ueberz~eugung gekommenP, dall ihr Leben mit der Entfaltung des Imperialisinns eng verknuipft ist. Das eben war der HauptGrund daftir, daB die engiischen Arbeiter sogar den Sozialismus der Zweiten Internationale auriickwie~sen, ganz au schweigen von den kommunistiachen

Page  155 JAPAN 1J Prinzipien der Kommumnistichen Internationale. Sie wufiten sehr gut, dalI der gesamte.industrielle Apparat des Landes auf dem Weltimperialismus beruht. Au! diese Weise waren Leben und Entwicklung des englischen Imperialismus auf das engste mit der bliihenden Lage der Industrie und des Handels in England verknu*pft. Das allein erklirt den Umstand, warum die englischen Arbeiter den letzten Weltkrieg unterstuitzten und seinerzeit auch mit dem Burenkrieg sympathisierten. Aus demselben Grunde verhalten sie sich gegenwArtig so gleichgiiltig zu dem Blutbad, das die englischen Soldaten unter dem irliindischen Proletariat anrichten. Aber wie dem auch sei, sicher ist, daB das englische Proletariat friiher oder spiiter zu der Ueberzeugung kommen wird, daB der britische Imperialismus im grellen Lichte der Kommunistischen Internationale nicht bestehen kann. Es wird eine Zeit konmen - wenn sie nicht schon gekommen ist-, in der das englische Proletariat begreifen wird, daB in Indien die Morgenrbjte des Kommunismus aufzugehen beginnt. Indien befreit sich allmaihlich von der Umklammerung des englischen Imperialismus. Das englische Proletariat wird bald verstehen, dalI es nicht weiter auf Kosten der Ausbeutung Indiens oder anderer Kolonien leben darf, Der britische Imperialismus hat sich bereits vor' der Autoritiit der Kommunistischen Internationale beugen -muissen, als er, nacbdem alle grausamen und barbarischen Mittel versagt hatten, sich dem kleinen irland gegeniiber vo"lig hilflos zeigte und sich am 16. Miirz 1921 gezwungen sah, den englisch-russischen Handelsvertrag zu unterzeichnen. Der britische Imperialismus ist lediglich eins der Entwicklungsglieder in der Geschichte des Weltprozesses. Aber gleichzeitig ist er das Produkt des gegenwirtigen Kapitalismus und muO3 sich zusammen mit den letzteren dem Urteilsspruch der Geschichte unterziehen und zugrunde gehenl ter amerikanische Imperialismus unterscheidet sich im gewissen Sinne von dem englischen, entsprechend den 6konomischen Verhailtnissen des Landes. Der erstere verfiigt innerhalb seines Gebiets iiber unermef3liche Naturreichtiimer, wiihrcnd die Naturschai*tze Englands sich lediglich auf Kohle und Eisen beschrinken. England ist gezwungen, seinen ganzen Bedarf durch Einfuhr entweder aus seinen eigenen Kolonien oder aus fremden Lindern zu decken. Daher ist der Kolonialbesitz fu*r den englischen Imperialismus eine seine wirtschaftliche Uinabhiingigkeit sichernde Lebensnotweendigkeit. Fuir Amerika ist die koloniale Fragie von sekundiirer Bedeutung. Wd~hrend Amerika die Kolonienm nur als Absatzmiirkte braucht, beniitigt sie England sowohi als Mlllrkte. als aruch als Rohstoffquellen. In letzter Zeit beobachten wir, dtaB der amnerikanisehe mmperialismus auf; der Jafdr nach Kolonien eine immer gErai~er. Gier esntlaltet, obwohl 4i. amere~ikanisehen Arbelter diese seine Bestrebungen nicht mit 4.r selben schweigerden Billigung hinehmen, wie wb es von seiten des englischen Proletariats be& achten. Gegenwiirtig streben all. imperialistisceht La"nder danach, eigene Mirkte zu- besitten. Zwisc dem englischen und amerikanischen Imperialismw besteht lediglich der Unterschied, daB &derersteri offen auftritt, hochmfitig und fast immer aggressiv wahrend der amerikanische Imperialismus stets be stiebt ist, seine Geluiste mit der beriihmten und sell elastischen Monroedaktrio zu bemiinteln. Mit Rilf( dieser Doktrin hat der amerikanische Imperialis ius seine 6ikonomischen Interessen in ganz Zentral Ainerika, in Mexiko und in einigen shw~cherer Staaten des lateinischen Amerikas schon lfngst zi,,regulieren" gewul3t. Jetzt richten sich seineBe. strebungen auf China und den Stillen Ozean. Das amerikanische Proletariat ist im allgemeines hinter seinen europaischen Genossen, mm Sinne einet Faktors ffur die kommende soziale Revolution, in ruckgeblieben. Anders kann es auch nicht seiii, so lange Fiihrer von der Art Gompers an seiine Spitze stehen. Gegenwairtig ist das amerikanisehc Proletariat ebensosehr vom Opportunismus durch setzt wie seine Fiihrer. In revolutionirer Hinsich ist es das am wenigsten fortgeschrittene Prole tariat der Welt. Das zeigt sich in der gewerksehaft lichen und auch in der politisehen Bewegung, dii sozialistische und sogar die kommunistische nich ausgenommen. Der amerikanische OpportunismuE ist zum groflen Teil durch die historischen Ver hialtnisse und durch das amerikanisehe Erziehungs system bedingt. Schon auf der Schulbank wird der amerikanischen Kindern eingepriagt, dafl em jedei von ihnen die h-chsten Aemter erreichen k8nne, des Posten eines Prgsidenten nicht ausgeschlossen. Ei: jeder Piidagoge erziihlt seinen Schuilern mit grofle Genugtuung und mit Stolz, dalI irgendein Prisideni ein Schneider gewesen, ein anderer in Armut aufgewachsen, und daB er selbst, der Lehrer, friioher el Hirte, ein Schuldiener usw. gewesen sel. Au! diest Weise wird die Kinderseele von den verffibrerischsten Beispielen erfuillt, die ihm beweisen, wo. hin die politisehe Anpassungsfiihigkeit fiihren kana Aber die Schule ist nicht der emazige Faktor der opportunistischen Erniehung der Amerikaner. IM der amerikanischen Gesellschaft begegnet man aul Schritt und Tritt viel zu vielen verhfihrerischen kon. kreten Beispielen aus dem Leben der Handels- und Industriekreise, die den Ehrgeiz der Jugend att stacheln und sic auf den Weg: des Opotnst ftihren. Das ungewi~hnlich scnele Anacna d Kapitalismus, der sich in! olg der micehfe Bereicherung des Landes eaticel hatliesl Menge- von Millioniiren und Milia~rdie nsea unter denen es- nicht ~wenige g~r-ibt l. elrnne cinfache Arbeiter, Strafekeh~rer odr Ze kilufer waren.Debagrihe rlirlie L

Page  156 SEN KATAJAMA - ~ ~~ - I Schten un'd anderawo predigen bei jeder Gelegenhefit iben Zaglingen, was ein ernsthafter und fleifliger Mensch in Anerika alles erreichen kann. Diests Erziehungssystem vergiftet die amerikanische Jugend, die auf diese Weise dem Opportunisnus in die Arme gefuihrt wird. In Ainerika,1st jeder von dem Streben nach Ruhm upd Gold erfuillt.* Der Amerikailer ist stolz auf seinen,,gesunden Menschenverstand', worunter er die Ffhigkeit versteht, sich jeder neuen Lage leicht und schnell anzupassen. Dieser gesunde Menachenverstand, setzt auch die Fiihigkeit voraus, seine Ansichten je nach dem sich bietenden Vorteil,zu lndern. So wird z. B. ein guter, selbstsicherer Republikaner, wenn er die,,Mason and Dixon Line" iberschreitet, zu einem guten und waschechten Demokraten wihrend der Zeit, die den aligemeinen Whalen vorangeht; aber wghrend der nationalen Pr~sidentschaftswahlen bleibt er derselbe gute Republikaner. Im fernen Osten, besonders in China, welD man aligemein, wie wandlungsfahig fast alle Amerikaner sind: heute ist er ein demiltiger Mlissionar, der das Evangelium predigt, morgen - verkauft er amerikanische Waren, und iibermorgen ist er auf einnial Offizier, Journalist oder Geheimagent. Die Amerikaner haben alle Ursache, auf ilre Aprassungsfthigkeit und Geschicklichkeit stolz zu semti Das ist eben der Grund dafiir, weshaib unsere kommunistische Bewegung sich in Amerika solangsam entwickelt, ungeachtet der Bemiihungen unserer russischen Genossen und der umfangreichen Propaganda (nach der Umstellung der Partei auf die illegale Arbeit) durch eine Menge Drucksachen, die die Wirksamkeit der Bolschewisten popularisieren. Im Januar 1920, nach dem brutalen Angriff auf die Partei, sank ihre Mitgliederzahl auflerordentlich stark. In den Reihen der Partei blieben fast ausschliefllich Auslgnder, die die Schule der illegalen Organisation ihrer Heimat durchgemacht hatten. Der amerikanische Arbeiter 1st seinem Temperament und seiner Sinnesart nach ein Opportunist. Er interessiert sich nicht im geringsten fiir die Theorien des Kommunismus, er begnuigt sich mit cinem hohen Arbeitslohn und mit dem, was Gompers und Co. ibm sagen. Unter dem Einflul3 der nationalistischen Vorurteile und des Hasses zu allem Asiatischen, besonders zu den,,verfluchten Japanernso, verhtlt sich das amerikanische Proletariat Ipassi angesichts der unm~Bigen Riistungen und terstuitzt seine buirgerliche Regierung. Und noch mehrli ala das, es billigt alle feindseligen Aeul~erungen nd Unternebmungen des Vorsitzenden der Amenikanechn Arbeits-FBderation, Gompers, gegen die russace Sowlet-Republik, gegen die einzige Arbeltrregerung der Welt. Soweit ist es mit dem ameikniche n Proletariat gekommen, dal3 es von reaktionaren Politikern vom Schlage Gompers gefiihrt wird, denen der amerikanische Parlamentarismus mit seiner komplizierten Struktur und Reglementierung alle Mittel in die Hand gibt, ur die radikalen Strojmungen in den Reihen der amerikanischen Arbeiterfoderation zu unterdriicken. Diese radikalen Richtungen werden hauptsichlich von Ausliindern unterstiitzt. Aber andererseits kamen diese Ausifinder mit wenigen Ausnahmen aus eigenniitzigem Interesse nach Amerika und blieben nur solange gute Genossen, als sie dem allmiichtigen Dollar nachiagen konnten. Die besten Arbeiter der Zweiten Internationale, z. B. Hiliquit, Budin, Deebs, Kahn u. a. haben den Kampfplatz der Revolution verlassen und sind entweder in das Lager der Gegenrevolution fibergetreten oder in das Privatleben untergetaucht. In folgender Weise helehren der kluge und weitsichtige amerikanische Professor Nering und der geistreiche Hiliquit das amerikanische Proletariat:,,Die grofle Sowjet-Republik und die Kommunistische Internationale oder die bolschewistische Partei sind zwei durchaus verschiedene Dinge: wir sympathisieren mit der Sowjet-Republik und kampfen gegen die Bolschewisten und die Kommunistische Internationale. Wenn die Bolschewisten in Amerika eindringen werden, - sagt Hilquith, - werde ich selbst zu den Waffen greifen und gegen sie kiimpfen." Solange also Hilquith und seine Clique der So7ialistischen Partei vorstehen werden, braucht sich der amerikanische Imperialismus nicht zu beunruhigen. Das Proletariat der amerikanischen imperialistischen Republik wird viele Jahre dazu brauchen, ur eine bewu3te revolution-re KMasse zu werden. Auflerdem droht uns die Gefahr eines neuen imperialistiscben Krieges, den der gewaltige amerikanische Kapitalismus finanzieren und leiten wird. Der Imperialismus und Kapitalismus Japans 1st eine ganz neue Erscheinung. Japan hat sie beide erst nach der Revolution 1868 dem Westen entliehen. Bis zu jener Zeit war Japan ein in sich abgeschlossenes Land, das keine Auslainder in sein Gebiet hineinliel, auch nicht diejenigen seiner eigenen Untertanen, die das Land frii'her verlassen hatten. Aber vor 60 Jahren wurde es durch die Gescbiitze Amerikas gezwungen, seine Grenzen zu 6ffnen. Seit dieser Zeit begann Japan sich die westlichen Gebra-uche und Gewohnheiten anzueignen, und der Imperialismus und der Kapitalismus begannen sich rasch zu entwickeln. Die Entwicklung des japanischen Imperialismus setzt mit Beendigung des chinesisch-japanischen Krieges 1894--95 em., Vor dieser Zeit hefand sich Japan unter dem Joch der ausl~ndischen Miichte. Dieses Joch war amerikanischten Ursprungs. Es war durch den anierikanischen Gesandten Harris in Japan eingefiihrt und nannte sich die,,Exterritorialitiit". Gemiil dem Prinzip der Exterritorialtlitt

Page  157 :~.:~ i r r; *~ 1 111 JAPAN UND DIE KOMMENDE SOZIALE REVOLUTION ~ --i - -.. i hatte jeder beliebige Auslainder das Recht, die Japaner zu beleidigen, zu berauben und zu tobten: er unterlag nicht der japanischen Gerichtsbarkeit und den japanischen Gesetzen. Japan hatte nicht mehr das Recht, die auslandischen Marder zu bestrafen, denn diese Verbrecher wurden auch dann von ihrem Konsul abgeurteilt, wenn dieser kein Richter war und von Gesetzen nichts verstand. In Wirklichkeit wurden diese Verbrecher gewbjhnlich freigesprochen. Aber nicht hierin allein bestand die Einschrainkung der Selbstfindigkeit des damaligen Japans. Es konnte z. B. seinen Auflenhandel nicht nach cigenem Ermessen gestalten, es durfte die ausRIndischen Waren nicht mit einem Zoll belegen, der die festgesetzte Norm von 5 Prozent des Warenwerts iiberstieg usw. Aehnliches beobachten wir jetzt in China. Kein cinziger Auslainder, ausgenommen die &'irger der Russischen Sowjetrepublik, unterliegt der chinesischen Gerichtsbarkeit, weiches Verbrechen er auch immer begangen haben mag. Das ist eine der Folgen des nach China eingedrungenen Imperialismus der GroBmiichte, und das chinesische Proletariat muf3 die Vernichtung nicht allein des japanischen, sondern auch des englischen und amerikanischen Imperialismus erstreben. Infolge des siegreichen Krieges gelang es Japan, die oben erwaohnten Einschrankungen loszuwerden und neue Vertrage zu schliel3en, zunagchst mit England und dann mit den iibrigen Maichten. Vor dem Kriege gegen Japan war China der schiafende Riese. Seine von Deutschen erbaute Flbtte war die miichtigste Flotte des Fernen Ostens, wiihrend die damalige japanische Flotte nur ein Spielzeug war. Die Bevblkerung Chinas iibertraf diejenige Japans um das Zehnfache, wahrend sein Territorium zwanzigmal gril3er war als das japanische. Aber dessen ungeachtet hat Japan den Krieg gewonnen und damit den Weg -des Imperialismus und des Kapitalismus betreten und sich natiirlich dadurch den flaB der ganzen Welt zugezogen. Die weitverbreitete Feindseligkeit gegen Japan und die Japaner ist die Siihne fuor seinen Imperialismus. Glticklicherweise hat das japanische Proletariat in letzter Zeit den Fluch des Imperialismus begriffen und den Kampf gegen ihn aufgenommen. Einen durchaus imperialistischen Charakter batte auch der Krieg mit dem zaristischen RuIland in den Jahren 1904/05. bieser Krieg war unseren japanischen Genossen emn guter Anlal3 zu der Aufnahme einer systemoatischen Agitation giegen den Militarismus, und er verband sie mit unseren russischen Genossen. In dem von mir damals herausgegebenen,,Japanischen Arbeiter" verbffentlichte ich einen Aufruf der japanischen Genossen an ~die russischen Arbeiter. Ich halte es nicht f iir 6iiberfliissigbhier einr Auszug aus diesem Aufruf anzufiihfren:,,Teure Genossenf Unseie Regierungen sind$in den Krieg getreten, um ihre imperialistischen Bestrebungen zu verwirklichen, wir aber haben keinerici Rassen-, territoriale oder nationale Gegensitze. Wir sind Kameraden und Bruider, und wir haben keinen Anlal, gegeneinander zu kampfen. unser Imperialismus und der sogenannte Patriotismus - das sind Eure Feinde und nicht das japanisehe Volk. Wir sind u"berzeugt,* daB Euer Volk dieselben Gefiihle auch uns entgegenbringt. Patriotismus und Militarismus -das ist unser gemeinsamer Feind, und die Sozialisten der ganzen Welt sind der gleichen Ansicht. Wir Sozialistem miissen diesem Feinde mutig entgegentreten, Gerade jetzt bietet sich uns eine giinstige Gelegenheit dazu, und wir hoffen, daI3 Ihr sie nicht voruibergehen lassen werdet," Au! diesen Aufruf erfolgte eine Autwort der russischen Genossen in der Zeitschrift,,Funke", in der eine Parallele gezogen wurde zwischen unserem Aufruf und dew Protest Liebknechts und Bebels gegen die Annektion Elsaf - Lothringens. Sie schrieben unter anderem:,,Im chauvinistischen Chor der beiden Under erklang die Stimme der japanischen Sozialisten wie eine Botschaft aus der besseren Welt, aus jener Welt, die gegenwgrtig nur in der Vorstellung des klassenbewuften Proletariats zu finden ist. Wir wissen nicht, wann eine soiche Welt Wirklichkeit werden wird, aber wir Sozialisten der ganzen Welt miissen die au-3ersten Anstrengungen machen, um diese Welt mo-glichst bald zu verwirklichen. Jetzt graben wir das Grab fu*r die gegenwurtige elende Gesellschaftsordnung und organisieren jene KraIfte, die sie endgu"ltig ins Jenseits befbirdern werden.' Der Russisch-japanische Krieg hat Japan nichts gegeben, aul3er dew Fluch der Armut, schweren Steuern, allgereiner Demoralisation und der militaristischen Herrschaft. Die schweren, durch diesen siegreichen Krieg heraufbeschworenen Pruifungen legten sich mit ihrer ganzen Schwere auf das Proletariat. Das Leben wurde driuickender als vor dew Kriege. Es war dasselbe wie bei dew letzten Kriege, der f ur das gesamte Proletariat sowohi der Siegerstaaten, als auch der Besiegten die- gleichen schweren Folgen hatte. Die japanisehe Regierung unterdriickte das Volk noch mehr, und die Arbeiterbewegung wurde nahezu ganz erstickt. Das, Schlimmste aber war der maf3los glesteigerte Mfiiitarismus, der das ganze Proletariat unertrigich: belastete. Das war die tatsiichliche Lage der D~inge als der Krieg 1914--18 einsetzte. Es ist nichts Erstaunliches darin, daB das g~~nze japanische Volk, vom Proletariat ganz zu schweigen,diesem Kriege keinerlei Interesse entg8egebracte Das einzige, worauf sich die Aufwetrksankeit kon

Page  158 LOMMENDE SOZIALE REVOLUTIN -------~-; ~ ~~li":~-~; ~--l-~~-~"-~r- -' ------trrr -+r "r-'~r i--~r-'; -- - ---wrw~ eatrtrte, war die russiache Revolution, die mit dem ýarea aue den Militarismus und Kapitalisinus beiigt. Nach der 'Niederlage des deutachen isers mit seiner unbesiegharen Armee, die den apanischen Imperialisten -so unerreichbar schien, erlor das japanische Volk die letzten Illusionen, Ae sich auf eine militaristische Politik griindeten. )cr Einflul und das Prestige der Armee stiirzten usammen wie cm Kartenhaus. Mit dem Glauben a den Militarismus und Imperialismus verlor sich ach der Glaube -an den g-ttlichen Mikado. Alies das mul in Betracht gezogen werden zur Lchtigen Einschatzung des Wesens des japanischen nperialismus. Per japanische Militarismus entwickelt sich inessen weiter fort. Der europaiische Krieg verindelte Japan aus cinem Schuidner in einen ~lubiger, und die Kriegsindustrie verstiirkte den kpanischen Militarismus sehr wesentlich. Weitlaufige Aistungsplane standen' auf der Tagesordnung. Die ilitaristische Clique war mit den Ergebnissen des.tzten Krieges vollauf zufrieden, denn zum erstenal hatte sie finanziell die MO-glichkeit, Armee id Flotte ins Unermefihiche zu vergrbl'ern. Aber ie japanischen Imperialisten haben alien Grund, ic seit dem letzten Kriege eingetretene Wandlung er Volksstimmung zu fi irchten. Die militaristische oliik hat das Volk dermalen abgestoljen, daB die rwgs-Akademie und die Seeschule nicht wissen, f weiche Weise sie neue Studenten heranziehen Mlen. Friiher brauchten sie darum nicht besorgt Ssein. Junge und f ahige Offiziere sogar beginnen icn Beruf aufzugeben. Das hat zu einer arken Entriistung unter den Imperialisten gehrt. Da die Regierung den Offizieren gegenber keine Zwangmalnahmen anwenden konnte, enn sie gehbiren in -der Regel haheren chichten an, gab sic neue Verordnungen herma, laut weichen diejenigen Offiziere, die ihren er! ohne stichhaltige Gru"nde aufgeben, alle Vorchte und Pensionen verlieren. Indessen hat diese gorose und unrechtmilBige Verordnung keinen ErIg gehabt. Die friihere Begeisterung des japanihen Volkes; fdir den Militarismus und Imperialisus ist nahezu geschwunden. Weun wir die internationale Lage niiher be-,achtensehen wir, daB die japanische Armee und Lotte trotz irer relativ geringen Stairke.den ~pitaliTt tcon L-ndemn Befrchtungen vemursacht. Ic Sache ist die, daB Japan gegenwiirtig die ~ ~abrkteMct im Fernen Osten rcprflsentiert. ~Wcn ma Japan freie Bahn liilt, so kbnnen * jpaiahe Armeen nicht allein die radikalen, ~-adcmac di~eliberaen Bestrebungen im Fernen 4uutebndn tiae bedeuten sic cimic stete.dolung auch u~nerrBw gung Wena wair mar: de nelcrnEhrgeiz der japanisehen imperlalistsclen MKasse, die das Schicksal eines 70 Millionen etarken Volkes in ilren Hinden hallt, in Betracht ziehen, so kommen wir zu der Ueberzeugung, daB der japanische Imperialismus fur die kommunistische Bewegung im Fernen Osten die grdl3te Gefalr bedeutet. Aber vielleicht wa*re es dann im Interesse der kommunistischen Bewegung, wenn der japanische Imperialismus einer anderen Grofmacht, z. B. Amerika oder England, unterliegt? Diese Frage beantworten wir mit cinem unbedingten Nein, denn in diesem Falle wiirde statt des japanischen Imperialismus etwa der amerikanische oder der englische im Fernen Osten' herrschen. Ein soicher Ausweg koinnte hoichstens Gompers und die amerikanische Arbeiterfaderation befriedigen oder jene, die an die providentielle Bedeutung der weil3en Rasse glauben. Aber das Weltproletariat wird keine Vorteile davon haben. Aus eigener Kraft, mit cigenen Mitteln mufi es sowohi den japanischen Imperialismus, als auch den Imperialismus anderer LUnder vernicbten. Ich mbjchte mit besonderer Betonung bemerken, dai3 dem japanischen Proletariat in seinem Kampfe gegen den japanischen Imperialismus seitens der internationalen revolutionaren Armee die weitestgehende Hilfe gewaihrt werden muuB. Nur unter dieser Voraussetzung kann das japanisehe Proletariat ein Hauptfaktor in diesem Kampie smin. Wir kb*nnen den Imperialismus etwa -in England nur dann vernichten, venn wir seinem Proletariat die weitestgehende Unterstiitzung zuteil werden lassen. Wenn der von mir verteidigte Gesichtspunkt riclitig ist - und ich zweifle an seiner Richtigkeit nicht -, so muB die Kommunistische Internationale an die Frage der Revolutionierung des japanischen Proletariats und der Hilfeleistung von seiten des chinesischen und koreanischen Proletariats praktisch herantreten. Eine aktive internationale Unterstiitzung vorausgesetzt, kann der japanische Imperialismus gezuigelt ind die Position des Proletariats wesentlich gebessert werden. Das japanische Proletariat macht eine schnelle Entwicklung durch und wird immer mehr vom KlassenbewuBtsein durchdrungen, Es begann, besonders seit der Zeit der grof3en Reisunruhen im August 1918, zu erwachen. Damals gab es in Japan kaum eine halbwegs bedeutende proletarisehe Organisation, heute gibt es dort 3-400 000 organisierte Arbeiter. Bis in die letzte Zeit hincin galt die Organisation Ju~-Aij-Kai als eine gelbe. Aber seit An-~ fang dieses Jahres gewann ihr linker, der Kom~hunistiachen Internationale nahestehender Fluigel grofaen Einf-tlufl Unsere Organisationen sind hauptuiichlich in den industriellen Gebieten konzentr~iert, in denen ~Streiks an der Tagesordnung sind, Ihr Hauptzicl jest die Niederwerfung des K~apitalismus, wie wir es;aus der Resolution erkennen, ~die im

Page  159 - P.." aV-WJZlICUZOIdA'%IVM 4 vorigen Herbst in Ossaki amd dem grofien Arbeits.. losenmxeeting gefaI~t wurde. Am 10. Dezember 1920, nach. Viermonatiger Agitation ffir die Sozialistische Liga, sollte in Tokio die konstituierende Versammiung der Liga stattfinden. Die Polizeitricks kennend, haben unsere Genossen die Versammiung, die am Tag vorher stattland, in eine offizielle Konferenz urngewandelt, die die Satzungen der Sozialistischen Liga bestaiitigte. Auf diese Weise wurde die Liga, 14 Jahre nach ihrer gewaltsamen Auflo-sung im Jahre 1907, wieder ins Leben gerufen. Ich f uOge bier das Manifest der Liga ein in der Annahme, daf3 es von Interesse ist. Manifest.,,Unser Ziel ist, das gegenwailrtige kaplitalistische System his aid den Grund zu zerstboren. Wir erstreben die Vernichtung des bfirgerlichen Zivilisationsapparats: seiner Institutionen, Organisationen, Gebra'iuche., Wissenschaften, KiiOnste und aller anderen Attribute des kapitaiistischen Systems, Urn gerechte, menschenwflirdige Lebensverhaijitnisse zu schaffen, wollen wir eine soziale Ordnung errichten, die weder Arme noch Reiche, noch Kasten kennt., Jeder Arbeitende wird mit Nahrung, Kleidung und Wohnung versorgi scmn. Wir erstreben die internationale, die freie gleichberechtigte, friedliche und bruiiderliche gesellschaftliche Einheitlichkeit - als das hb-chste Ideal des menschlichen Lebens. Wir anerkennen alle wirksamen Kampfmittel gegen das kapitalistische System und seine Attribute. Die reale Kraft in dem hevorstehenden Kiassenkampi auf soiten des Proletariats or blickend, erstreben wir die Aufklruag, Organisation and Diszipliaiexung der Arbeiterkiasse. Nachdem wir dna Proletariat Japans vereinigt haben, werden wir entschlossen and mutig vorwd"rts schreiten auf dern Wege der Schaffung -neuer geseilschaftlicher Formen, einer neuen' Organisation und Zhivilisation. des Proletariats."" Das Manifest ist in gemiilBigten Ausdriicken verfafit, umn eine offene Propaganda zu erm~glichen. Die Sozialistische Liga ist nichi in dem MaDe legal, ala es ihren Gri~indern erwii"nscht gewesen waire. Wie man mir mitteilt, entwickelt sie sich Schnell quantitativ und qualitativ. Nach den letzten Naehrichten u*bersteigt ilire Mitgiiederzahl 3000. Den Imperialismus eines jeden Landes mufl das Proletariat desselben Landes vernichten. Aber es muf3 unter der Leitung der auf die Kommunistiache Internationale sich std"tzenden Kommunistiscben Partei kaiimpfen. Sonst waore es eine hoffnungslose Aufgabe in einem Lande wie z. B. Japan, das unter der Gewalt eines sich zwar scion zersetzenden, aber noch immer ma*chti~gen Imperialismus steht. Mit dem Zusamnienbruch des japanischen TInperialismus and Kapitalismus wird die soziale Revolution im Fernen Osten unvermeid-lich werden, Sobald der Ferne Osten in unserer Hand sei wlird,wird der englische Imperialismus zerfallen, und auch der amerikanische wird sich nach deni Zusammenbruch des englischen nicht mehr lange halten ko-nnen. Es lebe die Russische Sowjetrepublikf Es lebe die Kommunistische TnternationalelF Es lebe die kommende soziale Weltrevolutiouf Mexiko. Sen Kaflajia.. Sowj~eM-uI3l~and unci die 1Peuoluflon in Pol e I m. Laufe der wenigen Monate ihrer ruhmlosen Existenz brachte es die,,Arbeiter- mid Bauern"-Regierung des Sozialisten Moraczewsky (November 1918-Januar 1919) fertig, zwei Maflnahmen zu verwirklichen. Erstens e n tw affnete sie die Arb e i t e r, und zwar zu der Zeit, als die Ulanen und Gendarmen Pilsudskys die proletarischen Rechte zertriimmerten und die Arbeiter und Bauern, die das Streikrecht verwirklichen wolit en, verh~hnten. Zweitens verlieli sie, naclidem sie der Gegenrevolution aul Weise den Weg geebnet hat'te,, der Regi die zu jener Zeit einzig moo$gliche Form - demokratische, fibrigens mit der Eius4 kung, dali sic zum besseren Schutze der kratischen Gegenrevolution die alten ba schen Zarengesetze fur politisehe Verb: bestehen liefl, jene Gesetze, dleren sic polnischen Gerichte mit elnem solehen gegen die revolutionareti Arbeiter bed dafl sie damit zweifellos selbst manche

Page  160 ~-~r -- ': -~-~- --- ~ ~ ~~ -r~ r-~ r-i - r i I i - - Zarengendarmen in Erstaunen setzen wiirden. Nach, diesen Heldentaten iiberliel die Regierung Moraczewskys, ohne auch nur den geringsten Widerstand zu versuchen, ihren Platz der rein biirgerlichen Regierung. des Herrn Paderewsky. Nacldem der Sieg der Gegenrevolutiolninnerhalb des Landes auf diese Weise gesichert war, wandten sich die Fiihrer der P.P,. S. weiteren Taten zu, fest entschlossen, auch der internationalen Gegenrevolution den Weg zu ebnen. Als die Ersten begannen sie laut fiber die Gefalr zu schreien, die Polen von seiten des,,bolschewistischen Imperialismus" drohe; sie lamentierten fiber den bolschewistischen,,Feldzug" gegen Litauen und Weilruf3land und fiber die Notwendigkeit, diese Lander vom bolschewistischen,,Joch" zu befreien. Das war natfirlich nur die moralische Vorarbeit ffir den bewaffneten Angriff gegen die Sowjet-Republiken Litauen und Weiflrul3land, - Und zur selben Zeit, als die Fifihrer der P. P. S. die polnischen Arbeitermassen davon zu fiberzeugen suchten, daB3 die Befreiung des Proletariats nicht mit auslaindischen Bajonetten erstrebt werden dfirfe,,,befreiten" die Ulanen und Gendarmen Pilsudskys die Arbeitermassen Litauens und Weif3 -ruflands von dem Anrecht auf den Boden und auf die Fabriken, die ihnen die Sowjet-Revolution gewafhrt hatte, und bauten die Herrschaft der Agrarier wieder auf. Das Geschrei der P. P. S.*fiber bolschewistischen Imperialismus und die stoizen Versicherungen, daB die Arbeiterkiasse eines jeden Landes seine Befreiung seibstaindig, ohne Hilfe der ausliindischen Waffen, durchfiihren miifte, hinderte die Kommunistische Partel Polens (K. P. P.) nicht, im Februar 1919 eine Resolution zu veroiffentlichen, in der konstatiert und betont wird, daB es,,das Recht und die Piliclt einer jeden Arbeiterkiasse aller Lander" sei, den Arbeitern anderer Staaten in ihrem revolutionaren Kampfe aktiv zu helfen,und daB8 eine bewaffnete Hilfe seitens des russischen Proletariats, wenn di polnische Revolution elne soiche ngtig haben soilte, keineswegs als imperialistische, dem Wesen einer soz:ialistischen Regierung w~idersprechende Tendenz; angesehen werden diirfe. Sie haitte nichts gemein mit annektionistischen Bestrebungen und mit nationalem Mi-litarismus, sondern ware:ledigich: der Ausdruck der internationalen Solidatitit des revolutiontiren Proletariats. In Deutschland und in jenen Lafndern, in denen sich das Kapital seiner imperialistischen Aufgaben scion liingst bewuft geworden ist, bestimmte die Geschichte Leute vom Schlage Scheidemanns fu"r die Rolle der Agenten des Imperialismus und des kapitalistischen Krieges. In Polen war ihre Rolle eine andere. Vor und waihrend des Krieges unterstiitzte die polnische Bourgeoisie die imperialistischen Interessen derjenigen Macchte, die Polen aufgeteilt hatten. Als sie sich nach dem Kriege plb-tzlich als Bu*rger eines,,unabhaiingigen" Staates wiederfand, in einem zerstbrten Lande ohne Industrie und Handel, war die polnisehe Bourgeoisie nicht imstande, sofort ihren eigenen Imperialismus zu schaffen. Diese Aufgabe fiel der kleinbiirgerlichen Intelligenz zu, die, den Traditionen des Schlachtschitz-Polens folgend, in diesen Traditionen die Berechtigung f ir die agressiven Bestrebungen der Bourgeoisie fand und die Bildung der Foideration Polens, Litauens, der Ukraine und Weil3rufflands, im Bfindnis mit den anderen Grenzstaaten RuB3 -lands von,,Helsingfors bis Tiflis", unter der Hegemonie Polens anstrebte. Das fiberstieg sogar die kiihnsten Hoffnungen der sogen.,.National-Demokratie" (Partei der N. D.). Somit war das Schicksal der,,Sozialisten" in Polen noch schmachvoller: die polnischen Scheidema"nner waren die ersten Vorkampfer fflr den polnischen Imperialismus; sie schmiedeten die Waffen ffir seinen Kampf und erfanden seine Parolen. Nach der,,Befreiung" Litauens und Weii~ruflands von der sozialen Revolution und nach der Auslieferung dieser La"nder an die Willkiir der Demokraten aus der ehemaligen Zarenarmee, an die Generalle Lisdowsky, Iwaschkewitsch, Balachowitsch u. a., blieb den Fiihrern der P. P. S. noch die Aufgabe der Formulierung des Problems,,der Befreiung" der Ukraine. Das war gegen Ende des Jahres 1919, als die Sowjet-Republiken nach der Niederlage Denikins alle ihre Kraifte dem wirtschaftlichen Aufbau ihres Landes zuwandten. Die Arbeit wurde das Evangelium der Sowjet-Regierung, der ganze Enthusiasnius der kommunistischen Parteien RuBlands und der Ukraine richtete sich auf den Kampf gegen,,Hunger und Kailte, Ungeziefer und Typhus". Die Frontarmeen verwandelten sich in Arbeitsarm~een. Von der polnischen Front wurden die Truppen nach dem Osten, auf die wirtschaftliche Front, geworfen. Gleichzeitig

Page  161 -'" - -------- -- --- ------:~----~~ SOWJETRUSSLAND UND DIE REVOLUTION IN POLEN dam'it erklairten sich die Sowjet-Regierungen in ihren Friedensvorschlaigen bereit, den polnischen Agrariern so grofle Gebiete im Osten Polens zuriickzugeben, daf dadurch sogar die sehr weitgehenden Geliiste der Nationaldemokraten befriedigt wurden. Die Sowjet-Republiken Rullands und der Ukraine hofften, auf diese Weise den Frieden mit Polen sichern zu konnen, und in dieser Hoffnung wandten sie sich der friedlichen Arbeit an der wirtschaftlichen Front zu, Die Sowjetpolitiker wuf3ten nicht, daf3 die Gewalt in Polen nicht dem entkraifteten Kapital mit den Nationaldemokraten an der Spitze gehbirte, sondern dem abenteuerlichen Bonapartismus in Person des Herrn Pilsudsky, einem Bonapartismus, der, vom XKleinbiirgertum unterstiitzt, sich weite imperialistische Ziele steckte. Gerade diesen Augenblick hielten die Fiihrer der P. P. S. ffur den geeignetsten, einen neuen Feldzug der Verleumdungen und Liigen gegen die Sowjetrepubliken zu beginnen, Sie schwairzten sie in jeder Weise an und diskreditierten sie in den Augen der Arbeiter, ur auf diese Weise den moralischen Boden f ur die,,Befreiung" der Ukrainer vorzubereiten, Zur selben Zeit, als die Geheimdiplomatie Pilsudskys mit Petijura einen Vertrag abschlof3 und den bewaffneten Angriff auf Kiew vorbereitete, malten die Fiihrer der P, P, S, die Lage der russischen Arbeiter in den schwiirzesten Farben. Sie schulderten, wie die Arbeiter, durch die Ketten der Arbeitsarmee gefesselt, zur Arbeit getrieben und von einer Arbeitsfront an die andere geschleppt wurden. Haben die Arbeitsarmeen etwas mit dem Sozialismus gemein? Was maclt es aus, daB scIon Marx und Engels im,,Kommunistischen Manifest" unter anderem die,,Arbeitspflicht fu'r alle" und die, Organisation industrieller Armeen" forderten. Die FiUihrer der P. P, S., briisten sich gemeinsam mit Pilsudsky gerade damlit, daB sie die Schiopfer des polnischen Militarismus sind (galiziscIe Schuitzen und die Legionen). Sie sind tief iiberzeugt von der Notwendigkeit des Militarismus im kapitalistischen Staat, und, urn soiche Armeen aufzustellen, die den Interessen des Kapitals und der Festigung der agrariscien Herrschaft dienen, schonen sie weder die Ehre ilirer eigenen Parteien, noch das Blut des polnischen Volkes. Aber A rb e it s pflicht und A rb e i t s armeen - war das fiir einen sozialistischen Staat nicht ein Gewaltakt? Die Fiihrer der'P. P. S. kamen nicht dazu, den freudigen Augenblick der Begriflung der zuriickkehrenden,,Helden" von Kiew zu erleben, der abenteuerliche ukrainische Feldzug nalm ein trauriges Ende; denn die zuru"ckflutenden polnischen Heere beruhigten sich erst, als sie Warschau erreichten. Und wieder sprach man von der boischewistischen Gefahr, wieder suchten die Sozialpatrioten die Massen zu iiberzeugen, daB die Rote Armee der russischen Arbeiter und Bauern nicht das Recht habe, den Sozialismus auf der Spitze ibrer Bajonette in ein fremdes Land hineinzutragen. Wieder predigte man das Gebot, daB die Arbeiterkiasse eines jeden Landes das kapitalistische Joch selbstiindig, ohne fremde Hilfe, abschuitteln miisse. Es muB hervorgehoben werden, daI3 sich diesmal sogar einige polnische Kommunisten fanden, die sich diese sozialpatriotische Doktrin, ungeachtet des gegenrevolutioniiren Inhalts, den die Fiihrer der P. P. S. ihr beilegten, zu eigen maclten. DaB diese ihre Auffassung nur eine emp6rende Heuchelei ist, - beweist ihre ganze Politik vor und nach dem Weltkriege. In der Tat, wir koinnen iiber den Zynismus der polnischen Sozialpatrioten staunen, die es sich als gro"f3tes Verdienst anrechnen, daBi sie in die Reihen der deutsch-6isterreichischen Armee eingetreten waren, ur die Befreiung Polens mit den Waffen Ludendorffs zu erkaimpfen, die dann spaiter mit Hilfe des imperialistischen Frankreichs ihr Polen schufen, die die Ukraine gegen ihren eigenen Willen gewaltsam,,befreien" woliten und die nun darfiber empirt sind, daB Polen mit Hilfe der Sowjetbajonette vom kapitalistischen System befreit werdent ki"nnte, Wir wollen uns nicht damit beschaiftigen, den Zynismus der Sozial-Nationalisten zu untersuchen. Als die P. P. 5.-Leute iii Sejm fu0 r em 1 Biindnis mit jener Entente stimmten, die Sowjet-RuI3land mit einem Dralitverhau umgiirtete, lieferten sie dadurci denBeweis, daB sie sich niclit urn die Nationalit~t! der Bajonette kiimmern oder urn irgend weiche ethischen Gebote, sondern lediglich und ausschlie~uich urn das Biindnis der polnischen,,Sozialisten" mit der' inter~nationaleri Ii Komnmn-. Intern. 18

Page  162 low# Q~gmnrav 941i p hoi Ri, 1cksichit darank.o1 4J von J..ae~dorfM 4er Focb gefihrtwfr4. Weim daher di. FP.,P.$0 predigt, 4*4 die Ar-* beiterkl4asse eines jeden Landef ibre Frei1~i nur selbsti~ndig erringen dun e, so bedeutet diese Formel, verglicben mit dem Vorgehen der $ozialpatrioten, nur das eine: man. dark nicht inittels freinder revolutionairer Waffen deon Kapitalisten und Agrarliern Fabriken und Land iortnehinen; aber man dark und mull mittels fremder gegenrevolutionan~er JBajonette die Herrachaft der Kapitalisten und Agrarier in Jedem Lande aufrichten und festigen., Es ist aicht weiter ensta~unlich, dall dieselbe ForMe1 auclh voni den deutsclien Scheidemannleuten gepredigt wurde, als die Rote Arwne die Greizzen Ostpreul~ens erreichte'ia deni poluiischou Kowrrzor eincraq ud e dn doutocherz Proletariat. Degeitenung mid be" den deutschezi Jtik~eru Angst wa~Ii def. Aber ex ist zium mindesten erstaunlich, dalI es in der kommunistischen Presse und in der kommunistischen Fraktion dleo deutschen Reichstags Leute gegeben bat, die sich dieser internatiozialen sozial-patriotischen Formes anschlossen. Indessen wa*re es, namentlich fu*r die deutschen Komamunisten, eine gut. Gelegenheit gewesen, ihne Sphelidemanagenossen in den Presse und urn Reichistag zu befragen;,,hr wolit die fremzden Bajonette njcht? Aber ibmr waret es doch genacIV, die zu Anfang des Kriege$ die deutschen Kaiserbajonette segneten, als lhr die dleutschen Anbeiter davon zu u'berzeugen suchtet, dalI es ihre Anfgabe sei, Polen von' russischen. Joch und Ru~liand von der Zarenknechtschaaft zu befneien? Seid 1.ir- nicht Foch dazikbar gewesqn, a4 er!Eunem Noske dakvj bebj"Iflich war, die deutsche Rvolutign tu cndrossein und deut~vhe Arbeitgn zu en$isg3vez? Wezn 'src impcriAlt *4 nBa jqzutte gut. genug warenkindi ~fein Rulns, qwordezi dig, nussisciwn proletaxir ~en aj~ntte nindstes ebenaso goeignet gewesen wilen, deutsches Gsbiet zu betretma, wit helier Begeistorung empiangen. Und en hatte dazu dasselbe Recht, das die dmo=-* kratischezz Ahnen den deutschen Bourgeoisie, batten, 4lm Si. die Bataillone der GnoI~e,. Fr~az~sischen Revolution mit Ungeduld emwanteten mid mit Enthusiasmus begnuli-te'n. umn mit ibrer mikfe das Feudaijoch abzuschilt-. tein, oden als die holla"ndischen Demokraten, die- die Arm.. des Generals Pichegnu umn Hilfe anniefen, die Holland in' Jahro 1794s.4-5 dann auch winklich besetzt hat. Und obwohi die Armeen den Groflez Franz~$sischen Revolution sehn bald aufhbnten, auk den Spitzen i~hrer Bajonette,,den Hiitten den Fnieden, den Schlo'ssenn - den Krieg"' zu bningen; obwohi es beneits die Armeen des Ersten Impeniums wanen, begniff sogar den.Held des Romans von Jenomsky (,,Die Fiammen"), emn Soldat den napoleonischen Anmee, die gauze Bedeutuzig den damaligen knanzdsischen Waffen ffur des zunuickgebliebene Spanien. Und ais en das Manifest Napoleons, das die keudale Knechtschakt aufliob, anhi~nte, rief er aus:,,Mit unserem Blut, spaniaches Voik, ist Eune Konstitution geschrieben wondeni" Und nicht die knaftiose demoknati. sche. Sentimentaiitait den gutmiitigen Schiach-tschitz-Patrioten, sondemn das Schwert Na.poleons hat in' Jabre 1807 den ersten Abmatz. den Konstitution diktiert:,,Le Senvage est aboli" -,die Leibeigenschaft ist aufgehabent" Als die Rote Sowjetarn'ee in' vonigen Jabre die Grenzen Polens ii'berschritt, venspnachen Pilsudsky, die Regierung und den Sejn' den polnischen Arbeitern und Bauemzigoidene Benge, Der Sejim bgneitete eiligst die agrarischq Qesetzesvorlage. von, die von dlew da-0 maligezi Landwintsqhaitszuinister, Prof. Bujak. in' Juli unterzeichnet wunde. Erst nach dean RUi*ckzug den, Roten Armee, nikchdem die po1. nisvben Ktapidsten uzid Junker skch von. ibre= Sebrecken erboitera, hatte, Prof. Bujak den Mut, des einer Kritik zn untenziehen, was im Angenbiick den Angst geachaffen wordea wur. In semen,,Kitischem Bemrnokungen zu naseren _Agrankrm" G schroibt en:.,Die Ironie des Sehickals bat em so gewoilt, dali meine Uater.sebnift miter- den' Juli-Gesetz steht"', elnena Geaetz, das,,meiner prinzipielien. Stellusugnahme duvehaus nicht entspnicht"'O Die 8*1,

Page  163 SOWJETRUSSLAND UND A datvn der Roten Sowjetarmee iber bit'ten ausrfen ki~nnea:,,,Mit unseram Blute ust diefs Gesetz fRir die- landlosen mn id and urzen Bauern gesehrieben wordui, diese feierlkchen Ver'sprechungen, die Aingehiorigen der -Freiwilligen wifihrend des Kriegesa zu unterstiitzen. Unsere Niederlag. ausnui-tzead, hat- man Eu-ch, polnische Arbeiter, schmath-* vofl betrogen. Infolge unserer Niederlage wordet Ihr, landlose und landar~me Bauerii, selbst urn jene arxnseligen Zugestkindnisse kommen, die Euch die Agrarreform verspo~chen hat." Als Pilsudsky gegen M~ew marschierte, urn die Ukrainer zu 41befreien", foigle ibm emn Gesindel von Gendarmen und Gutsbesitzern der Grenzgebiete, wiihrend die Bauern entweder in die WaIdder fliichteten oder von der Kugel der Pans ereilt wurdeti. Ala aber dile Rote Armee die Gegenoffensive ent-. wvickelte und gegen Warschau vorging, fMichteten die polnischen Kapitalisten und Agra-. nier, di~e Bauern aber wurden die Herren des Landes. Denr,,wundertaoitige Sieg an den Weiclisel" iiishrte dann natfiilich zu einen Massenenschieflung der Anbeiten und Bauern. Daher sind die,,femden" Bajonette- dot Rote-n Sowjetanmee im Bewufltsein der Arbeitenklasse emn fur-t allemal das Symbol der Revolution gewonden, waiirend die,,eigenen" Bajonette 'des. kapitalistischen Staates das Symbol der Gegenrevolution sind. Wenn jene Behauptung, daf3 jedeg Land seine Revolution ausschliefflich mit eigenien Kr~ften durchfiihren muBl, keine metaphysi.. sche, jede historische Wahnheit e-ntbehrende Phrase wdnre, dann miifOte sie auch Im umgekehrten Sinne riclitig sein, namlichl daB sich auch die Ge genre volution aussehlief~lich auf die Knlifte ilfires eigenen Landes stfitzen difirfe. Aber wenn im Lager der Gegenrevoluti~on ein Apostel versuchen wbllte, soicherlel politiache Behauptung aufzustellen, so wilirde man ihn auslachen. Als der vierjaihnige Sejm sich endreistete, mit der Konstitution vorn 3.1 Mall 1,797 Adietaa rchis1he Struklrtur des fe" dalen Europa u ad ilftes dit fraidtri Mttw scher ait, ilar Vate'rlan ad es,det GebA~g*a* schaft" datrJakobiner su beksftr i..khot durch dit Kraft der eigeneu Bougeisie. an2*4 dern mit HIift erdatdeutschen,Baiotettt, M dir soziale Revolution Fitnilauds utid Lettlaasd crstickt worden. Wean am Grabe Sowittt. Ungans -der WeiIle' Tatr~roder Horthy-Bead~at herrscht, so konnta dies niclit allain durch dl.' Krifte der ung-arischen. Gegenrevalution g~e.. schehen, sondern nut mit Hilfe dtr rtimidtio scheun, van den Verbfitdeten unteretfiifttt Armee. Das gogentevolutiontre Polon -Pilmvdsky*e ware schon Ulnget von -den polnischin A&* baitern und Bauernth diena Waff*Aubidk&e mit denr ussiachen Revolution eingalha konaten, gestiinrzt worden, wenn cat kine mill. ta-iiche, Hilfe von spiten des- fr-anaznschen, die Rolle. ames- Kettenhundes, im Osten- apo.~ lenden hupenialismus erhalten hitte. Niemead. zweifelt auch nun omnen Augenblick dwana dal3, wenn jetzt die Stall. des kapitalisti schen Polens amn polnischer prolet~riachar Staat, eama polnische- Sowje~t-iRtpublik ealanehmen wuinrde, dann die' Herren, Pilsadsky und Daszinsky ini heiliger &intracht mit Roman Dmowsky die kaplitalistischen Regw*nungen. den ganzan Welt anflehen wfirden, einen bewafineten Angniff gegen das proleatrische Polen zu unternelimen, ebenso wie dice, die russischen Sozi1al-Revolutionajine, Kadetten und Monanchisten heute tun, indem sie all.: Kabinette und HOi"fe- mit Bitten bestiirmlen,ý man moge das Vaterland den russischen rev*o-' lutionii'ren Anbeiter und Bauernn ibenfallen. han Hinblick auf die zweiffello. huatoriachent Tattacliu~annd auf die ungeheure Erfahrungsmange, die den- unvarmaidlichen Zubammwna-; hang melnerjeden groflau -Revolution.'mitgegennevolutioniinen und revolutionaren Kniegen zeigt, ist as vollkommen unbegreifli~ch. wie im Kopfe auch nuren elns ainaigen Kommunisten die unsinnige Idee von den Seib., stii'ndigkeit und den Eigentiitigkeit den Re-voa lution amnes jeden Landes antstehen koante., Es ist wahr: fu"r die Sozialpatnioten konnta diese lixe Idee zu einem geaigneteu Werkzeeg, f u*r den Batring und die Verftihiung dar Volkuinassan warden; aben ffir dit Revolutloq. nAnC ust'sia ei varhingnisvollan InntuzL Wobli&a fiihrtdise menkwfirdige ide'. in der alp

Page  164 ob I ~ - ------ ~ ---- Politik? Sie gestattet den Sowjet-Republiken, sich innerhaib ihrer eigenen (man weifi nicht weichen) Grenzen gegen den Angriff der kapitalistischen Banden der ganzen Welt zu ver-.teidigen; aber sie verbietet diesen Republiken' das Ueberschreiten der Grenzen des FeindesA Die franzo-sischen revolution Aren Bourgeois gehbirten niemals zu dieser sonderbaren Gattung von Idealisten. Gleich zu Beginn des Krieges mit der feudalen europaiischen Koalition zogen sie es vor, die Rheinstadte zu besetzen, gegen Mainz vorzugehen, die Gegenrevolution in Deutschland und Belgien nicht nur mit bewaffneter Hand zu schiagen, sondern die feudalen Privilegien und Pflichten in den besetzten Gebieten aufzuheben. Ebenso muf3ten die Sowjetrepubiken handein, konnten doch die polnischen, tschecho-slowakischen * a. von der Entente geleiteten Banden einen bewaffneten Angriff gegen, die Gebiete der Sowjetrepubliken unternehmen, Aber wenn Pilsudsky, der wertvoilste, wenn auch nicht immer gehorsamste Diener der Pariser Bi"rse und des franz6sischen Militarismus im Osten, auf dem Territorium Polens gegenrevolutionlire Banden unter der Leitung Balachowitschs, Peremykins, Petijuras organisiert, ur sich auf die Ukraine oder Weif'rulfland zu stuirzen, so soilten nach den Wfinschen der Sozialpatrioten aller Lander die Sowjetrepubliken geduldig abwarten, bis diese Banden auf den Befehi Pilsudskys oder seiner Gebieter aus dem franz-sischen Generaistab die Sowjetgrenzen iiberschreiten wiirden, und erst dann solite es der Roten Armee gestattet sein, diese Banden zu schiagen; aber auch das nur unter der, einen Bedingung, daB3 die Sowjetrepubliken, Gott behiite, die ethnographischen Grefzen Polens nicht iiberschreiten. Es muI3 anerkannt werden, dafl sich die Kommunistische Arbeiter-Partei Polens einer derartigen Gedankenverwirrung niemals schuldig gemacht hat. Derartig politisches Unkraut wiichst nur im Gehirn der kleinbiirgerlichen Intelligenz, die sich ihre phantastische Welt schaift, urn~ in ihr eine angenehme Zuflucht vor der verfluchten Wirklichkeit der Kiassenkriimpfe,_ der~ Revolution und Gegenrevolution ze ftidren,. Daher wird die K. P. ]P. derartige Gedankengebilde, die den Sowjetrepubliken vorischireiben:wollen, _mit der bewaffneten Gegenrevolution nur auf ihrem eigenen Territorium zu kaimpien, vermutlich nicht einmal ernst genommen haben. Gleich vom Beginn der Organisation bewaffneter Sowjetkriifte an lehrte sie die polnischen Arbeiter, in der Roten Armee eine internationale revolutionaire Armee zu sehen, in der weif3en polnischen Armee aber ihren Erzfeind. Dasselbe wiederholte sie in den Spalten ihrer Zeitungen und ihren Flugblaittern wahrend des Ueberfall Pilsudskys auf die Ukraine und waihrend des Gegenangriffs der Roten Armee auf Polen. In dem bewaffneten revolutionairen Klassenkampf mit der internationalen Imperialismus anerkannten die polnischen Komnunisten keinerlei Grenzen, ebenso wie auch die internationale Gegenrevolution sich umn keinerlei Grenzen kiimmert, wenn es gilt, die Sowjetrevolution in RuIland oder in der Ukraine, in Estland oder Lettland, in Bayern oder Ungarn zu erdrosseln, Aber eine Rote Armee bringt doch die soziale Revolution mit sich! - Darf man denn an der Spitze der fremden Bajonette die soziale Revolution in ein anderes Land tragen? Selbstverstiindlich darf man das! Aus demselben Grunde und aus derselben Notwendigkeit heraus, die die Armeen der Groflen Franzosischen Revolution zwang, die Grenzen zu iiberschreiten und die feudalen Grundfesten Europas zu erschiittern. Wir sagen noch mehr: Jetzt kann man das viel eher, mit einem weit gril3eren Erfolge tun, als es die Armee der franzi~sischen Sansculotten seinerzeit getan hat. Und - was noch weit wichtiger ist - unter gewissenVoraussetzungen kbinnen die Roten Armeen gezwungen sein, viel weiter vorzudringen, und zwar - ohne ihre Erfolge auch nurimgeringstenzugefaiohrden. In der Tat, die Grof~e Revolution der Bourgeoisie ist von der GroIen Revolution des Proletariats durch mehr alts hundert Jahre der Entwicklung des internationalen kapitalistischen Marktes, der den ganzen Erdball in einen geschiossenen wirtschaftlichen Organismus verwandelt hat, getrennt. Daraus folgt ~e rs t en s, daB3 die biirgerliche! Welt, die nur unter der Bedingung der Anhiiufung des Kapitals in immer weiter wachsendem Ausmafi des intesrnationalen Marktes existieren kann, nicht

Page  165 - I- 1. ~ --- -------~ ~:::: ----~ SOWJEWTRUSSLAND UND DIE REVOLUTION IN POLEN 165 - -- I-` gleichgiiltig zusehen kann, wie ungeheuere, volkreiche Gebiete der Sowjetrepubliken, deren Naturschfitze noch nicht ausgebeutet sind, den Prozef der Kapitalanhiufung nicht mitmachen. Die bfirgerliche Welt muD die Sowjetordnung bekaimpfen. Die kapitalistische Welt kann neben den groBen proletarischen Republiken nicht bestehen bleiben: einer der beiden Gegner muf3 unterliegen. Dank dem Heroismus ihres Proletariats, der ungewo-hnlichen Energie und der weitsichtigen, sich schnell orientierenden Politik ihrer Filhrer haben die Sowjetrepubliken dem militiirii-chen und wirtschaftlichen Angriff der gesamten kapitalistischen Welt drei Jahre lang widerstanden und - endlich, nach iibermenschlichen Anstrengungen, nach endlosen Qualen und Entbehrungen, einen relativen Frieden an den aufleren Grenzen errungen. Aber die kapitalistische Welt kann die Existenz der Sowjetrepubliken nicht dauernd neben sich dulden. Wenn die Revolution des europa-ischen Proletariats ihr nicht die Waffen entreif3t, so wird sie friiher oder spaiter, in dieser oder jener Form, zum neuerlichen Angriff gegen die Sowjetrepubliken iibergehen. Dann wird die Rote Armee ihre wirtschaftliche Front verlassen, wieder mit den Waffen in der Hand zu den Grenzen eilen miissen, und von dem Grade der Entwicklung der Revolution in den europiiaischen Liindern wird es abhiingen, wo und wann die Roten Armeen halt machen werden. Was z w e i t e n s die internationale Lage und die Chancen f fr den Erfolg der Roten Armee betreffen, so haben die Ergebnisse der kapitalistischen Entwicklung fur die Grofle Ru'ssische Revolution, verglichen mit der Groflen Franz'sischen Revolution, weit bessere Bedingungen geschaffen. Frankreich war gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts fuir die- biirgerliche Revolution reif; aber das ganze'iibrige Europa war ffur diese Revolution damals noch nicht' reif. Besonders war Ruf3 -land zujener Zeit eine unerschiitterliche "Feste der europiiischen` Feudalwirtschaft. Hieraus erkii~ren sich die ungeniigenden Ergebnisse der franz~sischen' Revolutionskriege und die Erhaltung der feudalen Ueberreste in vielen hochentwickelten Liindern Europas bis zum letzten imperialistischen Weltkriege. Jetzt d~e~gen ist~gaii z Europa fuir die sozi ale Revolution gereift, wI hrend Rufland, vom Gesichtspunkte der technischen Entwicklung und der Organisation der Produktivkriifte aus, weniger als alle anderen kapitalistischen Liinder f fr den proletarischen Urnsturz vorbereitet ist. Das erkliirt,,weshaib das feudale Europa seine Regimenter gegen das revolutionitre Frankreich werfen konnte, ohne auf einen ernsthaften Widerstand von seiten seiner gesamten Bevialkerung zu stof3en. Im Gegensatz dazu hat die aktive Einmischung der europaischen Arbeiter die Regierungen der kapitalistischen Staaten gezwungen, die bewaffnete Interventionspolitik gegen -die Sowjetrepubliken aufzugeben und sich mit der Erhaltung und Unterstiitzung der Armeen in Polen zu begniigen, Aber Tschitscherin hat in seinen Aufrufen anliiflich des Ueberfalls Pilsudskys auf die Ukraine dem internationalen Proletariat doch selbst erklart, daB die Arbeiterklassee eines jeden Landes ihre Revolution selbst machen iiisse? Allerdings, Tschitscherin hat das im Namen der Sowietregierungen gesagt, auch Lenin und Trotzki haben dasselbe- 8ffentlich ausgesprochen. Aber diese Worte driicken lediglich den heif3en Wunsch -der Sowjetrepubliken aus. Dieser Wunsch entstammt indessen nicht pazifistischen Gefiihlsregungen, die ihnen stets durchaus fremd waren,- *u'ch nicht jenen Beweggriinden, die gich die.~Berliner,,Rote Fahne" und die kommnunistische Fraktion des deutschen Reichstages zur Richf-- schnur machten, als sie es, im Hinblick auf die sich niihernde Rote Armee, fflr richtig hielten, Leute vom Schlage Scheidemanns zu beruhigen und ihnen zu versichern, daBdie deutsche Arbeiterkiasse einen bewaffneten. E -Eln griff der Sowjetregierung nicht wiinsche- denn sie wfirde ihre Revolution -._schon -,seilber machen, - selber machen_. mit_ Foch im Westen, mit seinen diensteifrigen -fpolni-schen-' Legionen im Osten, - -und' seiber mac-hei nach der Erfahrung der ungarishen.Revolution. - - Als die tschechische u 'wd f fumt nischen Truppen~ Sowiet-Ungalrni iiberfietenl: um die Revolution zu' ersticken, -klamn dlie Rote: Armee Ungarnn'iclit --zu HuMlfe.]l-r G~eschaih esl deshalb nicht, weil das utigarsch~oe Proletariat seine Revolution nur- selbs v''-iereidigen konnte? Keineswegsl:Das Gregenteil -iet ri'chti8.; ~~Rechtze-itig'e Hjlfe d~Bo~er- RoteAre

Page  166 OMAN* N.: SOWJETRtJ$SLAND UND DIE, REVOLUTMI&NIPOLEN PWtt. icht allein Sowieto-Ungarn gerettet, sondmern ach etas Schicksal der Revolution in Teeheehien und Runi~nien entsehieden. Ja, site were vielleicht d-as Signal ffur die europiische ftev'olution geworden. Aber die Rote Arnftee war ofienbar selbst an die gtegenrevohaitona-re Innere Front gebunden und war wlcbt imstand4e, Ungarn zu Hilfe zu eilen.' Das ers~ch~pfte, hungrige russische' Proletariat wainschte immer den Frieden, urn die 'Maglichkeit zu hahen, an den wirtschaftlichen Aufbatt heranmufehen und die Frllchte seiner Stiege zu -ernten. Es rechnete immer mift einem baldigen Ausbruch der europiiischen Revolu-o fatio, d&en es bedurfte selbst dringend ihrer fHlM-. Die Noten Tschitscher*rins, die davon. sprachen, dafl die Arbeiterklasse eines jeden Ledsihrea Revolution selbst machen mii"sse, sind,eben als soleher Ruf umnIfilfe ru betrehebin und ko"nzien. aus detaMund~e cines riussischegn Kommuunistm m ichts anderes he4eaten& Wemnn man sie dagegen, Von MiUM poluischen, ode; d-eutschen Kommunisten veraiamt, W, mu-ten a hliche Aeuflexungea als B.Retitvg zu einex Musik wie die Lloyd Gtioqes an, den. die. Tatsaclie, dlaB die Rete Armete die. cethxiographischen Gretizen PQIC-AUS iierachritt, inoralisch auds 1ikclste z4 ecutriisteus schicn.. der anderen Front retteten ffur dieses Maid die polnische Gegienrevolution. Weun die Roten. Truppen nicht so rasch gegen War. schau vorgedrungen wa-ren und. sich nicht so eilig zuriickgezogen hitten, so bUtte diesex Krieg, der nicht allein die ýArbeiter und Bauernmassen und. nicht riur die Soldaten, sondern auch die ixumer mehr anwacltsende P. P. S. und die radikale Intelligenz eiinemo raschen 'Revolutionierungsprozefl unterwar*. zu der Entstehung eines Sowjet-Polens gefii hrt. Und das wiie"rde nicht nur die. Auffiebungf des Einflusses, des Imperialis-mus der Entente innerhalb Polens zuwege gebracht, sondern audi den Sturz dieser hiiperiialistischen Fes-te im. Osten, die 'in der Gestalt des weillen Polens, zum S~chutze. des. Friedensvertra-ges von Versailles errichtet wurde,, bedeutet haben,. Das waire der toidliche Stoll gewesen, der die europ*iiische Revolution ins Roll1en gobrachth a-tte. Die polnische Festung der internationalen Gegenre-volution ist heil geblieben, und sie h8rt trotz des Rigaer Friedensvertrages nicth auf, eine- staindige militiirische Bedrohung der Sowjet-Republiken und foiglich auch der europaiiischen Revolution zu sein. Die Zukunft wird uns zeigen, ob diese Festung unter den unmittelbaren Hieben des polnischen Proletariats, oder infolge. der deutschen Revolution, oder endlich durch neue abenteuerliche Unternehmungen Pilsudekys zusammenbrechen wird. Das eine erseheint- zweifellos: Pilsudsky hat den,,Befreiungsplan"- der. Ukcrai~ne uric Weillrulflands. nicht aufgregeben. D-avon zweuge die Aeulferungen der ihn unter&titzenden. polnischen Presse und der ibm, nahestehenden Sejm-Mitgliede'r, die. zwar Ufir die R-atifizierung des Rigaexý Friedensvertrages stimm~en mu~tomi dabei aber wieederholt. betonten, dal I3 olr seine- Ziele. im Osten n~och mic~hi erreicht babe. Allerdins hat Piloudsky nach dor Katastrophe von l- iew dia.. Me-hrheit tim So eingebij-t, rnd die die fr zdsischa Oher. tuad Zweif~ellos re~cht hatten aher niciat diese Komimmisten, sonders von ibrem Geskehtspun ti r Lloyd George rind jen~e inperialistichew Cliqrierx die die Ent~tekua4si einr Sewietordmu4g in Polen ffircbte-tea., Aber nicbt wvniger Reeht hatte das deutsche Proletariat, ala ex ileai Fe~ldaug d&r Sowjotarieea mit, Begeisterung verlolgte rind atwas gana, anderes ia Sinn* kafte, als sicki sergenvoll die Frag ie mst~n wird die Rote Arun*e an den deut-,sakse Greren stehen bleihe. intr nocli wetote vorgebezi? UvAc ebsuso natti~rlicl war 4eW Swtusasrudes euxop~iisckeuProletafWat*,. sia atilad~ig waclisedet, aktive KitWao.seim* wacehsedo rav torrdAre, G& ru*4ag i in der Zurlikhatung, der fuir des g!%gmwol"utiOsix.PoltA b' em, ~an aften uapmo he'staud.. Die Revdimiate in Europa iA~ _%mmonreAi gw'Orden, dali za WibrniArtsI;m~a~ahi a *ýA s&"der WtderhaU der glIcb"I" 4m ehweren Sebitte dar %Sqwjet-B&

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Page  168 r 1 r- - P-- I- ---~ I-II K. KILLBOM zur Zeit des Generalstreiks. Wenn dieser Streik auch nicht mit einer voilligen Vernichtung der Arbeiterbewegung geendet hat, wie es die- Hoffnung der Unternehmer war, so hat er jedenfalls nicht zu der erwiinschten Siege gefiihrt. Aus Anlal3 des Streiks begann eine intensive Agitation gegen die reforristischen Fiuihrer: man beschuldigte sie des Verrats und ungeniigender organisatorischer Faihigkeiten, die darin zum Ausdruck kamen, daB sie die Gewerkschaftsbewegung in einen Sumpf hineingetrieben und sie in Abhiingigkeit von der Partel der rechtsstehenden Sozialisten gebracht haben. Alle Anklagen gegen die Fiihrer stiitzen sich auf unwiderlegliche Beweise. Aber die Opposition fiihrte lediglich zu einer Abloisung von einzelnen Elementen, die sich dann zu der S. A. Z, vereinigt haben. In den dem Generaistreik vorangegangenen Jahren verlegte die Arbeiterkiasse den Schwerpunkt ihres Kampfes auf das Gebiet der Politik. Der blinde Glaube an den Parlamentarismus fiihrte sie zu der Ueberzeugung, da3 diese Institution den Sozialismus herbeifiihren k6nne. Tm Laufe der Jahre 1910-20 traten dann nach und nach die politischen,,Erfolge" zutage. Der Einfluf3 der Arbeiter wuchs sowohi im Parlament als auch in einzelnen Gemeinden; aber ihre Bkonomische Lage verschlechterte sich, zumal in den ersten Kriegsiabren. Es mul3 hervorgehoben werden, daf3 die Lebensmittelpreise seit Mitte 1914 bis 1920 ur 170 Prozent gestiegen sind, wiihrend sich der Arbeitslohn durchschnittlich nur ur 104 Prozent erhaht hat. So konnten die Arbeiter schon im Jahre 1920 feststellen, daf sie trotz aller parlamentarisclen,,Erfolge" eine entscbeidende politische Niederlage zu ver~zichnen hatten. Die Lebenshaltung der Arbeitersclaft verschlechterte sich zusehends. Noch deutlicher wird sich das im laufenden Jahre zeigen. In Schweden ebenso wie in anderen Liindern steliten die Kapitalisten unter Hinwieis auf die jibiche kapitalistisehe, durch.den Weltkrieg ganz besonders verschuirfte Krise, weitgehende Forderungen auf, die die Herabsetzung des Arbeitslohnes erstrebten. Jener Umstand, daB die Liihne in der Periode des Anwachsens der Preise in weit: geringerem MaI3e gestiegen sind als die Lebensmittelpreise, und daB3 der Arbeitslohn f r i lie r sinken wird als die Lebensznittel preise, wurde nicht in Rechnung gezogen. Die Lage der Arbeiter muflte sich immer mehr verschlechtern. In siimtlichen Industriezweigen forderten die Unternehmer die Herabsetzung der Lbhne ur 20 bis 50 Prozent, und die reformistischen Fiihrer unterstiitzten nahezu offen diese Forderungen der Arbeitgeber. J16denfalls unternahm man seitens der Reformisten nicht das geringste, ur ihnen einen Widerstand entgegenzusetzen. Es ist wahr: die Leiter der skandinavischen Organisationen veranstalteten im Januar dieses Jahres in Stockholm eine Konferenz, auf der die Frage der Solidaritait der skandinavischen Arbeiter in ihrer Stellungnahme den Arbeitgebern gegenilber er6rtert wurde. Aber die Leiter der schwedischen und diinischen Organisationen waren die ersten, die der Forderung nach Solidaritat nicht nachkaren. Besonders in Schweden wuchs sich das unsolidarische Verhalten zu einer Art Fahnenflucht aus. Diese Umstiinde und auch die haufigen Betrflgereien der parlamentarischen Sozial - Patrioten wandelten nach und nach die Ansichten der Arbeiterschaft miber die Formen des Klassenkampfes, Was aber die politische Taitigkeit betrifft, so verlor der in manchen Kreisen so sehr verbreitete blinde Glaube an den Parlamentarismus immer mehr an Boden. Allem, was mit Politik zu tun hat, begegneten die Arbeiter jetzt mit absoluter Indifferenz, Die Massen verloren ganz den Glauben an die eigene Kraft. Der Zahi nach verstairkten sich die gewerkschaftlichen Organisationen wie in den anderen Liindern so auch in Schweden. Jeden Tag strOmten ihnen neue Arbeitermassen zu. Aber es war nur em iiuB"erer Erfolg, An Anlaissen zur Unzufriedenheit mit den Gewerkschaftsverbiinden fehlte es nie, und in dem Male, als der Kam-f an Ausdehnung gewann, haiufte sich die Menge dieser Anlisse. Auch die breiten Schichten erkannten sie immer mehr. Der Biirokratismus der Fiihrer der Gewerkschaften und ih~r Bestreben, die Zentralisation der Bewegung dazu auszuniitzen, urn den Arbeitern den Kampf gegen die Herabsetzung der Li5hne zu erschweren, hatte zulr Folge, daB3 die Arbeiterschaft die Forderung der Dezentralisation innerhaib der Verbiinde aufstellte,

Page  169 DER KAMPF ZWISCHEN AMSTERDAM UND MOSKAU 169 was jedoch mit der syndikalistischen Forderung nach der Dezentralisation der 0 r g a n i s a - t i o n selbst nicht identisch ist. Ebenso wurde die sofortige Verainderung der organisatorischen Formen der Verbiinde entsprechend dem Produktionsprinzip gefordert, da der Aufbau der Gewerkschaftsverbiinde nach Berufen dazu gefiihrt hat, daB, wenn eine Arbeitergruppe den Kam-of mit den Unternehmern aufnahm, die anderen Gruppen infolge des bestehenden organisatorischen Prinzips sich bestenfalls indifferent verhielten, schlimmstenfalls aber die Rolle der -organisierten Streikbrecher spielten, Schon machen sich Bestrebungen geltend, alle Zunftorganisationen zu einer einheitlichen Klass e no rganis a ti on umzugestalten, die das ganze Land umfal3t. Es besteht das Bestreben, eine Organisation in staatlichem Mallstabe zu schaffen, die in einzelne Industriezweige und Produktionssektionen gegliedert ist und sich auf die allenthalben existierenden 8 r t 1 i c h zentral-zusammengefaB ten gewerkschaftlichen Vereinigungen stfitzt und nicht auf die verschiedenen beruflichen Verbiinde. Die sogenannten staatlichen Vertrage, die zwischen den Arbeitern dieses oder jenes Verbandes und den Unternehmern geschlossen zu werden pflegten, schrainkten die Bewegungsfreiheit der gewerkschaftlichen Organisationen wesentlich ein, denn diese Kollektivvertraige waren fU"r siimtliche Arbeiter eines bestimmten Verbandes bindend. Das hatte zur Folge, dalI man die Forderung nach freien Vertriigen aufstellte oder wenigstens nach Einfiihrung von Tarifsaiitzen ffur die Arbeitsentlohnung, wodurch die ganze Arbeiterbewegung eine weit grollere Bewegungsfreiheit erhaIlt. Die Frage der organisatorischen Vereinigung gemiill der Auffassung der rechtssozialistischen Partei - deren Mitglieder waihrend der ganzen Zeit, in der diese Partei an der Spitze der Bewegung stand, VerhijItnisse geschaffen hatten, die sie zu der Rolle der Streikbrecher verpflichteten -~ und der ewerkschaftlichen Bewegung waren der Gegenstand vieler Streitigkeiten. Die Gewerkschaftsverkinde schiossen sich bisher den 6irtlichen Organisationen der Rechtssozialisten an und waren fuir diese emn gutes Ausbeutungsobjekt im iikonomischen Sinne. Aber der energisch dur~chgefiihrte, ~von Revolutionlren in den.Gwerk schaften geleitete Feldzug fiihrte dazu,. daB den Unterabteilungen der Gewerkschaftsverbainde das Recht genommen wurde, irgendeiner Partei als organisatorische Einheit beizutreten. Das hatte eine bedeutende Schwachung der gemailigten Sozialisten zur Folge. Es mull hier erwaihnt werden, daB die kommunistische Partei immer nur einen individuellen Beitritt zu ihrer o6rtlichen Organisation gestattet. Endlich, und das ist das Wichtigste, f ihrte die Ansicht, daBl 5ikonom-lische Organisation-en und der O6konomische Kampf die Grundlage eines jeden Klassenkampfes seien, dazu, daB die Frage der Umbildung der Gewerkschaftsvcrbiinde in revolution'ire Organisationen des Klassenkampfes in den Vordergrund trat. Die schwedische gewerkschaftliche Bewegung folgte bisher den unantastbaren Traditionen der deutschen Bewegung, wie sie vor der Revolution war. Die Tiitigkeit der Gewerkschaftsverbiinde betrachtete man als emin Palliativmittel im Kampfe der Arbeiter, und man glaubte, dafl mit der Uebergabe der Macht des buirgerlichen Parlaments an die Arbeitervertreter das Reich Gottes auf Erden verwirklicht sein wiirde. Die Aufgabe der gewerkschaftlichen Organisationen war lediglich der Schutz ihrer Mitglieder im Rahmen der bestehenden kapitalistischen Ordnung. Leider machte man sich nicht rechtzeitig kWar, wie das - unter Beibehaltung des kapitalistischen Eigentumsrechts auf die Produktionsnittel und unter der Kontrolle des Produktionsprozesses durch die Kapitalisten -'in Wirklichkeit geschehen konntel Ausgehend von jenem Grundsatz, daB. der reformistische Charakter der Gewerkschaftsbewegung nur auf organisatorischem, Wege -geandert werden konne, machte- die Opposition schon im-Winter 1916/17 den.Versuch,.~ sich enger zusammenzuschlielen - 'Ostern 1917 entstand die -sogen. Schwedische- Gewerkschaftliche Opposition, die -es sich zur Aufgabe machte,: im Rahmen- der ref~ormistischien NSationalen Organisation und der reformhistischen Gewerkschaftsverlbiinle fuir deren revolutioniire Urngestaltung'zu wirken. Die Programme waren ausgearbeitet. und versand~t;~ aber aus moanchen Griinden waren. die_ Ergebnisse entweder sohr; gering oder sie fehite-n ganz. imnier noch. gab es A~i~~i~sse. zisr.Uni~ufried~dnheiL, 1917i18. puahm

Page  170 NOW K. KtLLBON 'S'l Unufiednieit sogar zu mind mit lhr -das Nastreben naeh der Rem~anisation der gew~arkschafthcfren Bowegung. So entstand -Ir Jherbst 191.8 tint none (hganisation, zu deren Aulgaben such die Arbeit innerhaib der reformisliechon Org~anisationen gehbrte. Es war die,~Fackliga, Propaganda F~rbundet' (Verbend tier gewerkschaftlichen Propaganda). Jituptdehlich auf seine Veranlassung him wurden die politischen Kiubs geschaffen, die mt verschiedenen Oit-sehaften des Lanad" den Gawerkachaften angegliedert sind und der komaities.ben Pa~rtei na~hestehen. Aber -amh die Gewerkscha tserbiinde haben sich timen zum nTail arageschlossen. so daB die Orsstnjewz mehr als 7000 M-itglieder zihit. Dix Programan, weiches ira Marz d.. JI von der Konlereaz angenommen wurde., ist ira Hi~blkk auf die besonderen Verh~ltnisse Schwedeais ausgearbeitet; aber auch die revoIutioniiren Lehren, ziamal die der russuichen Revolution,, landau dabei Beiricksichtigung. Da -dieses-Prograram auch ffur die revolutioniren Arbeiter der Gewerkschaftsverbiinde andlerer Linder von Interesse selin ki~nntei so bringen wfr e.s, hier volistinudig zum Abdruck.. Es 1a-utet, Jn Hiaibiick -daraul, dafi die gewerksciakltich-8konmishe Bewegung, die den 3uringskanapf des Proletariats verwirkIlcbt. den Kainpi nicht nur zwecks Besserung, der 6lkonomische~n und sozialen Lage &er Arbefterkiasse ira Rahmen der kapitablifsehien Ortinunt ffthren, sondern auch..en sozialistischen Umsturz vmibereiten muDde ftseleiten sia sich das Ziel Setzt, wird der Verband dier gewerkschtitlidien Propaganda, ira Einklang, mit dem Programrn tint? nai der Politik der Kommunistischen Neiwirken und sich die Hestimmungen 4.r Eomunitischen tInternationale zur Inur lnoemen rum Zweek der Verw, der reformistisch~n gewerkschaftu~*m Bmg"unit in. Rewagung d re. StVlutittealrw Klassanak~w~~~alde. Sich a.die- Raite der geekeatihnfewegung arhalten bleibt. 2, Ausarbeltung von silchen S-aftungen ffir einen jeden G'ewerkschaftsverband, die die sozi~alistisch. revolutioxii~are Auffassung zur Grundlage der Organisation machen mit dem Verbot filr die einzelnen GewerkschaftsverbAnde und Sektionen, sich ci~ner bestimmi en politischen Partei als Kollekti~v arazuschilieflen. 31. Wiederaufrichtung und Sc'hutz der Aktionsfrc~iheif. der gewerkschaftlictien Organisationen auf dem Welle der Ab1~sung der staotl~chen Verirlee und fiberhaupt aller daucrad bindenden Vereinbarunoeni dutch sogen.,,allge-mein geltende Arbeitabedingtngen"'. 4. Beseitidun4 aller Bedingungen in der gewerkschaftlichen Bewegung, die den revolution~ren Kami~f der Gewerkschaftsverbiinde hinidern, indem sic dfie Arbeiter die Notwendhikeit nicit erkenaen la~sSen, den fe~lenwairfigen Staat auf k1ommunistischen Grundlaon unazuestalten. 5. Verdr-aserund, der Mittel der gewerkschaffticben Oroanisa1 ionen zwecks besserer Durchffibrung allgemeiner Sireiks. der Sabotage, wirksamcr Boykotts, (ter Obstruktion, des Registrafionssytems mid der Kooperation zum Zwecke d:er Niuderwerfung de--- 6. Beseitijungi alter gewarkstch.-ftlich-oroanisatorisch eine-nJendenix einen Zurtftcharakter tragenident Be-StImmunixen wad Erriclitung eimer nationalen Organiisation. gemiil dem klar um-lissenen- Prodvxktionspritzizp. An..PlIed-erund - rtliclter Organtisationen, auf f~deratifver Grundlagte, ohne fedoch cine allgemelne Aktion der Arbeiter, falls elne soiche, notwendig seifn sIlte-, au-s den Augen tvu lassen. T~ Agtation zwvecks Abst-haffung alter elnengen~den Formen in stastlichen und ninvaten. fletrieben, die dem solidariscien Vorg-ehen der Arbeiter-Ichaft lithiderlith sind.. 8,. BeklAmpfung alter Id~eei und Versuche, tle etch auf d~ie Durclifflhm'ug tder Soziall1 -sitrtxg ranter -Heibehattung- der kapitaislhd. achen Formen beziclhen, die die Verwirklichung dev kommwnistischen Gesellsahatts,

Page  171 woo DER KAXPF W W I AM UND x W KAMPF 'Nm --A---J-kU-V-,, -E steherx und die gemeizisam- mit dlen. Arbeiternod Bauernraiiten, das Fundament, der sozialistischen Staatsordnung sein werden. 10. Zwecks Durchffiirung dieses- Progranuna erkla~rt sich der Verband der Gewerkschafts-Propaganda zu gemeinsamer Arbeit wit allen jenen. 6konomischen. und politis~che~n Organisationen. bereit, die den revolution Aren Kampifiihe~ren. ausgehend von den- konzmunistischen Prinzipien, und dex Idee der Diktatur des. Pr~oletariats als Uebergangsstufe zum Konzuniwisnus". Ueber das Programm wurde in vielen Gewerkschaftsverbiinden debattiert. Es fanden Hunderte von Versammiungen statt, auf denen Olber Revolution und Reformismus gestritten wurde. In den Gewerkschaftsverba*nden wuchs die Opposition an, die die Durchfiihrung des Progranuns, anstrebte. Bereits attf der grof~en. Konferenz des MetallarbeiterVerbandes im. Sonmmer 1919 bildete die Opposition die Melirheit, die zwar aus verschiedenen, Elementen bestand (aus linken. und rechten Sozialisten, die der gewerkschaftlichen Bewegung skeptisch gegeniiberstanden, und zum Teil amus Sozialisten des Jugend-Verbandes), aber sie strebte dennoch zu einer Kursaiinderung im revolution-area Sinne und a'hlte einige ilirer Fifihrer in die Verbandskeitung. Iii selben Jah-re errang die Opposition eizte. Einflul~stellu~ng in der Verwaltung der Druckerei-Arbeiter. Zur Geschlossenhe-it mm Kampfe gegen die Reforniisten trug sehr viel jener Umnstand bei, dalI innerh-alb des Kommunistischen., JugendVerbandes und. der Kommunistiscben Partei" eine kiare Erk~enntnis von der waliren Bedeutwig einer Reorgani'sati~on der gewerkscliaftlicbhez Bowegung bestand. Auf der Konterenz des Jugend-Verbandes im Jahre. 1914 ainferten sich vorschiedene, Mitglieder waiihreud der Debatten fiber die gewerkschaftliche Bewegung in. dem Shinne, daB3 die radlikale Reorganisation der Gewerkschaften fin Ralimen der frfiberen Bewegung d'urchgefiihrt werden winisse, und zwar- im Geista, des S'ozialisinus und, niclit 6irterung der Fragt der 'geweekschaftlfdc.ti Be-wegung falgende Resolution gefa~t:,,tx Hinblick darauf, -dafi aullerparlameutaris~che Massenaktionen zu unserer Zelt eine notwendige Ergiinzung der parlamentarisc'hen Witrksamkeit sind, d'a der Parlamen-~ tarisnius allein nicht genilotgt, - m' die Ar-. beit~erkiasse zum Sieie zu fifihren, bescheliit die Konferenz, die Mitglieder' daran zu arinnern, daI3 die gewerkschaitliche Bewegung vom Geiste des revolutionireii Sozialismus gqetragen sein muDl, dessen Taktik und Karnpfmethoden i'm Iinblick auf die anwaclisend'e Maclit und Grausanikeit des Kapitalismus an Konsequenz und Schlrfe zunelimen minlssen. In gegenwfirtiger Zelit miuissen die. Arbeiter Schwedens alle Mittel des ftwerkschaftlichen Kampfes weitestothend aus-~ niitzen. Vor alien mull die Erfililuno: der Forderungen der Erholuzng der Arbeitsl~hn. durchgesetzt werden, wobei' das Existezzminimum niclit bei der H8he der Vor'kriegazeit stehen bleiben darf. Audi mfissen der achtstiindi'de Arbeitstag und andere grund-, legende Forderunjen der Arbeitersehaft verwirklicht werden. Die Arbeterkiasse mull sich bei ihren sozialistischen. Ford*rungen auf ilire gewerkschaftlich-85konomtsche Maclit stititzen, da die, Voraussetmungtm des. Augeublicks fuir die. Aufstellung di'eser Forderungen durchaus gifinstig sind". Auf der Konferenz von 1919 wurde. ed11db beschlossen, dali die.Ziele dWs. Vorbandes unter anderern in der Anwenug der revolutionhren Taktik in der gewwrk.. schaftlichen. Bewegung bestehezi miluen, niclit nur zum Zwe-ck des Schutzes, der Allt~glichen Interessen der Arbeiter, sordern, audi, urn die Durchililrunit des Sozlalismus, do, Ii. die Ue-bergabe der Produktion in die H-ande der Arbeitenden, zu beschleunlgn". Von dat kizuiuistchen?axtei W &aWguuei atnerkanut worden.. dal* hob eno ama gestaltung dat. gewerkscbaflt~ihanOe n ixtiozuen keinerlei revohationflre Tfifigkeit mr8g.& 1k~b ist., Mio Lag. dor kommunist'schus Bewegung in Schweden w~r zeifl#los viol0On

Page  172 1 I I ~; - _ _1_~ 172 systenattische Opposition innerhaib der gewerkschaftlichen Verbiinde-, aufgenommen haben, - anniihernd auf den gleichen organisatorischen Grundlagen, auf die auch die Arbeit in Schweden gestellt ist. In Norwegen haben die Revolutionfire auftdiese Weise niclt allein die fiihrende Stellung in der rechtssozialistischen Partei eingenommen, sondern, etwas spaiter, auch in der ganzen nationalen Organisation. In Schweden hat die Opposition bekanntlich aus der Partei der Rechtssozialisten austreten und eine neue Partei bilden miissen - der einzige Weg, der uns noch (ibrig blieb, wenn wir unser revolution"ares Bestreben nicht ganz aufgeben woliten, Wenn der Schwerpunkt auf dem gewerkschaftlichen und nicht auf dem politischen Gebiet gelegen hatte, so wairen die Ergebnisse in Schweden aller Wahrscheinlichkeit nach andere, als sie auf'der rechtssozialistischen Konferenz im Jahre 1917 in Erscheinung traten. Auf der diesjtahrigen Konferenz der kommunistischen Partei ist nach liingeren Verhandlungen ilrer Fiihrer mit den Fiihrern des Verbandes der Gewerkschaftspropaganda der folgende Beschlu3 gefaf3t worden, der in Zukunft die Beziehungen dieser beiden Organisationen auf einer Grundlage regein soil, die den konmunistischen Prinzipien entspricht:,,Die Parteikonferenz als den bezeichnenden Ausdruck des wachsenden Strebens der Arbeiterklasse nach verscharften Kampfformen und eines in der gewerkschaftlichen Bew9gung immer mehr in Erscheinung tretenden Willens zum revolutioniiren Umsturz begriiflend, - konstatieren wir, daB die Konferenz als Ausdruck der steigenden.Ueberzeugung der Massen von der Notwendigkeit der Beseitigung des Kapitalismus gleichzeitig auch den Beweis liefert, dal3 die Auffassung der kommunistischen Partei iiber -die Methoden des Kampfes gegen den Kapitalismus und fiber die soziale Revolution eine immer gro~ere Verbreitung findet. Die weite Verbreitung der revolutioniiren Ideen~ in den gewerkschaftlichen Organisationen ist das Ergebnis der dank den besronderen Verhuiltnissen und der unter den Mitgliedern der.gewerkschaftlichen Organisationen herrschenden Stimmung erfoigreich --::- durchgefiihrten Agitation. Im Vordergrund!stehen daher die Aufgabe der Beschaffung I- eine~r besonderen Propagandaorganisation,:- 'die die ~Arbeit in den reformistischen ge-_:werkschaftlicheun Orgatiisationen z iber K. KJLLEOM nehmen hat, und die Ausarbeitung eines besonderen gewerkschaftlich - revolutionairen Programms. Die Konferenz schlieft sich durchaus dem Verband der Gewerkschaftspropaganda an.' Sie betrachtet ihn als eine im Verlaufe der revolutioniiren Entwicklung organisch gewachsene selbstandige Organisation, die den Zweck hat, die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter zum revolutionair-sozialistischen Schaffen und zum revohItionaren Kampf heranzuziehen. Zur v6lligen Kliirung der Wechselbeziehungen zwischen Partei und Verband wird der Verband der Gewerkschaftspropagan&-t aufgefordert: 1. Die Beschliisse der Kommunistischen Internationale und das Parteiprograrm als Direktiven fuir seine Arbeit anzuerkennen. 2. Eine Kernorganisation des Verbandes durch Einrichtung kommunistischer Kiubs bei jedem Gewerkschaftsverbande zu bilden und jedem Klub die Verpflichtung aufzuerlegen, sich der 06rtlichen Parteiorganisation anzuschliefen..3. Der erwaohnten Organisation das Recht zuzugestehen, je einen Vertreter in die verschiedenen 6rtlichen Kiubs, in die Kreisorganisationen und in das Partei-Arbeiterkomitee (Delegiertenversarnmluniq) zu entsenden, und auf3erdem einen Vertreter in den Hauptaussehu fU"r Gewerkchaftspropaganda; - alle mit vollem Stimmrrecht. Unter der Voraussetzung der Annahme der obenginannten Punkte seitens der Konferenz des Verbandes der Gewerkschaftspropaganda beschlieBt die Parteikonferenz: das Zentral-Komitee zuzý beauftragen, die Ta-tigkeit der Gewerkschaftspropaganda in jeder Weise zu untersttitzen und- allen Parteimitgliedern die Verpflichtung aufzuerlegen, in jedem Gewerkschaftsverbande kommunistische Kiubs bei den entsprechenden'flrtlichen Parteiorganisationen oder bei dem Verbande fulr Gewerkschaftspropaganda zu organisieren; auflerdem 'dem Hauptausschul des Verbandes fu"r Gewerkschaftspropaganda das Recht zuzugestehen, zu den Besprechungen im Arbeiterkomitee (Delegiertenversammung) der Partei Avon Fragen, die die gewerkschaftliche Bewegung beriihren, einen Vertreter mit beschlieflen-. Sder Stimnme zu delegieren'. Es versteht sich vron selbst, dali diese Oppositionsbewegung innerhalb der gewerkschaftlichen Organisationen erbitterte ~Angriffe -seitens der -Bourgeois~ie 'und 'der r~chts

Page  173 ___ _ ~ F DER KAMPF ZWISCHEN AMSTERDAM UND MOSKAU - -- ----- -- --- --------------- I sozialistischen Presse hervorrief. Aber am meisten hat sie die -reformistischen Fiihrer auf3er sich gebracht. Von der Verteidigung gehen-sie jetzt zum Angriff iiber. Der Kampf begann mit dem BeschluB der Internationalen Konferenz der Metallarbeiter in Bern, Unterstiitzt wurde er von den franzOsischen und deutschen Reformisten, die ebenfalls bei sich zu Hause die Anhainger Moskaus bekiimpfen. Aber bisher haben die Reformisten nicht gewagt, die Opposition zu beseitigen. Die Vertreter der Nationalen Organisation traten in einer ihrer Versammiungen im Monat April mit einer Anklage gegen den Verband fMr Gewerkschaftspropaganda auf, dem sie Spaltungsbestrebungen vorwarfen, die auch bei den Reformisten bestehen. * Aulerdem erstatteten sie einen Bericht fiber die von cler letzten Konferenz gefaf~ten Beschliisse, der mit folgenden Worten endet:,,Da die Delegiertenversammiung die unloyale und feindselige Stellungnahme des Verbandes fuir Gewerkschaftspropaganda der Nationalen Organisation gegeniiber konstatiert hat, und da der Verband sich die A'ifgabe gestelit hat, die schwedische Gewerkschaftsbewegung den politischen Direktiven aus Moskau unterzuordnen, keilt es die Delegiertenversammiung ffir notwendig, eine energische Forderung an alle Gewerkschaftsverbainde zu richten, die Arbeit des Verbandes ffur Gewerkschaftspropaganda nicht zu unterstiitzen." Es ist charakteristisch, daf die Unabhiingigen, die sogen.,,Wennerstremer", diesem Beschluf3 mit Vergniigen zugestimmt haben. Bald iuBerte sich auch der Ausschuli des konservativen Verbandes der KommunalArbeiter - der Verband umschlielt die stiidtischen Arbeiter - in der gleichen Richtung und gab in der Maiversammiung seine Kriegserkliirung mit dem folgenden Beschluf ab:,,Jetzt kann einwandfrei festgestellt werden, daI3 die Kommunistische Partei nur eine Abteilung der Moskauer Internationale ist, deren Instruktionen sie unter anderem dazu verpflichten, so zu handein, daf3 der innere Beweggrund eines jeden Gewerkschaftsverbandes das bolschewistische Prinzip wird. Dieses Prinzip soil zur Weltrevolution fiihren, in der die Arbeiterkiasse die Maclit erobern und ilire Diktatur aufrichten wird. Auf dieser Grundlage und audi in folge der Direktiven, die die ý'Bedingungen fu"r den Anschlul an diee'gen. Internationale sind, ist die sogen, organisatorische Zelle - der Verband ffir Gewerkschaftspropaganda, - gebildet worden, zu dessen Aufgaben- die Organisation von kommunistischen Kiubs-in jedem Gewerkschaftsverbande geh*rt zwecks Verbreitung der bolschewistischen Lehre auf dem Wege der Eroberung derGewerkschaftsverbainde fuir die kommunistische Partei und f ur die. Propaganda syndikalistischer Kampfmethoden. Da wir uns mit der gesamten sozialistischen Gewerkschaftsbewegung unseres Landes solidarisch erkliiren, 'weiche Bewegung sich durch die Nationale Organiiation der der Moskauer Internationale so verhaften Amsterdamer Internationale, angeschlossen -hat, und da diese sozialistisehe Bewegung ilren Prinzipien nach eine demokratische ist und sich nicht damit einverstanden erkliiren kann, daB die soziale Revolution gewaltsam durchgefiihrt wird, so beschlieft und erkilirt unser Verband folgendes: 1. Unser Verband-ist mit der kommunistischen Partei und mit dem Verband ffir Gewerkschaftspropaganda prinzipiell nicht einverstanden, weder auf den Gebieten 'der politischen Ziele, noch auf denen der Kampfmethoden. 2. Es muf eine starke Agitation und Propaganda gegen die obengenannten Parteien und den Verband gefiihrt werden durch Vortri'ige in alien Abteilungen und mitZeitungsartikeln und fiifnlichen Hilfsmitteln, die von unserer Verbandsleitung ausgearbeitet werden." Die entscheidende Schiacht soilte nach Be-. rechnungen der Anhuinger der AmsterdamerInternationale Ende Mai auf der grolen Konferenz des Eisenbahnerverbandes geschlagen werden. - Ein grofer Teil der Verbandsmitglieder, zumal im no-rdlichen Schweden,, ist ge-.1 schlossen dem Verband ffir Gewerkschafts-- propaganda beigetreten. Im aligemeinen war unter den Eisenbahnern groBe Unzufriedenheit mit dem Vorgehen der Verbandsleitung zu beobaclten. Daher hielten es die Reformisten'fflr. vorteilhafter, in ilren Forderungen bescheiden zu erscheinen. Der Konferenz wurde folgende Resolution zur Annalme vorgelegt:,,,Im Hinblick darauf, daB einige Sektionen den BeschluB falften, sich dem Verband ffir Gewerkschaftspropaganda anzuschlieBen, er

Page  174 xwlA.*der' sciwedische. Eissubahnerverb'anct kategprischi. da3 die, Zugelifrigkoit zum Yer-a bansd iiiz G~wrkschaftspropaganda, der ewSpatwig,der, salwedscheA~Arbeiterbewegimg bezwecki. mit. der Mitiliedschaft im. ELOe LbUherverbande oder mit irgend aizir Funktion. ii Dicuste dieses Verband., durchaus nicht zu vereixibaren. ist. Di.ý Kon-freri fordert die, Verbandsleitung, dazu, auf, all. Organisationen und Abteilungen m~g~lichst eingehend u"ber Ziel und Aufgaben, der gewerkschaftlichen Qrg~nisationen aufzuklAren und auf die von dciii Verbande fifir Gewerkschaftspropaganda durchgefiihrte Tendenz zur Spaltung der Gawcrks-chaftsverba-nde hinzuweisen. Die Konierenz vcrtritt die Meinung, dal die Verbandsorgane- ciii.umfassende LiterAtur harausgeben mifissen, die die oben gewianite, Ansicliten zum Ausdruck brungt." Bei den anhaltenden Debatten haben unsere Genossn kiar bewiesen, wer in Wirklichkeit die Spaltung der, Gewerksechaften verursacht. Trotz alleni Widerstreben der Reformisten, beachiofi die Konferenz einstimmig, den Sekftionn den kollektiven Beitritt zum Verband fU*r. Gewerkschaftspropaganda zu verbieten; dagegen stand dieses Reclit den zu Gruppen oder Clubs vereinigten Mitgliedern des. Verbandes ohue weiteres zu. Bas wa"re im allgemeinen die gegenwaortige Lage. Die AnhuInger Aunsterdams bereiten sichb auf die. Konferenz der Nationalen Organuisation. vor. Die obengenannten Bescbluiisse sind jedenfIis nur ciii Vorspiel cunes ernsth~afteren Kampfest. Indessen vergr~lert sich die Arbeitslosig9keit unausgesetzt. Endo Mai gabk es, in Schweden etwa 90000 Arbcitslose wad, nalir als, 100 000 Arbeitende mit verkfitrter Arbcitszeit. Die- seitens des. Staates. wad. der Genielude friiher an die Arbeitsloscn g~ezabiten Unterstfiitungen baben dank den Verffigungen der- fru"heren rechtssozialistischen, Regierung- aufgebo*rt. Die. Gcwerkschafts-P kassew begiannen sich zu leeren. Alles weist darauf b'in,- dalI3 die reformistiscbe'Bewegung, LMPF ZWISCRBZ( AMSTERDAM UND MO0SJCAT sowobi die Reioiuuisten ala auch d~j ipfKapi listen nlcbt unehr wissen, wie sic ant ilir her* auskmmn solicia. So gibt es also viel. Fak. toren. die zu der Annabme bereclitigen, hBa der Angrif~f mit euner empfundlichen Nledetlage enden wird. Als eiii vielvwrsprechendes Anzeichen in dieseun Sun. verdient hervor-f gehoben zu werden, dali kiirzlic~h der.,Ver-o band der Wald- und Landlwirtschafts-Arbeiter Schwedeias" sich ffur die Anerkennung der Grundideen der Roten Internationale der Gcwerkscha~ftsverbaiunde ausgesprochen hat. Zweifellos wird der Kampf reclit hartnauickig. seun. Die Reformisten verfiigen ii~ber cii gauzes Arsenal von Kampfmnitteln, die site in Aktion zu setzen niclit verfehien we-rden, Das Kampfmittel, der Opposition ist- der revolutionii"re Glaube und das Bewufltsein, d-ali der Kapitalismus und mit ibm der Reformis-_ inns sich ilirem Ende niihern, Folglich ist die Gewinnung. der gewerkschaftlichen Organisation fur die revolutionaire Sadie - nur eifle Frage der Zeit. Und wenn die Rote Gewerkschaftsunternationale auf ilirem Kongreli es verstehen wird, ihre organisatorischen Formen elastisch. genug zu gestalten, -so wird sie dadurch die radikale Umbildung der gewerkschaftlichen Organisation selir erleiclitern und den Anhlungern der Anisterdamer und 11. Internationale den Todesstol3 versetzen, undem sie die gewerkschaftlich organisierten Massen zu einer einheitlichen Armee zusammenschweillt. Ohne Eroberung der gewerkschaftlichen Organiosationen ffur den revolutioni"a"ren Kampf, fur die Maclit der Sowjets und ffir die Diktatur des Proletariats wird die Revolution nichLt. siegeA' k6nnen. Gegenwii*rtig ist die wichtigste Aufgabe der Kommunisten die Arbeit in den gewerkschaftlichen Organisationen, dort, wo die Massen zu finden sind, dont, wo ihr Vertranen mit nneigennii*tziger und bewuflter Arbelit gewonnen werden kann, energisch in;,%Angni.'ff znhuen.Indiser ich K. Killhom.)

Page  175 4.. ~#L~4~A74I. ~.JL~J4U.U~LV WV i Georgien tinier den MenscOewvikL Der Kampf zwischen dem verr~tt'rfchen Demohratisinus der Menscherwisten und der walirhaft revolution~ren proletarischen Dsmokrati.c der Bolschewiston begaun mit dem ersten Augenblick der Ent. wlvkllng beider politischer Ricktungen min der Arbeiterbewegung ganz Rulllands, an dciii damals auch Gruicn' geh6rte. Seit dept Jabre 1933, im Verlaufe der ganzen Revolution 190.5 und nacliher strebten die grusinischen Menschewisten, die einen bedeu. tenden. und cinfluflreiclien Teil des 1-ussischen Men.V scktewlsmu, bildeten, danach, ihre Illegalitlit sobaid wie rn6glich aufzugeben und eine von der russisch*n Regierung geduldete, Partei an werden. Daher predigten sic den Anachinfi an die liberal. Bour. teoisie (...Semstwo-Feldzug', Blockbild'ing mit den Ka~detten, organische gesetzgeberischt' Titigkeit wn den Dumas- in der Reichsduma ind in den stiidtischen new.). Obwobl sie mit tuns in einer Partei waren, glichgn sic als Anhinger einer ge=18Iigten proletarischen Limie im Sozialisinus und in der Revolution uuelr unseren inneren Feinden als unseren Freunden und Genossen. Dena die ganze Pra xis und Press. der Menschewiste-a in den letzten 17 bis 18 Jaliren zeigen, dali ihre Polezuik =4n Agitation gegen die Kadetten enieals derartig icindsewig und hartniackig war wie die gegen umi,gerichtete. Es versteht sich von selbst, dali die. offenen Kiassenfeinde des Proletariats - die Ka-.detten und Schwarzdlundertschafter - der Revo., Inution niemals so gefahrlich waren, wic die MenSchewisten im allgerneinen und die grusin~isvhon. un besonderen, denri diese traten als Freunde der Arbeiter uid Bauern auf, als wahro Sozialisten.8cl~unipften sie uns Utopisten und Abenteurer, Ro.. miantrker der Revolution, Anarcho-Blianquisten u. s. f. tUnd in eineni Land. wie. Grusien, dessen liauern und Kleinbourgeoisie, die uberwiegende Mehrheit dAer Bevoikerung bilden, wie uibrigens auch in ganz -Rufiland, muliten sic mebr Erfoig haben als wir,tgeradhinigen" und,,unversoinfichen" Sozialisten-Bolschewisten, _die den konsequent - revolutiona~ren.Stanudpunkt de'S" Klassenkampfes vertraten. Das ist der Grund, weshaib die Menschewisten in der Dumaperiode (1906.-1917) und zn Begiun der Feebrur-.M~r.Rcolnionvon 1917 (bis, Oktober), fiberall, sogar. in den Arbeiter- und Ba~uern-Sowjets, die Mehrheit fur sich batten. Sic strebten ceboaso wic- die Kadctten dainach, 4.. Erli. des Zaren mit dern Melisten Preise anu be*. des-?rograiunrnminimums. Aber umn das Vir.. trauen der Massen der Arbeiter. unit Bauennschaft unit deren Glauben an ibren Sozialissnus. niclit, 9" verlieren, hfillten smchi die Menschgwisten oMetsj&inme Mantel der,,revolntionirea DmaIkrtMn!.,die4k: Errungenechaften den RCWolution ggeg= adi.A --ao"b der proletainniahenRevolution.. dcwi SprecierVi natunlich von, Anfang an warsa veztcdigtmn Ffir die proletanisehe Revolutiona haben siecul46 niemals vorbereitet. Ibm Fihrer, No; Schprdamial, der jetzt gemeinsam mit seunen Helfersheliem, Zeft.. telli, liclicheids., Gegetschkori, Tsclichen-kell, Ramischwili u. a. Aelden" Europa bercist, desa englisch - franzissischen Imperialisten die Tfiren ciarennt und scheunbar- sogar cine- InterVvenWWTioor* bereitet, - dieser Schordania hat ceunemreit, als die Stolypinsche Reaktion cinsetate, erlcichtcrt aufgeatmet und sich ffilr cunen Liquidator den,R"Wo. lution erklairt. Er war Gegner einer jeden illegalen Partei und. wabhrend de*s impenialistischen K-ijegis 1914-.18 Vertoidigungsmilgtarias in wait, grdaicrcý Grade ale 4der vertorbene. P1 chanow, lirIi deass~i Schd ier cm sickpunbercchtigterweaseehilt.Akwin** sam mit den anderen Menschewisten hat enic niclit nr in den Reichedunias, awadenn aiicl in, den Geniciuderaten und ini den agranischen Szata secr wohl geffihllt....Da~gegenanclten "i. Muschewisten Grusecns die kleun=, bWs 006:1t,10 schen Gruppen in ihrer revolutionir en Arbut mit allen Mittcln- Provokation und Ver-, rat mit inbegriffen -zn sto*ren. Jene wenige' Gruppen, die das Standrecht und die Strafexpeditionen der Zarenminister nnd Henker- Stolypin, Gurko, Gorenikin - u*brig gelassen haben. Sic, verbranntcn unsere Flngschriften, sogar die des Malfestes; sic lelinten den aclitetundigen Arbelitstag, und die Forderung. nacl i eler demokratischen Republik in Rufiland ab. Sic erwarteten die- Revolution nicht, und ala dies. In Petersburg, Moskau und in anderen Stfidten Rul~landa' in don Februar. M~rztagen 1917 ausbrach, waren sic, durchani, unvorbereitet. Aber.arauf 4"cia.e-warc, sic sMets, Varbereftatbeil jeder Situation wuiten Asic shIn~ 4ands Vertraawa dcr Asbeiter. inni Bauezanas 0 i ss Chlei, Wihreasci ac.Jalaren (1907-17) habeso sit.- s,",ferfi* gAhrAclt, diat revoIigionlrsjUG*Wet deaxsi~ Rufilans Grusien *seine, r afiou=1n S",* Batumi aein-, ncvolutioub*es, kBu*M*iGtrW, e. Su

Page  176 M. ZCHAKAJA II~----~L---~-~--C ~- - ~- ~--- begiinstigten zunfichst die Reaktion und spater der Krieg ihre Judasarbeit, und auch bei den Agenten der Reaktion und der Bourgeoisie fanden sie imfner eine wohiwollende Unterstiitzung. Als Schordania in Tifl s von seiner Dumaagtnten in Petersburg, Tschcheidse, die Nachricht von der Revolution erhielt, begannen er und seine Clique, die. doch - bisher ffir die Revolution nicht das geringste getan, sondern ihr im Gegenteil theoretisch und praktisch im Wege gestanden hatten, Stiidte und Do'rfer Grusiens zu.bearbeiten.(zuniichst.im ganzen Kaukasus, spa~ter muf3ten sie sich in das,,unabhingige Grusien" zuriickziehen)ý.. Alle diese Freiheiten - sagtensie. den Arbeitem..und Bauern Grusiens - hat das Volk durch uns, die Menschewisten, erhalten, und an der Spitze der Revolution steht unser Mann, der grole Tschcheidse. Natiirlich glaubten ihnen die, im Laufe eines ganzen Jahrzehntes von ihnen bearbeiteten Massen; denn die ArbPeiter und Bauern sahen die Menschewisten allenthalbez, in Stiidten und Dijrfern, wiihrend die, von der Regierung verfolgten, durch die Revolution von 1905 und den weil3en Terror der nachfolgenden Jahre dezimierten Bolschewisten sich nur selten. Zeigen konaten. 'Die Massen der Arbeiter und Bauern Grusiens schenkten Schordania und Co. Glauben. Sie gaben ihnen bei den Wahlen sowohl zu den 6rtlichen, als auch zu den allrussischen Institutionen, nahezu alle ihre Stimmen. Was gab nun die Praxis des grusinischen Menschewismus,, der Herren Tschcheidse, Zeretelli, Sc'hordania und Co. den armen Arbeitern und Bauern' Grusiens? Das werden wir weiter unten sehen. Urn die Wohltaten der Februarrevolution 1917 brauchte man in Grusien wahrlich nicht zu kiimpfen: die Na,chricht von dem Sieg der Revolution haben die grusinischen Menschewisten telegraphisch erhalten. Verwirrt von einem solchen radikalen Umsturz, wie es die Absetzung Nikolaus IL, die Errichtung der Arbeiter- und Bauernsowjets war, lie' enSchordania und Ramischwili sofort zu Nikolai Nikolajewitsch, dem Onkel des Zaren, der danals Gouverneur des Kaukasus war, ur zu beraten, was-weiter zu tun sei. Der von den Ereignissen in Petrsburg nicht weniger gut unterrichtete und nich weniger verwirrte Zarenspr6iBling freute sich iiBer -ihren Besuch, behandelte sie sehr gniidig und lobe sie' fiir die besonnene Aufnahme der Ereignise, von denen man niclit sagen kiinne, wie sie sichweiter entwickeln wiirden. Doch mufjte er~ trari zugeben, dal3 die Tatsache der Absetzung seneNe~ffen sweifellos richtlg set..... Die Strafe begann zu sprechen... Die in den Gefiingnissen sitzenden Bolschewisten sollten gerade nach dem fernen Sibirien verschickt werden. Vor Volke befreit, machten sie sich an die Arbeit: sie verhafteten die.Gendarmen und:die Polizisten und besetzten deren Stelien w-it fre-en Miliozsoidaten und Kommissaren. Sie veranstalteten, die ersten grof3en Arbeiter- und Soldatenversammiungen. Au! diese Weise entstanden. in Tiflis und-iiberhaupt in Grusien, Transkaukasien und im Kaukasus Arbeiter-, Soldatenund Bauern-Delegierten-Sowj ets, Nun gaben-sich die Mensehewisten die-grOl*te M1iihe, den-Unterschied zwischen Bolschewisten, und Mlenschewisten zu verwischen. Das war ihnen iný jenem Augenblick sehr vorteillaft; denn sie erhielten bei allen Wahlen nicht nur deshalb -die Mehrheit, weil die Massen den einzelnen Personen blind vertrauten, sondern vielmehr deshalb,- weildiese Massen glaubten, daB jetzt zwischen den emzelnen Fraktionen und Parteien kein Untersehiedmehr bestiinde, die Zeiten seien gottlob andere geworden, alle wiirden es gut haben, es sollte keine Selbstherrscher und keine Agrarier mehr geben. Die Menschewisten richteten sich im Palais Nikolai Nikolajewitschs ein und entlief3en ihn in Frieden im Zuge des Zaren, der mit dem Volke geraubten Reichtiimern und Schaitzen vollgepfropft war. Sie'speisten die auf dem Platz vor dem Palais versammelten Volksmengen mit Honigworten vom zukkiinftigen Schlaraffenland ab. Die Hauptsache sei, daB man die Ordnung aufrecht erhalte, an der Front bleibe, die,,Freiheits - Anleihe" Kerenskys" kaufe und'den Vertretern der Provisorischen Regierung im Kaukasus, dem Kadetten Charlamow und dem Menschewisten Tschchenkeli, der aul3erordentlicher Kommissar-der Provisorischen Russischen Regierung im Kaukasus war, gehorsam sei... Tm grusinischen Volke verbreiteten sich Illusionen vom friedlichen Hineinwachsen in den Demokratismus und Sozialismus, - eine Anschauung, die die Menschewisten ihrer Gemeinde waihrend der reaktionairen Periode jahrzehntelang eingefl6l3t hatten. Und als wir uns in ideell-prinzipiellen Fragen immer weiter von den Menschewisten entfernten, verstairkten sie - im Verein mit den Sozialrevolutionfiren, den armenischen Daschnaken, den grusinischen Sozial-Fboderalisten und den aserbeidschanischen Mussawatisten - die Agitation in den M assen gegenl uns und versperrten unseren Agitatoren und unserer Presse auf das sorgf~1tigste den Weg zur militiirischen Front und in die Kasernen. Aber das Leben~ selbst arbeitete fu~r uns.... Das. hatten sie jedoch vorausgesehen, und je niiher der Okctober 1917 heranriickte, urn so entschlossenermziachten die menschewistischen,,Briider" eine Wen..l dung nach rechts, his sie das Lager der wasch-~

Page  177 echten Nationalisten und Leute vom Typus Markow-I11 und Purischkewitsch erreicht hatten. Natiirlich behielten sie, um die Arbeiter und Bauern zu betriigen, den,,Auferen Anstand" - d. h. die sozialdemokratische Phraseologie - bei. Im Zusammenhang mit dem Oktoberumsturz organisierten sie das transkaukasische Kommissariat, was eine endgiiltige Losl6sung vom revolutionfiren Rufland bedeutete. Schordania reiste von Tiflis nachBatum und Poti und nach anderen Orten Grusiens und erliefl einen Aufruf an die grusinischen Soldaten der Allrussischen Armee mit der Aufforderung,. die Allrussische Armee zu verlassen und nationale Regimenter zu organisieren. Diese Organisation ging tatslchlich vor sich. Aber zum Entsetzen der Menschewisten waren die grusinischen Soldaten ebenso wie die russischen voin,,Bolschewismus angesteckt", d. h., sie woilten gemeinsam mit den russischen Bauern und Arbeitern die Agrarier aus ihren Besitzungen vertreiben, eine Sowjetmacht errichten und die Diktatur des Proletariats verwirklichen. In Tiflis und in anderen Orten Grusiens (z. B. in der Stadt Gori) verlangten die nationalen Regimenter niclt nach den mens-chewistischen, sondern nach den bolschewistischen Agitatoren und stimmten in grolenwVersammlungen ffur die bolschewistischen Resolutionen, die die Beendigung des Krieges und die Vereinigung mit Rulland forderten. Eines dieser nationalen Regimenter in Tiflis verhaftete ffur einige Stunden den Auferordentlichen Kommissar, den Menschewisten Tschchenkeli, der in der Kaserne erschienen war, urn fir nationalistische Theorien zu agitieren und die Soldaten ze bewegen, ihnen, den Menschewisten, als den Erben der russischen Selbstherrschaft im Kaukasus im ailgemeinen und in Grusien im besonderen, gehorsam zu sein. In Gori zog ein ganzes Regiment bewaffnet durch die Stadt, um sich nach dieser Demonstration auf. zuli8sen. Die aus verschiedenen Orten Rullands in die grusinischen DOirfer zuriickgekehrten Frontsoldaten brachten einen frischen Strom Wahrheit fiber den Bolschewisnus und fiber die neue Sowjetmacht in Ruliand mit. In der Qrtschaft Zchinwalach end weiter im sisidlichen Ossetien, das als ein Teil Gresiens gilt, flammte ein Aufstand nach dem anderen aui, Dasselbe war auch im Kreis Deschet der Fall, der an der den Kaspek ~iiberquerenden militiirischen S~tr~afl~e liegt. So verhielt.sich.die Sache in Ostgrusien.;.In West-Grusien dauerten die Volksaufstilnde die beiden:Jahre 1918 end 1919 hindurch fast in alilen griBleren DbGrfern. und in s~imtlichen Kreisen desl Gouvernements Kutais~ an. So war. est in..Imeretien, Ssatschchera iim. Kreise Schorapansk, in Bags dty~ I- reis Kutais, im.ganzen..Ratscha und bieS12 Komm ni-_!tern.;18.- ~ sonders im Kreis Liteehchumsk, we sich die revoletionalre Maclt volie. drei Monate gehalten hat. Alle diese Gebiete waren von dem Aufstande der Bauern erfalt, die unter der Leiteng aufgeklirter Arbeiter end bewaffneter Frontsoldaten die- Stdte zu erobern suchten. Das gleiche war aech in Mingrelien der Fall. In den Kreisen-Ssenackenid Sugdit fanden wiederholte Massenaefstfinde stati. Auch an der Kiiste des Schwarzen Meeres, d. h. in Abchasien brachen wiederholt Aufstinde.aus, und die Sowjetmacht hielt skch dort liingere Zeit. Auch -Adscharien, d. iL.der Kreis Batum4 stand hinter.den anderen nicht zurfick, ungeachtet der Eesetzung diesestGebiets, anfangs durch die Tfirker und Deutschen, spaiter durch die Engluinder und Franzosen - die Beschfitzer der Menrschewisten, Am lnfngsten blieb den Menschewisten das Bauern-Gurien treu, das einstnals, in den Tagen des russisch-japanischen Krieges und der Revolution 1905 selr revolutionfir gewesen war. Von dort stammten auch fast alle Fiihrer der grusiniechen Menschewisten mit Schordania an der Spitze. Aber Ende 1919 und Anfang 1920 fiel auch das sch6ne Gurien von den Menschewisten ab und organisierte einen Aufstand. So war es in West-Grusien. Aber wir vergal3en noch, die hhufigen Emporungen zu erwahnen, die wiihrend der letzten vier Jahre in verschiedenen Gegenden des Gouvernemerts Tiflis (Ost-Grusien) -- Kachetien.- ind en Kreisen Telawsk end Ssignachsk, desgleichen in den Kreisen Tiflis, Bortschalinsk, in Tionetsk, des Gouvernements Tiflis stattfanden. Kurz, es gibt keinen Flecken in Grusien, wo es keine Aufstfnde gegeben haitte; denn die Massen der Arbeiter uilI Bauern erkannten die Verlogenheit. der menschcu.istischen Politik, die keine Arbeitere und Bauernpolitik, sondern eine nationalistisch-boiirgerlich-agrarische, gegen die Arbeiter und Bauern gerichtete Politik war. Die werktatigen Massen Grusiens erkannten den haiflichen, mit dem. stolzen Banner der nationalen Selbstbestimmnung und des Kulturfortschritts bemiintelten Kern., Der -Protest gegen den Brest-Litowsker Frieden, die Loslo-sung Grusiens von Relfland, die,selbststiindigen" Unterhandlungen mit den Imperialisten und der tiirkischen Regierung - alles das 6ffneto den Arbeitern end Bauern Grusiens die,Agen. Der btirgeriich-agrarische Nationalismes end Imperialismus. der Menschewisten war.entlaivt, zeomnrald de Menscbewisten den - fiirgerkrieRg awar mit Wprej verneinten, in Wirklichkeit.diesen Krieg jedoch ~ini Biilndnis. mit den Iniperialisten gegen die,egeii ]Baeern, end.Arb~eiter. bfthrtein..Nachd~em sie. die angebli~cli Rate Garde gegen di, Bolsehewristen. mobil_... genac~ht hatte~n, -~t~auten d Menschew~isten enter. dem Einflufl. de us&ile Iinperali~e~ise dehr..bal iU::~j di,.Nfls-~%W?rvl

Page  178 ~LI 1~I ----*I ~~--"r' - -- i ~- I ~---- _ ~_ _____ _ M. ZCIIAKAJA; _ _ ____ ~_,_1~~3.-1-~-.~~......~.~-i--l--i -.~~-~ ~--- ~.i -~-~~~,,....._.._, urn. Das Volk aber, gegen weiches diese Volksgarde mit- scbwerer Artillerie und Maschinengewehren zu Felde zog, nannte sic Adels. und WeifieGarde, und kennzeichnete damit den Kiassencharakter des Kampfes der grusinischen Menschewisten gegen die revolutioniiren Arbeiter und Bauern. Der Biirgerkrieg hi*rte in Grusien im Grunde genommen niemhals, auf: seit Ende 1917 bis zum Augenblick der Errichtung der Sowjetordnung, also im Februar-Miirz 1921, da'uertc er ununterbrochen an, mit Ausnabme kurzer Atempausen. Wie in jedem Kriege, so gab es auch bier zwei Parteien. Die eine - die Mehrheit der Bauern und em Teil der kiassenbewuflteren revolutionairen Arbeiter in den Stiidten - kiimpfte un,,Land und Freiheit", d. h. fuir die Sowjetmacht, fMr die Vereinigung mit den russischen Arbeitern und Bauern und durch diese - mit der ganzen roten Kommunistischen Internationale. Die andere Partei - die Yon-den Menschewisten angefiihrte bilrgerlich-agrarisehe - beklmpfte alle, diese Bestrebungen. Endlich, nach vierjihrigem Kampfe, kam das Arbeiterund Bauern-Grusien in den Februartagen 1921 zu seinem Ziele: es besiegte die Menschewisten und die biirgerlich-agrarische Clique und errichtete im engen und freundschaftlichen Kontakt mit der R. S. F. S. R. und mit der Kommunistischen Internationale die Sowjetmacht Grusiens& In der letzten Periode vor dem Umsturz in Grusien me-achten die Menschewisten sowohi auf 6kononischem als auch auf politischem Gebiet endgiiltig Bankrott. Das Volk bekan ihn erst 1920 zu spiiren, nach der Aufrichtung der Sowjetordnung in. Aserbeidschan und Armenien. Das Volk erhob sich in den Februar- und Mirztagen 1921,"'der Umisturz begann gleichzeitig an allen Eken und Enden Grusiens: an den Grenzen Armeniens, rings ur Aserbeidschan und an den Grenzen des nordlichen Kaukasus. Im Norden verbreitete sich der Aufstand in zwei Richtungen: von Kasbek aus naach dem ojstlichen Grusien fGouv. Tiflis) - hier erhoben sich die Gorzer-Grusinier, und von der Seite des Bergpasses von Mamissonsk (GOnV,. Kutais) flammte der Aufstand in den Krelsen Ra'tscba und Litschehumsk auf... Mingrelien, Abchasien, Adscharien und sogar Gurien erhoben sich. Das gamze Land iiberzog sich mit revolutionfren Komitees, und das Zentrale Revolutionle Komitee Grusiens, d. h. also die Kommunieti~ch Pairtei: Grusiens mnit dem Zentralkomitee an cx Spitz., leitete allenthalben den Aid stand. D8r, wo einsimals der Zarismus 60 Jahre lang KrI:~g Uthr4teelgt die von~ den arufstilndischen Ar. beieraund Bautern Grusiens einberutene Rote Aric im Laid. von 30 Tagen. Ohne omnen Schull tun,:~ beseisr tatei ee Stddte und D~irfer mit Aqusna~x,.vo vlelleicht azwei, drei Orten, wo die toll. kila, ez~wciie'itcrn g~rusin~ia~schekiCiacar Firse Agrarier und die mit dem Menschewismus verbundenen Spekulanten einen verbitterten Verteidigungskampf fiihirten, trotzdem ihr Schicksal im vorus bestimmt war. Dank dem endgltigen Bankrott der 6konomischen Politik der Menschewisten, dank ihrem Betrug und dem Verrat an den Interessen der Ar. beiter und Bauern ist Grusien endlich eine Sowjetrepublik geworden. Natiirlich hat die stete Propaganda und Agitation der illegalen Organisationen der Kommunistischen Partei Grusiens, die mit der K. P. R. historisch eug verkniipft ist, stark mitgewirkt. Die Behauptung von der,,Eroberung Grusiens durch die russische bolschewistische Armee" widerspricht allen Tatsachen der ifingst vergangenen Zeit und der Erkliirung der Menschewisten sit1bst, die sie einige Wochen vor dem Umsturz abgegeben haben. Fier die Tatsachen: Sowjet-RuIland hat den Frieden mit Grusien wie auch mit den anderen G-renzstaaten lereitwillig geschlossen, und es lag durchaus nicht in seinem Interesse, neue Gebiete zu okkupieren. Deun es wandte die gauze verfiigbare Energie der inneren wirtschaftlichen Front zu und bewies wiederholt seine friedlichen Bestrebungen, seinen Wunsch, seine Beziehungen zum Westen, der Rufiland die notwendigen Waren liefern k-nnte, freundschaftlich zu gestalten. Aus diesem Grunde sandte die Sowjetrepublik cine Delegation nach Grusien, nicht so sehr, um. politische Zitle zu verfolgen, als vielmehr, ur die 6konomischen Wechselbeziehungen zu regeln, vor allen Dingen.den Warenverkehr mit und durch Grusien, d. h. also durch das Schwarze Meer, mit dem Osten und mit dem Westen. Bereits einige Wochen vor der Katastrophe sab das friihere Haupt der menschewistischen Regierung, Noj Schordania, die Unverreidlichkeit eines Umsturzes voraus, woriiber die menschewistischen und biirgerlichen Zeitungen -,,Kampf",,,Ertoba",,,Grusien",,,Das Wort" u. a. - sich weitlaufig aussprachen. Es kann also kein Zweifel daritber bestehen, dafl die aus den an Grusien grenzenden Gebieten und von den aufstfindischen grusinischen Arbeitern und Bauern herbeigerufene Rote Armee nicht ale Eroberer, sondern als Befreier zu betrachten ist: sie. leistete den aufst~ndischen Ar. beitern und Bauern Grusiens in den Ftbruar- und Miirztagen dieses Jahres in der Hauptsache cine moralisch-politische Unterstiitzung. Sicerle ihnenl die Ueberzeugung, dalI jetzt, nach vierjiihrigem, unendliche Blutopfer forderuden Kamrpfe ihr Vorg~ehen nicht umsonst seCm und mit c~inems Siege enden wiirde, d. h. mit der Errichtung der Sowjetordnung in Grusien:und seiner; Vereinigung mit Rufbland und mnit den iibrigen;Sowjeatrepubliken. Sowjet.Rulbland Eroberungs. und Okkupationstan.

Page  179 : -1 --- I.. ~---~ G3EORGIEN UNTER DEN MENSCHEWIKI --I I- --- - *I -- 111--~-~ ~--------- - --:;-~- ~- - --~i~------- denzen unterschieben, o das kbnnen sich nur die weiflgardistischen Ideologen der Bourgeoisie leisten. Ganz umsonst reisen daher die Herren Tschcheidse, Zeretelli, Schordania und Co. in Westeuropa herum und beliistigen Pilsudsky und andere Lakaien Briands und Lloyd Georges; vergeblich bemiihen sie sich, die historischen Tatsachen zu entstellen und zu 1eweisen, daf3 sie einen idealen demokratischen Staat, ein irdisches Paradies gesehaffen haben, das sogar von ihren Lehrern, den Helden der gelben Zweiten Internationale, mit Kautsky, Renaudel und Mister Snowden an der Spitze, besucht worden ist. Schordania hat doch schon im November und Dezember, kurz vor dem Umsturz in Grusien, in seinen Berichten die Lage der Dinge unverhiillt genug geschuldert und zugegeben, daB die Katastrophe bereits begonnen, da3 es keinen Ausweg gebe, wenn nicht irgend ein Lebenselixier erfunden oder der Stein der Weisen entdeckt wiirde: dabei schwebte ilim etwas von der Art einer Riickkehr vim Kapitalismus der Vorkriegszeit oder die Entstehung eines nie dagewesenen nenen demokratischen Kapitalismus vor. Aber Aichemie und Astrologie gehoren der Vergangenheit an. Die grusinischen Menschewisten haben sich mit ihrer verriiterischen Politik den Arbeitern und Bauern und auch Sowjet-Ruflland gegenfiber selbst zum Tode verurteilt. Daher sind sie auch diesen schmachvollen Tod gestorbenl Sie haben nicht fdr reine, ehrliche Beziehungen zu Sowjet-RuBland gesorgt, dessen Vertreter bis zu den letzten Tagen vor dem Umsturz bei ihnen verblieben. Sie haben eine jesuitische Politik befolgt, indem sie die Stadt Tiflis in ein Nest Rul3land feindlicher Weifgardisten end Gegenrevolutionaire verwandelten. Mit alien Kraften haben sie die okonomische Politik Rulflands erschwert end politische Spitzbiibereien getrieben, um keinen einzigen der wichtigen Punkte des Vertrages vom 7. bis 12. Mai 1920, den sie mit Sowjet-Rul3land abgeschlossen hatten, zu erfiillen. Sie haben ilr Land beraubt. indem sie auf franzbsischen Dampfern alles Wertvolle, was dem ungliicklichen Lande nach der vieriihrigen Wirtschaft der deutsch-tiirkischen und englisch-franz6sischen Imperialisten noch fibrig geblieben war, entfiihrten. Sie haben sogar das ganze Chinin, das im Lande uiberhaupt vorhanden war, mitgenommen, obwohl sie wuBten, daB das Fehien von Chinin in einem Lande, in dem die Malaria grassiert, die ungliickI lichen Bauern und Arbeiter zu furchtbarem Elend end Massensterben verurteilt... Sie haben d~as ganze Gold aus privaten end staatlichen Kassen' mitgenommen, alle Brillanten und Wertsachen aus Kirchen und Kl6stern, alles, was an Getreide, Zucker, Textilwaren (ibrig blieb, kurz, alles, was ihneni bei ihrer ~,,heroischen' Flucht aus Tiflis nach Bartum unter dem wohltlitigen Schuts- der Iranz~si schen Marine mitzunehmen gelang. Ramischwili und Scfaordania, Geget~shkori tund Tschche'se dampiten mit den den mgrusinischen Volke gestohienen Schiitzen auf franzo-sischen Schiffen und unter dem Schutze franzo-sischer Kriegsschiffe nach Konstantinopel ab und von dort - nach'dem westlichen Europa, um zusammen mit anderen-alirussischen WeiBgardisten und Gegenrevolutioniren enter der Leitung der franzoisischen und sonstigen Imperialisten eine Interventionspolitik zu betreiben und neue Kriege gegen die Sowjetrepubliken vorzubereiten, Das grusinische Volk begleitete ihre Flucht mit Fliichen. In Batum haben sie sogar. ihre eigene kleine Armee verlassen, die in Tiflis noch' aus 2'0000 Mann -bestand, auf dem Wege nach Batum, aber immer mehr zusammenschmolz, so daB dort nur 3500 Mann ankamen. Bei jedem Schritt gingen ganze Regimenter auf die Seite der Aufstiindischen iuber oder liefen nach Hause. Und von diesen 3500 Mann, denen Schordania end Co. den Vorschiag machten, mit nach Westeuropa zu fahren, woftir man ihnen Verpflegung, Bekleidung und fuir die Dauer von fiinf Jahren Gehalt versprach, folgten nur - zwanzig Mann! Nicht mehr und nicht wenigerl Die (ibrigen begannen einen Kampf in den Strafen Batums mit den Kemalisten, die von den Menschewisten verraiterisch in die Stadt gelassen worden waren, sliuberten die Stadt, befreiten die Bolschewisten aus den Gefdngnissen, wahlten aus ihnen das Erste Revolutioniire Komitee Batums und errichteten auf diese Weise die Sowjetrnacht in dieser Stadt, bevor die Rote Armee Batum erreichte. Ungeachtet der wiederholten Amnestieerklirungen Mfir alle politischen Gegner seitens des Zentralen Revolutionairen Komitees konnten sich die Menschewisten, deren politische Karriere auf diese schmachvolle und traurige Weise endete,,nicht entschlieflen, im Lande ze bleiben, -.offenbar befiirchteten sie, daB der Zorn des Volkes sie trotz der sie schiitzenden bolschewistischen Dekrete hart verurteilen wiirde.. und sie fluichteten mit dem gestoblenen letzten Gut jenes Volkes, dem sie alle diese Jabre. so oft ihre Treue und Liebe geschworen und das sie so schmachvoll betrogen haben. Und mit dem gestohlenen Eigentum der Arbeiter und Bauern Grusiens geniefen sie jetzt ihr Leben in Konstantinopel, Berlin, Rom, Paris, London, Briissel, Warschau und anderen Zentralen der &ussischen WeiBLgardisten, die sich gleich ihnen mt: Intriguen besch~iiftigen, von Interventionen 'triumen end sogar,,Aufrufe an die Proletarier und! Ar beiterorganisationen der ganzen Welt"l richten hinten herein aber Lloyd George, Curzon, Briand und anderen Imperiahisten ihre Lakaie'ndienste anbieten, em gemeinsam mit diesen nece Intrigues gegeni die Sowjetrepubhiken zu schmifeden. - 12* Kob. Inter. 1

Page  180 V VJV "L'L. J lLJiLI1&ZlA Jj L VZO ~ J V~JYLA~* kber unisonst uind ihre Hoffnungen, vergeblich -e Bemfi'hungen... tas Arbeiter- und Bauernusien, das durch das vierj~hrige Blutbad des irgerkrieges hindurchgegangen ist, ist mit den xuschewisten em.. fur allemal fertig 0 0 Und ch der Unistand, daf slie sich in ihrem Londoner tfruf,,Ehemalige Sozialistische Regierung Gruans" betitein, wird sie nicht vor dem Urteilsspruch rGeschichte bewahren. Auch Kereasky, Miljukow d1 dem Fii'rsten Lwow haben derartige Kniffe lIts geholfen. Jnd was leistet die Sowjetmacht in Grusien?-,gen die Menschewisten schadenfroh. Es ist natii'rh nicht leicht, emn bestohlenes und vernichtetes Land wieder aufzubauen. Das Volk weiB -das sehr gut; daher ertri~gt es die unermeflliche Not mit grol~er Geduld, Dieses Volk hat erfabren, daB die,,Wohltaten" einer bi"irgerlichen Demokratie seine Knechtschaft bedeuten, Ahnlich derjenigen, deren Joch das Volk Indien's erdriickt. Langeam, aber stetig verlaijuft die bkonomische Wiedergeburt Sowjet-Grusiens unter der sicheren Leitung der Kommunistischen Partei Grusiens, die, emn Glied ist in der groflen, unter dem Banner der Kommunistischen Internationale versammelten Gemeinschaft aller Werktiitigen der Welt, N. Zc~akaja_ Von der TdflgkeHf des Kornmunisfis q~en mA Ill.K C Nach dem 111. KongreB der Kommunistischen Internationale fanden drei Sitzungen der Exekutive und elf Sitzungen des Kleinen Biliros der Exekutive (Prisidium, des Exekutivkomitees) statt. In den ersten Sitzungen faflte das Exekutivkomitee wichtige Beschlu"isse, die Verwirklichung der KongreBbeschliisse und die Reorganisation des Exekutivkomitees betreffend. Aul~erdem sind eine ganze Reihe von politischen Entscheidungen getroffen worden, die ffur die kommunistische Bewegung von "der gr~l3ten Bedeutung sind. Allgemeine organisaforisq~e Fragen. In der ersten Sitzung des Exekutivkomitees ist das Kleine Bilro gewiihlt worden: Sinowjew, der vom, Kongrefi als Vorsitzender gewlihlt wurde, Bucharin, Gennari, Heckert, Radek, Bela Kun und Souvarine; Humbert-Droz, Kuusinen und Rakosi als SekretAre. Das Exekutivkomitee wiihlte die sich im Westen aufhaltende Internationale Kontroll-Kommission. Die Vorsitzende dieser Kommission ist Clara Zetkin. Mitglieder sind: Koenen-Deutschland, SsirolaFinzxland, Walecki-Polen, Bordiga-Italien, Friis-. Norwegen, Vailllant-Couturi~er-Frankreich. -Das Internationale Frauen~sekretariat besteht aua den Genossen: Zetkin, Kollontaii, Kasparowa, Koliar-Frankreich, und Hertha Sturm-Deutschland. Das Exekutivkomitee beschloB die Herausgabe,der,j~nternationalen Presse -Korresponden-z", die Exekuflvkomife es der.=.rn afion ale nacf9 dem )n gre 13. zunachst zweimal wb-chentlich in deutscher, englischer und franzoisischer Sprache erscheinen wird. Die,,Korrespondenz" wird vorl~ufig einen rein informatorischen Charakter tragen. Ihr Zweck ist: Information der kommunistischen Presse fiber die politische, gewerkschaftliche und kooperative Bewegung in den verschiedenen Lfindern; Beleuchtung allgemeiner politischer Fragen und Festigung des internationalen Kontaktes zwischen den kommunistischen Parteien. Zur Information fiber die Arbeit des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale werden zweimal monatlich offizielle Bulletins des Exekutivkomitees erscheinen, die ausschliel~lich offizielle Dokumente enthalten werden. Die Zeitschrift,,ommunistische Internationale" wird sich mit der Eroirterung der grundlegenden Fragen der kommunistischen Theorie und der laufenden Politik befassen. Im Einverstiindnis mit dem Hauptsekretariat der, Gewerkschaftsinternationale hat das Exekutivkomitee das Verhfiltnis der Kommunistischen Interriationale zur R. G. I. gemaB' den KongreBlbeschliissen geregelt. Das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale wird in der R. G. I. mit 3 Mitgliedern vertreten sein, wie auch die R. G. 1. im Exekutivkomitee drei Vertreter haben wird. In der Sitzung vom 26. August beschloB das Kleine Biiro, die Bezeichnung,,Pralsiodium - des Exekutivkomitees der Koimnunistiachen Internationale" axizunebmen.

Page  181 .Allgeemeine polifiscoe Fragen. Das Exekutivkomitee hat sich am eingehendsten mit drei Fragen von gro"f3ter Wichtigkeit und grofer internationaler Bedeutung befal3t: mit der Frage der Annfherung zwischen der Zweiten und Zweieinhalb- Internationale, mit der Konferenz in Washington und mit der Unterstiitzung der Hungernden in Sowjet-Ruflland. In der Frage der Anniiherung zwischen der Zweiten und der Zweieinhalb- Internationale wandte sich das Exekutivkomitee mit einem Aufruf an die Werktitigen der ganzen Welt mit dent Hinweis, daB die Einheit der Arbeiterkiasse nicht in einer Vereinbarung der Arbeiterfiihrer untereinander bestehen kann, sondern nur auf dem Wege der revolutionaren Aktionen zu erreichen ist. In der Frage der imperialistischen Washingtoner Konferenz, die einberufen ist, um die Abriistungsmoglichkeiten und die mit der Herrschaft im Stillen Ozean verkniipften Fragen zu ero5rtern, nahm das Exekutivkomitee die bereits ver6ffentlichten Thesen an, die den kommunistischen Parteien als Richtschnur dienen sollen, Es ernannte eine besondere Kommission, die eine Konferenz der fernbstlichen Vb*lker und kommunistischen Parteien gleichzeitig mit der Konferenz der Imperialisten in Washington vorbereiten und einberufen soll. Diese Konferenz wird die erste Tagung der Werkta-tigen des Fernen Ostens sein; ihre Bedeutung wird nicht geringer sein als die des Kongresses der V-lker des Ostens in Baku im vergangenen Jahre. Die Konferenz wird im November stattfinden And sich mit den gleichen Fragen befassen, die die Konferenz in Washington erartern wird. Es ist die Herausgabe einer den Fragen des Fernen Ostens gewidmeten Denkschrift geplant. In der Frage der Unterstiitzung der Hungernden Sowjet-Rul~lands hat die Kommunistische Internationale gemeinsam mit der R. G. I. drei Aufrufe erlassen und eine Reihe von organisatorischen Mafinahmen getroffen. Fuir die Verwaltung der eingehenden Geldsummen, fMr die Bildung eines Zentralorgans in jedem Lande und auch fUr die Heranziehung der Kooperative fu"r die Sache der Hilfeaktion hat das Exekutivkomitee besondere Instruktionen ausgearbeitet. Urn die Propaganda zu erleichtern, wurde in Berlin eine internationale Zentrale geschaffen, die eine besondere Pressekorrespondenz herausgeben wird, die alle die Unterstiitzung der Notleidenden betreffenden Fragen behandelt. Dieses Organ wird 4150 Zeitungen mit Propagandamaterial versehen. D~urch die Vermittlung dieser Zentrale fanden auch \rerhandlungen mit der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale statt, urn diese zu der Hilfsaktion heranzuziehen. Das Exekutivkomitee forderte die Arbelter ganzen Welt zu der Spende eioes eintiglgen beitslohns zugunsten der hungernden russisc Werktaltigen auf, und zwar solite die Hilfsa1c der Arbeiter getrennt von der der bfirgerlichen gierungen und der Organisationen des Roten Krei organisiert werden. In einem besonderen Aufruf lenkte das Exeku komitee die Aufmerksamkeit der Arbeiterki Europas auf die Gefahr einer,,Hunger.-Offens der Bourgeoisie hin, inder es auf die sich hinter biirgerlichen Hilfsaktion versteckenden Absic der Imperialisten hinwies. (Ueber seine Titig auf dem Gebiete der Hilfsaktion zugunsten Hungernden wird das Exekutivkomitee einen sonderen Bericht herausgeben.) Die TdfigkeiI des Exekufivu komitees in Fragen, die die einzelnen fd-nder befreffen Seit dem letzten KongrelB hatte sich das Exekutivkomitee und das Kleine Biiro mit politischen und organisatorischen Fragen nahezu aller Sektionen zu befassen. In diesem Bericht finden nur die wichtigsten Sektionen Erwiihnung. IDeufsqolancL V, K, P. D, Das Hauptproblem war die endgiiltige Beilegung des auf dem III. Kongrel liquidierten Konfliktes und die Festsetzung der neuen politischen Linie. Das Exekutivkomitee wandte sich mit einem ausfiihrlichen Schreiben an den deutschen Parteitag, in dem es auf die Notwendigkeit der Verbreitung und Vertiefung des Eiriflusses der Partei auf die Massen hinwies. Auf Grund einer eingehenden Analyse deckte das Exekutivkomitee die in der Preissteigerung und in den neuen deutschen Steuergesetzen enthaltenen taktischen Mo'glichkeiten auf, an die Massen heranzukommer und sie mit revolutionairem Geist zu erfiillen, Das Exekutivkomitee sprach sich auch gegen die in der Partei immer noch herrschenden Kinderkrankheiten der Linkstendenz aus. In der Sache der K. A. P. D. wandte sich dis Exekutivkomitee, gemfifi dem Beschlul des III. Kongresses, mit einem Aufruf an die Mitglieder dieser Partei, in dem es nochmals auf die Notwendigkeit hinwies, das politische Sektiererturnaufzugeben und sich mit der kommunistiechen Masenpartei der deutschen Arbeiterkiasse, mit der V. K. P, D., zu vereinigen. Seit einiger Zeit aber hat sich diese kleine Partei noch mehr vom marxistischen Kommunism'us entfernt, und das Sektierertumntrelbt sie immer weiter in dcer Richtung der Gegenrevolu

Page  182 ill II --- 1~;;~- i I ' r: VON DER TATIGKEIT DES EXEKUTIVKOMITEES; r--: --e ~---- ~ tion. IM Hinblick auf dieses neue Stadium in der Entwicklung der Partei formulierte die Kommunidtische Internationale ihren Standpunkt in dem folge'nden Beschluf3:,,Nach Beendigung der Arbeiten- des III. Welt-Kongresses der Kommunistischen Internationale hat die K. A. P. D. einige offizielle Broschiiren, darunter die von Hermann Gorter, herausgegeben. Aulerdem hat sie in ihrem Organ,,Kommunistische Arbeiterzeitung" eine Reihe von Aufsgtzen veroffentlicht, die das Exekutivkomitee zwingen, den BeschluB des III. Kongresses zu vervollstfndigen. In diesen Broschiiren und Aufsiitzen vertreten die Fiihrer der K. A. P. D. einen gegenrevolutioniren Standpunkt, der sie nicht allein den Herren Laufenberg, Riihle u. a. (die doch aus derselben K. A. P. D. entfernt worden sind), n~hert, sondern, die erwiihnten Literaten in reaktionarer Richtung iberbietend, bleiben sie hinter den verleumderischen Angriffen Dittmanns nur wenig zuriich. Der 1II. "WeltkongreBl richtete an die K. A. P. D. die ultimative Forderung, sich mit der V. K. P. D. z-u vereinigen end sich der internationalen Disziplin unterzuordnen. Im Hiublick auft diese neuen Tatsachen sieht sich die Kommunistische Internationale gezwungen, die gesteliten Bedingungen zu erginzen, Das Exekutivkomitee bricht alle Beziehungen zu den bisherigen Fiihrern der K. A. P. D., mit Gorter, Schroder usw. ab, verweigert die Entsendung eines Vertreters zu der auf den 12. Oktober anberaumten Parteitag der K. A. P. D. und erachtet jede Vereinigung mit der K. A. P. D. so lange fur unm6glich, bis sich diese Partei offen gegen die gegenrevolutionasren, in den oben genannten Artikein end Broschiiren enthaltenen Ideen ausspricht. Das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale ist davon iiberzeugt, dal3 das letzte Auftreten der Parteifiihrer allen wahrhaft revolutionairen Arbeitern, die noch in den Reihen der Partei sind, die Augen 5ffnen und sie veranlassen wird, diese Verrater an der internationalen proletarischen Revolution endgiiltig fallen zu lassen". andern. Das Proletariat steht augenblicklich dem geschlossenen Vorgehen der Bourgeoisie volistandig hilflos gegeniiber. Es ist begreiflich, daB die Blicke des gesamten Proletariats in dieser scbweren Zeit auf die Arbeiterorganisationen gerichtet sind, von denen es Hilfe und Fiihrung des Kampfes erwartet. Bisher waren die leitenden Organe des Proletariats, die Allgemeine F-deration der Arbeiterverbainde, der Drei-Verband, die Arbeiter-Partei und der Kongref der Gewerkschaftsverbiinde, keine soichen Organe, die das Proletariat zum Zweck gemeinsamer Aktionen vereinigen konnten. Die Arbeiter gingen, wenn auch in zahlreichen Gruppen, so doch ohne jede Unterstiitzung des iibrigen in Ge"werkschaftsverbiinden organisierten Proletariats vor. Die Bourgeoisie schlug die einzelnen Gruppen nacheinander nieder. Alle diese Organisationen haben sich trotz ihrer groIen Namen unfiihig gezeigt, das Proletariat in seinem Klassenkampf zu leiten. Wie alte Kriegsschiffe, die von den modernsten Dreadnoughts angegriffen werden, gehen sie eine nach der anderen enter, ohne dem Feinde auch nur den geringsten Schaden zuzufiigen. So starb der Drei-Verband, end die Allgemeine F-deration liegt in den letzten Zuogen. Was die Arbeiter-Partei betrifft, so hat sie der Arbeiterklasse in den letzten Jahren nur Schaden gebracht. Sie erwies sick als auflerordentlich tiichtig, als es sick darum handelte, die eigene Bourgeoisie in ihrem rauberischen Kriege gegen andere Bourgeoisien zu unterstiitzen; aber sie vermochte nichts- zu leisten, als die Arbeiter in den (offenen, unmittelbaren Kampf gegen ihre Ausbeeter traten. Es geniigt, das Verhalten der ArbeiterPartei im Parlament wiihrend des letzten Kohlenstreiks zu verfolgen, ur sick davon zu iiberzeugen, daB diese Partei nur der Bourgeoisie und nicht dem Proletariat Vorteil gebracht hat. Der Kongrefl der Gewerkschafts-Verbainde war bisher eine Organisation, die bis heute nicht imstande war, das englisehe Proletariat zusammenzuschliefen und zu leiten. Der Kongref versammelte sich jahrlich, faflte eine Menge Beschliisse, die jedoch allesamt keine der in ihm vertretenen Organisationen zu etwas verpflichteten, und daher blieben diese Beschliisse nur auf dem Papier. Wiihrend des schweren Kampfes der Eisenbahner und der Bergleute gab der KongreBl kein Lebenszeichen von sich. Jetzt aber, wo die Bourgeoisie schwer auf die Arbeiter ze driicken beginnt und allenthalben den ACrbeitslohn verringert, erweist er sick als vollkommen unflihig, die Interessen der Arbeiterschaft ze verteidigen. Trotzdem es in England 8 Millionen gewerkschattlich organisierter Arbeiter gibt, ist das englische Proletariat als Kiasse nicht organisiert. Es England. Am 5. September wurde in Cardiff der Kongrefi der, Gewerkschaftsverbiinde Englands er-ffnet. Nlach dem AbschluB des Waffenstillstands hat es in England keine auch ner anniihernd so grofe Ver-,sammlung von Arbeitervertretern gegeben. Im Lande herrscht elne nie dagewesene Arbeitslosigkeit. Sie vergrilert sich von Tag zu Tag und wirft taiglich zehntausende von Arbeitern auf die Strafe. Allenthalben verkiirzt die Bourgeoisie den Arbeitslohn, und sogar im Verteidigungskampfe erleidet die Arbeiterschaft elne Niederlage nach der

Page  183 1~ - i ~~*~~-::: ~::: i -" ~ DER KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE NACH DEM III -- - - --- fehit ihm jede Kiassenorganisation, die gewilit und fiihig ware, diese zahlreichste proletarische Armee der Welt in ihrem Kampfe nicht nur ur die Vernichtung der kapitalistischen Ordnung, sondern auchi ur den elenden Arbeitslohn wirksam zu leiten, Kurz vor dem Zusammentritt des Kongresses wandte sich die Kommunistische Internationale mit einem Manifest an die englischen Arbeiter, in den sie die Griinde klarlegt, die zu den fortwiihrenden Niederlagen und dadurch zu der jetzigen verzweifelten Lage fiihrten. Das Manifest geht von der Tatsache aus, daB es in England ir Grunde genommen keine geschlossene Arbeiterbewegung gibt, keine Bewegung des Proletariats als Ganzes, sondern nur die Bewegung von einzelnen Arbeitergruppen: Eisenbahnern, Bergleuten, Textilarbeitern usw. Eine Kampfaktion dieser oder jener Arbeitsgruppe.wird nicht sofort fair das ganze Proletariat zu einer praktischen Frage, die von seiten seiner fiihrenden Organe eine LOjsung erfordert. Das Manifest weist auf den Umstand hin, dalB es in England ein stiindiges, die ganze organisierte Arbeiterschaft vereinigendes und fiihrendes Kampforgan bisher nicht gegeben hat. Das Manifest kritisiert nicht nur die bestehende fiktive Vereinigung des Proletariats, sondern stelit auch ein konstruktives Programm auf, das allein in den gegebenen Verhfiltnissen imstande ware, das englische Proletariat aus dem bisherigen organisatorischen Chaos herauszubringen. Das Manifest fordert die Arbeiter zum engsten Zusammenschlul auf, beginnend mit Betriebskomitees und 6rtlichen Arbeiterraiten (die augenblicklich dezentralisiert und daher vollkommen hililos sind) und endend mit dem Generalstab der Arbeit. Das Manifest warnt ferner das englische Proletariat vor der Ueberschiitzung der Organisationen, die zwar grofle Namen tragen, in Wirklichkeit aber das alte Chaos und den Dezentralismus in der Arbeiterbewegung noch mehr vergraflern. Das Manifest gibt der Kommunistischen Partei Englands eine Richtlinie fair ihre nalchste Arbeit, die darin bestehen soll, dem Proletariat in seinem Bestreben, eine geschlossene, machtvolle, wirksame Armee zu bilden, zu helfen. Bei dieser Arbeit wird die Partei mit den breitesten Volksschichten in Kontakt treten miissen. Vereinigung des englisch~n Proletariats auf der ganzen Front - das ist die nfichste und wichtigste Aufgabe, auf die die Partei alle ihre Energie richten mufl. Diese Arbeit wird ihr dazu verhelfen, endlich eine breite Massenpartei ZU werden. FriankreicSS Die Kommunistische Partei Frankreichs bildet augenblicklich eine der wichtigsten Sektionen der Kommunistischen Internationale. Auf dem III. Welt-KongreB war diese Partei durch 11 Delegierte vertreten, die von den zwei Richtungen innerhalb der Partei gesandt waren, die jetzt schon vereinigt sind. Die franzbosische Delegation bewies in alien wesentlichen, dem Kongrefl vorgelegten Fragen vol-1 lige Einstimmigkeit. Nach 1em KongreB hat das E.-K. in den Angelegenheiten der franz-sischen Partei einige Entscheidungen treffen miissen. Alle diese Beschliisse wurden im vollen Einverstiindnis mit den Parteivertretern angenommen. Konflikte, wie sie die Longuetisten prophezeiten, kamen nicht vor. Das E.-K. faflte einen Beschlu13, laut dem das franzoisische,,Komitee der Kommunistischen Internationale" in einem Zeitraum von drei Monaten nach dem Weltkongrefl aufgelost werden mull, Bekanntlich vertrat dieses Komitee bisher die linke Fraktion der franzo-sischen Partei, jene Fraktion, die wahrend des Krieges die,,Zimmerwald-Gruppe" genannt wurde und die spiiter den Namen,,Kommunistische Fraktion" angenommen hat. Diese Gruppe kampfte energisch gegen die Sozialverraiter von der Art Renaudels und die aibrigen Opportunisten von der Art Longuets. Endlich, im Dezember des Vorjahres, auf dem Kongreil von Tours, errang die Gruppe die Mehrheit in der Partei. - Nach der AnschluB der Partei an die Kommunistische Internationale und nach der Spaltung, die die Partei von allen reaktioniiren Elementen befreite, hatte das,,Komitee der Kommunistischen Internationale" keinen Sinn mehr. Bis zum III. Kongrel blieb das Komitee als Organ der inneren Kontrolle bestehen; aber nachdem die franz-sische Partei offiziell am III. KongreB teilgenonmen hat, braucht sie kein Kontrollorgan mehr, da die Kontrolle der Partei gleich der aller anderen Parteien vom E.-K. ausgeaobt wird. Daher erkliirte das E.-K., nach erfolgter Verstandigung mit den Genossen Souvarine, VaillantCouturier und Loriot - den Vertretern des,,Komitees der Kommunistischen Internationale" - und mit der ganzen aibrigen franzobsischen Delegation das Komitee fair aufgelost. Die Organe des Komitees -,,Kommunistisches Bulletin" und,,Kommunistische Bibliothek" - werden 'der Partei fibergeben. Das E.-K. fordert die franziisische Partei auf, die Kontrolle der Presse zu verscha.rfen und ihren Mitgliedern die Mitarbeit an solchen Zeitungen zu verbieten, die nicht unter der Kontrolle der Partei stehen. Dieser Beschlul ist dadurch hervorgerufen worden, dalI in Frankreich unter den Mitgliedern der Partei die Gewohnheit herrscht, ihre Aufsatze auch in solchen Bl~ttern zu veroffentlichen, die sie aufnehmen, un ihr Prestige zu heben, sich aber im aibrigen gegen den Kommunismus richten. Die Umgestaltung der Sozialistischen Partei Frankreichs in eine Kormunistische Partei wird sie zweifellos zu neuen ArbeitsrkLethoden flihren. Die in Moskau befindlichen franzbsischen

Page  184 nosen stimmten dem E.-K., darin bei, daB es 3twendig sei, die Irlihere Taktik aufzugeben und no strengere Disziplin in den Reihen der fran5sischen Kommunisten einzufiihren. Das E.-K. faflte auch eine Resolution, die die An-!1egenheit mit Lafont endgiiltig liquidiert. Bewntlich wurde dieser Genosse, ein Deputierter des anzosischen Parlaments, im vorigen Jahre aus ufland ausgewiesen. Zu dieser Mafnalme hat as zweideutige Verhalten Lafonts AnlaB gegeben, er sich auf der Durchreise nach Rufland in Polen Afgehalten und dort die Vertreter der Polnischen ozialistischen Partei, mit denen er in freundschaftiien Beziehungen stand, besucht hat. Das E.-K. f der Ansicht, dalB das Verhalten Lafonts im )rigen Jahre lediglich der Ausdruck des die alte anzosische Partei charakterisierenden inneren Wierspruchs war. Da Genosse Lafont sich seit dem ongrefi in Tours als treuer, disziplinierter Kornunist verhalten hat, ist er ffur die Zukunft als eichberechtigtes Parteimitglied zu betrachten. Das.-K. wandte sich daher an die Sowjetregierung mit er Bitte der Annullierung des Beschlusses iiber e Ausweisung Lafonts und erklairte den Vorfall kr erledigt. Ilalien. Die Lage in der Italienischen Sozialistischen Partel hat ebenfalls die besondere Aufmerksamkeit der Exekutive erfordert. Die Kommunistische [nternationale hat keinen Augenblick den Gedanken aufgegeben, jene Arbeitermassen auf ihre Seite zu zieben, die nach dem KongreB von Livorno in der Sozialistischen Partei Italiens geblieben sind, infolge des zweideutigen Verhaltens dieser Partei, die beschlossen hat, gegen ihren Ausschlufl aus der Kommunistischen Internationale an den III.Kongrell zu appellieren. Der III. Kongrefl antwortete mit einer Bestitigung der-Resolution des II. Kongresses ind mit der Forderung des Ausschlusses der Refornisten aus der Partei als unbedingte Voraussetzung fir eine Aufnahme in die Kommunistische Internationale, Die italienische Delegation verpilichtote sich, alles zu tun, damit sich die Partei den Beschiissen des Kongresses fU*gt. Seit ihrer Riickkehr nach Italien sucht die italienische Delegation auch ihr Versprechen zu erfiillen. Aber Serrati, der den ganzen Verlauf des Kongresses von Livorno bestimmt hat, intriguierte abermals gegen die Kommunistische Internationale. Tm Hinblick auf dun bevorstehenden Parteitag in Mailand brachte er es dahin, dali das Zentral-Komitee die Frage dcs Anschlusses an die Kommunistische International nicht abs eine der wichtigsten Fragen an die orste Stelbe der Tagesordnung setzte, sondern sie as.ein sekundire auf den SchluS der Tagesord Das EA.'K richtete an das italienische Proletariat einen Aufruf, in dem auf die Gefahr des Reformismus hingewiesen und gegen die zweideutige Politik Serratis protestiert wird. Serrati niitzte diesen Aufruf seiner Gewohnheit nach gegen die Kommunistische Internationale und gegen die aus Rulland zuriickgekehrte Delegation aus. Das E.-K. wird sich nicht in eine fruchtlose Polemik mit Serrati einlassen. Ur dessen demagogischem Vorgehen ein Ende zu machen, sandte das E.-, ein Telegramm, das seinen Standpunkt in der italienischen Frage genau formuliert und daran erinnert, dafl der III, KongreeB den Ausschlufl der Reformisten als eine unbedingte Voraussetzung der -Aufnahme fordert. Wenn die Fraktion der Maximalisten diese Bedingung erffillt, so wird das Haupthindernis fu*r die Aufnahme der Sozialistischen Partei Italiens in die Kommunistische Internationale beseitigt sein. Andererseits sandte das E. - K. einen Vertreter nach Italien, urn fiber die Aufnahme der S. P. I. in die Kommunistische Internationale zu verhandeln. Dieser Vertreter wird danach streben, die Aufmerksamkeit der Arbeiter auf die Frage des Anschlusses zu lenken, so dali diese Frage eine der wichtigsten des Parteitages sein wird. Das E.-K. verfolgt mit lebhaftem Interesse die Entwicklung der Krisis in der italienischen Arbeiterbewegung und ist jederzeit bereit, die Beschliisse des III. Kongresses in die Tat umzusetzen. TscOec oslowakeL. Das E.-K. forderte die Kommunistische Partei der Tschecho-Slowakei und die einstweilen noch seibstindige Deutsche Kommunistische Partei in der Tschecho-Slowakei auf, bis zum ersten Novemher einen vereinigten Kongrefl einzuberufen und eine parititische Kommission zur Vorbereitung des Kongresses und insbesondere zur LOsung der damit zusammenhingenden verwickelten nationalen organisatorischen Fragen und zur Verwirklichung der Vereinigung beider Parteien einzuberufen. Die Wahlen dieser Kommission fanden sofort statt. Im den Kommissionen sind tschechische, deutsche, ungarische, polnische und kleinrussische Kommunisten der Tschecho-Slowakei vertreten, je einer von jeder nationalen Gruppe. OesterreicA. Das E.-K. und das Kleine Biiro beschiftigten sich in mehreren Sitzungen mit der Frage der Gesundlung der bisterreichischen Partei. Der in der Partei als W~iderhall der Miirzereignisse in Deutschland entstandene Konflikt wurde beigelegt. Dieser Kon

Page  185 flikt ist entstanden, Weil die Redaktion des Zentral. organs entgegen dem Beschluf3 des E.-K. sich mit der Richtung Levi solidarisch erkijrte. Da die Redaktion des Parteiorgans jetzt erkliirt hat, daB sie auf dem Standpunkt des vom Korigrel uber die Miirzereignisse angenommenen Beschiusses stehe, ist der Konflikt als beigelegt zu betrachten. mmUnI fiihrte zu der Bildung einer zweiten k schen Partei in Spanien, wo es bisher Partei gegeben hat. Das E.-K. nahi di nistische Arbeiter-Partei mit beratender die Kommunistische Internationale au, a wie in Belgien forderte es die- beiden Pz sich zu vereinigen. Die Vereinigungs-E an deren Spitze ein Vertreter des E.-K. im Laufe des September einen KongreB Ungarn. In der zu illegaler Existenz und zur Emigration verurteilten Kommunistischen Partei Ungarns zeigten sich gleichzeitig mit der Belebung der Arbeiterbewegung im Lande selbst gewisse Unstimmigkeiten iiber organisatorische und taktische Fragen, deren Untersuchung sich eine besondere Kommission der Kommunistischen Internationale angelegen sein 1it0t. Diese Unstimmigkeiten waren die Folge der in der -einen Fraktion zur Geltung gekommenen Liquidationstendenzen und einer revolutioniren Unentschiossenheit der anderen Fraktion. Das E.-K. ernannte bis zur Einberufung der niichsten Parteikonferenz ein neues, provisorisches Zentral-Komitee und stelite diesem die Aufgabe, die kommunistischen Keimzellen in Ungarn zu zentralisieren und die Emigranten zu organisieren. AuBerdem setzte die Kommission fdir die Vereinigung der beiden Fraktionen eine bestimmte taktische Linie fiir die Arbeit in Ungarn fest. Ferner falte das E.-K. den Beschlxl3, das Erscheinen der von der K. P. U. in deutscher Sprache herausgegebenen Zeitschrift,,Kommunismus" einzustellen. ScoweiL. Auf dem im Dezenmber des Vorjahres abgehaltenen Kongrefl spaltete sich der linke Fliigel der serial. demokratischen Partei ab und bildete die K.?. S. Aber der rechte Fliigel bekam nur dank elnen Mano-ver Grimms, der eine Resolution einbrachte, die den Anschluf an die Kommunistische Internationale von einer neuerlichen Priifung der 21 Punkte abhuingig machte, die Mehrheit, Die Wiener Konferenz sei angeblich nur ein Kollektivversuch gewesen, die 21 Punkte zu priifen und, wean moglich, sich der Kommunistischen Internationale- anzuschliei3en. Nachdem sich das Zentral-Komitee auf diese Weise die Mehrheit gesihert hatte, schlof3 es mit den Wiener zentristischen Parteien ein Biindnis und nahm den offenen Kampf gegen den Kommunismus auf, indem es die in der Partei verbliebenen Anhiainger der Kommunistischen Internationale ausschloB und sich so auf die Seite der russischen Menschewisten gegen die russische Revolution stelite. Die durch die Berner Resolution betrogenen und mit dieser gegenrevolutioniren Politik unzufriedenen Arbeiter verhalten sich aber ablehnend. Gegenwiirtig, kurz vor dem KongreB in Luzern, der den Anschlufl der Sozialdemokratischen Partei an die Wiener Internationale sanktionieren soil, hat sich ein neuer linker Flilgel gebildet, der gegen den Anschluf an Wien protestiert und einen solchen an Moskau fordert. Urn diese Opposition zu unterstiitzen, ric'htete- das E.-K. an die revolutionaren Arbeiter der sozialdemokratischen Partei einen Aufruf, in dens- es ihr Be. streben, den Betrug des Berner Kongresses aufzudecken, begriift und sie zur Vereinigung mit der K. P. S. auffordert. Belgien. Einige Wochen vor dem III, Kongref3 sonderte sich die Opposition der Belgischen Arbeiter-Partei mit Jaquemotte und Massare an der Spitze nach lan-.geren Schwankungen von der Partei Vanderveldes ab und bildete in Belgien eine zweite Kommunistische Partei, anniihernd von derselben Zablenstiirke wie die kleine von Overstraeten geleitete Kommunistische Partei Belgiens. Das E.-K. hat diese zweite Partei unter der Bedingung in die Kommunistische Internationale aufgenommen, daB sich die beiden belgischen Parteien im Verlaufe von zwei Monaten nach Beendigung des III. Kongresses zusammenschliel3en. Die Verhandlungen sollen von einem Vertreter geleitet werden. Der Vereinigte KongreB soilte Anfang September einberufen werden. Finniand. Spanien. Hier hat sich eine der belgischen 'ahnliche Lage herausgebildet - infolge der Trennung von mehr als 3000 Arbeitern von der spanischen reformisti In der Kommunistischen Partei Finn] sich wiihrend der letzten zwei Jahre ti stimmigkeiten. Das Bestreben, diheseI schiedenheiten zu beseitigen, wurde du siduum der Kommunistischen Internati stiitzt. Diese Unstimmigkeiten waren

Page  186 DER KOMMUNZST. INTERNAT* Ausdrluck derinneren, Striorungen gin der Entwiekiung der Partei, die nach Wegen suchte, ur von dern urspriinglichen Standpunkt eines.ultraradikalen Kommunismus - nach voriibergehenden Schwankungen nach rechts und links - zum revoIutiona-ren'' Marxismus zu kommen. Andererseits entstanden Meinungsverschiedenheiten iiber das Verhiltnis der Partei-Zentrale zu jener anarchistischen Opposition, die sich im vorigen Jahre in den Reihen der finnischen Erigranten in RuBland entwickelt und zur Mord an einigen fiihrenden Parteigenossen gefuiirt hat. Das Praisidium der Kornmunistischen Internationale hat das Z.-K. der K.- P.' F. faktisch scion vor dem III. Kongref durch semen Vorsitzenden, Genossen Sinowjew, geleitet und eine Konsolidierung der Partei durch verschiedene organisatorische MaBnahmen vorbereitet. Nach dern Kongrel war das Priisidium durch den Genossen Radek in der K. P. F. vertreten, Es besteht jetzt einige Hoffnung, daB die aligemeine vorbereite.ade Arbeit der Kommunistischen Internationale und der fiihrendefi. finnischen Genossen auf deni niichsten Parteitag der K. P. F. zu einem festen Zusammenschlul aller kommunistischen Krafte Finnlands fiihren wird. Das ist schon daraus ersichtlich, daB die Thesen ffur den Parteitag fiir alle wichtigen Fragen von beiden Richtungen gemeinsam ausgearbeitet worden sind. SU damerika. diesen beiden Parteien Beziehungen anzukniipf->n und sie aufzufordern, das ihre Ta tigkeit beleuchtende Material vorzulegen. /uslralien. Im Hinblick darauf, daBl zwischen den beiden kommunistischen Parteien Australiens keine prinzipiellen oder taktischen Verschiedenheiten bestehen, forderte das E.-K. sie auf, sich spatestens Ende Januar 1922 zu vereinigen. Der ZusammenschluB soll auf der allgemeinen Konferenz beider Parteien durchgefiihrt werden. Eine Vertretung der australischen Kommunisten im Priisidium wird bis zur Errichtung einer einheitlichen Partei abgelehnt. Der nafe Oslen. Das E.-K. ernannte eine besondere Kommission fu"r die Reorganisation der Tiirkischen Kommunistischen Partei und fuir eine neuerliche Registration ihrer Mitglieder. In bezug auf Persien erkliirte das E.-K., daB es nur die Iranisehe Kommunistische Partei anerkennt. Die jUdisc9e ArbeiterbewegungDie kommunistischen Elemente des Weltverbandes Jiidischer Arbeiter,,Poale-Zion" schlossen kiirzlich aus ihren Reihen die zentristischen und sozialverraterischen Elemente aus. Das kormunistische Zentralkomitee der,,Poale-Zion" wandte sich mit der Bitte ur Aufnahme an die Kommunistische Internationale. Das E.-K. stellte an den Weltverband die Bedingung, sich aufzuloisen und innerhalb von fiinf Monaten einen Partei-KongreB einzuberufen. Im Laufe von zwei Monaten nach der KongreB muB die Auflbsung des Verbandes verwirklicht werden, und die Mitglieder des ehemaligen Weltverbandes miissen den einzelnen Sektionen der Kommtunistischen Internationale beitreten. Weitere Aufnahmebedingungen sind: vorbehaltlose Annahme der Thesen des II. und III. Kongresses der Kommunistisehen Internationale und radikaler Bruch mit den zionistischen Tendenzen und Theorien. Aul3erdem miissen die jtidischen Genossen sich gegen die jiidischen kolonisatorischen Bestrebungen in Paliistina aussprechen, die vor allen Dingen die Interessen des englischen Imperialismus verfolgen. Die Frage der Autnabme des polnischen,,Jiidischen Arbeiter -Bundes" priifte eine besondere Kommission, auf Grund deren Bericht das E.-K. den Bund aufforderte, mit den zentristischen Elementen zu1 brechenze Nach den Verhandlungen mit den Delegierten der Kommunistischen Partei Argentiniens und der Priifung aller Faktoren im Kampfe dieser Partei nahm das E.-K. sie in die Kommunistische Internationale auf und forderte sie auf, eine propagandistische Zentrale ffur die Unterstiitzung und Entwicklung der gesamten Bewegung in Siidamerika zu schaffen. Diese von allen in die Kommunistische Internationale aufgenommenen kommunistischen Parteien jiingste Partei hat sich schon im Jahre 1918 von der sozialdemokratischen Partei abgespalten. Sie nannte sich damals,,Internitionale Sozialistische Partei". Unter diesem Namen fiihrte sie eine energische Agitation, zunichst gegen den Krieg und die 'Sozialpatrioten und dann fuir die russische Revolution und gegen den Reformismus. Die Partei hat eine Tageazeitung in Buenos-Aires und zaihlt 5000 Mitglieder. Die Partei faflte den BeschluB, sich der Kommunistischen Internationale anzuschlielen, schon mm Mai 1919; den Namen Kommunistische Partei trigt sie seit Dezember 1920. Dank ihrer Propaganda beschlossen die sozialistischen Parteien Uruguays und Chiles ebenfalls den AnschluB an die Kommunistische Internationale, Wir haben uns entschlossen, die RUiickkehr des argentinischen Delegierten in die Heimat dazu zu verwerten, ur zu

Page  187 MORD AN DEN RUMANISCHEN KOMMUNISTEN I BIBLIOGRAPHIE Der Mord an den rumdnisc45en KommunisIE Die im Gefdngnis von Bukarest inhaltierten Kommunisten bereiteten einen Fluchiuersuch uor. Die davon unterrichtete Geldngnisuerwaltung brachte in den Zellen der Kommunisten ihre Agenten unter, die eine Beihille der Durchfiihrung -dieses Planes simulieren soliten. AuBlerdem wurde, um zur Flucht zu provozieren, die Zahl der inneren Wachen bedeutend verringert, die der duferen aber verstdrkt. In der Nacht, als es den Gelangenen gelungen war, die Festungsmaauern zu iibersteigen, wurde von der Wache starkes Gewehr- und Maschinengewehrfcuer erhffnet, durch das folgende Kommunisten get6atet wurden: Mitglied des Parlamrents BORIS STEFANOW; D. FABIAN, ehemaliger Hauptrcdakteur der Zeitung,,Sozialismus"; WASJA (VASILESKU), Leiter des Sozialistischen (Kommunistischen) Verlages; K. POPOWITSCH, Sekretdrý der General-Kommission Rumanischer Gewerkschaftsverbande; STEMBERG u. a. Bibliograp5ie. 1. Constitution of the Socialist Labour Party of the United States of America adopted at the Eleventh National Convention New York, July 1904, amended at the National Conventions New York 1908, '12, '16, '20. - 30 Seiten in 160. (Statuten der Sozialistischen Arbeiter-Partei der U. S. A., angenommen vom 11. Parteitag in New York, Juli 1904, mit Aenderungen der Parteitage in New York in den Jahren 1908, 12, 16, 20.) 2. The S. L. P, and the S. P. The Difference between the Socialist Party and the Socialist Labour Party. - Publ. by the Nat. Exec. Comm., S. L. P. - 4 Seiten in 40. (S. A. P. und S. P. - Die Differenzen zwischen der Sozialistischen Partei und der Sozialistischen Arbeiter-Partei. - Verlag des Z. K. der S. A. P.) 3. Socialist Party, Fusion, Compromise and Political Trading. - Price 10 cents - publish. 1920, Nat. Exec. Comm. S. L. P. 45 Rose ST., New York, N Y. - 16 Seiten in 80. (Sozialistische Partei, Vereinigung, Kompromil3 und politisches Handlertum.) 4. The Mines to the Miners! - A Call to Action (Revised Edition) - Price 5 cents. 1919. - 16 Seit. in 80. (Die Bergwerke den BergleutenI - Aufruf zur Aktion. - Durchgesehene Auflage. 5. Railway Workers wake up! - A Call to Ac. tion. - Price 5 cents 1921. - 16 Seiten in 80. (Eisenbahnarbeiter wacht auf - Aufruf zur Aktion. 6. Unemployment - (Arbeitslosigkeit.) 4 Seiten in 80. 7. Industrial Peonage. - Is that to be the Fruit of,,the War for Democracy"? - 4 Seiten in 40. (Industrielle Sklaverei. - Sollten das die,,Friichte des Krieges fiir die Demokratie" sein?) 8. The Labour Faker in Panic.*- (Panik der Spekulanten der Arbeiterbewegung.) - 4 Seiten in 40. 9. The Russian Soviet Republic of Workers and Peasants. -- Who and what are the Bolsheviki? - 4 Seiten in 40. (Die Russische Sowjetrepublik der Arbeiter und Bauern. - Wer und was sind die Bolschewisten?)' 10. The Russian Soviets and The Amerikan So. cialist Labour Party. -- Price 10 cents. 1919. -- 29 Seiten in 80. (Die Russischen Sowjets und die Amerikanische Sozialistische Arbeiter-Partei, - Pr. 10 C.) Die aufgeziihlten Flugschriften des Z.-K. der Amerikanischen Sozialistischen Arbeiter-Partei beleuchten ihre Stellungnahme zu den verschiedenen Gebieten der Arbeiterbewegung und geben eine zwar unvollstlndige, aber doch ziemlich lebendige Vorstellung von dieser Partei, die in,,ihrer Theorie und den von ihr vertretenen Prinzipien des sozialen Umbaus den russischen Bolschewisten nher stehit als alle iibrigen Parteien und Organisationen". Der vergleichenden Charakteristik des russischen und des amerikanischen Bolschewismus ist die Schrift,,The Russian Soviets and the American Socialist Labour Party" gewidmet, die auch die vom Genossen Lenin anerkannte Prioritat der Amerikaner in der Formulierung der Ideen der Sowjetmiacht betont. Diese Idee wurde vom verstorbenen Daniel DeLeon, dem Fiihrer der Sozialistischen Arbeiter4Par.

Page  188 ,tder Struktur der Partei mahe uns ihre iten bekannt. Ein kurz~er U-mriBl ihrer Ge1g. w~hrend der letzten -25 Jahre 1st in der 2 genannten 'Flugschrift gegeben. Daselbst tuch die Hauptpunkte klargelegt, die die revo-. airxe S. A. P. von der reformistischen S. P. "scheidet; die, letztere' halt sich 1899 auf deni der Verschmel-pung der von der S. A. P. ~ipaenen Gruppe von Opportunisten mit der ~SSchen Sozialdemokratie gebildet. Die Meiwverscbiedenheiten zwischen diesen beiden.&ien sind in alien Tagesfragen des politischen as (li*ber Gewerkschaftsverb~nde, Parteipresse,.,rumlage,, Autonomie der einzelnen Staaten) ehiechneidend. Mit der Enthufllung der von S. P. angewendeten Methoden des politischen chens, besonders w~hrend der Wahien, betigt sich die unter 3. genannte Flugschrlift. Der Vorsitzenden der Kommunistischen Internatio - gegebenen Charakteristik des,,Marxisten" Hillund der ihm ifihnlichen,YFifihrer" der Arbeitere werden hier dokumentarisiche Tatsachen Die unter 4. und 5. genannten Broschiir~en sind an die Bergarbeiter und Eisenbahner- gerichtette Aufrufe zur-Aktioui:,,Aile Produktionsmittel geh~ren dem Volkel" und,,Nieder mit der Skiaverei der LohnarbeitP' Diese letzte Losung klingt auch in der Agitationsschrift ii'ber die Arbeitslosigkeit wieder. Die Schrift Nr. 7 hebt, im Hinblick auf jene Folgen, zu denen der,,Krieg fiir die Demokratie" gefii'hrt hat, die Notwendigkeit einer mfichtigen politischen und obkonomischen Organisation der Arbeiterkiasse hervor, -,,auf offen-revolutionaiirer Basis", mit dem direkt gesetzten Ziel der Niederwerfung der' kapi-. talistischen Qrdnung. Die Schrift Nr. 8 schildert die biiorokratischen Bedingungen, unter denen der a merikanische Arbeiter den 6konomischen Kampf fiihren muf3. Der Brief des Vorsitzenden des Bergarbeiterverbandes fiber den Ausschluf3 der S. A. P.. Migidraus dem Verband zeugt von einer ge. wissen Besserung in dieser Richtung, da die Buiirokratie der gewerkschaftlichen Verbaiinde durch das Wachsen der revolution fren Ideen in den Arbeiter. massen betinruhigt ist, weiche Tatsache in der Verstilirkung des Einflusses der S. A. P. ihren Ausdruck findet. P. It.

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